Totes Zebra zugelaufen von John Ball

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1966 unter dem Titel The cool cottontail, deutsche Ausgabe erstmals 1967 bei Ullstein.

  • New York: Harper & Row, 1966 unter dem Titel The cool cottontail. 208 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin: Ullstein, 1967. Übersetzt von Mechthild Sandbergg. 160 Seiten.

'Totes Zebra zugelaufen' ist erschienen als

In Kürze:

Nur wer brav ist, kommt ins Paradies der kalifornischen Freikörper-Kolonie Sun Valley Lodge. Insofern war der Mann im Schwimmbecken gar nicht fehl am Platz, denn er sah sehr solide aus. Daß er außer Kontaktlinsen nichts am Leib trug, störte hier nicht weiter. Dennoch wurde sein Auftauchen fast der Nudisten Untergang.

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Krimi-Rezension von Stefan Heidsiek

Ein Jahr nach dem Edgar Award prämierten Kriminal-Debütroman In der Hitze der Nacht ließ John Dudley Ball seinen zweiten Band aus der Reihe um den schwarzen Detektiv Virgil Tibbs aus Pasadena folgen. Totes Zebra zugelaufen, so der deutsche Titel, brachte es hierzulande nur zu einer Veröffentlichung im Jahre 1967 beim Ullstein Verlag. Danach verschwand der Titel, wie auch die meisten restlichen Werke John Balls, komplett vom deutschen Büchermarkt. Selbst die Hoffnung, dass im Rahmen der Fischer Crime Classics Reihe einer der Bände eine Neuausgabe erfahren würde, währte schließlich, wie auch die Reihe selbst, nicht lange. Wer also gern heutzutage chronologisch die Fälle von Virgil Tibbs lesen möchte, muss weiterhin antiquarisch suchen. Aber diese Suche lohnt – ganz sicher.

Totes Zebra zugelaufen führt uns in die kalifornische Nudisten-Kolonie »Sun Valley Lodge« Mitte der 60er Jahre. Dort ist ein fremder Mann nackt im Schwimmbecken aufgefunden worden. An sich nichts Ungewöhnliches an diesem Ort, nur ist dieser »Badegast« tot und treibt mit dem Rücken nach oben. Ein Mord ist mehr als wahrscheinlich, wobei sich der Täter alle Mühe gegeben hat, eine Identifizierung zu erschweren, denn neben neben der Kleidung wurde ihm gleich auch noch das Gebiss entfernt. Nur soviel ist klar: Der Unbekannte ist kein Mitglied der Kolonie, sondern ein »Zebra«, Um die Hüften herum ist er weiß, sonst braun. Bei einem Nudisten fehlen diese Streifen. Ein mysteriöses Rätsel für den ortsansässigen Sheriff. Er zieht sogleich Virgil Tibbs von der Mordkommission zurate, der sich nicht nur aufgrund seiner Hautfarbe zwischen all diesen weißen Sonnenanbetern ziemlich fehl am Platz fühlt. Besonders die Nacktheit einer äußerst attraktiven Zeugin macht ihm sichtlich zu schaffen. Schnell kommt der sonst so kühle Denker ins Schwitzen, zumal die Suche nach der Identität der Leiche ebenfalls früh in einer Sackgasse zu enden scheint. Bis schließlich ein Landpolizist der kalifornischen Polizei einen wichtigen Hinweis gibt, und Tibbs damit auf die richtige Spur gebracht wird …

Nein, die Intensität und Wirkung des Erstlings erreicht Totes Zebra zugelaufen leider nicht. Ein überdurchschnittlich guter Krimi ist er aber dennoch, was gleich mehrere Gründe hat. John Ball beweist auch diesmal viel Mut und scheut sich nicht vor Konfliktthemen. Nachdem es sein Schützling Virgil Tibbs zuvor noch mit rassistischen Cops im kleinen Südstaatenkaff Wells zu tun hatte, sieht er sich nun anderweitig ausgegrenzt. Seine Hautfarbe ist dabei weniger von Belang, als vielmehr die Tatsache, dass er sich in Klamotten auf dem Gebiet der Nackten bewegt. Ball, selbst einen großen Teil seines Lebens lang Nudist, führt der Gesellschaft hier geschickt, pointiert und mit viel Witz der Gesellschaft ihr falsches Denken, vor, ohne groß die Moralkeule zu schwingen. Zwischen dem schwarzen Cop und den weißen Nudisten besteht, und das müssen beide Seiten schnell feststellen, eine schon fast ironische Gemeinsamkeit. Beide werden, der eine wegen der Hautfarbe, die anderen wegen ihres Lebensstils, ausgegrenzt. Dass Intelligenz, Kompetenz und Charakterstärke aber vom äußeren Schein unabhängig sind, kann Tibbs erneut brillant unter Beweis stellen.

Auffällig ist dabei hier, dass er sich der Unterstützung der ortsansässigen Polizei sicher sein kann, welche die Fähigkeiten des schwarzen Ermittlers schätzt und sich auch nicht schämt, ihre eigene Unkenntnis einzugestehen. Hier ist er nicht einfach nur Virgil, sonder Mr. Tibbs. Geachtet und geschätzt, nimmt er sich in bester Holmes-Manier des Falles an, wobei der Leser (wie die Leiche) direkt zu Beginn ins kalte Wasser geworfen wird. Ball hält sich nicht lang mit einer ausführlichen Einführung auf, sondern lässt den Detective mittels Deduktion und Kombinationsgabe wichtige Indizien noch am Tatort entschlüsseln. Während man selbst noch irritiert über Gründe und Motive rätselt, scheint Tibbs bereits sein Netz eng um den Täter zu ziehen. Es ist die große Stärke des Autors, die Genialität seines Ermittlers herauszustellen, obwohl der Leser, dem die gleichen Hinweise zur Verfügung stehen, völlig im Dunkeln tappt. Ob man will oder nicht. Staunend sieht man Tibbs bei der Arbeit über die Schulter. Und obwohl das Buch (das in der Fassung von Ullstein wohl wieder einige Kürzungen erfahren musste) gerade mal knapp 160 Seiten umfasst, und damit ein wenig mehr Umfang als eine Kurzgeschichte hat, fesselt der Plot von Beginn an. Ball überzeugt mit Sprachstil und detaillierten Beschreibungen, die das Kalifornien der 60er Jahre wieder auferstehen lassen. Krimikenner mit genauen Blick werden übrigens erkennen, dass sich hier eine gewisse Entwicklung vom klassischen »Whodunit« zum »Police Procedural« vollzieht, den vor allem Ed McBain seit Mitte der 50er aus der Taufe gehoben hatte.

Insgesamt ist Totes Zebra zugelaufen der würdige Nachfolger eines großartigen ersten Bands. Dessen Qualität wird zwar nicht ganz erreicht, aber der Roman unterhält mit einem intelligenten, sehr scharfsinnigen Plot und liefert neben dem eigentlichen Mordfall noch eine ganze Menge Tiefgang mit. Ein kurzes, aber lohnendes Lesevergnügen, das, zumindest derzeit, zu moderaten Preisen aus zweiter Hand zu bekommen ist.

Stefan Heidsiek, Mai 2010

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