Todesreigen von Jeffery Deaver

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

deutsche Ausgabe erstmals 2003 .

  • New York: Simon & Schuster, 2003 Twisted. Übersetzt von Stefan Lux. 383 Seiten.
  • München: Goldmann, 2005. Übersetzt von Stefan Lux. ISBN: 3-442-45942-7. 480 Seiten.

'Leseprobe' ist erschienen als Taschenbuch

ISBN 3-442-45942-7, 480 Seiten. Copyright © 2005 Verlagsgruppe Random House

Leseprobe

Aus dem Amerikanischen von Stefan Lux

Einleitung

Meine Erfahrungen mit der Form der Kurzgeschichte reichen weit zurück in die Vergangenheit. Ich war ein schwerfälliger, pummeliger, im Umgang mit anderen unbeholfener Junge ohne jede sportliche Begabung. Wie es zu solch einem Kind passt, fühlte ich mich zum Lesen und Schreiben hingezogen, vor allem zu Kurzgeschichtenautoren wie Poe, O. Henry, A. Conan Doyle und Ray Bradbury, und nicht zuletzt auch zu einem der großartigsten Foren für kurze Erzählungen mit überraschenden Schlüssen, die es in den letzten fünfzig Jahren gab: The Twilight Zone. (Kein Fan dieser Fernsehserie soll versuchen, mir zu erzählen, er würde keine Gänsehaut bekommen, wenn er sich an das berühmte Rezeptbuch für den mitmenschlichen Umgang erinnert, To Serve Man.)

Wann immer ich mich auf der Junior High School mit der Aufgabe konfrontiert sah, selbst einen Text zu schreiben, versuchte ich es unweigerlich mit einer Kurzgeschichte. Damals schrieb ich allerdings keine Detektiv- oder Science-Fiction-Storys, sondern schuf voll jugendlicher Anmaßung mein eigenes Subgenre: Fast alle Geschichten handelten von schwerfälligen, pummeligen, im Umgang mit anderen unbeholfenen Jungen, die Cheerleader und Pompom-Girls aus gleichermaßen spektakulären wie unwahrscheinlichen Gefahren retteten, zum Beispiel bei den gewagten Bergsteigerabenteuern meiner Helden (die sich peinlicherweise in unmittelbarer Nähe meines Heimatortes Chicago abspielten, wo Berge bekanntermaßen durch Abwesenheit glänzen).

Diese Erzählungen riefen bei meinen Lehrern genau jenes Maß an Verzweiflung hervor, das man von Menschen erwarten durfte, die Stunden um Stunden damit verbracht hatten, uns den gesamten Pantheon literarischer Superstars als Vorbilder nahe zu bringen. (»Lass uns etwas Besonderes schaffen, Jeffery« – das Sechzigerjahre-Pendant zum heutigen:»Denk außerhalb der Kategorien.«) Zum Glück für ihre geistige Gesundheit und meine Autorenkarriere blieben diese von Unsicherheit geprägten Ergüsse eine Episode, die ich relativ schnell hinter mich brachte, um mich ehrgeizigeren schriftstellerischen Ambitionen zuzuwenden; dieser Weg hat mich zur Poesie, zum Songschreiben, zum Journalismus und schließlich zu Romanen geführt.

Obwohl ich weiterhin mit großem Vergnügen Kurzgeschichten las – in Ellery Queen, Alfred Hitchcock, Playboy (einer Publikation, die angeblich auch Fotos enthält), dem New Yorker und in Anthologien -, schien ich keine Zeit mehr zu haben, selbst welche zu schreiben. Erst einige Jahre später, als ich meinen Brotberuf aufgab, um ausschließlich als Schriftsteller zu arbeiten, bat mich ein Autorenkollege, der gerade eine Anthologie mit unveröffentlichten Geschichten zusammenstellte, zu diesem Band einen Text beizutragen.

Warum nicht?, sagte ich mir und legte los. Zu meiner Überraschung entpuppte sich die Arbeit als absolut erfreuliche Erfahrung – und zwar aus einem Grund, mit dem ich nicht gerechnet hatte. In meinen Romanen nämlich halte ich mich strikt an die Konventionen; auch wenn ich es liebe, das Böse zunächst als gut erscheinen zu lassen (und umgekehrt) und gegenüber meinen Lesern mit der Möglichkeit eines katastrophalen Ausgangs zu spielen, bleibt am Ende das Gute doch gut und das Böse böse. Und mehr oder weniger konsequent setzt sich das Gute durch. Schriftsteller haben einen Vertrag mit ihren Lesern, und ich würde es mir nicht erlauben, sie ihre Zeit, ihr Geld und ihre Gefühle in einen langen Roman investieren zu lassen, um sie am Ende mit einem trostlosen, zynischen Schluss zu enttäuschen. Bei einer dreißigseitigen Kurzgeschichte dagegen gelten keine Regeln.

