Der Flüsterer von John Dickson Carr

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1946 unter dem Titel He Who Whispers, deutsche Ausgabe erstmals 1947 bei Scherz.
Ort & Zeit der Handlung: , 1930 - 1949.
Folge 16 der Dr.-Gideon-Fell-Serie.

  • New York; London: Harper, 1946 unter dem Titel He Who Whispers. 250 Seiten.
  • Bern: Scherz, 1947. Übersetzt von ?. 247 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin: Ullstein, 1967. Übersetzt von ?. 170 Seiten.

'Der Flüsterer' ist erschienen als

Das meint Krimi-Couch.de: »Der Vampir, die Nymphomanin & der Dummkopf« 70°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Der illustre »Mordklub«, dessen prominente Mitglieder sich abseits der Öffentlichkeit an ungeklärt gebliebenen Untaten der Vergangenheit delektieren, tagt in London nach dem Ende des II. Weltkrieg das erste Mal. Mit Professor Rigaud, dem französischen Historiker, hat man einen berühmten Mann einladen können, der über den seltsamen Tod des reichen Fabrikanten Brooke referieren soll. Diese wurde Anno 1939 auf dem alten Turm seines Anwesens unweit von Chartres in Frankreich mit dem eigenen Stockdegen erstochen, ohne dass sich am Tatort auch nur ein Hinweis auf den Hergang des Dramas finden ließ. In Verdacht geriet Brookes Privatsekretärin Fay Seldon, die inzwischen zur vom zukünftigen Schwiegervater wenig geliebten Braut von Harry Brooke, dem einzigen Sohn und Universalerben des nicht gerade unbeträchtlichen Familienvermögens, fortgeschritten war. Miss Seldons Ruf war übel; ihr wurden amouröse Kontakte zu praktisch sämtlichen männlichen Ureinwohnern nachgesagt. Aber die Beweisdecke war dünn, und so befand die französische Polizei auf Selbstmord.

Die Journalistin Barbara Morell weiß indes mehr. Harry hatte ihrem Bruder, einem alten Freund, stolz von einem tückischen Komplott geschrieben, dass er eingefädelt hatte, um sich vom elterlichen Gängelband zu lösen. Er steckte hinter den Verleumdungen, die seiner Braut so zu schaffen machten, denn er wollte sie als Flittchen darstellen, um sich den Verzicht auf die Heirat von den entsetzten Eltern mit allerlei Vergünstigungen entgelten zu lassen. Aber etwas ging schief; Brooke senior starb, und den tückischen Harry ereilte sein Schicksal als Soldat in Dünkirchen. Fay Weldon kehrte nach dem Krieg nach England zurück. Als ausgebildete Bibliothekarin fand sie eine Stelle beim Gelehrten Miles Hammond. Nach dem Tod eines reichen Onkels zu Vermögen gekommen, ist der an Leib und Seele vom Krieg gezeichnete junge Mann dabei, den einsam tief im Wald gelegenen Familiensitz Greenwood neu einzurichten.

Barbara Morell erschleicht sich Einlass in den »Mörderklub«. Sie täuscht Professor Rigaud und den zufällig ebenfalls anwesenden Miles, der auf Einladung des Klub-Sekretärs der Versammlung beiwohnen sollte, und erfährt, dass Fay Seldon sich in Greenwood um die Hammondsche Bibliothek kümmern soll. Miles überkommt Mitleid, als er von Miss Seldons Unglück hört. Obwohl Steve Curtis, sein zukünftiger Schwager, ihn dringend warnt, beharrt er auf ihrer Anwesenheit. Das Unglück nimmt seinen Lauf, obwohl Rigaud sich in dunkler Nacht nach Greenwood aufmacht. Mit ihm reist weiter oben erwähnter Sekretär: Dr. Gideon Fell, Gelehrter und berühmter Amateur-Detetiv, ein alter Freund der Familie Hammond. Die scheint um ein Mitglied ärmer, als plötzlich ein Schuss fällt und Miles’ Schwester Marion dem Tode nahe in ihrem Zimmer gefunden wird: Ein Phantom habe sich ihr genähert und ihr vom nahen Tod zugeflüstert, weiss sie zu berichten, was sich mit Rigauds Theorie deckt, dass Fay Seldon kein Mensch, sondern eine Vampirin ist, die Tod und Verderben über ihre Opfer bringt …

