Der blinde Barbier von John Dickson Carr

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

deutsche Ausgabe erstmals 1934 .
Ort & Zeit der Handlung: USA/England, 1930 - 1949.
Folge 3 der Dr.-Gideon-Fell-Serie.

  • New York, London: Harper & Brothers, 1934 The Blind Barber. 279 Seiten.
  • Rüschlikon, Zürich: Albert Müller Verlag, 1953. Übersetzt von Ursula v. Wiese. 191 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin: Ullstein, 1965. 158 Seiten.

'Der blinde Barbier' ist erschienen als

In Kürze:

Auf der Queen Victoria, die von New York nach Southampton fährt, geschehen seltsame Dinge. Der bekannte Kriminalschriftsteller Henry Morgan ist an Bord und erlebt mit, was er nach seiner Ankunft Dr. Fell gleich berichtet: Ein junger Amerikaner, dessen Onkel ein enger Vertrauter des amerikanischen Präsidenten ist, wird überfallen und eines Films beraubt. Der Film wurde anlässlicher einer feucht-fröhlichen Herrenpartie aufgenommen und könnte dem Onkel politisch schaden. Aber dabei bleibt es nicht. Eine wertvolle Smaragd-Arbeit, die einen Elefanten darstellt, verschwindet, taucht plötzlich wieder auf und wird dann ihrem Besitzer, dem mysteriösen Lord Sturton, endgültig gestohlen. Und als schließlich noch ein Mord geschieht, weiß der Kapitän des Schiffes, dass er einen gefährlichen Verbrecher an Bord hat. Aber weder der Kapitän noch der Krimi-Schriftsteller Morgan und seine Freunde können den Fall klären. Es bedarf des Scharfsinns von Dr. Fell, um den Täter unter den Passagieren des Schiffes schließlich durch die Polizei dingfest machen zu lassen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Transatlantische Krimi-Komödie« 70°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Vom Hafen Southampton eilt Henry Morgan, der bekannte Kriminalschriftsteller, zum berühmten Privatermittler Dr. Gideon Fell, um ihm von seinen haarsträubenden Abenteuern zu erzählen. An Bord der »Queen Victoria« ist er von New York nach England gereist und hat neue Freunde und einen Platz an der Tafel von Kapitän Whistler gefunden. Thomassen Valvick, ein alter Seebär, unterhielt mit Geschichten aus seiner wilden Jugend, während Curt Warren, ein junger Diplomat, von seinem Hobby, dem Schmalfilm, schwärmte. Peggy Glenn bildete das weibliche Element der Runde, während Dr. Oliver Kyle, ein Psychiater, den stillen aber angenehmen Zuhörer gab. Zwei weitere Gäste hielten sich abseits. Jules Fortinbras wurde berühmt durch sein Marionettentheater mit lebensgroßen Figuren. Lord Sturton sammelt seltene Edelsteine und brachte sein aktuelles Beutestück – einen Smaragd-Anhänger in Elefantengestalt – nach England.

 Dann wurde Warren in seiner Kabine überfallen. Man stahl ihm einen privaten Film, in dem sich hohe US-Politiker in entspannter Atmosphäre über die Regierung und ihre Wähler lustig machten. Um eine Weitergabe an die Presse und den dadurch entfachten Skandal zu vermeiden, beschlossen Morgan und seine Freunde, den Dieb während der Reise dingfest zu machen. Die unerfahrenen Detektive überfielen dabei versehentlich den Kapitän, stahlen ungewollt Lord Sturtons Schmuckstück und fanden vor Warrens Kabine eine blutende Frau, die wenig später spurlos verschwand.

