Rotkehlchen von Jo Nesbø

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2000 unter dem Titel Rødstrupe, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: Norwegen / Oslo, 1990 - 2009.
Folge 3 der Harry-Hole-Serie.

  • Oslo: Aschehoug, 2000 unter dem Titel Rødstrupe. 459 Seiten.
  • München: Ullstein, 2003. Übersetzt von Günther Frauenlob. ISBN: 3-548-25544-2. 459 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 2004. Übersetzt von Günther Frauenlob. ISBN: 3-548-25885-9. 459 Seiten.
  • Berlin: List, 2008. Übersetzt von Günther Frauenlob. ISBN: 978-3-548-60836-5. 459 Seiten.
  • [Hörbuch] Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2011. Gesprochen von Achim Buch. gekürzt. ISBN: 3899034988. 6 CDs.

'Rotkehlchen' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Der Osloer Kriminalbeamte Harry Hole wird auf einen Posten beim Staatsschutz versetzt. Eines Tages erhält seine neue Dienststelle Informationen über eine südafrikanische Spezialwaffe, die nach Norwegen importiert wurde. Harry Hole nimmt sich der Sache an und findet bald heraus, dass der Käufer ein alter Mann sein muss. Alle Spuren weisen in die Vergangenheit, auf eine Gruppe von Kollaborateuren, die während des Zweiten Weltkriegs an der Seite der Nationalsozialisten gekämpft haben. Offenbar haben diese Kräfte ein Attentat auf den norwegischen Thronfolger geplant. Es gibt viele potentielle Täter, alte und neue Nazis, und Harry Hole muss sich in einen tiefen und beängstigend brodelnden Sumpf begeben, um diesen Fall zu lösen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Der rächende Attentäter gegen die überarbeitete Polizei« 95°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Oslo, Norwegen, kurz vor dem Millennium: Ein alter Mann hört vom Arzt sein Todesurteil. Aber er glaubt der Welt noch etwas schuldig zu sein, die ihn um eine glorreiche Zukunft betrogen hat. »Daniel« gehörte vor sechzig Jahren zu jenen Norwegern, die Hitlers Wahnideen verfielen. Für den fernen »Führer« ist er sogar in den Krieg gezogen, hat an der russischen Front Unbeschreibliches erlebt und durchlitten. 1945 stand er nicht auf der Seite der Sieger und wurde von seinen Landsleuten als Kollaborateur hart bestraft. Das hat er nie vergessen oder gar vergeben, und jetzt, da ihn die Krankheit bald umbringen wird, will er Rache nehmen und sich mit einem Donnerschlag aus dieser Welt verabschieden.

Einen Mordanschlag plant er; das Opfer steht rasch fest: Der norwegische Kronprinz soll fallen, das scheint Daniel nur angemessen.Zuvor will er einige andere offene Rechnungen präsentieren. Er nimmt Kontakt auf zur Neonazi- und Terroristen-Szene, die auch in Oslo in diesen Tagen erstarkt, und beschafft sich eine High-Tech- Attentatswaffe. Freilich erwächst dem verbitterten Attentäter unerwartet ein unkonventioneller Gegner.

Polizeiobermeister Harry Hole arbeitete bisher als Ermittler bei der Mordkommission seiner Heimatstadt. Er ist ein guter Ermittler mit einem desolaten Privatleben; ein mühsam trockener Alkoholiker, der von Depressionen geplagt wird. In den letzten Monaten hat seine Kollegin Ellen Gjelten viel für ihn getan, und auch der Chef hält seine schützende Hand über ihn, zumal es allmählich wieder aufwärts geht mit Hole.

Eine Verkettung unglücklicher Umstände führt dazu, dass Hole während eines Präsidentenbesuches zur Streckenüberwachung eingeteilt wird und dabei einen Agenten des US-Secret Service niederschießt. Ein peinlicher Zwischenfall, für den die Amerikaner die Verantwortung übernehmen. Um Presse und Öffentlichkeit abzulenken, wird Hole aus der Schusslinie genommen und durch Beförderung ruhig- und kaltgestellt. Man ernennt ihn zum Bezirksleiter beim polizeilichen Überwachungsdienst – ein Druckposten, der Hole nicht ausfüllt. Als ihm die Einfuhr einer Hochleistungswaffe gemeldet wird, die sich ideal für Attentäter eignet, geht er den spärlichen Spuren nach. Sie führen ihn nicht nur unter die neofaschistischen Möchtegern-Herren der Welt, sondern auch zurück in die dunkelsten Stunden seines Landes …

