Der faule Henker von
Buchvorstellung
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2003
unter dem Titel The Vanished Man,
deutsche Ausgabe erstmals 2003
bei Hodder & Stoughton.
Ort & Zeit der Handlung: USA / New York, 1990 - 2009.
Folge 5 der Lincoln-Rhyme-&-Amelia-Sachs-Serie.
- New York: Simon & Schuster, 2003 unter dem Titel The Vanished Man.
- London: Hodder & Stoughton, 2003. Übersetzt von 606.
-
München: Blanvalet, 2004.
Übersetzt von Thomas Haufschild.
ISBN:
3-7645-0179-0. 480 Seiten. -
München: Blanvalet, 2006.
Übersetzt von Thomas Haufschild.
ISBN:
978-3-442-36484-8. 478 Seiten. - Augsburg: Weltbild, 2009. Übersetzt von Thomas Haufschild. 606 Seiten.
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»Zauberkünstler unterscheiden bei ihrer Arbeit für gewöhnlich zwischen Effekt und Methode. Der Effekt ist, was der Zuschauer zu sehen bekommt. Die Methode ist das geheime Verfahren, durch das der Effekt entsteht.«
Peter Lamont und Richard Wiseman, Magic in Theory
ERSTER TEIL
Effekt
Samstag, 20. April
»Ein erfahrener Zauberkünstler bemüht sich, den Verstand zu täuschen, nicht etwa das Auge.« Marvin Kaye,
The Creative Magician’s Handbook
Seien Sie gegrüßt, verehrtes Publikum. Herzlich willkommen.
Willkommen zu unserer Show.
Es erwartet Sie ein ganz besonderer Nervenkitzel, denn unsere Illusionisten, Zauberer und Taschenspieler werden sich zwei Tage lang nach Kräften bemühen, Ihnen Vergnügen zu bereiten und Sie in ihren Bann zu schlagen.
Unsere erste Nummer stammt aus dem Repertoire eines Mannes, von dem jeder schon gehört hat: Harry Houdini, der größte Entfesselungskünstler der Vereinigten Staaten, wenn nicht sogar der ganzen Welt, der vor gekrönten Staatsoberhäuptern und amerikanischen Präsidenten aufgetreten ist. Manche seiner Bravourstücke sind dermaßen schwierig, dass sich in all den Jahren seit seinem viel zu frühen Tod niemand mehr an ihre Aufführung gewagt hat.
Wir wollen uns heute an einer Nummer versuchen, bei der akute Erstickungsgefahr besteht und die als Der Faule Henker bekannt geworden ist.
Der Künstler legt sich dazu auf den Bauch und lässt sich die Arme mit klassischen Darby-Handschellen auf den Rücken fesseln. Dann werden die Füße mit einem Strick verschnürt, und schließlich legt man dem Probanden eine Seilschlinge um den Hals, deren anderes Ende ebenfalls an den Knöcheln befestigt wird. Da jeder Mensch unwillkürlich versucht, die Beine auszustrecken, zieht die Schlinge sich zu und leitet den furchtbaren Vorgang der Strangulation ein.
Weshalb nennt man dieses Verfahren den »Faulen« Henker? – Weil der Verurteilte sich selbst erdrosselt.
Bei vielen von Mr. Houdinis riskanteren Auftritten waren Assistenten zugegen, um ihn im Notfall mit Messern und Schlüsseln befreien zu können. Oft hielt sich auch ein Arzt bereit.
Heute wird es keine dieser Vorsichtsmaßnahmen geben. Falls dem Probanden nicht innerhalb von vier Minuten die Entfesselung gelingt, stirbt er. Wir fangen gleich an …aber zuvor noch ein Hinweis:
Vergessen Sie nie, dass Sie mit dem Besuch unserer Show die Realität hinter sich zurücklassen.
Sie mögen felsenfest überzeugt sein, etwas Bestimmtes zu sehen, und doch existiert es gar nicht. Etwas anderes halten Sie eventuell für eine Illusion, obwohl es sich um nichts als die erbarmungslose Wirklichkeit handelt.
Ihr Begleiter könnte sich in unserer Show als vollkommen Fremder erweisen, und ein Unbekannter im Publikum weiß vielleicht mehr über Sie, als Sie ahnen.
Was sicher scheint, kann tödlich sein. Und die Bedrohungen, gegen die Sie sich wappnen, sind unter Umständen nur ein Ablenkungsmanöver, um Sie in noch größere Gefahr zu locken.
Was können Sie hier noch glauben? Wem dürfen Sie vertrauen?