Die Leser investieren nicht im gleichen Maße ihre Gefühle wie bei einem Roman. Der Witz bei einer Kurzgeschichte liegt nicht in einer Achterbahnfahrt voller überraschender Wendungen, in die Figuren verwickelt werden, über die der Leser mit der Zeit einiges erfahren hat und die er liebt oder hasst; es geht auch nicht um spezielle Schauplätze mit sorgfältig beschriebener Atmosphäre. Kurzgeschichten sind wie die Kugeln eines Heckenschützen. Schnell und vernichtend. In solch einer Geschichte kann man aus dem Guten Böses und aus dem Bösen noch Böseres machen, und was am meisten Spaß macht: aus wirklich Gutem wirklich Böses.

Unter handwerklichen Gesichtspunkten schätze ich die Disziplin, die Kurzgeschichten erfordern. Wie ich vor Studenten in Schreibkursen immer wieder betone, ist es viel leichter, lange Texte zu schreiben als kurze. Aber natürlich geht es hier nicht darum, was leicht für den Autor ist; es geht immer darum, was am besten für den Leser ist, und bei Kurzgeschichten können wir uns nicht die geringste Nachlässigkeit leisten.

Schließlich ein Wort des Dankes an alle, die mich ermutigt haben, diese Erzählungen zu schreiben, allen voran Janet Hutchings und ihr unschätzbares Ellery Queen Mistery Magazine, dessen Schwesterpublikation Alfred Hitchcock, Marty Greenberg und das Team von Teknobooks, Otto Penzler und Evan Hunter.

Die nachfolgenden Erzählungen sind ziemlich unterschiedlich. Die auftretenden Figuren reichen von William Shakespeare über brillante Anwälte bis hin zu raffinierten Betrügern, verachtenswerten Mördern und Familien, die man bestenfalls als gestört bezeichnen kann. Eine Story mit Lincoln Rhyme und Amelia Sachs, »Das Weihnachtsgeschenk«, habe ich eigens für diesen Band geschrieben. Und vielleicht fällt Ihnen ja die Geschichte der Rache eines Sonderlings auf, eine – wenn ich das sagen darf – verdrehte Reminiszenz an meine Anfänge als pubertierender Schreiber. Leider kann ich, wie bei den meisten meiner Werke, nicht viel mehr sagen, weil ich fürchte, sonst Hinweise zu geben, die manche Überraschung verderben. Vielleicht ist es am besten, einfach zu sagen: Lesen Sie, genießen Sie …und denken Sie immer daran, dass nicht alles so ist, wie es zu sein scheint.

J.W.D.

Ein Leben ohne Jonathan

Marissa Cooper bog auf die Route 232, die sie von Portsmouth ins dreißig Kilometer entfernte Green Harbor führen sollte. Sie dachte daran, dass dies genau die Straße war, die sie und Jonathan tausendmal zum Einkaufszentrum und zurück benutzt hatten, beladen mit notwendigen Dingen, albernem Luxus und gelegentlichen Schätzen.

Die Straße, in deren Nähe sie ihr Traumhaus gefunden hatten, als sie vor sieben Jahren nach Maine gezogen waren. Die Straße, die sie im letzten Mai auf dem Weg zur Feier ihres Hochzeitstags genommen hatten. Heute allerdings führten all diese Erinnerungen nur zu einem einzigen Punkt: einem Leben ohne Jonathan.

Die Sonne im Rücken, steuerte sie den Wagen durch die trägen Kurven und hoffte, diese schwer zu ertragenden – aber hartnäckigen – Gedanken loszuwerden. Denk nicht darüber nach! Schau dich um, sagte sie sich. Schau dir die wilde Umgebung
an: die purpurfarbenen Wolkenscheiben über den – teils goldenen, teils blutroten – Ahorn- und Eichenblättern. Schau dir das Sonnenlicht an, ein leuchtendes, über den dunklen Pelz aus Schierling und Kiefern drapiertes Band. Und die absurde Reihe von Kühen, die sich wie Pendler im Feierabendverkehr auf den Weg zur Scheune gemacht hatten. Und die würdevollen weißen Türmchen eines kleinen Dorfes fünf Meilen abseits der Landstraße. Und schau dich selbst an: eine dreiundvierzigjährige Frau in einem kraftvollen silbernen Toyota, die mit hoher Geschwindigkeit einem neuen Leben entgegenfährt.

