Das Skelett von John Dickson Carr

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1948 unter dem Titel The Skeleton in the Clock, deutsche Ausgabe erstmals 1965 bei Alfred Scherz.

  • New York: William Morris, 1948 unter dem Titel The Skeleton in the Clock. 282 Seiten.
  • London: William Heineman, 1949. 303 Seiten.
  • Bern-Stuttgart-Wien: Alfred Scherz, 1965. Übersetzt von Bodo Baumann. 184 Seiten.

'Das Skelett' ist erschienen als

In Kürze:

Ein längst ad acta gelegter Todessturz in der englischen Provinz wird neu aufgerollt, nachdem anonyme Anschuldigungen einen Mord nahelegen; die Indizien sind teils bizarr, teils rätselhaft, sodass Scotland Yard den berühmten Privatdetektiv Henri Merrivale zu Rate zieht … – Der 18. Merrivale-Krimi birst förmlich vor Schauerelementen und Absurditäten, bleibt aber letztlich auf dem Boden der Tatsachen und liefert eine abenteuerliche aber logische Aufklärung: vergnüglicher »Whodunit« klassischer Prägung.

Das meint Krimi-Couch.de: »Vergessener Knochenmann in alter Standuhr« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Eigentlich ist die Tragödie von Fleet House längst in Vergessenheit geraten. Dort in der englischen Grafschaft Berkshire stürzte von zwanzig Jahren unter nie wirklich geklärten Umständen Hausherr Sir George Fleet vom Dach und in den Tod, als er nach einer Jagdgesellschaft Ausschau hielt. Jetzt erreichten drei anonyme Briefe Scotland Yard, die einen raffinierten Mord als Ursache andeuten.

Unwillig muss Chefinspektor Masters den längst »kalten« Fall wieder aufrollen. Leider kleidete der Briefschreiber seine Worte in Rätselform. Zwecks Deutung bittet Masters seinen alten Freund Sir Henri Merrivale um Unterstützung, der sich als Privatermittler der unkonventionellen aber erfolgreichen Art einen Namen gemacht hat. Eines der Rätsel rankt sich um ein bizarres Objekt: eine alte Standuhr, deren Gehäuse kein Uhrwerk, sondern ein sorgfältig fixiertes Skelett beherbergt. Merrivale hat es ersteigert und dabei erfahren, dass seine Mitbieterin Sophie, Gräfin von Brayle, eine enge Freundin von Lady Cicely, Fleets Witwe, ist. Die seltsame »Uhr« sollte an den Hausarzt Dr. Laurier gehen, dessen Vater sie einst baute.

Auch sonst stechen dem Ermittler merkwürdige »Zufälle« ins Auge. Wieso planen Kronanwalt John Stannard, der Zeuge des Todessturzes war, die schöne Ruth Callice sowie der junge Martin Drake gerade jetzt ein kurioses Experiment? In der Hinrichtungskammer des aufgelassenen Gefängnisses Pentecost, das unweit von Fleet House liegt, wollen sie feststellen, ob dort nachts die Seelen der Gehenkten umgehen. Richard, Sir Georges Sohn, schließt sich dem Trio begeistert an und stürzt Merrivale in ein Dilemma: Obwohl seine Nachforschungen nur langsam vorankommen, ahnt er, dass einem der Geisterjäger dasselbe Schicksal wie Sir George droht. Ohne überzeugende Beweise gedenkt man sich das Abenteuer jedoch nicht verbieten zu lassen, und so nimmt ein altes Verhängnis erneut seinen Lauf …

»Untersuchen Sie das Skelett in der Standuhr.«

Vermutlich nur John Dickson Carr auf dem Höhepunkt seiner kreativen Kraft konnte diesen Krimi schreiben. Seit jeher liebte er die alten Sagen und Gespenstergeschichten seiner englischen Wahlheimat und baute sie immer wieder in seine Kriminalromane ein. Bis ins Detail ging das Vergnügen am wohligen Schauder; so trägt ein Wirtshaus nahe Fleet House den schaurig-schönen Namen »Drachenpfuhl«, und zwischen dem Landsitz der Fleets und dem alten Pentecost-Gefängnis erstreckt sich ein Wald namens »Henkerholz«.