Ein Miträtsel-Krimi aus der guten, alten Zeit, d. h. eingebettet in einer der Welt fernen und fremden, künstlich-idyllischen Kulisse und bevölkert mit dazu passenden, archetypisch schrulligen oder heroischen Figuren, deren Treiben um die dem Genre angemessen malerische Leiche vom exzentrischen, aber übermenschlich klugen Detektiv erst aufwändig gemustert und im großen Finale entwirrt wird, woraufhin sich aus dem Gewirr falscher oder falsch verstandener Verdächtiger der Täter stets dort zu erkennen gibt, wo man ihn ganz sicher nicht vermutet hätte.

Besagter Detektiv ist hier Dr. Gideon Fell, der in seinem 16. Fall indes zunächst nicht mehr als ein Gaststar ist. Das Feld gehört zunächst Miles Hammond, der reinen Herzens, aber trotz des ihm verliehenen Nobelpreises (!) nicht gerade hellen Köpfchens sein Bestes gibt, als wackerer Ritter Licht in die Affäre um eine geheimnisvolle Frau zu bringen, die ihn erst fasziniert und schließlich in einen unheilvollen Bann zu ziehen beginnt. Ist diese Fay Seldon ein Vampir? So eine Frage, gestellt in einem Kriminalroman, kann eigentlich nur John Dickson Carr (1906-1977) eingefallen sein, der schaurige Plätze, düstere Morde aus dunkler Vergangenheit und (scheinbaren) Geisterspuk über alles liebte. Dazu kommt sein Hang zu ausserordentlich verwickelten, logisch eigentlich nicht nachzuvollziehenden, aber in der Rückschau – stets pompös dargelegt vom recht eingebildeten Dr. Fell – durchaus schlüssigen Plots und falschen Fährten. Fairness dem Leser gegenüber, der mit dem Detektiv raten möchte, war Carr zwar stets ein Anliegen, aber es fragt sich, wer da eigentlich eine echte Chance hatte? Allerdings streut der Verfasser tatsächlich gleich mehrfach Hinweise darauf ein, dass eine der (natürlich penetrant unverdächtigen) Figuren nicht koscher ist. Die Form ist also gewahrt, aber wie sich dann das Rätsel um den »Flüsterer« löst, dürfte trotzdem wie ein Blitz aus heiterem (Autoren-) Himmel kommen.

Nein, dieser Fall gehört wahrlich nicht zu den Glanzleistungen des Verfassers. Während es ihm gelingt, das Wirrwarr um Mord, Vampirismus und falschen Anschuldigungen (die sich plötzlich doch als richtig herausstellen – oder umgekehrt) durchaus schlüssig aufzuklären, ist der Weg dorthin für den Leser mühsamer als sonst. Da ist z. B. Carrs unglücklicher Entschluss, den Mord im Turm als endlosen Flashback zu gestalten. Natürlich gibt ihm das die Möglichkeit, deren Ausgang, der bei allzu früher Bekanntgabe den lesenden Publikum ein paar Hinweise zu viel geben könnten, zu verschleppen. Trotzdem wird der Fluss der Story erst einmal nachhaltig gestört. Selbstverständlich versöhnt die fabelhafte Auflösung des »Flüsterer«-Attentates. Hier hat sich Carr wieder einmal einen höchst kunstvollen Kniff einfallen lassen, der sogar davon ablenkt, dass die Identität des geheimnisvollen Täters das Prinzip des Zufalls recht arg strapaziert. Carr ist sich dessen wohl bewusst und versucht gleich mehrfach abzuwiegeln, aber so ganz gelingt ihm das nicht. Und über Carrs Porträt der unschuldig Verfolgten als Nymphomanin verliert man besser kein weiteres Wort, obwohl es ein bezeichnendes Licht auf das wirft, was einst als »Sitte und Moral« verherrlicht wurde.