Einem Leben ohne Jonathan.

Zwanzig Minuten später erreichte sie Dannerville und musste an der ersten der beiden Ampeln der Stadt bremsen. Den Wagen im Leerlauf und die Kupplung durchgetreten, schaute sie nach rechts. Bei dem Anblick, der sich ihr bot, machte ihr Herz einen kleinen Satz.

Es war ein Laden, der Boots- und Angelzubehör verkaufte. Sie hatte im Schaufenster eine Anzeige bemerkt, die Hilfe bei der Wartung von Schiffsmotoren versprach. In diesem küstennahen Teil von Maine hatte man ständig mit Booten zu tun. Sie zierten Touristenzeichnungen und Fotos, Kaffeebecher, T-Shirts und Schlüsselanhänger. Und natürlich gab es sie tausendfach in der Realität: Schiffe auf dem Wasser, auf Autoanhängern und Trockendocks oder in Vorgärten – die Neuengland-Variante der aufgebockten Pickups im ländlichen Süden.

Was sie allerdings heftig getroffen hatte, war der Umstand, dass auf der Anzeige ausgerechnet ein Chris-Craft abgebildet war. Ein großes Boot, vielleicht elf oder zwölf Meter lang. Genau wie Jonathans Boot. Sogar fast identisch: die gleichen Farben, der gleiche Aufbau. Er hatte es vor fünf Jahren gekauft. Und obgleich Marissa gedacht hatte, sein Interesse daran würde abflauen (wie bei allen Jungen, die ein neues Spielzeug bekommen), hatte er ihr genau das Gegenteil bewiesen und beinahe jedes Wochenende auf dem Meer verbracht. Er war die Küste auf und ab gefahren und hatte geangelt wie ein alter Deckshelfer auf einem Dorschkutter. Seinen stolzesten Fang brachte ihr Ehemann dann jedes Mal mit nach Hause, wo sie ihn reinigte und kochte.

Ah, Jonathan …

Sie schluckte heftig und atmete langsam ein, um ihr hämmerndes Herz zu beruhigen. Sie...
Ein Hupen hinter ihr. Die Ampel hatte auf Grün umgeschaltet. Sie fuhr weiter und versuchte verzweifelt, ihre Gedankenvon den Umständen seines Todes abzulenken: Das Chris-Craft, das unsicher im turbulenten Grau des Atlantiks schaukelte. Jonathan über Bord. Mit seinen Armen möglicherweise verzweifelt winkend, seine panische Stimme vielleicht um Hilfe rufend.

Oh, Jonathan …

Marissa passierte Dannervilles zweite Verkehrsampel und setzte ihren Weg Richtung Küste fort. Im letzten Sonnenlicht konnte sie vor sich den Saum des Atlantiks erkennen, all das kalte, mörderische Wasser. Das Wasser, das verantwortlich war für ihr Leben ohneJonathan.

Dann sagte sie sich: Nein. Denk lieber an Dale. Dale O’Bannion, der Mann, den sie in Green Harbor zum Abendessen treffen würde. Das erste Mal nach langer Zeit, dass sie sich mit einem Mann verabredet hatte. Kennen gelernt hatte sie ihn durch eine Anzeige in einer Zeitschrift. Sie hatten einige Male telefoniert, und nach einigem Hin und Her auf beiden Seiten hatte sie sich sicher genug gefühlt, um ihm persönlich zu begegnen. Sie hatten sich aufs Fishery geeinigt, ein beliebtes Restaurant am Kai. Dale hatte das Oceanside Café erwähnt, das tatsächlich die bessere Küche bot, doch das war Jonathans Lieblingsrestaurant; dort konnte sie Dale einfach nicht treffen. Also das Fishery.

Sie dachte an ihr Gespräch vom letzten Abend zurück. Dale hatte gesagt: »Ich bin groß, ziemlich kräftig gebaut und ein bisschen kahl auf dem Schädel.«
»Also gut«, hatte sie nervös erwidert. »Ich bin einsfünfundsechzig, blond und werde ein purpurfarbenes Kleid tragen.

