Carte Blanche von Jeffery Deaver

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel Carte Blanche, deutsche Ausgabe erstmals 2012 bei Blanvalet.

  • New York: Simon & Schuster, 2011 unter dem Titel Carte Blanche. 414 Seiten.
  • München: Blanvalet, 2012. Übersetzt von Thomas Haufschild. ISBN: 978-3-7645-0426-7. 544 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2012. Gesprochen von Dietmar Wunder. ISBN: 3837112764. 544 CDs.

'Carte Blanche' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

James Bond genießt einen romantischen Abend mit einer hinreißend schönen Frau. Da erreicht ihn ein dringender Alarm: Ein Lauschposten hat eine verschlüsselte Botschaft abgefangen, die einen unmittelbar bevorstehenden Anschlag ankündigt. Es wird mit Tausenden von Todesopfern gerechnet. Britische Sicherheitsinteressen sind unmittelbar betroffen. Die höchsten Regierungsstellen wissen, dass nur noch James Bond die drohende Katastrophe abwenden kann. Doch will er diese Mission erfüllen, darf er sich an keine Regel halten. Und so erhält 007 eine Carte Blanche.

Das meint Krimi-Couch.de: »Mörder, Müll und schöne Frauen« 70°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

James Bond ist auf einer heiklen Mission in Serbien unterwegs. Trotz der halbherzigen Hilfe durch serbische Geheimpolizisten muss er letztlich im Alleingang einen Anschlag auf einen Güterzug vereiteln. Der Grund des Attentats bleibt für Bond zunächst unklar, der irische Täter entkommt, und es gibt Tote. Bond soll von den serbischen Behörden zur Rechenschaft gezogen werden und wird eilig evakuiert. In London darf er offiziell nicht tätig werden, soll aber gemeinsam mit Kollegen vom britischen Inlandsgeheimdienst die Vorbereitungen für einen Anschlag vereiteln, bei dem es viele Tote geben soll, und der gegen britische Interessen gerichtet ist. Der Doppel-Null-Agent hält natürlich auch im Inland die Füße nicht still, gerät in brenzlige Situation, und folgt schließlich den potenziellen Attentäter zunächst nach Dubai und später nach Südafrika. Bond muss auf etliche seiner bemerkenswerten Fähigkeiten zurück greifen, um im ebenso furiosen wie überraschenden Finale nicht den Überblick zu verlieren.

Jeffery Deaver hat sich mit diesem Roman auf ein außergewöhnliches Projekt eingelassen, aber offenbar konnte er sich der Faszination nicht entziehen, die eine Roman-Figur aus seiner Jugendzeit auf ihn als Schriftsteller ausgeübt hat und noch ausübt. Die bestens bekannte Figur des britischen Geheimagenten James Bond wird in die Moderne versetzt.  Der Doppel-Null-Agent wird für den Leser neu eingeführt, als ob es ihn bisher nicht gegeben hätte. Und das bemerkenswerte daran ist, dass es Jeffery Deaver tatsächlich gelingt, die Figur absolut authentisch zu machen. Alle Bond-Fans dürften »ihren« James in diesem Roman gut wiedererkennen.

Und auch der Transfer in die Neuzeit ist dabei als gelungen zu bezeichnen, wie gewohnt gibt es allerlei technische Spielereien, die das Agenten-Handwerk ungemein erleichtern. Schnelle Autos, dramatische Kämpfe, Verfolgungsjagden und viel Glück in brenzligen Situationen verbreiten das gewohnte »Bond-Feeling«. Auch die Rolle als Charmeur und Frauenheld ist dem neuen Bond ebenso auf den Leib geschneidert, wie dem historischen Vorläufer. Eine Modernisierung ist offenbar dem Wandel der Zeit geschuldet, der neue 007 ist zuweilen nachdenklicher und reflektiert sein Verhältnis zu den Frauen etwas kritischer, als man es kannte.

Der dynamische Einstieg mit dem Vorfall in Serbien führt dazu, dass man sich als Leser gleich »mittendrin« fühlt. Deaver hat die Gegenspieler des Agenten zudem als prägnante Figuren angelegt, die cleverer und authentischer wirken als manch tumber Widerpart des »alten« James Bond. So ist beispielsweise der Recycling-Unternehmer Severan Hydt ein moderner Manager, der neben unternehmerischen Fähigkeiten eben auch jede Menge kriminelle Energien und dunkle Perversionen zu bieten hat. Und sein Mann für das Grobe, der Ire Niall Dunne, ist Ingenieur, Techniker und Planer in einer Person, und fordert Bond mehrfach auf gleichem Niveau heraus.

Jeffery Deaver ist ein guter und routinierter Erzähler, es ist also nicht verwunderlich, dass ihm ein unterhaltsamer und spannender Roman gelungen ist. Die komplexen politischen Verwicklungen, der Hintergrund des Romans und der Blick auf das moderne Südafrika sind wirklich gut recherchiert. Hungerkriege als Ausblick auf künftige Entwicklungen – das ist durchaus beeindruckend und macht nachdenklich.

Insgesamt gibt es wohl zwei Möglichkeiten, um dieses Buch einzuordnen und zu beurteilen. Wenn man überaus kritisch sein will, kann man zu dem Schluss kommen, dass hier nichts wirklich neues oder innovatives vorliegt. Bond ist in der Neuzeit angekommen, aber sonst eigentlich wie immer, gutes Handwerk, mehr nicht. Damit würde das Buch mindestens im Mittelfeld landen, denn leider ist solides schriftstellerisches Handwerk durchaus nicht immer selbstverständlich.

Die zweite Beurteilung, der ich mich anschließe, geht davon aus, dass es eben doch eine bemerkenswerte Leistung ist, eine bekannte Romanfigur nahezu nahtlos in die Neuzeit zu transferieren. Die aktuelle Weltlage wurde dabei hervorragend einbezogen, der Plot ist gut gestrickt, und doch sind genug Charakteristika der bekannten Figur übernommen worden. Ein gewagtes, aber eben gelungenes Experiment. Bond ist hier nicht nur der makellose Held, sondern gerät in ungewöhnliche Schwierigkeiten und zeigt eine neue Nachdenklichkeit, die man von ihm bisher so nicht kannte. Für zusätzliche  Pluspunkte sorgt zudem das überaus furiose Finale mit den darin enthaltenen weiteren Überraschungen. Ich gehe fest davon aus, dass dieses Buch ein Publikumserfolg wird – und es eine Fortsetzung geben wird.

Andreas Kurth, März 2012

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wampy zu »Jeffery Deaver: Carte Blanche« 19.07.2015
Buchmeinung zu Jeffery Deaver – Carte Blanche

„Carte Blanche“ ist ein Krimi von Jeffery Deaver, der 2012 bei Blanvalet erschienen ist. Meine Rezension bezieht sich auf die gekürzte Hörbuchfassung, die 2012 von Dietmar Wunder für Random House Audio eingelesen wurde.

Klappentext:
James Bond genießt einen romantischen Abend mit einer hinreißend schönen Frau. Da erreicht ihn ein dringender Alarm: Ein Lauschposten hat eine verschlüsselte Botschaft abgefangen, die einen unmittelbar bevorstehenden Anschlag ankündigt. Es wird mit Tausenden von Todesopfern gerechnet. Britische Sicherheitsinteressen sind unmittelbar betroffen. Die höchsten Regierungsstellen wissen, dass nur noch James Bond die drohende Katastrophe abwenden kann. Doch will er diese Mission erfüllen, darf er sich an keine Regel halten. Und so erhält 007 eine Carte Blanche.


Meine Meinung:
Jeffery Deaver schreibt einen modernen James Bond – das klingt interessant. Beim Lesen erkennt man seinen Bond wieder. Er ist der Doppelnullagent mit einzigartigen Fähigkeiten und der gewohnten technischen Unterstützung. Und er ist ein Frauenheld geblieben, auch wenn er es etwas ruhiger angehen läßt. Insgesamt ist er etwas reflektierter, scheut aber kein Risiko, wenn es erforderlich. So weit, so gut, aber es gibt für mich ein großes Aber. Wenn ich den wunderbar vortragenden Dietmar Wunder höre, dann ist es nicht James Bond, sondern Lincoln Rhyme. Vielleicht hätte man diesen Effekt verhindern können, wenn der Verlag einen anderen Vorleser gewählt hätte. So habe ich immer vergeblich auf Amelia Sachs gewartet.

Fazit:
Rein technisch ist Jeffery Deaver der moderne Bond gut gelungen, aber das Hörbuch litt für mich unter dem Lincoln Rhyme Effekt. So fällt mir eine Bewertung schwer. Dietmar Wunder hat fünf Sterne verdient, aber für das Hörbuch kann ich nur drei von fünf Sternen oder 65 von 100 Punkten vergeben.
Claus Bürvenich zu »Jeffery Deaver: Carte Blanche« 27.06.2014
Wer ist der beste Bond-Darsteller? Connery, Moore, Brosnan, Craig? Aber nicht nur die Filme mit dem legendären Superagenten werden intensiv diskutiert. Auch die Romane, die nach dem leider viel zu frühen Tod von Schöpfer Ian Flemming erschienen sind, werden von der treuen und großen Fangemeinde kritisch beäugt, ob die Fackel würdig weitergetragen wurde. Die Wahl der Flemming-Erben den Thriller-Autor Jeffrey Deaver, der u.a. mit seiner Lyncoln Rhyme-Serie ständiger Gast auf den Bestsellerlisten ist, mit einer Fortsetzung zu beauftragen, sorgte dabei schon im Vorfeld für Spannung und hohe Erwartungen.