Für Carr wurde es nach dem II. Weltkrieg schwierig, sich neue Fälle für seinen Dr. Fell auszudenken. Die Welt hatte sich verändert, und auch die Kriminalliteratur blieb davon nicht ausgeschlossen. Noch längst hatte die Nostalgie den klassischen »Whodunit« der 20er und 30er Jahre nicht wiederentdeckt. Die zeitgenössischen Krimis wurden schwärzer und härter. Da konnte ein dicker, unbeweglicher, waffenloser Detektiv nur bedingt mithalten. Nicht von ungefährt begannen sich die Abstände zwischen den Fell-Romanen nach 1945 stetig zu vergrößern. Auch im »Flüsterer« kommt die Gegenwart nur ansatzweise zu ihrem Recht. Zwar spielen einige Szenen im nachkriegsgezeichneten London, aber hauptsächlich entspinnt sich das Mörder-und-Detektiv-Spiel doch sehr genretypisch in einem quasi ausserhalb von Zeit und Raum stehenden Landhaus, in dem der Kalender auch 1896 zeigen könnte, ohne dass dies Einfluss auf die Handlung haben müsste. Nicht einmal elektrisches Licht gibt es in Greenwood, wo die Zeit nach dem Tode des reichen Erbonkels – eines viktorianischen Privatgelehrten wie aus Dickens oder Doyles Bilderbuch – stehen geblieben ist.

Heute übt diese Weltfremde wie gesagt einen neuen Lektürereiz aus. Die globalisierte Gegenwart, die mehr Verlierer als Gewinner zu produzieren scheint, weckt die Sehnsucht nach der »guten, alten Zeit«, deren Probleme scheinbar überschaubarer und vor allem binnen 200 oder 300 Buchseiten lösbar waren. In Deutschland war es der DuMont-Verlag, der John Dickson Carr, dessen Werke noch bis in die 70er Jahre ständig neu aufgelegt wurden, quasi neu entdeckte. Doch die »Kriminal-Bibliothek« des Hauses blieb von den Turbulenzen auf dem Buchmarkt von Heute nicht verschont; ob die (Neu-)Ausgabe der Gideon Fell-Bände jemals bis zu diesem 16. oder gar bis zum 23. und letzten (»Blood on the Moon«, 1967) fortschreiten wird, steht in den Sternen. Wer als Krimi-Liebhaber auf Nummer Sicher gehen möchte, muss daher auf die älteren Ausgaben zurückgreifen, obwohl diese oft nicht so gut übersetzt und vor allem z. T. empfindlich gekürzt wurden. Gerade der Ullstein-Verlag hat sich bis in die 80er Jahre ziemlich Übles geleistet. »Der Flüsterer« ist glücklicherweise nicht auf das hausübliche 160-Seiten-Normmaß zurechtgestutzt, sondern scheint die Übersetzung der deutschen Erstausgabe von 1952 zu übernehmen. Obwohl diese natürlich heute recht steif und altmodisch klingt, lässt sie sich gut lesen, und sogar das sonst ohne Sinn und Verstand ausgewählte Titelbild passt halbwegs. Insgesamt also eine antiquarische Entdeckung, die sich gelohnt hat.

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krimifan24 zu »John Dickson Carr: Der Flüsterer« 09.02.2009
Ich habe das Buch im englischen Original gelesen und halte es für sehr gut. Carr beweist einmal mehr, dass er wie kein anderer die Kunst beherrscht, das "Whodunit?" mit dem "Howdunit?" zu verbinden, und ein Verbrechen (in dem Fall zwei) derart verrätselt darzustellen, dass scheinbar nur noch das Übernatürliche als Erklärung herhalten kann, um dann am Ende doch eine Lösung zu präsentieren, die plausibel ist (bzw. die zumindest nicht den Naturgesetzen widerspricht :)
Wem solche Storys zu weltfremd und die Lösungen zu sehr an den Haaren herbeigezogen sind, dem sei von Carr und seinen Nachfolgern dringend abgeraten - mir jedenfalls macht diese Spielart der engl. Kriminalliteratur großen Spaß.
Geniale Idee in diesem Buch ist vor allem der Flüster-Trick...
RolfWamers zu »John Dickson Carr: Der Flüsterer« 12.03.2004
Das ist eines von Carrs schwächeren Werken.Seltsamerweise stehen Rezensent mdoc und ich mit dieser Meinung ziemlich allein auf weiter Flur. Die englischen und US-Kritiker halten das Buch für eines der letzten Highlights des Autors.Deshalb:selber lesen. Wenn möglich die Scherz-Ausgabe von 1947, denn Ullstein hat die Übersetzung zwar übernommen, aber doch einiges gekürzt.
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