Ruhe nicht in Frieden von Jørn Lier Horst

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel Felicia forsvant, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Rowohlt.
Ort & Zeit der Handlung: Norwegen, 1970 - 1989.

  • Oslo: Gyldendal, 2005 unter dem Titel Felicia forsvant. 278 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2006. Übersetzt von Anne Bubenzer. ISBN: 978-3-499-24209-0. 345 Seiten.

'Ruhe nicht in Frieden' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Straßenarbeiter in Larvik stoßen auf eine unter dem Asphalt vergrabene Leiche. Schnell stellt sich heraus, dass die Frau seit 1979 als vermisst gilt. Doch dann verschwindet ein junges Mädchen. Hängen die beiden Fälle zusammen? Kommissar William Wisting läuft die Zeit davon, denn der erste Fall verjährt in fünf Tagen …

Das meint krimi-couch.de: »Norwegischer Rätselkrimi mit weniger Tristesse als üblich« 68°

Krimi-Rezension von Eva Bergschneider

»Ruhe nicht in Frieden« (Originaltitel »Felicia forsvant«, »Als Felicia verschwand«) ist der erste deutsch übersetzte Kriminalroman des Autors Jørn Lier Horst. Der norwegische Kriminalkommissar plant eine 10 teilige Serie mit dem soliden und gewissenhaften Ermittler William Wisting als Hauptcharakter. Der Auftaktband zu dieser Serie ist leider nicht auf Deutsch erhältlich, er erschien mit dem Original-Titel »Nøkkelvitnet« und in Englisch als »Key Witness«.

Die inzwischen schon traditionsreichen Krimis aus dem skandinavischen Raum werden gern mit Attributen wie »eiskalte Morde« oder »Mord am Fjord« versehen, was auch darauf hindeutet, dass sie sich weniger durch aktionsgeladene Handlung, sondern eher durch subtile, psychologische Spannung und eine düstere Atmosphäre auszeichnen.

Der Leser darf gespannt sein, ob es diesem neuen norwegischen Autor gelingen wird, aus der Masse der skandinavischen Krimi-Autoren heraus zu stechen und seiner Reihe eine eigene Charakteristik zu geben.

Die gut versteckte Leiche der Felicia Natholm wird gefunden

Durch reinen Zufall wird, fast 25 Jahre nach ihrem Verschwinden, Felicia Natholm gefunden. Unter dem Asphalt einer Landstrasse finden Bauarbeiter einen Garderobenspind mit den Überresten der weiblichen Leiche. William Wisting, Kriminalhauptkommissar der norwegischen Kleinstadt Stavern, übernimmt die Ermittlungen. Er hat nicht viel Zeit, um diesen alten Fall aufzurollen und zum Abschluss zu bringen, denn in fünf Tagen läuft die Verjährungsfrist ab.

Felicia Natholm hatte vor 25 Jahren angeblich infolge von postnatalen Depressionen nach der Geburt ihres unehelichen Kindes Selbstmord begangen. Die Ermittlungen führte Josef Wrangsund, ein Polizist, dem später nahe gelegt wurde, sein Abschiedsgesuch einzureichen, da er mit Diebstählen in Verbindung gebracht wurde. Dennoch schien der Fall Felicia Natholm aufgelöst, denn ihr Fahrrad wurde in der Nähe einer hohen, gefährlichen Klippe gefunden.

Kurz darauf verschwindet Amalie Lund

Amalie Lund verschwindet einen Tag nachdem Felicia Natholms Leiche entdeckt wurde. Zu einem anderen Zeitpunkt, hätte man ebenfalls an einen Selbstmord geglaubt, denn die junge Frau hat sehr um ihren verstorbenen Vater getrauert, zudem ist ihre Mutter unheilbar an Krebs erkrankt. Synnøve und Alfred Lund hatten sie als kleines Mädchen adoptiert und wie ihr eigenes Kind aufgezogen.

Bevor Amalie verschwunden ist, hat sie sich mit ihrem Verlobten Richardt Borkmann über seine langen Arbeitszeiten gestritten, die der Job in der Firma seines Vaters von ihm verlangt. Sie verließ die gemeinsame Wohnung und machte sich auf den Weg zu ihrem künftigen Schwiegervater Jørgen Borkmann, kam aber nie dort an. Ihr letzter Weg führte sie auch an der Wohnung des Ex-Polizisten Josef Wrangsund vorbei, zu dem sie in letzter Zeit Kontakt aufgenommen hatte. Hat sie von ihm Hinweise auf ihre leiblichen Eltern erhalten? Wurde eine Ereigniskette in Gang gesetzt, die ein lange vertuschtes Verbrechen aufzudecken drohte?

Ein bodenständiger Typ und Ermittler mit Leib und Seele

Der norwegische Ermittler William Wisting ist geradliniger und unkomplizierter, als mancher seiner skandinavischen Kollegen, denn er ist weder ein eigenbrötlerischer Typ wie Hakan Nessers Van Veeteren, noch ein Schwerenöter, wie Henning Mankells Kurt Wallander.

Ganz besonders gut, kommt die Leidenschaft und der Stolz, mit der Wisting seinen Beruf ausübt, zur Geltung. In jeder Ermittlungsphase werden die heftigen Emotionen, die diesen sonst ruhigen Typen bewegen, deutlich: der Jagdinstinkt zu Anfang der Ermittlung, die Verzweiflung, wenn Zusammenhänge auf der Hand liegen und doch nicht greifbar sind, Besessenheit und mangelnde Umsicht, wenn eine Spur zum Täter führt. William Wistings Gefühlswelt zeigt deutlich, dass Jørn Lier Horst weiss, worüber er schreibt. Natürlich wird auch der Polizei-Alltag und die Teamarbeit realitätsnah vorgestellt, aber die emotionalen Momente des Hauptcharakters sorgen für eine besondere Authentizität.

Eine Herausforderung für begeisterte Rätsler

Die Konstruktion eines Rätselkrimis ist nahezu perfekt gelungen. Die Ähnlichkeit der beiden Fälle, die 25 Jahre auseinander liegen, ist so offensichtlich, dass es einen Zusammenhang geben muss und doch gibt es nur wenige stichhaltige Hinweise dafür. Das Leben der beiden jungen Frauen ist weitaus komplexer, als man auf den ersten Blick ahnt. Es gibt eine Reihe verdächtiger Personen und doch ist der Täter in einem sehr begrenzten Kreis zu suchen. Der Leser wird geködert, auf falsche Spuren geleitet und folgt dem Ermittler schliesslich in den Dunstkreis des Täters. Dabei erlebt er ganz unterschiedliche Stimmungen, mal aktionsgeladen und mal melancholisch, ganz ohne Schwermut geht es eben doch nicht. Schliesslich ahnt der Leser, welche Umstände zum Tod der Frauen führen mussten und wer der Täter ist. Und doch hält Jørn Lier Horst immer noch die ein oder andere überraschende Wendung in der Hinterhand.

Kult oder Standard?

Insgesamt ist »Ruhe nicht in Frieden«ein gelungener und unterhaltsamer Krimi. Mir stellt sich allerdings mal wieder die Frage, warum es den Verlagen nur so schwer fällt, einen passenden Titel nah am Original zu wählen.
Jørn Lier Horst setzt in seiner Reihe mit William Wisting durchaus eigene Akzente und überzeugt mit einem interessanten und glaubwürdigen Kriminalfall. Man merkt deutlich, dass sich der Autor an realen Geschehnissen orientiert hat, die über 1000 spurlos verschwunden Menschen in Norwegen sind Ausgangspunkt dieses Romans.
Die Profiltiefe der handelnden Personen in dieser Serie ist sicherlich noch ausbaufähig.

William Wisting wird als Hauptcharakter sehr glaubwürdig charakterisiert, auch seine Ehefrau Ingrid ist eine einprägsame Persönlichkeit. Die weiteren Figuren bleiben jedoch eher blass.

Die folgenden Bände werden zeigen, ob es Jørn Lier Horst schafft, aus Tätern, Opfern und dem Polizei-Team Individuen zu formen, wie es z.B. Hakan Nesser so überzeugend gelungen ist

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Torsten zu »Jørn Lier Horst: Ruhe nicht in Frieden« 28.06.2013
Ein wirklich gut konstruierter "Rätselkrimi", da stimme ich zu.
Die Tat(en) werden sorgfältig ausermittelt und nach vielen Sackgassen denkt man sich hinterher, dass man da auch selber und früher hätte d'rauf kommen können.
Auch wenn der Kommissar durchaus eigen Probleme hat und mit ihnen beschäftigt ist, ist er nicht so schwermütig melancholisch wie z.B. Wallander - allerdings auch nicht so tiefgehend und eindrucksvoll beschrieben. Wie auch viele Nebenfuguren wie Kollegen usw. eher blass bleiben. Das trübt aber das Lesevergnügen nicht wirklich.
Schade finde ich, dass man dem Buch deutlich anmerkt dass es nicht das erste der Reihe ist - das erste Buch aber leider nicht auf deutsch erschienen ist.
joerg66 zu »Jørn Lier Horst: Ruhe nicht in Frieden« 05.06.2008
Ich kannmich meinem Vorredner eigentlich nur anschließen. Auch ich fühlte mich hervorragend unterhalten, und habe mir sofort den zweiten Band besorgt und ebenfalls verschlungen.
Meiner Meinung nach ein tolles Debüt mit einem sympathischen Hauptdarsteller der ohne die typisch skandinavische Schwermut daherkommt
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Choe zu »Jørn Lier Horst: Ruhe nicht in Frieden« 05.12.2006
Ein gelungener Krimi, der einem gute Unterhaltung bietet. Ich finde dieses Buch weitaus spannender als Mankell und mit Nesser kann der Autor auch mithalten. Der Titel ist spannend aufgebaut und fesselt vom ersten Kapitel weg.
Nicht zu Empfehlen ist er für Fans von düsteren Krimis, denn meistens ist die Stimmung nicht trist und der Kommissar ertrinkt, trotz privaten und polizeilichen Tiefschlägen, nicht im Selbstmitleid und auch steitenlange beschriebe seines Seelenlebens bleiben dem Leser erspart.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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