Die Insel von John Connolly

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2003 unter dem Titel Bad Men, deutsche Ausgabe erstmals 2005 bei Ullstein.

  • London: Hodder & Stoughton, 2003 unter dem Titel Bad Men. 512 Seiten.
  • New York: Atria Books, 2004. 512 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 2005. Übersetzt von Charlotte Breuer, Norbert Möllemann. ISBN: 3-548-26300-3. 512 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 2006. Übersetzt von Charlotte Breuer, Norbert Möllemann. ISBN: 978-3-548-26445-5. 480 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 2008. Übersetzt von Charlotte Breuer, Norbert Möllemann. ISBN: 978-3-548-26940-5. 512 Seiten.

'Die Insel' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

1693 wurden die Siedler der Insel Sanctuary von einem der ihren verraten und niedergemetzelt. – Heute: Eine Bande von Killern will brutal Rache nehmen an einer jungen Frau, die ihren Anführer bestohlen hat. Ihnen entgegen stellt sich nur der melancholische Polizist Joe Dupree. Aber er hat eine mächtige Verbündete, denn er bewahrt die Geheimnisse der Insel und weiß, dass deren Geister weitere Grausamkeiten nicht hinnehmen werden …

Das meint Krimi-Couch.de: »Psychopathenattacke auf die Insel der Geister« 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Dutch Island ist eine gar nicht so kleine Insel vor der Pazifikküste des US-Staats Maine. Knapp tausend Menschen leben hier und bilden eine geschlossene Gemeinschaft; für »Fremde« vom Festland ist es schwer Fuß zu fassen. Marianne Elliot kämpft als allein erziehende Mutter mit vielen Vorurteilen. Dennoch arrangiert sie sich, denn sie ist auf der Flucht vor ihrem Ex-Mann: Edward Moloch ist ein Psychopath, der sie voll irren Zorns sucht, seit sie sich mit Sohn Danny und viel Geld abgesetzt hat. Nach drei Jahren Haft ist Moloch gerade ausgebrochen. Mit sechs vertierten Killern zieht er auf der Suche nach seiner Familie und dem Geld eine blutige Spur durchs Land, während er sich Dutch Island bedrohlich nähert.

Dort beginnt Marianne gerade eine Beziehung mit dem depressiven Inselpolizisten Joe Dupree, genannt »Melancholie-Joe«. Der 2,15 m große Mann gehört einer der ältesten Familien von Dutch Island an. Er kennt und hütet die Geheimnisse der Insel, die einst »Sanctuary« – »Zuflucht« – hieß; ein wahrer Hohn, denn im Jahre 1693 hatten sich Siedler vom Festland auf die Insel zurückgezogen. Ein Verbannter aus den eigenen Reihen war zum Verräter geworden, hatte mit feindseligen Indianern paktiert und diese heimlich zur Siedlung geführt, die mit Mann & Maus ausgelöscht wurde.

Seither geht es um auf Dutch Island. Die Einheimischen wissen nichts Genaues und hegen ihre Unkenntnis sorgfältig. Belegt ist allerdings, dass die Geister der Insel von Gewalt magisch angezogen werden. Wer auf Dutch Island in dieser Hinsicht über die Stränge schlägt, schwebt in Lebensgefahr. Immer wieder verschwinden Säufer, Schläger und andere unerfreuliche Zeitgenossen spurlos im dichten Inselwald. Leider unterscheiden besagte Geister nicht zwischen Tätern und Opfern; sie fallen über beide her. Deshalb führt die Ankunft Molochs und seiner Spießgesellen zum Umkippen des sorgfältig austarierten Gleichgewichts und schließlich zur Katastrophe. Die Killer terrorisieren das Inselvolk und die Geister werden stärker und dreister, während ein Unwetter Dutch Island vom Festland und von jeder Hilfe isoliert …

Böse Männer & ebensolche Geister

Hannibal Lector X 7 in der Nacht der lebenden Toten: Auf sehr ungewöhnlichen Pfaden wandelt Thriller-Schwergewicht John Connolly, bekannt geworden durch seine hochklassigen Krimis um den Cop Charlie »Bird« Parker, indem er »sein« Genre mit der Phantastik mischt. So ungewöhnlich wie zunächst angenommen ist dies freilich nicht. Der Blick auf Connollys Website (www.johnconnollybooks.com) verrät, dass der Autor im angelsächsischen Leserraum auch Geistergeschichten veröffentlicht hat.

