Ticket nach Tanger von Jenny Siler

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel Flashback, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Fischer.

  • New York: Henry Holt, 2004 unter dem Titel Flashback. 259 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2006. Übersetzt von Susanne Goga-Klinkenberg. ISBN: 978-3-596-16594-0. 320 Seiten.

'Ticket nach Tanger' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Eve wurde mit einer Schusswunde im Kopf von einer Gruppe von Benediktinerinnen an einer Landstraße in Frankreich gefunden. Sie weiß nicht, wer sie ist und kann sich an nichts erinnern. Ihr einziger »Ausweis« ist eine mit arabischen Buchstaben bekritzelte Schiffsfahrkarte. Als die Nonnen, die sie für ein Jahr beherbergt haben, alle brutal massakriert werden, erfährt Eve, dass sie mächtige Feinde hat. Auf den Spuren ihrer Vergangenheit reist sie nach Marokko – ihren Verfolgern immer nur einen Schritt voraus. Jenseits des Klosters fallen ihr merkwürdige Dinge auf, unter anderen ihre Fähigkeit zum Einsatz von Gewalt und ihre Vertrautheit mit Waffen. War sie eine Spionin? Wer ist der sterbende Mann in ihren Albträumen? Während Eve nach Gewürzen duftende Basare und schicke Nachtclubs absucht, muss sie herausfinden, wer hinter ihr her ist und warum – bevor es zu spät ist.

Das meint Krimi-Couch.de: »Extralob für Schauplätze und Schnitzeljagd« 72°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Manchmal kann man bei Kriminalromanen den Eindruck gewinnen, neben Diabetes, grippalen Infekten und Schnupfen gäbe es eine weitere Volkskrankheit: retrograde Amnesie. Gerade dieser Gedächtnisverlust wird immer wieder von Autoren zu einem Hauptmotiv ihrer Krimis erwählt. Die Suche nach einem kriminellen Hintergrund einer Tat kann so gepaart werden mit der Suche nach der eigenen Identität des Ich-Erzählers. Und weil dieses Motiv schon so oft durch den Kakao gezogen worden ist, scheitern die meisten Versuche, auf diesem Krankheitsbild noch einen unterhaltsamen Krimi aufzubauen.

Soviel vorab: Jenny Siler ist es mit »Ticket nach Tanger« gelungen, eine Ausnahme unter den vielen amnestischen Romanen zu schreiben. Ihre Heldin – ihren Namen hat sie natürlich vergessen, aber sie wird mitunter Eve genannt – wurde angeschossen in einem französischen Straßengraben gefunden und in einem nahen Nonnenstift wieder aufgepäppelt. Ein Jahr lebt sie dort, ohne Erinnerung an ihr vorheriges Leben zu finden. Und dann passiert unfassbares: während Eve in der nahen Stadt bei ihrem Psychiater ist, werden alle Nonnen bis auf eine von erbarmungslosen Killern niedergemetzelt. Die einzige Überlebende kann Eve verraten, dass die Mörder einzig und allein hinter ihr, der Frau ohne Gedächtnis, her waren. Eves Suche nach der eigenen Vergangenheit beginnt von diesem Moment an und sie fährt mit der Fähre nach Tanger in Marokko, da das einzige, was sie seinerzeit bei sich hatte, ein Ticket für die Fähre aus Tanger war. Dort angekommen merkt sie, dass sie offenbar so manchen Leuten vor Ort gut bekannt ist – besser als ihr lieb sein kann, denn ihr Leben ist bald wieder gefährdet.

Kommen wir ohne Umschweife zum Wesentlichen: der Roman ist gut und hat eigentlich nur 2 Schwächen, nämlich das Ende und dadurch bedingt rückblickend auch der Anfang. Jenny Siler hat sich einen spannungsgeladenen und temporeichen Thriller ausgedacht, der zwischen den Kasbahs und Basaren des nordwestlichen Afrikas eine Jagd nach der eigenen Identität beschreibt. Dabei versteht es die Autorin, die geheimdienstlichen Aktivitäten der USA im Orient mit sehr kritischem Blick zu beleuchten und anzuprangern. Sie spielt ebenfalls gut mit der typisch amerikanischen Thrillerfrage, welcher Person man sich anvertrauen darf und welcher nicht. Genau dadurch schafft sie nämlich einige unterhaltende Situationswendungen und Überraschungen.

Doch bei aller Erwartungshaltung, die die Autorin dadurch aufbaut, verlässt sie im Finale der Mut, hier ebenfalls eine politische Auflösung zu präsentieren. Das Finale ist ein Ultraweichspüler, der nach den vielen guten Kapiteln Erstaunen und Unverständnis provoziert. Und durch dieses Finale wird irgendwie die Metzelei im Kloster, bei der eine Nonne nach der anderen abgeschlachtet wurde, zu einer fad schmeckenden Angelegenheit, die die rechte Glaubwürdigkeit plötzlich vermissen lässt.