 Der Film und die Frau blieben verloren. Nun liegt die »Queen Victoria« vor Anker. In wenigen Stunden werden die Passagiere das Schiff verlassen. Unter ihnen wird der Dieb und mögliche Mörder sein, sollte es Dr. Fell nicht gelingen, ihn nach der Auswertung von Morgans wirrem Bericht zu demaskieren …

 Eine Seefahrt, die ist lustig…

 Der Erfolg einer Krimi-Serie basiert vor allem auf der Variation bewährter und von der Leserschaft geliebter Elemente. In unserem Fall sind dies ein von der alltäglichen Außenwelt isoliertes Ambiente mit vielen schattigen Winkeln, in denen scheinbar das unheimlich Übernatürliche nistet, sowie der Auftritt des grandiosen Dr. Fell, der sich – den Gehstock in der einen und das stets mit Bier gefüllte Glas in der anderen Hand – an einem Tatort, der nur einander widersprechende Indizien, Geheimnisse und Unmöglichkeiten bietet, in kryptischen Andeutungen ergeht, die sich im großen Finale als kunstvoll verrätselte Einleitungen zu einer Auflösung erweisen, auf die im besten Fall kein Leser gekommen ist.

 Genannte Elemente finden wir auch in diesem Roman von 1934, der überhaupt erst der dritte der Gideon-Fell-Serie ist, die John Dickson Carr im Vorjahr startete. Dennoch liest sich Der blinde Barbier gänzlich anders als die beiden Vorgängerbände oder die in den nächsten Jahrzehnten noch folgenden Abenteuer. Bevor sich die Strukturen festigen (und schließlich verkrusten) konnten, sprengte Carr mit Der blinde Barbier die Grenzen des Genres, indem er den Krimi mit der Farce kreuzte. Heraus kam das literarische Gegenstück eines Filmgenres, das in den 1930er Jahren entstand und blühte.

 Die »Screwball«-Komödie zeigt (scheinbar) gleichberechtigte Frauen und Männer im alltagsfernen Geschlechterkampf. Geistreiche, mit sexuellen Anspielungen gespickte Wortgefechte in rasanter Geschwindigkeit sind eingebettet in absurde Handlungen. Viel ohne Reue und schädliche Nebenwirkungen genossener Alkohol beflügelt die Protagonisten, deren sich zum Chaos aufschaukelnden Aktivitäten den Slapstick der Stummfilmzeit aufleben lassen. »Bringing up Baby« (1938, dt. »Leoparden küsst man nicht«), »The Philadelphia Story« (1940, dt. »Die Nacht vor der Hochzeit«) oder »The Palm Beach Story« (1942; »Atemlos nach Florida«) hießen Klassiker dieses Genres, in das sich »Der blinde Barbier« problemlos einfügen kann.

 Liebenswerte Nichtsnutze sorgen für Verwirrung

 Falls sie in ihrem Leben überhaupt jemals für ihren Lebensunterhalt arbeiten oder sich Alltagssorgen machen mussten, ist diese Zeit für die Figuren unserer Krimi-Komödie längst vorbei. Sie reisen komfortabel an Bord eines luxuriösen Dampfers, dessen Besatzung ihnen alle Wünsche erfüllt. Die Reise dauert mehrere Tage, in denen man höchstens per Funk zu erreichen ist, was die »Queen Victoria« zur idealen Brutstätte für jene Wirrungen & Irrungen macht, die Autor Carr entfesselt.

 Der leichtlebige junge Mann, der vergnügte, zu kindlichem Unfug neigende Senior, der es eigentlich besser wissen müsste und gerade deshalb gegen jede Vernunft handelt, die cholerische aber nicht ernst zu nehmende Respektsperson und selbstverständlich die junge, hübsche und aktive Frau: Sie gehören zum Personal der »screwball comedy«. Dass sie als Detektive scheitern werden, ist klar. Selbst ohne ihre Versuche in dieser Rolle würden sie das Chaos entfachen, welches das Genre verlangt. Um auf Nummer Sicher zu gehen, schlüpft Autor Carr in die Rolle der mehrfach von ihm erwähnten Parzen und manipuliert die Schicksalsfäden seiner Figuren. Nicht unbedingt kunstvoll aber konsequent sorgt er für eine Kette sich akkumulierender Zwischenfälle, die sich zu einer Woge absoluten Durcheinanders auftürmen und alle Figuren schließlich unter sich begräbt.