Nach eigener Aussage ist für ihn die »Reinheit« des Genres ohnehin nebensächlich. Eine möglichst spannende Geschichte möchte Connolly erzählen. Dafür ist ihm jedes Mittel Recht. Hier kann man ihm nur zustimmen, doch das Ergebnis wirkt trotzdem leicht unausgegoren. »Die Insel« ist zwar connollytypisch ein echter Pageturner, der indes einen ähnlichen Eindruck wie der Filmklassiker »From Dusk Till Dawn« hinterlässt: Zu einer Einheit wollen sich Diesseitiges und Jenseitiges nicht wirklich verbinden.

Die Story ist actionorientiert. Hintergründigkeit wird vor allem in der Figurenzeichnung (s. u.) suggeriert, bleibt aber Behauptung. Der Plot ist denkbar schlicht. Dass dies in der Regel nicht unangenehm auffällt, verdanken wir Connollys schriftstellerischem Geschick. Er kennt die Tricks, um sein Publikum bei der Stange zu halten. Erschreckende aber nie direkt geschilderte Gewaltszenen wechseln mit quasi dokumentarischen Einblicken in das Alltagsleben auf einer abgeschotteten Insel. Auch der Humor kommt nicht zu kurz; Connolly gelingen vor allem kurze, trockene Einzeiler (»In der Küche entdeckte er einen Stapel mit Fast-Food-Verpackungen, voll mit abgenagten Knochen jener winzigen Hühnchen, die Imbissketten auf irgendeinem verstrahlten Pazifikatoll züchteten ...« – S. 96)

Gelungener Rückgriff auf die lokale Historie

Während man sich an den Auftritt von Gespenstern erst allmählich gewöhnt, ist Connollys detailliert gestaltete Rekonstruktion der fiktiven Inselhistorie reizvoll. Nordamerika ist ein Land mit einer Geschichte, die mehr als genug gruselige Episoden für ebensolche Storys bietet. In Neuengland konnten die Ureinwohner den europäischen Einwanderern zumindest im 17. Jahrhundert durchaus Paroli bieten. Wilde, grausame, oft vergessene Dramen spielten sich in dem weiten Land ab, wobei beide Parteien sich an Grausamkeit nichts schuldig blieben. Diese Vergangenheit weiß Connolly als Kulisse zu nutzen. Echte Spukstimmung kommt auf, wenn die Verdammten von Dutch Island des Nachts ihr Unwesen treiben. Zusätzlich baut Connolly eine weitere Handlungsebene auf, wenn er die Ereignisse der Vergangenheit in denen der Gegenwart spiegelt: Ohne es zu wissen sind sowohl die toten als auch die lebenden Bewohner die Insel in einer Schleife gefangen, die zu einer Neuauflage des Massakers von 1693 auszuarten droht. Einige Beteiligte von damals mischen wieder mit, denn ihre Seelen kehrten nicht als Geister wieder, sondern reinkarniert in den Körpern verschiedener Figuren.

Baukasten-Bösewichte & angeknickte Helden

Wobei die Figurenzeichnung ohnehin dem hybriden Charakter des Werkes ausgiebig Rechnung trägt. Da haben wir u. a. einen melancholischen Riesen, sieben wahrlich böse Männer (obwohl eine Frau zu ihnen zählt, die allerdings eher Mannweib ist), eine einsame Mutter mit Kuckuckskind und viele böse Geister. Diese Aufzählung unterstreicht, dass sich der Krimifreund bei der Lektüre gewissen Herausforderungen stellen muss. Schon der Amoklauf von Moloch – welcher Name! – und seiner Natural Born Killers ist pure Übertreibung. Sie morden, vergewaltigen und verstümmeln voll angestrengter Bosheit, ohne dass sich das Gesetz blicken lässt. Als es dann endlich in Erscheinung tritt, manifestiert es sich in grotesker Gestalt.

Joe Dupree ist womöglich als zwiespältiger Charakter angelegt. Solche Tiefe verträgt »Die Insel« anders als Connollys Parker-Romane indes nicht. Duprees Riesengestalt und die ihm daraus erwachsenen Probleme wirken aufgesetzt. Der Riesenkörper verbirgt den üblichen Klischee-Cop mit goldenem Herzen und schwieriger Vergangenheit. Folgerichtig treffen wir auf Dutch Island auch sonst die üblichen kauzigen Verdächtigen, die gut aus einem der üblichen Stephen-King-TV-Filme – der Gruselkönig residiert bekanntlich in Maine – rekrutiert worden sein könnten.