Sie dachte nun über diese Worte nach. Wie typisch dieser simple Austausch doch für ein Leben als Single war, wie leicht man Menschen traf, die man nur vom Telefon kannte. Sie hatte kein Problem damit, sich zu verabreden. Im Gegenteil, irgendwie freute sie sich darauf. Sie hatte ihren Mann kennen gelernt, als er kurz davor stand, sein Medizinstudium abzuschließen, und sie selbst erst einundzwanzig war. Sie hatten sich beinahe auf der Stelle verlobt; das war das Ende ihres sozialen Lebens als allein stehende Frau gewesen. Jetzt konnte sie ein bisschen Spaß gebrauchen.

Sie wollte interessante Männer kennen lernen und wieder anfangen, den Sex zu genießen. Auch wenn es zuerst anstrengend sein würde, wollte sie sich so gut es ging entspannen. Sie würde versuchen, keine Bitterkeit zu empfinden, nicht allzu witwenhaft zu wirken. Aber noch während sie so dachte, gingen ihre Gedanken in eine ganz andere Richtung: Würde sie sich wirklich jemals wieder verlieben? So ganz und gar, wie sie sich in Jonathan verliebt hatte? Und würde irgendjemand sie ganz und gar lieben?

Als sie abermals an einer roten Ampel halten musste, griff Marissa nach dem Rückspiegel, drehte ihn in ihre Richtung und schaute hinein. Die Sonne war inzwischen hinter dem Horizont verschwunden, und das Licht war dämmrig. Trotzdem glaubte sie, den Rückspiegel-Test mit Bravour bestanden zu haben: volle Lippen, ein faltenloses Gesicht, das an Michelle Pfeiffer erinnerte (in einem schlecht beleuchteten Toyota-Spiegel zumindest), eine zierliche Nase. Und schließlich war auch ihr Körper immer noch schlank und fest. Obwohl ihr klar war, dass ihre Titten sie nicht aufs Cover des neuesten Victoria’s-Secret-Katalogs bringen würden, hatte sie doch das Gefühl, dass ihr Hintern in einer hübschen, engen Jeans einige Blicke auf sich ziehen würde. Jedenfalls in Portsmouth, Maine.

Ja, verdammt, sagte sie sich, sie würde schon einen Mann finden, der zu ihr passte. Jemanden, der das Cowgirl in ihr zu schätzen wüsste, das Mädchen, das von seinem texanischen Großvater das Reiten und Schießen gelernt hatte. Vielleicht würde sie auch jemanden finden, der ihre akademische Seite liebte – das Schreiben, ihre Poesie und ihre Liebe zum Unterrichten, was nach dem College eine Zeit lang ihr Job gewesen war. Oder jemanden, der mit ihr lachen konnte – über Filme, über Szenen auf der Straße, über lustige Witze und über dumme. Wie sie das Lachen liebte (und wie wenig sie es in letzter Zeit getan hatte).

Dann dachte Marissa Cooper: Nein, warte, warte …Sie würde einen Mann finden, der alles an ihr liebte. Aber sofort begannen die Tränen über ihr Gesicht zu laufen, und sie hielt schnell am Straßenrand, um das Schluchzen in den Griff zu bekommen.

»Nein, nein, nein...«
Gewaltsam verdrängte sie das Bild ihres Mannes aus ihrer Vorstellung.
Das kalte Wasser, das graue Wasser …

Fünf Minuten später hatte sie sich beruhigt. Ihre Augen getrocknet, Make-up und Lippenstift erneuert. Sie fuhr ins Zentrum von Green Harbor und hielt auf einem Parkplatz in der Nähe der Geschäfte und Restaurants, einen halben Block vom Kai entfernt. Ein Blick auf die Uhr. Es war gerade halb sieben. Dale O’Bannion hatte erklärt, er müsse bis gegen sieben Uhr arbeiten und würde sie dann um halb acht treffen. Sie war früher in die Stadt gekommen, um noch Einkäufe zu erledigen – eine kleine Shopping-Therapie. Danach würde sie das Restaurant aufsuchen und auf Dale O’Bannion warten.

Plötzlich überkamen sie Zweifel, ob es angemessen war, sich allein an die Bar zu setzen und ein Glas Wein zu trinken. Schließlich wies sie sich energisch zurecht: Was, zum Teufel, denkst du eigentlich? Natürlich ist es in Ordnung. Sie konnte tun, was sie wollte. Es war ihre Nacht. Los, Mädchen, raus mit dir. Fang dein neues Leben an!