Nun, verehrtes Publikum, die Antwort lautet, dass Sie am besten gar nichts glauben.
Und Sie sollten niemandem trauen. Absolut niemandem.
Jetzt hebt sich der Vorhang, das Licht wird gedämpft, und die Musik verklingt, so dass nur noch der Herzschlag all jener zu erahnen ist, die in gespannter Erwartung verharren.
Und unsere Show beginnt ...
Das Gebäude sah aus, als habe es schon so manches Gespenst beherbergt.
Errichtet im gotischen Stil, schmutzig, finster. Eingezwängt zwischen zwei Hochhäusern an der Upper West Side, das Dach mit einer Balustrade und die zahlreichen Scheiben mit Fensterläden versehen. Es stammte aus viktorianischer Zeit, hatte einst als Internat gedient und später als Sanatorium, in dem die für unzurechnungsfähig befundenen Insassen den Rest ihres umnachteten Daseins zubringen mussten.
Die Manhattan School of Music and Performing Arts hätte durchaus auch Dutzenden Geistern Unterschlupf gewähren können.
Ein solcher Geist schwebte im Augenblick womöglich über dem warmen Körper der jungen Frau, die bäuchlings in dem dunklen Vorraum eines kleinen Auditoriums lag. Ihre reglosen Augen waren weit aufgerissen, aber noch nicht glasig, und das Blut auf ihrer Wange hatte sich noch nicht bräunlich verfärbt.
Ihr Gesicht war dunkelblau angelaufen, denn ein straffes Seil verband Hals und Fußgelenke.
Um sie herum lagen Notenblätter verstreut, dazu ein Flötenkoffer und ein großer Pappbecher von Starbucks. Der Kaffee hatte sich über ihre Jeans und das grüne Shirt Marke Izod ergossen. Der Rest der dunklen Flüssigkeit bildete auf dem Marmorboden eine schmale Pfütze in gekrümmter Form.
Ebenfalls anwesend war der Mann, der die Frau getötet hatte, sich nun bückte und sie genau in Augenschein nahm. Er ließ sich Zeit und sah keinen Anlass zur Eile. Es war Samstag, noch ziemlich früh, und wie er in Erfahrung gebracht hatte, fand in dieser Schule am Wochenende kein Unterricht statt. Einige der Studenten nutzten die Übungsräume, aber die lagen in einem anderen Gebäudeflügel. Der Mann beugte sich weiter vor, kniff die Augen zusammen und fragte sich, ob er wohl irgendeine Wesenheit erspähen würde, eine Art Seele, die sich von dem Körper der Toten löste. Fehlanzeige.
Er richtete sich auf und überlegte, was er mit der leblosen Gestalt vor ihm sonst noch anfangen könnte.
»Und Sie sind sicher, dass da jemand geschrien hat?«
»Ja …nein«, sagte der Wachmann. »Es war nicht unbedingt ein Schrei, wissen Sie. Jemand hat aufgeregt etwas gerufen. Nur ein oder zwei Sekunden lang. Dann war es auch schon vorbei.«
Officer Diane Franciscovich, eine Streifenbeamtin vom Zwanzigsten Revier, fragte weiter. »Hat sonst noch jemand etwas gehört?«
Der schwergewichtige Wachmann atmete tief durch, sah die hochgewachsene brünette Polizistin an, schüttelte den Kopf, ballte die riesigen Pranken zu Fäusten und öffnete sie wieder. Dann wischte er sich die dunklen Handflächen an den blauen Hosenbeinen ab.
»Sollen wir Verstärkung rufen?«, fragte Nancy Ausonio, ebenfalls eine junge Beamtin, aber kleiner als ihre Partnerin und blond.
Eher nicht, dachte Franciscovich, blieb jedoch unschlüssig. Die Streifen in diesem Teil der Upper West Side hatten meistens mit Verkehrsunfällen, Ladendiebstählen und entwendeten Fahrzeugen zu tun (oder mussten die fassungslosen Eigentümer beruhigen). Das hier war neu für sie beide. Der Wachmann hatte die zwei Beamtinnen auf ihrer morgendlichen Runde erblickt und sie aufgeregt vom Bürgersteig nach drinnen gewinkt, damit sie ihm helfen würden, dem Schrei auf den Grund zu gehen. Nun ja, dem aufgeregten Rufen.
»Lass uns damit noch warten«, sagte die ruhige Franciscovich. »Sehen wir erst mal nach.«
»Es klang, als würde es irgendwo aus der Nähe kommen«, sagte der Wachmann. »Keine Ahnung.«
»Gruseliger Schuppen«, warf Ausonio seltsam verunsichert ein. Eigentlich war sie diejenige im Team, die am ehesten in eine tätliche Auseinandersetzung eingreifen würde, selbst wenn die Streithähne doppelt so groß waren wie sie selbst.
»Die Geräusche, Sie wissen schon. Schwer zu sagen, wo die herkommen. Verstehen Sie, was ich meine?«
Franciscovich dachte immer noch über die Worte ihrer Partnerin nach. Verdammt gruselig, fügte sie im Stillen hinzu.
Die dunklen Flure schienen endlos, doch es war nichts Außergewöhnliches zu entdecken. Dann blieb der Wachmann stehen.
Franciscovich deutete auf einen Durchgang vor ihnen. »Wohin geht’s dort entlang?«
»Da treibt sich bestimmt keiner der Studenten herum. Es ist bloß ...«
Franciscovich stieß die Tür auf.
Dahinter erstreckte sich ein kleines Foyer, an dessen anderem Ende eine Tür in den Vortragssaal A führte, wie die Aufschrift besagte. Und in der Nähe jener Tür lag eine gefesselte junge Frau mit einem Seil um den Hals, die Hände mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt. Ihre Augen waren im Tode weit aufgerissen. Ein braunhaariger, bärtiger Mann Anfang fünfzig hockte über ihr. Überrascht blickte er auf.
»Nein!«, rief Ausonio.
»O mein Gott«, keuchte der Wachmann.
Die Beamtinnen zogen ihre Waffen, und Franciscovich war erstaunt, wie ruhig ihre Hand blieb, als sie den Fremden anvisierte. »Sie da, keine hastige Bewegung! Stehen Sie langsam auf, gehen Sie von der Frau weg, und nehmen Sie die Hände hoch.« Ihre Stimme war bei weitem nicht so fest wie der Griff, mit dem sie die Glock Automatik umklammerte.
Der Mann kam der Aufforderung nach.
»Legen Sie sich auf den Bauch. Und ich will immer Ihre Hände sehen!«
Ausonio lief auf das Mädchen zu.
In dieser Sekunde bemerkte Franciscovich, dass der Mann die rechte Hand über dem Kopf zur Faust geballt hatte.
»Öffnen Sie ...«
Puff ...
Ein gleißender Lichtblitz nahm ihr die Sicht. Er schien direkt aus der Hand des Verdächtigen zu entspringen und hing einen Moment in der Luft, bevor er erlosch. Ausonio erstarrte. Franciscovich duckte sich, wich zurück, kniff die Augen zusammen und schwenkte die Glock hin und her. Sie geriet in Panik, denn sie wusste, dass der Mörder rechtzeitig die Lider geschlossen hatte und nun ebenfalls eine Schusswaffe ziehen oder mit einem Messer auf sie losgehen würde.
»Wo, wo, wo?«, rief sie.
Dann sah sie – nur verschwommen, weil sie immer noch halb geblendet war und der Rauch sich ausbreitete -, dass der Täter in den Vortragssaal lief. Er schlug die Tür hinter sich zu, und man hörte, wie er mit einem Stuhl oder Tisch den Zugang blockierte.
Ausonio kniete sich neben die junge Frau, schnitt mit einem Schweizer Armeemesser das Seil durch, rollte sie auf den Rücken, zog ein Einwegmundstück aus der Tasche und versuchte eine Wiederbelebung.
»Gibt’s noch andere Ausgänge?«, fragte Franciscovich den Wachmann.
»Nur einen …da hinten um die Ecke. Auf der rechten Seite.«
»Fenster?«
»Nein.«
»He!«, rief sie Ausonio zu und rannte los. »Pass auf diese Tür auf!«
»Alles klar«, erwiderte die blonde Beamtin und blies einen weiteren Atemzug zwischen die bleichen Lippen des Opfers.
Von drinnen ertönte dumpfes Poltern, als der Mörder sich offenbar gründlicher verbarrikadierte. Franciscovich bog um die Ecke, hielt auf die Tür zu, die der Wachmann ihr genannt hatte, und forderte unterdessen über Funk Verstärkung an. Als sie den Kopf hob, entdeckte sie jemanden am Ende des Korridors. Sie blieb abrupt stehen, visierte die Brust des Mannes an und richtete den hellen Strahl ihrer Halogenlampe auf ihn.
»Um Gottes willen«, krächzte der ältliche Hauswart und ließ seinen Besen fallen.
Franciscovich war froh, dass sie den Finger nicht um den Abzugsbügel der Glock gelegt hatte. »Ist jemand aus dieser Tür gekommen?«
»Was ist denn los?«
»Haben Sie jemanden gesehen?«, rief Franciscovich.
»Nein, Ma’am.«
»Wie lange sind Sie schon hier?«
»Ich weiß nicht. Zehn Minuten oder so.«
Aus dem Innern des Raums war erneut Lärm zu vernehmen, weil der Täter immer mehr Mobiliar auftürmte. Franciscovich schickte den Hauswart zu dem Wachmann ins Foyer und näherte sich vorsichtig der Seitentür. Mit schussbereit ausgestreckter Waffe drehte sie langsam den Knauf. Es war nicht abgeschlossen. Sie trat beiseite, um nicht in der Schusslinie zu stehen, falls der Mann durch das Holz feuerte. Diesen Trick hatte sie bei NYPD Blue gesehen. Vielleicht hatte auch einer der Ausbilder auf der Akademie davon gesprochen.
Wiederum Poltern von drinnen.
»Nancy, hörst du mich?«, flüsterte Franciscovich in ihr Funkgerät.
Ausonio meldete sich mit zitternder Stimme. »Sie ist tot, Diane. Ich hab’s versucht, aber sie ist tot.«
»Hier entlang ist er nicht geflohen. Er ist immer noch da drinnen. Ich kann ihn hören.« Stille.
»Ich hab’s versucht, Diane. Ich hab’s versucht.«
»Vergiss es. Komm schon. Ist bei dir alles klar? Ist alles klar?«
»Ja, alles okay. Ehrlich.« Die Stimme der Beamtin wurde eisig. »Holen wir ihn uns.«
»Nein, wir bewachen diese Ausgänge, bis die ESU eintrifft«, sagte Franciscovich. Die Emergency Services Unit war das Sondereinsatzkommando der New Yorker Polizei.
»Das ist alles. Halt die Stellung, und bleib von der Tür weg. Rühr dich nicht vom Fleck.«
In diesem Moment hörte sie den Mann von drinnen rufen: »Ich habe eine Geisel. Ich habe ein Mädchen bei mir. Falls ihr versucht, hier einzudringen, bringe ich sie um.«
O Gott ...
»He, Sie da drinnen!«, rief Franciscovich. »Niemand versucht hier irgendwas. Keine Angst. Tun Sie bloß niemandem mehr weh.« Entsprach das der vorgeschriebenen Verfahrensweise?, grübelte sie. Weder irgendeine Fernsehserie noch ihre Ausbildung waren ihr in diesem Punkt von Nutzen. Sie hörte, wie Ausonio Kontakt zur Zentrale herstellte und meldete, dass sie es mittlerweile mit einem verschanzten Geiselnehmer zu tun hatten.
»Bleiben Sie ruhig!«, rief Franciscovich dem Mörder zu. »Sie können ...«
Drinnen ertönte ein ohrenbetäubend lauter Schuss. Franciscovich zuckte zusammen. »Was ist los? Warst du das?«, rief sie ins Funkgerät.
»Nein«, entgegnete ihre Partnerin. »Ich dachte, du seist das gewesen.«
»Nein, es war dieser Kerl. Bei dir alles in Ordnung?«
»Ja. Er hat von einer Geisel gesprochen. Glaubst du, er hat sie erschossen?«
»Keine Ahnung. Woher soll ich das wissen?«
Und wo, zum Teufel, bleibt die Verstärkung?, fügte Franciscovich in Gedanken hinzu.
»Diane«, flüsterte kurz darauf Ausonio. »Wir müssen da rein. Vielleicht ist sie verletzt.« Dann rief sie: »He, Sie da drinnen!« Keine Antwort. »He!«
Nichts.
»Womöglich hat er sich umgebracht«, sagte Franciscovich.
Oder er will, dass wir genau das glauben, und wartet nur darauf, dass jemand sich ihm als Zielscheibe präsentiert.
Dann sah sie wieder dieses schreckliche Bild vor sich: Die altersschwache Tür zum Foyer schwang auf, und fahles Licht fiel auf das Opfer, dessen Gesicht so blau und kalt wie ein Wintertag schien. Franciscovich war in erster Linie deswegen Polizistin geworden, weil sie solche Taten verhindern wollte.
»Wir müssen da rein, Diane«, flüsterte Ausonio.
»Das sehe ich auch so. Okay. Wir gehen rein.« Sie klang ein wenig hektisch, denn sie dachte im selben Moment an ihre Familie und daran, wie sie mit der Linken die rechte Schusshand abstützen musste, um die Automatikpistole sicher in Anschlag zu bringen. »Sag dem Wachmann, dass wir im Saal Licht brauchen.«
Es dauerte einen Augenblick, dann meldete Ausonio sich zurück. »Die Beleuchtungstafel ist hier draußen. Auf mein Signal schaltet er ein.« Franciscovich hörte über Funk einen tiefen Atemzug. »Ich bin so weit«, sagte Ausonio dann. »Auf drei. Du zählst.«
»Okay. Eins …Halt! Von dir aus gesehen befinde ich mich auf zwei Uhr. Erschieß mich nicht.«
»Okay. Zwei Uhr. Und ich bin ...«
»Du bist links von mir.«
»Mach weiter.«
»Eins.« Franciscovich packte mit der linken Hand den Knauf. »Zwei.«
Diesmal legte sie den Finger um den Abzug der Waffe und strich behutsam über den dort integrierten Sicherungshebel – eine Besonderheit des Herstellers Glock.
»Drei!«, rief Franciscovich so laut, dass ihre Partnerin es auch ohne das Funkgerät gehört haben durfte. Sie riss die Tür auf und sprang in den großen rechteckigen Raum vor. Im selben Moment wurde die grelle Beleuchtung eingeschaltet.
»Keine Bewegung!«, schrie sie – doch es war niemand da.
Sie ging in die Hocke, schwenkte die Waffe hin und her und suchte jeden Zentimeter des Saals ab. Ihre Haut kribbelte vor Anspannung.
Keine Spur von dem Mörder, keine Spur von einer Geisel.
Sie schaute nach links zu dem anderen Eingang, wo Nancy Ausonio stand und ebenfalls fieberhaft den Raum absuchte. »Wo?«, flüsterte die Frau.
Franciscovich schüttelte den Kopf. Sie registrierte ungefähr fünfzig hölzerne Klappstühle in ordentlichen Reihen. Vier oder fünf lagen auf dem Rücken oder der Seite, nicht etwa zu einer Barrikade aufgetürmt, sondern als habe man sie achtlos umgeworfen. Zur Rechten befand sich eine niedrige Bühne, auf der ein Verstärker, zwei Lautsprecher und ein ramponierter Konzertflügel standen.
Die jungen Beamtinnen konnten nahezu alles im Raum sehen.
Nur nicht den Täter.
»Was ist passiert, Nancy? Was hat das zu bedeuten?«
Ausonio antwortete nicht. Genau wie ihre Partnerin blickte sie sich hektisch nach allen Seiten um, suchte jeden Schatten und jedes Möbelstück ab, obwohl der Mann eindeutig nicht hier war.
Gruselig ...
Bei dem Saal handelte es sich im Wesentlichen um einen geschlossenen Kubus ohne Fenster. Die Schächte der Klimaanlage und Heizung waren lediglich fünfzehn Zentimeter breit. Eine Holzdecke, keine Akustikvertäfelung. Keine erkennbaren Falltüren. Nur zwei Zugänge führten hinein: der Haupteingang, den Ausonio benutzt hatte, und die Brandschutztür, durch die Franciscovich eingetreten war.
Wo?, formte Franciscovich unhörbar mit den Lippen.
Ihre Partnerin antwortete auf gleiche Weise. Die Polizistin konnte die Worte nicht ablesen, aber Ausonios Miene sprach Bände: Ich habe nicht die geringste Ahnung.
»He«, rief eine laute Stimme an der Tür. Sie wirbelten herum und richteten die Waffen auf den leeren Vorraum. »Soeben sind ein Krankenwagen und ein paar Ihrer Kollegen eingetroffen.« Es war der Wachmann, und er blieb außer Sicht.
Franciscovich rief ihn herein. Das Herz schlug ihr nach dem Schreck noch immer bis zum Hals.
»Ist denn, äh …ich meine, haben Sie ihn erwischt?«, fragte der Mann.
»Er ist nicht hier«, erwiderte Ausonio mit zittriger Stimme.
»Was?« Er schaute vorsichtig um die Ecke.
Franciscovich hörte die Stimmen der sich nähernden Polizisten und Rettungssanitäter. Das Klirren von Ausrüstungsgegenständen. Trotzdem brachten die beiden beunruhigten und verwirrten Frauen es noch nicht fertig, sich zu ihren Kollegen zu gesellen. Sie standen wie gelähmt mitten in dem Vortragssaal und versuchten vergeblich zu ergründen, wie der Mörder aus einem Raum ohne Ausgang entkommen konnte.