Dazu gibt es nicht nur eine, sondern gleich zwei starke Frauengestalten. Auch hier gilt es zu relativieren. Sharon Macy gibt den weiblichen »Rookie« im Polizeigeschäft und muss sich im Kampf gegen zudringliche Männer und Kriminelle gleichermaßen behaupten. Marianne Elliot ist eine dieser vom Leben gebeutelten aber ungebrochenen Supermütter, die sich den Schrecken einer sorgsam verdrängten Vergangenheit stellen und gleichzeitig ihr Kind verteidigen ohne die Opferrolle wirklich zu verlassen.

Ganz und gar nicht Mitleid erregende Spukgestalten

Das gilt erfreulicherweise nicht für die Dutch-Island-Wiedergänger. Connolly geht von der Theorie aus, dass Geister verlorene Seelen sind, die ein gewaltsames Ende in ein Zwischenreich versetzte, wo sie ohne Gefühl für die verstrichene Zeit oder die Veränderung ihrer Umgebung dazu verdammt sind, automatengleich und sinnlos die Lebenden zu piesacken; ein seltsames, ungerechtes Schicksal, denn sie sind an ihrem Tod schließlich unschuldig. Aber unterlassen wir solche Fragen – sie sind in einem Roman wie diesem völlig unangebracht. Akzeptieren wir Connollys Geisterbild, so wirkt es überzeugend: Die Seelen der Siedler sind als unausgesprochene Bedrohung ständig präsent. Sie nähren sich von negativen Emotionen und treten ausgesprochen mitleidlos auf den Plan, wo diese freigesetzt werden: Connolly-Geister lassen sich nicht durch eine gute Tat erlösen. Sie sind und bleiben böse, wobei sie – ein gelungener Kunstgriff – aufgrund ihrer sonderbaren Natur für ihr Tun nicht verantwortlich gemacht werden können.

Was nicht für den Ullstein-Verlag gilt, der aus der deutschen »Insel«-Ausgabe eines dieser künstlich aufgeblasenen Paperbacks – Blindenschrift auf Serviettenpapier – gemacht hat, aus denen sich offenbar mehr Geld herausschlagen lässt als aus einem »normalen« Taschenbuch, das es auch getan hätte.

Ihre Meinung zu »John Connolly: Die Insel«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Kom_Ombo zu »John Connolly: Die Insel« 16.03.2011
Stellenweise hat mir dieses Buch Gänsehaut verursacht. Ich weiß nur nicht, ob es daran lag, dass mir kalt war oder daran, dass es schon ab und an ziemlich unheimlich war. :)

Im Großen und Ganzen kann man dieses Buch lesen. Mit anfänglichen Schwierigkeiten konnte ich dann doch reinfinden, fand nur das Ende etwas merkwürdig und mir fehlte noch ein wenig die Erklärung.

Unterhalten hat es und deshalb kann ich es auch weiterempfehlen!
_Francy_ zu »John Connolly: Die Insel« 04.03.2009
"Die Insel" war ebenfalls mein erstes Buch von John Connolly. Ich bin beeindruckt...

Anfangs war es ein wenig schwierig, einen Zusammenhang zwischen all den einzelnen Abschnitten zu finden, aber wenn man sich einmal durch die "ersten hundert Seiten" durchgelesen hat, ergibt irgendwann alles einen Sinn.

Die Mischung aus Action, Horror, Thriller, Abenteuerlust, aber auch ein Teil von Romantik machen dieses Buch wahnsinnig interessant.

Ich kann dieses Buch nur jedem weiterempfehlen.

Liebe Grüße, Franzi
mase zu »John Connolly: Die Insel« 12.06.2008
Der fast 30 Seiten lange Prolog hat mich sehr verwirrt und verunsichert, ob ich diesen Connolly überhaupt weiter lesen soll. Ich dachte ich würde King lesen. Natürlich ist King ein Guter, doch war ich auf Connollys „Bird-Qualitäten“ eingestellt.

Bis ca. Seite 130 habe ich mich dann durch scheinbar unzählige Handlungsstränge und scheinbar noch mehr auftretende Personen gekämpft, bis ich dann quasi Licht sah und eine Struktur im Buch erkennen konnte.

Wirklich glücklich wurde ich jedoch nie, da Connolly immer wieder einen Gang zurück schaltet. Nach einem spannenden Abschnitt, nimmt er das Tempo wieder raus, in dem er den Handlungsstrang wechselt. Normalweise ist das ein Pageturner Stilmittel, aber hier hat es mich gestört.

Ein Fazit fällt mir schwer. Dass Connolly schreiben kann ist klar. Hier sind teilweise spitzenmässige Abschnitte, teilweise langweilige und auch sinnlose enthalten.

Dem Fan der Charlie Parker Reihe, würde ich nicht unbedingt zu diesem Buch raten.