Immerhin schafft es Jenny Siler, ihrer Protagonistin durch die stetige Auseinandersetzung mit sich selbst, ein mit jedem Kapitel schärfer werdendes Profil zu geben. Zwar hat man zwischendurch bei den Selbstreflexionen an einem jeden Kapitelanfang auch schon mal das Gefühl, genau so etwas kurz zuvor schon einmal gelesen zu haben, aber unter dem Strich sammelt Eve mit jedem neuen Tag weitere Erkenntnisse über sich selbst. Hierin kann Siler insgesamt überzeugen.

Wofür sich die junge Autorin aber ein Extralob verdient hat, sind die Schauplätze ihrer Schnitzeljagd. Egal ob marokkanische Hotels, Zugabteile, die Kasbah oder ein Casino, in jedem Kapitel versteht es Siler, die spezifische Atmosphäre eines einzelnen Schauplatzes individuell zu vermitteln. Somit wird »Ticket nach Tanger« auch zu Liebeserklärung an das Marokko, wie Touristen (bzw. amerikanische Geheimagenten) es zu Gesicht bekommen. Und die ein oder andere Jagd über Hinterhöfe oder durch die engen Gassen bekommt erst durch die gute Beschreibung der Lokalitäten ihre spezielle Würze.

Wenn nur das Ende nicht wäre …So bietet der Roman spannende Unterhaltung und ist wirklich einer der wenigen Romane mit einem unter retrograder Amnesie leidenden Helden, der insgesamt als gelungen zu bezeichnen wäre. Aber bei dem gegebenen Ende muss man der Autorin einfach vorwerfen dürfen, das eigentlich mehr drin gewesen wäre. Tja, wenn das Ende nicht wäre …

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Juristan zu »Jenny Siler: Ticket nach Tanger« 30.10.2009
Wertung: 30°

Die Autorin kann sehr gut beschreiben,und zwar Städte,Regionen,Schauplätze,von Marrakesch bis Bratislava,und zwar ausgezeichnet.
Sie kann aber keine Geschichte erzählen.
Die Story beginnt verheissungsvoll: Eine Frau,die Monate zuvor mit einer Kugel im Kopf,deshalb ohne jegliche Erinnerung ist,lebt in einem Kloster bei Lyon.Eines Nachts werden alle Nonnen ausser einer umgebracht,offenbar wegen der "Geheimnisvollen".Die Mörder waren angeblich eine Profitruppe,haben aber übersehen,dass das eigentliche Opfer am Mordabend beim Arzt war,die waren dann so enttäuscht,dass sie ohne zu warten abgehauen sind.Die Frau lässt sich von vagen Erinnerungsbildern und einem Fährticket nach Nordafrika treiben,wo sie zwar wenig erfährt,weil ihr jeder was anderes erzählt,sie wird aber ständig verfolgt,bedroht und mit Ereignissen der Vergangenheit konfrontiert.Die Storyst total wirr,hat ein völlig banales Ende,es wird kein Faden aufgenommen und aufgewickelt,der Leser ist gegen Ende genauso schlau wie am Anfang.
Und dann noch der Gipfel:Ein kleines Kind glaubt,dass seine Mutterv tot ist.Die lebt aber und schleicht heimlich um das Kind herum,will sich nicht zu erkennen geben,um das Kind nicht zu erschrecken und zu belasten...
Bibliophagos zu »Jenny Siler: Ticket nach Tanger« 31.08.2009
Vorab die WERTUNG: 40 Grad.

1.) Wie ist der AUFBAU des Buches?
Der Schreibstil ist sicher und mit Sorgfalt struktuiert. Kurzweilig geschrieben.

2.) Was ist GUT?
Das Buch liest sich leicht.

3.) Was ist SCHLECHT?
Durchschaubare Story, 1-dimensionaler Handlungsstrang, zu viele gewollte Zufälle.

4.) GESAMTURTEIL
Besser nicht lesen, das Buch ist zu schwach, zu seichte Kost. Leider enttäuschend.
Carmen Wöhler zu »Jenny Siler: Ticket nach Tanger« 01.05.2009
Ich denke es gibt bessere und schlüssigere Krimis, das Ende ist wirklich nicht sehr passend. ABER: Der Ort, an dem das ganze spielt macht den besonderen Reiz aus. Wer einmal in Marokko war und gerne in ander arabische Länder reist, wem das bunte Treiben auf Märkten gut gefallen hat, dem sei dieses Buch wirklich empfohlen! Es fängt die unglaubliche Stimmung von Märkten, Altstädten und von Ort-zu-Ort-Reisen in diesen Ländern phantastisch ein. Darüberhinaus habe ich schon schlechtere Krimis gelesen.
Anja S. zu »Jenny Siler: Ticket nach Tanger« 20.11.2006
nun ja, nun ja...dieses Buch liefert einige Stunden nette Unterhaltung, aber mehr auch nicht. Besonders das Ende passt wirklich nicht zum Rest des Buches. Muss man nicht unbedingt lesen, ist aber auch kein Aergernis.
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