 Vor und hinter dem zentralen Tohuwabohu, das der »Queen-Victoria«-Handlungsstrang darstellt, bildet das Krimi-Element nur eine Klammer. Gideon Fell, der als Figur zwar eine Karikatur mit übertriebenen körperlichen Merkmalen und Charakterzügen ist, gehört allerdings nicht in eine »screwball comedy«, deren Komik auch darin besteht, dass die Protagonisten Stück für Stück ihrer Würde beraubt werden. Fell könnte eine solche Behandlung nicht verkraften; er ist es, der Scherze auf Kosten seiner Mitmenschen macht, und faktisch ist er eher exzentrisch als komisch.

 Krimi-Vernunft gegen Komödien-Wahnsinn

Das führt zu einem deutlichen Stimmungsbruch, wenn in Der blinde Barbier die Handlung die »Queen Victoria« verlässt und auf das feste Land wechselt. Hier residiert Gideon Fell in seinem Haus, das er nicht ein einziges Mal verlässt. Den Fall löst er durch pure Deduktion und unter Berücksichtigung der ihm bekannten Fakten. Plötzlich ganz im Stil des klassischen »Whodunit« gliedert Fell das Rätsel mit 16 elementaren Fragen, die gleichzeitig ein Stichwortverzeichnis zu seiner Auflösung darstellen. Genretypisch arbeitet Fell anschließend diese Liste systematisch ab. Der Humor verflüchtigt sich, wie auch die lustigen Gesellen um Henry Morgan spurlos verschwinden, und wird von detektivischer Sachlichkeit abgelöst. Der Kontrast zur Komödie wird noch deutlicher, weil Carr um der Dramatik willen (und unter Missachtung der Logik, denn die Polizei würde sicher kaum einen Mordverdächtigen in Fells Haus bringen, nur damit dieser dessen Fallrekonstruktion bestätigt) den überführten Mörder auftreten lässt, dessen Ende am Galgen bereits besiegelt ist.

 Zur Irritation trägt bei, dass Carr einen recht grausamen Mord geschehen lässt. Es fehlt die komödiengerechte Brechung der Untat, die sich zum fröhlichen Durcheinander nicht fügen will. Nicht zünden wollen außerdem die sonst so zuverlässigen und für Carr typischen Mystery-Effekte. Aufwendig werden menschengroße Marionetten, ein geheimnisvoller Smaragd-Elefant und vor allem der »blinde Barbier« als simples Gravur-Motiv auf der Klinge eines Rasiermessers eingeführt, ohne für die Handlung wirklich von Bedeutung zu sein. Zudem ist die »screwball comedy« ein Genre, zu dem solche Geisterbahn-Effekte nicht passen. Faktisch lässt die Lektüre des »Barbiers« deshalb sowohl die Krimi-Puristen als auch die Komödien-Freunde unzufrieden zurück. Sie kommen hier nicht zusammen. Kein Wunder, dass Carr mit dem nächsten Gideon-Fell-Roman auf sicheres Terrain zurückkehrte!

 

Michael Drewniok, März 2010

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RolfWamers zu »John Dickson Carr: Der blinde Barbier« 01.04.2004
Dickson Carr hat einige Bücher geschrieben, die auf Schiffen spielen (z.B. "Mörder an Bord"); vielleicht in Erinnerung an seine erste Atlantiküberfahrt, bei der er seine Frau kennen lernte."Der blinde Barbier" gehört nicht zu seinen Top-Romanen, aber wie Dr. Fell, der selbst nicht mitfuhr, den Mörder entlarvt, das ist schon ein fast genialer Trick.
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