Durchschnitt.
Lellit zu »John Connolly: Die Insel« 28.10.2007
Dies war mein 1. Buch von John Connelly. Es war der Hammer. Habe noch nie ein spannderes Buch gelesen. Unheimlich spannend und mystisch.Mußte zwischendurch Pausen machen. Ich werde noch viel Connelly lesen, das steht fest. Tomatenschwärmer, wie originell. Und dann der Name Moloch, der aus der tiefsten Erde zu kommen schien. Toll. 90° von mir.
Bio-Fan zu »John Connolly: Die Insel« 28.09.2007
Der Ire John Connolly gehört für mich zu den ganz Grossen in der amerikanischen Krimilandschaft.Wie schon in seiner Charlie Parker-Reihe entwickelt Connolly auch hier Figuren und Szenarien,die Spiegelbild der amerikanischen Gesellschaft sind und es ist nicht die Welt der Schönen und Reichen. C. hat ein Faible für Menschen, die am Rande stehen und hier ist das auch räumlich dargestellt. Die Insel "Sanctuary" mit ihrer unheilvollen Geschichte ist der Ort, an dem alle Fäden(Handlungsstränge) zusammen laufen, wo es dann zum Showdown kommt.
Es fesselt nicht so sehr die Spannung, sondern die Konfrontation mit dem Bösen, von dem eine seltsame Faszination ausgeht.
Ich kann das Buch nur empfehlen.
Bastienne zu »John Connolly: Die Insel« 14.06.2007
Die Insel war auch mein erstes Connolly Buch und es hat mir sehr gut gefallen. Ich konnte es von der ersten bis zur letzten Seite nicht mehr aus der Hand legen. Mir gefiel die Gruselelemente durchaus und die Handlung ist auf jeden Fall immer mitzuverfolgen und spannend geschrieben.
ich kann das Buch auf jedenfall nur empfehlen!
Sandra Wypich zu »John Connolly: Die Insel« 19.04.2007
Dies war mein erstes Buch von John Connolly und garantiert nicht mein letztes, es ist super zum weglesen, sehr spannend. Ein etwas anderer Thriller, durch seinen Mystik-Touch hebt er sich von den schon vielgelesenen Rache-Gut-Böse-Thrillern ab.
Was mir noch aufgefallen ist, ich hab zwar nicht mitgezählt, aber es sind unglaublich viele Tote zu beklagen im Laufe der Story, das erinnert mich wirklich schon an Stephen King, einfach gnadenlos.
MI zu »John Connolly: Die Insel« 14.09.2005
wer von connolly "das schwarze herz"und "das dunkle vermächtniss" gelesen hat,wird wie ich davon enttäuscht gewesen sein , das er in diesem roman auf charlie,louis und angel verzichtet hat (charly wird kurz erwähnt ).für mich waren seine ersten beiden bücher mit dem tragischen helden charly parker ein großer gewinn in der crimescene!ich hoffe,das connolly nicht den (in meinen augen ) fehler macht und sich von seinen hauptfiguren abwendet und sie in der schublade verschwinden läßt.
lehane hat ( wiederum in meinen augen den gleichen fehlermit dem dynamischen duo patrick kenzie und angela gennarogemacht.wenn mann seine ersten romane gelesen hat,kann man "mystik river" (von der verfilmung mal abgesehen,aber welche verfilmung ist schon "gut"..)nur noch schwerlich schätzen!
ich erwarte mit spannung das neue buch von j.connolly und freue mich jetz schon auf den lesegenuss

greetings MI
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Christian Wilkens zu »John Connolly: Die Insel« 05.09.2005
Ich bin begeistert, John Connolly ist halt der würdige Nachfolger von Stephen King. Das Buch kann sich zwar nicht am Debüt(Das schwarze Herz ) messen, aber welches Buch kann das schon(außer Stephen Kings Desperation). Ich habe das neue (in tiefer Finsternis )am Wochenende angetestet und habe das Gefühl, wieder ein echtes Meisterwerk in den Händen zu haben. Habe zwar erst ein Drittel durch, ist aber meiner Ansicht nach besser als die Insel, was aber nicht abwertent gemeint ist. Hier kann man nur zwischen sehr gut und noch besser bewerten. John Connolly ist meiner Ansicht nach der beste Krimi -Autor außer jeder Konkurrenz.Zu Inhalten sage ich nichts, um niemanden den Spaß zu verderben.
Der einzige Schriftsteller, der Stephen King ebenbürtig ist.


Freundliche Grüße

Christian
Ihr Kommentar zu Die Insel

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: