Die Ehre des Scharfrichters von Joel F. Harrington

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 deutsche Ausgabe erstmals 2014 bei Siedler.

  • New York: Farrar, Straus & Giroux, 2013. 283 Seiten.
  • München: Siedler, 2014. Übersetzt von Norbert Juraschitz. ISBN: 978-3827500212. 415 Seiten.
  • München: btb, 2015. Übersetzt von Norbert Juraschitz. ISBN: 978-3-442-74973-7. 415 Seiten.

'Die Ehre des Scharfrichters' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch E-Book

In Kürze:

Unter Mördern, Dieben, Dirnen: Schuld und Sühne in der frühen Neuzeit

Frantz Schmidt tötete fast 400 Menschen, unzählige weitere hat er gefoltert oder verstümmelt Und doch war er am Ende seines Lebens ein angesehener Mann. Ungewöhnlich ist nicht nur der Lebensweg des Meister Frantz, der im 16 Jahrhundert in Nürnberg als Henker arbeitete, sondern auch, dass er Tagebuch schrieb. Der Historiker Joel Harrington hat dieses einmalige Zeugnis nun erstmals umfassend ausgewertet und gibt in seinem packenden Buch seltene Einblicke in das Leben, Denken und Fühlen der Menschen zu Beginn der Neuzeit.

Das meint Krimi-Couch.de: »Henker: (k)ein Job wie jeder andere« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Frantz Schmidt (1554-1634) wurde 1578 Henker der Reichsstadt Nürnberg. Schon seit dem 19. Lebensjahr hatte er sein schauriges Gewerbe vom Vater gelernt, der in Bamberg Todesurteile vollstreckte. Einige Lehr- und Wanderjahre schlossen sich an, bis »Meister Frantz« in Nürnberg Fuß fasste und es dort zu einem Vermögen aber nicht zu Ansehen brachte: Henker galten als zwar notwendige und nützliche aber ansonsten unheimliche und ehrlose Zeitgenossen, mit denen der »anständige« Bürger nichts zu tun haben wollte.

Schmidt begann bei Antritt seines Dienstes in Nürnberg ein Journal zu führen, das zu einer einmaligen historischen Primärquelle wurde. Zunächst listete er einfach auf, wen er wieso folterte, auspeitschte oder vom Leben zum Tode beförderte. In späteren Jahren wurde Schmidt ausführlicher. Er beschrieb, welche Verbrechen seine Delinquenten begangen hatten, reflektierte über ihre Taten und die von ihm ausgeführten Bestrafungen. Diese Aufzeichnungen zeugen von Schmidts Drang zur Rechtfertigkeit seiner Tätigkeit. Sie dienten ihm darüber hinaus als Belege für eine vorbildliche Arbeitsmoral und wurden wichtig, als er daran ging, eine Schande zu tilgen, die das Haus Schmidt seit des Vaters Zeiten bedrückt hatte: Dieser war ins Henkersamt gezwungen worden. Der mit dem Amt verbundene Ruf hatte automatisch die gesamte Familie ins soziale Abseits gestellt.

»Meister Frantz« wurde nicht nur ein vorzüglicher Foltermeister und Henker, sondern war auch ein Vorzeige-Bürger und bekannter Heilkundiger – zwei Pfunde, mit denen er wuchern konnte, als er nach 394 Hinrichtungen in den Ruhestand trat. Die späten Jahre des Frantz Schmidt waren durch seine Bemühungen geprägt, die Ehre der Familie wiederherzustellen – ein schwieriges, aus zeitgenössischer Sicht geradezu unerhörtes Vorhaben, das Frantz mit unermüdlichem Elan und Geschick vorantrieb.

Ein Job wie jeder andere?

Es ist ein schmutziger Job, aber einer muss ihn machen: So denkt man über NSA-Spitzel oder Kanalarbeiter aber auch über Henker – falls man über sie nachdenkt, denn (gerade) dort, wo die Todesstrafe galt oder gilt, verdrängt der Normalbürger lieber die Frage nach der moralischen Rechtfertigung einer Arbeitsbeschreibung, die juristisch legitimierten Mord beinhaltet. Statt sich mit dem Problem an sich zu beschäftigen, schließt man den Henker scheinheilig aus der so ehrenwert bleibenden Gesellschaft aus und meint die eigene Weste auf diese Weise fleckenlos halten zu können.

Dies schließt in der Regel die Vereinbarung ein, dass der Henker sein Werk verrichtet und sich ansonsten abseits hält. Besagte Gesellschaft zählt weiterhin darauf, dass er nicht darauf brennt, nach Feierabend von seinem Arbeitstag zu berichten. Mitmenschen, die auf entsprechende Infos brennen, mag ohnehin auch oder gerade ein Henker nicht unbedingt um sich haben.

Historiker sind deshalb oft auf Mutmaßungen angewiesen, wenn es darum geht, ein Henkerleben zu rekonstruieren und ins zeitgenössische Umfeld einzufügen. Dies gilt vor allem für die Scharfrichter früherer Epochen. Neuzeitliche Henker, die nicht mehr so strikt im sozialen Abseits standen, haben ihr Wirken mehrfach schriftlich festgehalten und kommentiert. Entsprechende Quellen aus älterer Zeit sind dagegen selten und besonders wertvoll. So wird die Freude, die Autor Joel Harrington über Schmidts Chronik in seinem Vorwort zum Ausdruck bringt, auch dem Laien verständlich.

Andere Zeiten, andere Sitten

Frantz Schmidt war ungeachtet seiner sozialen Ächtung eine wichtige Gestalt der Nürnberger Stadt- und Zeitgeschichte. Harrington beschränkt sich keineswegs auf ihn als Henker = schaurige Gestalt, sondern bettet Schmidts Vita in das historische Umfeld des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts ein. Aus dem unheimlichen Nachrichter wird ein im Rahmen der Umstände normales, aus dem Alltag nicht wegzudenkendes Rad im Getriebe der frühneuzeitlichen Gesellschaft Mitteleuropas.

Harrington gibt sich erfolgreich Mühe, eine dem heutigen Leser schwer zu vermittelnde Tatsache zu erläutern: Das Amt des Henkers war kein Relikt mittelalterlicher = »dunkler« Zeiten, sondern galt als Beleg für die neuzeitliche Reform einer Justiz, die lange auf Täter und Opfer zentriert war, Straftaten wurden quasi privat und entsprechend überlieferter Volksrechte geahndet. Die frühe Neuzeit war eine Ära absolutistischer Regenten, die u. a. auf eine einheitliche, von »oben« kontrollierte Rechtsprechung drängten. Wo sie wie in Nürnberg – einer freien Reichsstadt – unabhängig entscheiden konnten, schlossen sich dem auch Stadträte an.

Durfte bisher der Geschädigte nicht selten selbst einen Straftäter richten, wollte dies nunmehr die Obrigkeit übernehmen. Um dies in der Bevölkerung durchzusetzen, bedurfte es einer auch demonstrativen Justiz. Der Scharfrichter spielte hier eine wichtige Rolle, denn er übernahm nicht nur die Aufgabe, verurteilte Verbrecher dramatisch zu strafen oder sie hinzurichten. Auch in der Ermittlung nahm der Scharfrichter eine prominente Rolle ein, denn er musste Verdächtige »befragen«, was die Folter ausdrücklich einschloss – eine Folter, die ebenfalls streng reglementiert und vorgeschrieben war. Um 1600 galt dies als echter Fortschritt.

Die grau(sig)e Realität

Die Wahrheit sah anders aus, wie Frantz Schmidt sehr wohl wusste. Er war es, der Männer und Frauen foltern, ihnen Finger oder Ohren abschneiden, sie ertränken, verbrennen, aufhängen oder ihre Knochen mit dem Rad zerschlagen musste. Dass er sich dabei als unentbehrliches Mitglied eines Systems betrachtete, das er voll und ganz akzeptierte, und letztlich Gottes Willen erfüllte, half Frantz, sich mit den grausamen Aspekten seines Jobs abzufinden. Immer wieder schilderte er die Untaten seiner Delinquenten in grellen Farben, um zu verdeutlichen, dass sie ihr Schicksal selbst verschuldet hatten und somit bekamen, was sie verdienten.