Eine trügerisch einfache Geschichte wird uns hier erzählt, die es freilich in sich hat. Was vergangen war, bleibt durchaus nicht immer vergeben und vergessen, solange die Zeitzeugen unter uns leben. Dass sie dies unauffällig, aber womöglich in größerer Zahl tun als uns dies normalerweise bewusst ist, kann Nesbø mit geschickt in die Handlung eingeflochtenen Anmerkungen immer wieder deutlich machen: In den Jahren des II. Weltkriegs starben deutlich mehr norwegische Kollaborateure als in den folgenden fünfeinhalb Jahrzehnten, lässt er zum Beispiel einen Geschichtsprofessor sagen. Noch sind sie also unter uns, die die Täter wie die Opfer der Nazi-Zeit.

Was dies bedeuten kann, spinnt Nesbø mit Rotkehlchen aus. Der rächende Attentäter gegen die überarbeitete Polizei – sehr klassisch, sehr effektiv, und das gilt besonders, wenn die daraus resultierende Geschichte so spannend wie hier erzählt wird. Sie springt immer wieder zwischen der Gegenwart des Jahres 2000 und den Jahren des II. Weltkriegs hin und her und konterkariert die seltsame Welt der vergessenen bzw. nach 1945 peinlich verdrängten »norwegischen Nazis« mit dem globalisierten 21. Jahrhundert, wo vieles anders, aber kaum etwas besser geworden ist.

Übrigens: Der merkwürdige Titel dieses Romans stammt aus der »Geheimsprache« der Weltkrieg II-Frontkämpfer; ein »Rotkehlchen« ist ein Gegner, dem man mit dem Bajonett in die Brust gestochen hat.

Gelungen wie die Handlung sind Verfasser Nesbø auch seine Protagonisten. Dabei klingt die Beschreibung des Harry Hole zunächst wie ein Kompendium sämtlicher Cop- Klischees: ein einsamer, gemütskranker Mann in einem Land, in dem es ständig regnet oder kalt ist. Aber man lasse sich nicht täuschen, Hole hat sehr viel mehr mit seinem schottischen Kollegen Rebus (von Ian Rankin) gemeinsam als mit dem ihm geografisch näher stehenden Kurt Wallander. Nesbø zwingt Hole nicht, das Elend dieser jammervollen Welt demonstrativ auf seinen Schultern zu tragen, sondern zeigt auch die eher komischen Seiten seines aus der Bahn getragenen Lebens. Das geschieht mit trockenem Witz, der indes nie auf die Kosten der überaus sympathischen Hauptfigur geht.

»Daniel« hat es da ungleich schwerer. Er steht stellvertretend für eine ganze Generation Verlorener, die eines der dunklen Kapitel der norwegischen Geschichte repräsentieren. Die »Quislinge« (dieser Ausdruck ist als Synonym für »Vaterlandsverräter« sogar in den deutschen Wortschatzt eingegangen), benannt nach Vidkun Quisling (1887-1945), dem von den Deutschen eingesetzten Marionetten- Regierungschef, der in Norwegen etwa die Rolle des französischen Generals Pétain übernahm (und ähnlich »beliebt« war), sind tatsächlich Hitlers Wahnideen verfallen; 7.000 von ihnen kämpften aktiv im II. Weltkrieg, wie Nesbø festhält. Wieso sie dies taten lässt sich erklären, aber schwer verstehen, und so wundert es nicht, dass sich die Norweger auch heute mit dieser Episode ungern auseinandersetzen: Auch außerhalb Deutschlands gibt es unbewältigte Vergangenheiten.

Nesbø versucht dies nun mit Daniel zu ändern. Das kann ihm natürlich nur bedingt gelingen, eben weil ein Individuum nicht für eine Gruppe stehen kann, aber im Rahmen eines erzählenden Werkes gelingt ihm doch eine eindrucksvolle Rekonstruktion. Die mit der Gnade der späten Geburt Gesegneten haben es immer leicht nachträglich zu urteilen, aber mit vielen Rückblicken auf Daniels Leben verdeutlicht Nesbø, dass man es sich so einfach nicht machen darf.

Daniels späte Demaskierung als multiple bzw. geistig gestörte Persönlichkeit hebt die Eindringlichkeit dieses Charakterbildes zwar später ein wenig auf, aber andererseits fördert es die Spannung: »Rotkehlchen« ist eben primär Thriller, und es ist erfreulich, dass der Verfasser dies nicht aus den Augen verliert!