Im Gegensatz zum gehobeneren Green Harbor ist das fünfundzwanzig Kilometer südlich gelegene Yarmouth in Maine vor allem eine Fischerei- und Verpackungsstadt. Als solche besteht sie überwiegend aus Hütten und Bungalows, deren Bewohner Fahrzeuge wie F-150er und japanische Halbtonner bevorzugen. Natürlich auch SUVs. Direkt außerhalb der Stadt allerdings findet sich eine Gruppe hübscher Häuser auf einem bewaldeten Hügel, von dem aus man die Bucht überblickt. Bei den Autos in diesen Einfahrten handelt es sich bevorzugt um Lexus- und Acura-Modelle. Die SUVs hier sind mit Ledersitzen und Navigationssystemen ausgestattet, nicht mit primitiven Aufklebern und Jesus-Fischen wie ihre Nachbarn im Stadtzentrum. Dieses Viertel hat sogar einen Namen: Cedar Estates.

In einem hellbraunen Overall schritt Joseph Bingham die Auffahrt zu einem der Häuser hinauf, wobei er auf die Uhr schaute. Er hatte die Adresse zweimal überprüft, um ganz sicherzugehen, dass er das richtige Haus gefunden hatte. Dann drückte er auf die Klingel. Kurz darauf öffnete eine hübsche Frau Ende dreißig die Tür. Sie war dünn, hatte leicht krause Haare, und sogar durch die Fliegengittertür hindurch roch sie nach Alkohol. Sie trug hautenge Jeans und
einen weißen Pullover.

»Ja?«
»Ich komme von der Kabelgesellschaft.« Er zeigte ihr den Ausweis. »Ich muss Ihre Konverterboxen umstellen.«
Sie blinzelte. »Der Fernseher?«
»Ganz genau.«
»Gestern hat er noch funktioniert.« Sie drehte sich um und warf einen unsteten Blick auf das glänzende graue Rechteck des großen Apparates in ihrem Wohnzimmer. »Warten Sie, ich habe eben noch CNN gesehen. Es hat funktioniert.«
»Sie bekommen nur die Hälfte der Kanäle, die Sie eigentlich empfangen sollten. Das gilt für dieses ganze Viertel. Wir müssen es per Hand neu einstellen. Ich kann natürlich einen neuen Termin machen, wenn...«
»Nee, ist schon in Ordnung. Will COPS nicht verpassen. Kommen Sie rein.«

Joseph trat ein und spürte ihre Blicke auf sich. So etwas passierte ihm häufiger. Seine Karriere verlief nicht unbedingt großartig, und er sah auch nicht im klassischen Sinn gut aus. Doch er war in exzellenter körperlicher Verfassung – schließlich trainierte er jeden Tag – und hatte schon oft gehört, dass er eine besondere maskuline Energie »ausschwitze«. Dazu konnte er nichts sagen. Er betrachtete sich am liebsten einfach als jemanden mit einer Menge Selbstvertrauen.

»Wollen Sie einen Drink?«, fragte sie.
»Geht nicht bei der Arbeit.«
»Sicher?«
»Ja.«
In Wirklichkeit hätte Joseph nichts gegen einen Drink einzuwenden gehabt. Aber dies war nicht der Ort dafür. Davon abgesehen freute er sich auf ein hübsches Glas würzigen Pinot Noir, wenn er hier fertig wäre. Viele Leute waren überrascht, dass jemand mit seinem Beruf Wein mochte – und etwas davon verstand.

»Ich heiße Barbara.«
»Hi, Barbara.«
Sie führte ihn ins Haus zu den Kabelboxen und nippte beim Gehen an ihrem Drink. Es sah so aus, als tränke sie unverdünnten Bourbon.
»Sie haben Kinder«, sagte Joseph und deutete mit dem Kopf auf ein Bild zweier kleiner Kinder auf einem Tisch im Wohnzimmer. »Kinder sind großartig, nicht wahr?«
»Wenn man auf Landplagen steht«, murrte sie.
Er drückte Knöpfe an der Kabelbox und erhob sich. »Gibt’s noch andere?«
»Die letzte Box steht im Schlafzimmer. Oben. Ich zeige es Ihnen. Warten Sie...« Sie ging aus dem Zimmer und füllte ihr Glas auf. Dann kehrte sie zu ihm zurück. Barbara führte ihn die Treppe hinauf und blieb oben stehen. Wieder mustertesie ihn von oben bis unten.
»Wo sind Ihre Kinder heute Abend?«
»Die Landplagen sind beim Saftsack«, erklärte sie und lachte verdrießlich über ihren eigenen Witz. »Mein Ex und ich, wir haben getrenntes Sorgerecht.«
»Dann sind Sie also ganz allein in diesem großen Haus?«
»Ja. Schade, was?«
Joseph wusste nicht, ob es schade war oder nicht. Sie wirkte jedenfalls nicht besonders Mitleid erregend.
»Also«, sagte er, »in welchem Zimmer ist die Box?« Sie standen beide im Flur.
»Ja, klar. Folgen Sie mir«, sagte sie mit tiefer, verführerischer Stimme.