Carr-typisch ist auch ein scheinbar wirres und wüstes Sammelsurium obskurer Spuren und Indizien. Dieses Mal übertrifft er sich selbst, indem er ein Skelett in der Standuhr als groteskes »Memento Mori« und wichtiges Beweisstück präsentiert. Schon im Originaltitel wird dieses Objekt erwähnt und dürfte mindestens die grusellaunigen Leser auf Carrs Seite und in den Buchladen gelockt haben.

Sie dürften Carr rasch verzeihen, dass er abermals ein aufgegebenes Gefängnis in die Handlung bringt. Schon 1933 hatte Hag’s Nook (dt. Das Zeichen im Brunnen/Tod im Hexenwinkel), der erste Band der erfolgreichen Reihe um den dicken, genialen, Privatermittler Dr. Gideon Fell, an so einem Ort gespielt. In diesem Band hatte Carr alle Register der traditionellen Phantastik gezogen, um erst im Finale aber dort glasklar auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren: Nie sind es Geister, die mörderisch umgehen. Menschliche Tücken verbergen sich in hilfreicher Dunkelheit, und trickreiche Täuschungsmanöver sorgen für weitere Verwirrung bzw. sorgen im Kopf des Lesers für ein unterhaltsames Aha-Erlebnis, wenn der Detektiv – hier Sir Henri Merrivale – Licht in die Sache bringt.

»Was bedeutet der rote Blitz auf dem Dach?«

Allerdings bedarf es wie im klassischen Rätselkrimi üblich eines wahrlich genialen Mannes, dem dieses Kunststück gelingt. Henri Merrivale könnte ein Bruder von Gideon Fell sein, denn beide teilen nicht nur ihr Metier, sondern arbeiten auch sorgfältig an ihrem unkonventionellen Auftreten. Merrivale lernen wir kennen, als er einer allzu hochnäsigen Lady mit einer alten Lanze ins Hinterteil piekt. Damit ist seine Außenseiterstellung in der zeitgenössischen Gesellschaft eindeutig markiert.

Merrivale kann sich solche Ausfälle erlauben, weil er sie durch kriminalistische Glanzleistungen wettmacht. Ist er erst einmal aktiv geworden, bleiben Scotland Yard und der örtlichen Polizei nur mehr die Rollen von Handlangern und Statisten. Chefinspektor Masters stellt sich in Vertretung des Lesers dumm sowie entsprechende Fragen; ihm obliegt es darüber hinaus, Irrtümer zu äußern und in Sackgassen zu stolpern.

Überlebensgroß und dadurch nicht gerade sympathisch schwebt Merrivale über der Szene. Er besitzt nicht die schillernde Präsenz von Gideon Fell, dessen Jovialität durchaus Maske ist und einen Charakter verbirgt, der es genießt, Mörder zu jagen, die anschließend an den Galgen kommen; er kann problemlos damit leben. Merrivale ist einerseits ´menschlicher´ als Fell und andererseits oft dessen blassere Kopie.

»Mordbeweise sind immer noch vorhanden.«

Fleet House, das Wirtshaus »Drachenpfuhl« und natürlich Pentecost beherbergen eine illustre Schar schräger Gestalten. Selbst ohne den Todessturz wirken sie alle verdächtig; zumindest sind sie notorisch verschroben und passen sich auf diese Weise perfekt ins Figurenpersonal des englischen »Whodunit« ein.

Dabei spielt die Handlung im Jahr der ursprünglichen Veröffentlichung. Der II. Weltkrieg wird erwähnt, das 20. Jahrhundert ist zur Hälfte verstrichen. Fleet House bildet jedoch eine seltsam zeitlose Exklave. Schon 1948 war »Das Skelett« ein anachronistischer Krimi. Anders als in seinem Spätwerk konnte Carr diesen Aspekt kontrollieren und ihn spielerisch handhaben. Er kombiniert ihn mit dem zeitgenössisch noch wenig eingesetzten Plot vom psychopathischen Serienkiller, mit dem er ein wenig ungelenk bzw. zurückhaltend hantiert: Für Hannibal Lecter & Co. ist 1948 die Zeit noch lange nicht gekommen.