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Semperidem zu »Jo Nesbø: Rotkehlchen« 17.12.2011
Der Roman ist sehr spannend und auch profund recherchiert, was die Historie anbelangt. Ich habe das "Rotkehlchen" als e-book gelesen. Was mir zumindest in dieser Version sehr störend auffiel, war die Unmenge an orthografischen Fehlern, häufig auch einfach "Drehern". Spart man sich der Verlag bei der e-book Version einen Lektorierungsdurchgang oder hat die Print-Version auch alle diese schaurigen Rechtschreibfehler?
Ulrich Leive zu »Jo Nesbø: Rotkehlchen« 27.10.2010
Für mich bedeutet Kritik vor allem auch zu loben, wenn mir etwas wirklich gut gefallen hat.
"Rotkehlchen" hat mir sehr gut gefallen!
Da ich Nesbo erst mit "Schneemann" und danach mit "Leopard" kennen gelernt hatte, mußte ich mich erstmal mit der diesem Autor eigentümlichen Komplexität vertraut machen. Man muß einfach große Strecken lesen, wenn man am Ball bleiben will.
"Rotkehlchen" gefällt mir bislang am besten. Die roten Fäden aus der Vergangenheit, die zeitlichen Sprünge, die psychologischen Konnotationen - alles wirkt gut gebaut und größtenteils sehr plausibel. Spannung ist permanent vorhanden und kandidelt nicht über.
Also: wenn mir soviel Gutes zu einem Krimi zu sagen einfällt, dann vergebe ich auch mal 100 Punkte!
Was will ich denn noch mehr von einem Thriller?
Einwandfrei, Herr Nesbo!
Buckowitz zu »Jo Nesbø: Rotkehlchen« 11.10.2010
Zum Kommentar von Jacek:
Guckst Du einfach Scharfschuetzengewehre unter Wikipedia, wirst Du finden viel Neues auch fuer Dich!
Aber davon einmal ganz abgesehen, selbst wenn Nesboe behaupten wuerde, er haette den Mond getroffen, es ist kein wissenschaftlicher Bericht, den wir lesen, sondern eine - mir zumindest- extrem gefallene fantasievolle und mitreissende Geschichte. Da darf Kommissar Hole von mir aus auch in Selbstverteidigung oder als Angriffstaktik mit einer Pfauenfeder jemanden totkitzeln...
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Buckowitz zu »Jo Nesbø: Rotkehlchen« 09.10.2010
Nesboe? Ein Buch von ihm gelesen und sofort suechtig geworden. Die Rezension oben sagte es schon, wer Ian Rankin kennt, wird um Jo Nesboe nicht herumkommen. Sehr eindringliche, intensive Charaktere, mitreissende und immer gut recherchierte Hintergruende, so dass neben dem Unterhaltungswert immer etwas fuer die Allgemeinbildung abfaellt. Es ist nur schade, dass es nach dem Leoparden keine weiteren Hole Thriller mehr geben wird (so eigentlich die zwingende Vermutung aus dem Epilog), um so mehr bin ich auf die weiteren Werke dieses ueberragenden Autoren gespannt, der mir schon manche durchlesene Nacht beschert hat.
- Genial!
Gabi09 zu »Jo Nesbø: Rotkehlchen« 22.09.2010
Mir hat dieses Buch gar nicht gefallen. Da ich "Schneemann" und dann der Leopard gelesen haben, waren meine Erwartungen wohl zu hoch. Mir gefällt auch diese Nazi-Geschichte gar nicht. Zu viele Zeitsprünge, zu politisch. Aber man merkt das Nesboe sich mit jedem Krimi mehr entwickelt. Der heutige Nesboe ist für mich das beste was im Moment auf dem Markt ist. Harry Hole allerdings finde ich, egal welche Rahmenhandlung es ist, absolut gelungen. Einfach mitreißend wie er dargestellt wird. Ich mag diese Art von Mensch, nicht glatt sondern mit ganz vielen Ecken und Kanten.
stefanz zu »Jo Nesbø: Rotkehlchen« 25.06.2010
Wieder ein wirklich lesenswerter Krimi von Jo Nesbo mit hervorragender Erzähltechnik. Eine spannende Geschichte, geschickt miteinander verknüpft, ergibt zumindest für mich, Lesevergnügen pur. Manchmal sind die Erzählungen in der Vergangenheit etwas verworren. Es kommt öfters zu Namensverwechselungen, so daß man leicht den Faden verliert und überlegen muss. Ansonsten wieder ein starker "Harry Hole", der mir ans Herz gewachsen ist.
Jacek zu »Jo Nesbø: Rotkehlchen« 06.06.2010
Mit Kaliber .30 - "auf 800 und mehr Metern noch gut gezielt schießen".
Das ist reinste Theorie. In der Wirklichkeit max. bis 300m genau. Man muss treffen eine Orange. Sicher.
Blaser ist sowieso Lach Nummer.