Sie ging ins Schlafzimmer voran, setzte sich auf das ungemachte Bett und nippte an ihrem Drink. Er fand die Kabelbox und drückte auf den »On«-Schalter des Fernsehers. Knisternd erwachte er zum Leben und zeigte CNN.
»Könnten Sie die Fernbedienung ausprobieren?«, sagte er und schaute sich im Zimmer um.

»Klar«, erwiderte Barbara träge. Sie drehte sich um. Im selben Augenblick trat Joseph mit dem Strick, den er gerade aus seiner Tasche gezogen hatte, hinter sie. Er legte ihn um ihren Hals und drehte ihn immer enger, wobei er einen Bleistift als Hebel benutzte. Als ihre Kehle zusammengepresst wurde, war ein erstickter Schrei zu hören. Verzweifelt versuchte sie, zu fliehen, sich umzudrehen, ihn mit den Fingernägeln zu kratzen. Ihr Glas fiel auf den Teppich und rollte gegen die Wand, die Flüssigkeit ergoss sich über die Tagesdecke.

In wenigen Minuten war sie tot.

Joseph saß neben der Leiche und versuchte, zu Atem zu kommen. Barbara hatte überraschend heftig gekämpft. Er hatte seine ganze Kraft aufwenden müssen, um sie niederzuhalten und die Garrotte ihre Arbeit tun zu lassen. Er streifte sich Latexhandschuhe über und wischte sämtliche Fingerabdrücke ab, die er im Zimmer hinterlassen hatte. Dann zerrte er Barbaras Leiche vom Bett herunter in die Mitte des Zimmers. Er zog ihr den Pullover aus und öffnete die Knöpfe ihrer Jeans.Dann hielt er inne. Moment. Wie sollte sein Name gleich sein? Er legte die Stirn in Falten und versuchte, sich an das Gespräch vom gestrigen Abend zu erinnern. Wie hatte er sich genannt?

Schließlich nickte er. Richtig. Er hatte Marissa Cooper gegenüber behauptet, er heiße Dale O’Bannion. Ein Blick auf die Uhr. Noch nicht einmal sieben. Genug Zeit, um hier fertig zu werden und nach Green Harbor zu fahren, wo sie wartete und wo die Bar einen anständigen Pinot Noir anbot. Er öffnete den Reißverschluss von Barbaras Jeans und zog sie bis zu den Knöcheln herunter.

Zusammengekauert, um sich vor dem kalten Wind zu schützen, der über den Kai von Green Harbor wehte, saß Marissa Cooper auf einer Bank in einem kleinen, menschenleeren Park. Durch die immergrünen Büsche, die im Wind schwankten, beobachtete sie das Paar, das es sich im Heck eines großen Bootes bequem gemacht hatte, das am nahe gelegenen Dock festgemacht war. Wie so viele Bootsnamen war auch dieser ein Wortspiel: Maine Street.

Sie hatte ihre Einkaufstour beendet, bei der sie ausgefallene Unterwäsche erstanden hatte (und sich, ein wenig mutlos, gefragt hatte, ob sie jemals irgendwer darin sehen würde), und sich auf den Weg zum Restaurant gemacht, als die Lichter des Hafens – und die sanft wiegende Bewegung dieses eleganten Bootes – ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten.

Durch die Plastikfenster des Achterdecks der Maine Street sah sie das Paar Champagner nippen und dicht beieinander sitzen. Ein hübsches Paar – er war groß und sehr gut gebaut und hatte kräftiges grau meliertes Haar, sie war blond und hübsch. Sie lachten und redeten. Flirteten wie verrückt. Dann hatten sie den Champagner ausgetrunken und verschwanden in der Kabine. Die Teakholztür wurde zugeschlagen.

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