Zur Spannung trägt auch Carrs Geschick im Umgang mit falschen und echten Spuren eine große Rolle. Obwohl er sich zeitweise in grotesken Nebenhandlungen zu verlieren scheint und das große Finale in einem Spiegelkabinett stattfinden lässt, weiß Carr sehr wohl, worauf sein Krimi-Spiel hinauslaufen soll. Als Autor spielt er fair in der Tradition des Genres; so stellt er uns das Flachdach, von dem Sir George seinen abrupten Abgang nahm, quasi zentimetergenau vor. Man könnte einen Plan zeichnen, der nach dem Willen des Verfassers widerspiegelte, dass ein Mord hier eigentlich unmöglich ist. Carr übernimmt es, uns auf verblüffende Weise das Gegenteil zu beweisen.

Wenn man ihm etwas zum Vorwurf machen kann, so ist es eine überflüssige »love story«. Selbstverständlich hat Lady Sophie eine liebreizende Enkeltochter, die von einer diversen jungen Männern aufgeregt umbrummt wird. Hände werden gerungen, Tränen vergossen bzw. Schwüre geleistet und Fäuste geschüttelt. Hier endet Carrs Meisterschaft – Krimi plus Grusel plus Liebe: Element 1 und 2 bieten nostalgischen Hochglanz, Nr. 3 ist nur platt.

Anmerkungen

(1) Die Kapitelüberschriften zitieren die drei anonymen Botschaften, die den Fall Fleet ins Rollen bringen.

(2) Für den neugierig gewordenen Leser dürfte die Beschaffung dieses Buches eine Herausforderung werden. Das Skelett erschien nur einmal, schon 1965, und wurde offenbar nie neu aufgelegt, was den Roman ungemein selten macht. Selbst die Suche im Internet bleibt zumindest derzeit erfolglos. Der gute, alte Zufallsfund auf dem Flohmarkt kann für Abhilfe sorgen. Sollte er gelingen, erwartet den glücklichen Finder ein erfreuliches Lesevergnügen.

Michael Drewniok, März 2012

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SH 221 Baker Street zu »John Dickson Carr: Das Skelett« 06.12.2013
Ich habe eine alte Büchereiausgabe des 1965 im Scherz-Verlag erschienenen Hardcovers "Das Skelett" erbeuten können :)Wenn 100 Punkte für die Bestleistung des Autors auf seinem Höhepunkt stehen, so gebe ich für "Das Skelett" 90 Punkte. Sir Henry's Figur ist wunderbar entwickelt, äußerst schrullig und humorvoll. Neben einer Liebesgeschichte kommt hier also auch der Humor nicht zu kurz, der in der Haßliebe zwischen Sir Henry und Gräfin von Brayle Platz für einige Piksereien (sic!) lässt.Wie auch bei "Tod im Hexenwinkel" bietet ein aufgelassenes Gefängnis einen würdigen Rahmen für wohligen Schauer und Grusel. Im Gegensatz zum ersten Rezensenten hier, Michael Drewniok, macht für mich die Liebesgeschichte einen zusätzlichen Reiz aus. Zugegeben, sie ist nicht besonders ausgefeilt und es belustigt schon ein wenig, wenn zwei junge Leute, die sich erst ein Mal im Leben an einem Abend gesehen haben Monatelang schmachten, um schließlich bei der übernächsten Begegnung heiraten zu wollen. Das ist teils sicher der geringen Seitenzahl, dem Zeitgeist und vielleicht auch dem gerade stattfindene Weltkrieg geschuldet. Platt hin oder her, die Liebesgeschichte hat ihren Charme und ich würde sie vermissen. Es sind alle typischen Carr Elemente vorhanden und als Fan und Sammler habe ich den hohen Kaufpreis nicht bereut. Jemand, der einfach mal J. D. Carr kennenlernen will, ist mit der "Schottischen Selbstmordserie", "Die Tür im Schott", "Mord aus tausend und einer Nacht" oder "Tod im Hexenwinkel" aus dem DuMont Verlag preiswert und in gleicher Qualität bestens bedient.
RolfWamers zu »John Dickson Carr: Das Skelett« 12.03.2012
Dies ist einer meiner Lieblinge unter den vielen Dickson Carr-Büchern. Zum einen, weil es gleichermaßen spannend, gruselig und auch unterhaltsam mit einem logisch aufgebauten Schluss ist, zum anderen aber auch, weil ich ein Exemplar der englischen Erstausgabe (London 1948) mit handschriftlicher Widmung und Signatur von John Dickson Carr besitze (Widmung natürlich nicht an mich.) Ein Highlight meiner Sammlung - und die KCler mögen mir die kleine Angeberei verzeihen.
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