.338 Lapua Magnum muss man nehmen, um auf 800 m zielpräzise schissen. Und auf > 1000m einen Barrett cal. 50, oder .416 Barrett.

Das Problem ist, wenn Geschoss aufgrund von langer Flugbahn aus Überschallgeschwindigkeit in Unterschallgeschwindigkeit übergeht, und nicht mehr stabil fliegt.

Das Geschoss, als solche kann mehrere Kilometer weit fliegen, aber halt jedes Mal woanders.
Und kein Sniper will das.
0 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Dr.Dieter Rohnfelder zu »Jo Nesbø: Rotkehlchen« 26.01.2010
Ich finde die Geschichte sehr spannend und auch überzeugend erzählt. Die "Parallel-Erzählung" mit vielen Rückblenden in die 40er Jahre sist nötig, um die Motive des Attentäters verständlich zu machen. Ich hätte mir allerdings noch etwas mehr Informationen zu den Beweggründen der norwegischen Freiwilligen der Waffen-SS gewünscht - z.B.: welche konkreten Pläne hatte Stalin für Norwegen? Etwas konstruiert ist die (biblische) Urias-Geschichte: welcher SS-Mann gibt sich ein jüdisches Pseudonym?? Nicht richtg ist die Schilderung in der Kritik von Krimi-couch.de, "Urias" sei für seine Kollaboration mit den Nazis nach dem Krieg bestraft worden. Dieschlaue hat auch damit Recht, dass der Showdown am Schluss sehr an den "Schakal" erinnert. Den von Klaus P. aufgezählten "Waffenfehlern" kann ich noch hinzufügen, dass die auf S.295 der Taschenbuchausgabe erwähnte Pistole "Glock" (nicht: Gluck!) heißt. Trotzdem ein starkes Stück Krimi, und zu Recht der "Durchbruch" für Jo Nesbö in Deutschland. 92°.
dieschlaue zu »Jo Nesbø: Rotkehlchen« 04.01.2010
Leider hat mich das Buch nicht überzeugt. Dies lag wahrscheinlich hauptsächlich daran, dass mir der ermittelnde Komissar "Harry Hole" während des gesamten Romans nicht sonderlich ans Herz gewachsen ist. Seltsamerweise ist dies Mankell mit "Wallander" gelungen, obwohl die Charaktere durchaus Ähnlichkeiten aufweisen. Harry Hole ist für meinen Geschmack etwas zu depressiv, distanziert und emotionslos (sorry für alle, die ihn lieben...) Auch die Geschichte selbst hat mich nicht sehr gefesselt. Bei den meisten Krimi-Romanen kann ich es kaum abwarten zum Ende zu kommen - hier konnte ich das Buch getrost auch mal weglegen - für mich ein schlechtes Zeichen! Und das obwohl ich skandinavische Autoren meist sehr gerne lese!
dieschlaue zu »Jo Nesbø: Rotkehlchen« 04.01.2010
Die kurzen Kapitel fand ich zunächst klasse, da man so immer mal schnell reinlesen kann und nicht durchhalten muss, wenn einem vor dem Schlafen gehen die Augen zu fallen. Allerdings bewirken diese kurzen Abschnitte mit ihren zeitlich springenden Handlungssträngen auch, dass kein Fluss in die Geschichte kommt. Ich fand nur schwer Zugang und konnte mich oft nicht zum weiterlesen animieren. Dies rührt meiner Ansicht nach auch daher, dass die Story wenig spannend bzw. originell und vorhersehbar ist. Das Ende hat schließlich was von "Der Schakal" von Forsythe, nur dass es dort wesentlich besser geschildert wird.
Wie in einer anderen Rezension hier bereits erwähnt, hat auch Norwegen eine Vergangenheit, die in der NS-Zeit spielt. Das Thema muss meiner Meinung nach aber wirklich gut aufbereitet sein, um Interesse zu wecken, da es - wenn auch nicht in Bezug auf Norwegen - sehr oft Gegenstand von Krimis oder Thrillern ist. Einfach nur Eindrücke davon zu schildern, die nicht wirklich neu sind, und eine simple Attentatsgeschichte drüber zu legen, ist einfach zu wenig.

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