Im Gegensatz zum 2008 erschienenen Bond-Roman von Sebastian Faulks "Der Tod ist nur der Anfang", der in den 60iger Jahren spielte, geht Deaver mit den Filmen konform und verlegt die Handlung in die Jetzt-Zeit. Also agiert Bond in der Ära nach dem 11. September, die vom Kampf gegen den Terror geprägt ist. Es ist aber auch das Zeitalter der Globalisierung, welches maßgeblich durch das Internet und moderner Kommunikation geprägt wird. Deavers Bond ist kein sprücheklopfender Schönling, sondern eher wortkarg und ein perfekt vorbereiteter Profi, der seine Gegner gründlich analysiert und bei Bedarf auch googelt. Dabei greift er mitunter sogar öfters zu IPhone und Laptop als zur Waffe. Auch bei Frauen kommt er nicht so oft zum Schuss, wie man es von dem smarten Womanizer eigentlich erwartet.

Deaver bedient sich zwar vieler klassischer Bond-Elemente, scheut sich aber nicht diese auch zu varieren. So ist beispielsweise Q auch kein verschrobener Tüftler, sondern eine Technikabteilung innerhalb des MI5. Natürlich gibt es einen mächtigen und gefährlichen Gegenspieler mit einem tödlichen Handlanger, aber was Art und Ausmaß des Bedrohungsszenarios anbetrifft, tappen Bond und Leser ungewöhnlich lange im Dunkeln. Wie üblich bei Deaver, spielt der Roman innerhalb weniger Tage. 007 hetzt dabei von Schauplatz und Tatort, um eine drohende Katastrophe zu verhindern. Ähnlichkeiten mit der erfolgreichen TV-Serie "24" sind nicht nur beim knappen Zeitrahmen offensichtlich und wohl auch beabsichtigt. Wie dessen Protagonist Jack Bauer wird auch James Bond mitunter zu fragwürdigen und riskanten Entscheidungen gezwungen, um sein Ziel zu ereichen.

Actionfans könnten vielleicht etwas über den relativ unspektakulären und etwas frühzeitigen Showdown entäuscht sein, aber dies wird im anschließenden Schlussakt durch einige Überraschungen und Wendungen sofort kompensiert, die typisch für Deavers Stil sind. Zu kritisieren wäre gegebenfalls noch, dass James Bond zu perfekt dargestellt wird. Er durchschaut jede Intrige und Verschwörung und findet selbst in aussichtslosen Situationen immer eine Lösung. Aber mal ganz ehrlich, genau so wollen wir diesen Superagenten doch eigentlich auch haben, oder?

"Carte Blanche" mixt insgesamt einen durchaus spannenden Cocktail und verschmelzt dabei die aktuelleren Kinoversionen von Pierce Brosnan und Daniel Craig zu einer Neudefinition einer legendären Romanfigur. Zwangsläufig weicht diese Interpretation von Flemmings Vorlage ab und mag deshalb bei Puritanern bzw. Fans der Originalversion weniger Zustimmung finden. So wie Frank Millers Batman aus 1985 sich sehr von Bob Kanes Batman aus den 30iger Jahren unterscheidet, sind solche Änderungen aus kreativer Sicht aber oft unvermeidbar, um etwas angestaubte Charaktere glaubwürdig und nicht zuletzt auch lukrativ in ein neues Zeitalter und auch anderes Medium zu transportieren.

Wichtig ist dabei, dass die Essenz und Faszination des Kultobjektes nicht verloren gehen! In dieser Hinsicht macht "Carte Blanche" vieles richtig und die Mission ist als erfolgreich zu bezeichnen.
rolandreis zu »Jeffery Deaver: Carte Blanche« 25.11.2013
Generell fällt mir hier auf, dass Bond jetzt nicht mehr ein Held der 60er Jahre ist, sondern bei Deaver im 21. Jahrhundert angekommen ist. Das deckt sich natürlich auch schon mit den Verfilmungen mit Daniel Craig. Die Story bietet auch hierfür genügend Stoff, aber bzgl. den Gegenspielern von Bond vermisse ich hier doch noch das gewisse Etwas. Hier wurden in der Vergangenheit Gegenspieler wie Blofeld von Fleming besser dargestellt, da fehlt mir Qualität. Letztendlich eignet sich der Roman sicherlich als Grundlage für eine weitere Actionverfilmung mit Craig, aber mir fehlte aber das Gewisse etwas, das früher den Charme des Agenten und seiner Geschichten ausmachte.
Michael Schroeder zu »Jeffery Deaver: Carte Blanche« 09.04.2012
Deaver als Bond-Autor? Ein nur zum Teil geglücktes Experiment. Mir persönlich fehlt doch der fast übermenschlich agierende Superschurke, der mindestens die Welt vernichten will und drei Superrassen schaffen möchte. Zudem hat Deaver im Schlussteil wieder gewohnt agiert-eine "überraschende" Wendung, eine Finte, eine falsche Fährte usw.-also wie in den Sachs/Rhyme Romanen, denen durch diese permanent gleiche Konstruktion mittlerweile meines Erachtens die Luft ausgeht. Nichtsdestrotrotz hat Deaver ein spannendes und gut lesbares Buch geschrieben mit einem stimmigen Superagenten. Vielleicht wird im nächsten Buch ja wieder die Welt zerstört.
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