Harrington unterzieht Schmidts Aufzeichnungen einer präzisen Analyse. Er schlüsselt sie nach den beschriebenen Verbrechen und Strafen auf und greift die persönlichen Angaben heraus, mit denen Meister Frantz die Delinquenten buchstäbliche Gesichter gab. Auf diese Weise entsteht ein Panorama alltäglicher Stadtgeschichte um 1600, denn auf die schiefe Bahn konnte damals wie heute jedermann und jede Frau geraten. Auch die Motive klingen vertraut. Die Unterschiede liegen in den Strafen, die aus heutiger Sicht bereits für Bagatelltaten übertrieben grausam ausfielen.

Nichtsdestotrotz nahm es Meister Frantz mit seiner Arbeit sehr genau – dies auch deshalb, weil er daraus die Legitimierung zu ziehen hoffte, die Ehre der Familie Schmidt wiederherstellen. Wiederum mag sein Vorgehen aus heutiger Sicht irritieren: Um der berufsbedingten Isolation zu entkommen, wurde Frantz Schmidt ein besonders guter Scharfrichter. Doch für die Zeitgenossen lag er damit richtig: Auch ein Berufs-Folterer und Mörder konnte gesellschaftlich aufsteigen, wenn er der Gemeinschaft vorbildlich diente.

Die Kehrseite der blutigen Medaille

Autor Harrington beschränkt sich nicht darauf, Frantz Schmidts als Henker zu beschreiben. Nachdem der alternde Scharfrichter in den Ruhestand trat, wurde er ein angesehener Heiler: Wer sonst kannte sich besser aus als er, wenn es darum ging, offene Wunden oder Verbrennungen zu behandeln? Schließlich hatte Frantz seinen Opfern solche Verletzungen während der Folter berufsmäßig selbst zugefügt und versorgt, denn der oder die Verurteilte sollten ihren Gang auf das Schafott gesund antreten …

Es bleiben Lücken, denn Schmidt führte zweckorientierte Aufzeichnungen und schrieb keine Autobiografie. Harrington zieht deshalb zusätzlich zeitgenössische Quellen und wissenschaftliche Erkenntnisse heran. Auf diese Weise vermag er viele Fragen zu beantworten, wobei er nie einen Hehl daraus macht, dass es sich hier um Wahrscheinlichkeiten oder Vermutungen handelt, die nicht als der (historischen) Weisheit letzter Schluss betrachtet werden sollen: Nachfolgende Forschergenerationen könnten Fakten zutage fördern, die Harrington widerlegen – im Detail, aber sicherlich nicht im Ganzen bzw. Wesentlichen.

Auch dem Laien dürfte die einfache und doch elegante (sowie sorgfältig übersetzte) Sprache gefallen, mit der Harrington sich eine manchmal trockene Materie zu Eigen macht. Die Ehre des Scharfrichters liest sich wie ein Roman, wobei man sich darauf verlassen darf, dass die Fakten der Realität entsprechen. Abseits jeglichen »Wanderhuren«-Schwulstes gelingt Harrington, was im Klappentext praktisch jedes schlechten Historienromans behauptet wird: Er lässt die Vergangenheit lebendig werden.

Den einzigen Schwachpunkt bilden zumindest in der Taschenbuch-Fassung die Abbildungen: Das Format der gebundenen Originalausgabe wurde stark verkleinert. Viele Illustrationen schrumpften dabei auf besseres Briefmarkenformat. Die Details verschwimmen, Texte lassen sich nicht mehr entziffern. Da dies jedoch kein Bilderbuch ist, lässt sich das verschmerzen.

Michael Drewniok, November 2015

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