Der Club der Masken von John Dickson Carr

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1932 unter dem Titel The corpse in the waxworks, deutsche Ausgabe erstmals 1941 bei A. Müller.
Ort & Zeit der Handlung: Frankreich / Paris, 1910 - 1929.
Folge 4 der Henri-Bencolin-Serie.

  • New York; London: Harper, 1932 unter dem Titel The corpse in the waxworks. 248 Seiten.
  • Rüschlikon: A. Müller, 1941 Der Klub der bunten Masken. Übersetzt von Rudolf Hochglend. 210 Seiten.
  • München, Wien, Basel: Desch, 1962. Übersetzt von Louise Däbritz. Mitternachtsbücher; Bd. 102. 170 Seiten.
  • München: Heyne, 1977. Übersetzt von Louise Däbritz. Heyne Crime Classic; Bd. 1740. ISBN: 3-453-10332-7. 159 Seiten.

'Der Club der Masken' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Im grünen Dämmerlicht eines düsteren, alten Wachsfigurenkabinetts entdeckt der französische Detektiv Henri Bencolin die Leiche eines jungen Mädchens. Sie liegt, mit einem Messerstich im Rücken, in den Armen des »Satyrs aus der Seine«, einer unheimlichen Wachsfigur. Ist es ein Zufall, dass am gleichen Morgen die Leiche eines anderen jungen Mädchens aus der Seine gezogen wurde? Spuren führen zu dem verrufenen Club der silbernen Schlüssel. Man weiß, dass zur Zeit des Mordes die Geliebte des Besitzers das Wachsfigurenkabinett betreten hat. Aber welche näheren Beziehungen bestehen zwischen dem makabren Museum und dem extravaganten, mondänen Nachtclub? Was geschah mit dem silbernen Schlüssel des ermordeten Mädchens? Fielen die beiden Mädchen dem gleichen Mörder zum Opfer?

Das meint Krimi-Couch.de: »Der mörderische Blick hinter die Maske« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

In den vielen Jahren seiner Existenz haben nur wenige Besucher ihren Weg ins »Museum Augustin« gefunden. Die dort ausgestellten Wachsfiguren wirken zwar erschreckend lebensecht, doch Monsieur Augustin, der verschrobene Eigentümer, legt keinen Wert auf Werbung. Deshalb reagiert er verdächtig panisch, als ihn Henri Bencolin, der gefürchtete Polizeipräfekt von Paris, und ein aufgewühlter Capitaine Chaumont aufsuchen: In der Seine treibend fand man die zerschundene Leiche seiner Verlobten Odette Duchêne, die lebend zuletzt gesehen wurde, als sie Augustins Wachsfigurenkabinett betrat!

Bencolin, ein begnadeter Kriminalist, besteht darauf, das Museum persönlich zu untersuchen. Zum allgemeinen Entsetzen stößt er auf eine weitere Frauenleiche: Claudine Martel, Odettes beste Freundin, liegt erstochen in den Armen des »Satyrs von Paris«, einer besonders gelungenen wächsernen Schreckensgestalt des Meisters Augustin! Sie wurde in einem Gang hinter dem Museum ermordet und dann aus unerfindlichen Gründen ins Innere geschafft. Am eigentlichen Ort des Verbrechens wird eine schwarze Seidenmaske gefunden.

Wie üblich weiß Bencolin schon mehr: Im Nachbarhaus hat der gefürchtete Erpresser Etienne Galant den »Club der bunten Masken« eingerichtet. Abenteuerlustige Männer und Frauen der Pariser Oberschicht können hier scheinbar anonym ihren amourösen Lastern pflegen. Schon seit vielen Jahren liefern sich Galant und Bencolin ein mitunter mörderisches Katz-und-Maus-Spiel. Der Präfekt weiß genau, dass sein Feind die schmutzigen Hände im Spiel haben muss. Oder soll man doch den Beteuerungen Monsieur Augustins Glauben schenken, er habe des Nachts die Wachsfigur der berüchtigten Axtmörderin Madame Louchard durch das Museum schleichen sehen ...?

Krimi-Grusel oder Grusel-Krimi?

»Der Sinn, der Geist, die Illusion eines Wachsfigurenkabinetts. Es ist eine Atmosphäre des Todes. Sie ist lautlos und bewegungslos. Steingrotten schirmen es vom Tageslicht ab, wie in einem Traum …Alle Dinge sind tot, in der Haltung des Schreckens spielen sich wirkliche Szenen der Vergangenheit ab.« (S. 13)

Willkommen in der Welt des John Dickson Carr, der Schrecken und Schauder mit Nonchalance und Geschick zu einer unnachahmlichen Mischung verquickt! Er liebte einsame Landhäuser und verfallene Burgen, schätzte aber auch die übrigen Orte romantischen Grusels. Das Wachsfigurenkabinett des Monsieur Augustin musste ihn deshalb magisch anziehen.

Was seine Attraktion ausmacht, hat Dickson Augustin mit dem oben erwähnten Zitat in den Mund gelegt. Zusätzlich wirft er sein bemerkenswertes Erzähltalent in die Waage, um die Schrecken dieses Ortes herauszustellen; er flutet ihn mit grünlichem Zwielicht, beschwört die gruselige Magie einschüchternd menschenähnlicher Figuren herauf, die zudem besonders unangenehme Zeitgenossen personifizieren, die man im wahren Leben ungern hinter sich wüsste – Mörder, Wahnsinnige, Folterknechte. Das ist Horror pur, und Carr macht keinen Hehl daraus.

Dennoch ist Der Club der Masken ein Kriminalroman – ein bis ins Mark klassischer sogar. Mysteriöse Morde geschehen, die zunächst unmöglich scheinen, bis ein genialer Kriminalist – hier Henri Bencolin – kunstvoll verstreute Indizien zu einem eigentlich aberwitzigen aber logisch nachvollziehbaren Tathergang zusammensetzt. Whodunit, wer ist es gewesen?, lautet die für den Leser vergnüglich beantwortete Frage, die Carr hier noch ergänzt durch das Rätsel, wieso der/die Täter ihre Opfer ausgerechnet in einem Wachsfigurenkabinett buchstäblich ausstellen, statt Diskretion walten, d. h. die anfallenden Leichen unauffällig verschwinden zu lassen.

Doppeldeutigkeiten, Schatten und Hintertüren

Selbstverständlich löst Carr das kriminalistische Rätsel überaus logisch und zufriedenstellend. Dennoch spielt »Der Club der Masken« auf einer eigenen Ebene zwischen Realität und Fiktion. Die Figuren legen ein stilisiertes Benehmen an den Tag. Bencolin liefert sich mit Galant eine private Fehde, was ihn eigentlich seinen Job kosten müsste. Als der Täter gestellt ist, will Bencolin ihn zum Selbstmord nötigen.

Galant wirkt wie ein französischer Dr. Mabuse, den sein Größenwahn längst zu Fall hätte bringen müssen. So »funktioniert« Verbrechen einfach nicht – Galant fädelt ständig kunstvolle Übeltaten ein, die so kompliziert sind, dass sich ihr Sinn einfach nicht erschließen mag. Offenbar will er vor allem den Bösewicht mimen, denn seine Schurkentaten wirken wie für ein Publikum inszeniert. Sie sind das intellektuelle Vergnügen eines Anti-Genies, das seine überdurchschnittliche Intelligenz des Bösen widmet und deshalb doppelt bedrohlich aber künstlich wirkt.

Dasselbe lässt sich mit Fug und Recht über Henri Bencolin behaupten, den Carr nach Joseph Fouché (1759-1820) gestaltete, der unter Napoleon Bonaparte als Polizeiminister (1799-1802 sowie 1804-1810) 'diente', über ein verzweigten Netzes von Spionen und Spitzeln verfügte und quasi selbst definierte, worin seine Tätigkeit bestand. Carr liebt es, Bencolins mephistophelische Züge und Manieren hervorzuheben, wobei er sich fast filmischer Methoden bedient:

»Bencolin blieb unentschlossen stehen, als er sich zur Tür wandte. In diesem Augenblick stieß Augustin mit dem Ellenbogen gegen den Lampenschirm, so dass es sich seitlich verschob und ein starker gelber Lichtschein auf das Gesicht des Polizeipräfekten fiel. Er betonte die hohen Backenknochen, die düsteren Augen mit den buschigen Augenbrauen, die ruhelos durch den Raum wanderten.« (S. 20)

Wäre Bencolin nicht Polizist, hätte er ein ebenso fähiges Verbrechergenie wie Galant werden können, der sein dunkles Spiegelbild darstellt. Bencolin ist allerdings geschickter, denn er hat dafür gesorgt, für seine – gelinde ausgedrückt – exotischen kriminalistischen Methoden das Gesetz auf seine Seite zu ziehen.

Das I-Tüfelchen zum Klassiker

Was einem »modernen« Krimi arg angekreidet würde, wird von einem Roman wie dem Club der Masken quasi erwartet. Er entstand 1932 und in einer Phase, als Geschichten wie diese ihre große Zeit hatten. Nur wenige Jahre später hatte die Zeit sie eingeholt, und spätestens der Zweiten Weltkrieg ließ sie lächerlich wirken. Doch der Whodunit erwies sich als erstaunlich zählebiges Subgenre. In seiner Nische konnte er sich nicht nur behaupten, sondern begab sich immer wieder auf den Vormarsch.

Der Faktor Nostalgie wirkte dabei sehr unterstützend. Der Club der Masken ist hoffnungslos anachronistisch in Plot, Handlung und Figurenzeichnung. Der heutige Leser wird die »Notwendigkeit« eines geheimen Clubs für Sex-Abenteuer schwer begreiflich finden, da die Prominenz, die hier so angstvoll und umständlich ihre Eskapaden verbirgt, diese im 21. Jahrhundert mehr und mehr zu filmen und ins Internet einzustellen scheint. Hinter der altmodischen Krimi-Mär tritt Carrs handwerkliches Geschick als Autor trotzdem deutlich hervor. Er war kein Literat, sondern eher ein Geschichtenerzähler, der das Absurde und Groteske freudig und mit großer Meisterschaft in sein Werk integrierte.

Wachsfigurenkabinette in Paris und auf der Leinwand

Gab oder gibt es gar noch solche Wachsfigurenkabinette wie das »Museum Augustin« in Paris? Man sollte meinen, dass ihnen die multimediale Gegenwart längst den Garaus gemacht hat, doch das Konzept erwies sich erstaunlich moderesistent: Im Musée Grévin stehen die Großen und/oder Bösen der Weltgeschichte weiterhin vor dem faszinierten Publikum – nicht hinter Glas in Vitrinen, sondern genauso wie bei Monsieur Augustin im sorgfältig gedimmten Licht praktiziert quasi im Raum verstreut, sodass sich der Besucher nie sicher sein kann, mit einem lebendigen Zeitgenossen oder mit einer Wachsfigur konfrontiert zu werden, was den Gruselfaktor angenehm ansteigen lässt: Mancher Klassiker lässt sich eben nicht mehr verbessern!

Wer einen Eindruck davon gewinnen möchte, wie sich Carr das Museum Augustin vorstellte, sehe sich den ebenfalls 1932 entstandenen Gruselfilm-Klassiker Mystery of the Wax Museum (dt. Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts) mit Fay Wray und Lionel Atwill in den Hauptrollen an. Auch House of Wax (dt. Das Kabinett des Professor Bondi), das Remake von 1953, mit Vincent Price (und Charles Bronson), kann sich sehen lassen.

Michael Drewniok, Mai 2008

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Anja S. zu »John Dickson Carr: Der Club der Masken« 14.06.2004
Das ist ein Krimi-Klassiker, den ich schon mit 14 Jahren geliebt habe und immer wieder gerne zur Hand nehme. Natuerlich ist das eine aeusserst unwahrscheinliche Geschichte, aber mit so raffinierten Wendungen (Museum versus Nachtklub und einem "sportlichen" Moerder), dass ich darueber noch nie weiter nachgedacht habe.
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