Tödliche Injektion von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 1987
unter dem Titel Lethal injection,
deutsche Ausgabe erstmals 1989
bei Nowatzki.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Texas, 1990 - 2009.
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Berkley: Black Lizzard Books, 1987 unter dem Titel Lethal injection.
ISBN:
0887390811. 153 Seiten.
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Berlin: Nowatzki, 1989.
Übersetzt von Gabriele Kunstmann.
ISBN:
3927734012. 146 Seiten. -
Berlin: Pulp Master, 2010.
Übersetzt von Angelika Müller.
ISBN:
978-3927734456. 175 Seiten.
'Tödliche Injektion' ist erschienen als
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In Kürze:
Als Gefängnisarzt von Huntsville, Texas, hat Dr. Royce die unangenehme Aufgabe, die Hinrichtung eines zum Tode verurteilten jungen Schwarzen medizinisch zu begleiten. Der Delinquent erscheint in Anbetracht seines Schicksals sonderbar unbeteiligt. Noch während das Gift in die Adern des jungen Mannes strömt, kommen Royce ernste Zweifel an dessen Schuld. Auf der Flucht vor seiner ruinierten Ehe zieht Royce gen Dallas los, um in den Elendsvierteln mehr über den Background des exekutierten Häftlings in Erfahrung zu bringen.
Das meint Krimi-Couch.de: »As the day stops dead at the place where we’re lost«
Krimi-Rezension von Jochen König überspringen
64 Seiten. So lange dauert es, bis Bobby Mencken hingerichtet ist, und der heruntergekommene Arzt Franklin Royce sich aufmacht, in Menckens Fußstapfen rückwärts zu gehen. Bis hin zu jener Tat, die Bobby vielleicht gar nicht begangen hat. Es wird eine infernalische Reise, die ihn aus einer kaputten Ehe, einer gescheiterten Karriere als Arzt, in ein dreckiges, kleines Schlupfloch voller Drogen, Sex und Verbrechen führt. Eine ménage à trois mit Bobbys Ex-Freundin, der ebenso verwüsteten wie begehrenswerten Colleen, und dem sinisteren Fast Eddie wird ihm eine Antwort auf die Frage liefern, ob Bobby unschuldig zum Tode verurteilt wurde. Doch ob sie ihm gefällt ist fraglich.
Tödliche Injektion ist wie ein scheinbar unaufhörlicher Treppensturz, der in einem finalen Orgasmus gipfelt. Obwohl – eigentlich beginnt er damit. Denn wie Jim Nisbet die letzten Augenblicke in Bobby Menckens Leben umreißt, wie er mit wenigen Worten nicht nur dem Verurteilten, sondern allen, die mit seiner Hinrichtung befasst sind, ein Profil gibt; sich mit Worten wie mit einer Kamera an das Innerste seiner Protagonisten herantastet, gehört zum besten, das in den letzten Jahrzehnten geschrieben wurde.
Insgesamt fünf Jahre hatte er sich dem Gestank anheimgegeben, der Monotonie, dem Scheppern und Starren und Stöhnen, der dreimal geatmeten Luft, den Schreien im Fegefeuer, den übelriechenden Fäulnisprozessen sich zersetzenden Fleisches und kaputter Därme, der verdammten Seelen, die Monat für Monat, Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt vorbeizogen, verwurzelt in einem steinernen Boden, dem keinerlei Nährstoffe innewohnten, in einer Atmosphäre, die kein Licht bot, in einer Welt ohne Hoffnung.
Franklins darauf folgende Höllenfahrt ist in ihrer extremen Selbstverständlichkeit gleichzeitig verstörend und nachvollziehbar. Schuld und Sühne auf dem Bahnhofsklo, wobei Franklin Royce sich eigentlich gar keiner Schuld bewusst ist, außer der, sein Leben einfach nur ertragen zu haben, anstatt sich dagegen zu wehren. Losgezogen mit hervorragenden Zukunftsaussichten, verliert er sich in einem Wust aus Verständnis, Mitleid und Desinteresse, verknäuelt zu einem dumpfen Schmerz, den er mit Alkohol betäubt. Geweckt wird er erst, als ihn Bobby »Mink« Mencken mit seinem vorletzten Atemzug zum Stellvertreter macht. Nachdem er mit einem letzten Aufbäumen dafür gesorgt hat, dass sein Tod wenigstens vor der Justiz seine Berechtigung hat. In wenigen Tagen taumelt Royce aus seinem Leben in eine verzweifelte Liebesgeschichte und wird zum betäubten Wiedergänger Menckens, um seine Unschuld zu herauszufinden und ihn zu sühnen. Dabei besitzt er weder die Stärke Bobbys noch dessen Charisma. Bis zu seinem Tod prägt »Mink« seine Umgebung. Dabei entgeht Nisbet der Gefahr, anders als Stephen King in »The Green Mile«, den zum Tode Verurteilten zum Heilsbringer zu stilisieren. Er ruht nur in sich selbst und strahlt eine Kraft aus, die sich auf andere überträgt. Selbst ein letzter Gewaltakt wird so zu einem zynischen Akt der Gnade.
Franklin Royce hingegen jagt Schatten. Die eines Lebens, das möglich gewesen wäre, wenn die Umstände entsprechend gewesen wären. Er hätte sie prägend beeinflussen können, doch versumpft in Selbstgerechtigkeit und –mitleid, während Bobby sie bewusst annimmt und mit einem Lächeln stirbt. Franklin wird ein Getriebener bleiben, egal was er entdeckt oder macht…
Immerhin findet er in Colleen Valdez die Muse seiner (Selbst)zerstörung, die ihm Schmerz, Liebe, Drogen, Verbrechen und Einblicke in die mögliche Wahrheit serviert. Schon ihre Physiognomie zwischen dem »Inbegriff der Schönheit« und krankheits-, bzw. suchtbedingter Verwüstung weist auf ihr Wesen hin: Colleen ist die Apotheose jener Frauenfiguren, die so vielen Männern wahre Sehnsuchtserfüllung und Untergang zugleich waren. Das so bedrohlich wie verführerisch glimmende Herz des Noir.
Das ist die Poesie der Hölle (mit Dank an Buddy Giovinazzo, Bruder im Geiste), die Extreme auslotet, die ihre Figuren an die dunkelsten Gestade ihrer Seele und Gelüste führt, um ihnen einen heißen, feuchten Schmatzer zu verpassen und sie anschließend mit einem wüsten Hieb auf die Bretter zu schicken. Auf solch einem Roman wird nie »Ein Texas-Krimi« stehen, weil keine Region mit so etwas in Verbindung gebracht werden möchte. Auch wenn Jim Thompson schon vor mehr als einem halben Jahrhundert gezeigt hat, dass Texas jenes Tor sein kann, an dem man jede Hoffnung fahren lassen muss. Jim Nisbet hat diese Lektion nicht nur gelernt, er führt sie formvollendet fort.
Du bist und bleibst offenbar für immer ein Phantomgenie, mein Freund, nur wenigen bekannt und von wenigen bewundert – aber die sind über die ganze Welt verstreut und insgesamt gar nicht mal so wenige. Über das Buch Tödliche Injektion will ich nicht viel sagen. Es ist ein Buch, das einen kaum Luft holen lässt, um einen Kommentar abzugeben. Ich sage nur, dass es auf seine Art perfekt ist.
Sandro Veronesi in seinem Vorwort zur italienischen (und deutschen) Ausgabe. Er hat recht. Aber am ersten Teil der Aussage kann man etwas ändern…
Jochen König, Juni 2011
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