Dunkler Dämon von Jeff Lindsay

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel Dearly devoted Dexter, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Knaur.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Florida / Miami, 1990 - 2009.

  • New York: Doubleday, 2005 unter dem Titel Dearly devoted Dexter. ISBN: 0385511248. 292 Seiten.
  • München: Knaur, 2006. Übersetzt von Frauke Czwikla . ISBN: 978-3-426-62808-9. 378 Seiten.
  • [Hörbuch] Daun: TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch, 2007. Gesprochen von Alexander Bandilla. ISBN: 978-3866679795. 7 CDs.

'Dunkler Dämon' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Dexter Morgan arbeitet weiterhin als Spezialist für Blutanalysen bei der Polizei von Miami. Seiner Neigung, brutale Killer höchstpersönlich aus dem Weg zu räumen, darf er im Moment allerdings nicht frönen. Denn Sergeant Doakes, sein misstrauischer Kollege, hat ihn im Visier. Also versucht sich Dexter als solider Familienvater und kümmert sich um seine Freundin Rita und deren zwei Kinder. Doch das Häusliche liegt ihm nicht so, und vor allem kann er den ›dunklen Passagier‹, der in ihm schlummert, kaum noch bändigen. Kurz bevor er vor Langeweile fast durchdreht, wendet sich das Blatt: Ein besonders gefährlicher Serienmörder, der seine Opfer in Scheiben und Würfel schneidet, macht die Straßen von Miami unsicher. Dexter stürzt sich in den Kampf …

Das meint Krimi-Couch.de: »Das Dunkle hinterm Augenlid« 89°Treffer

Krimi-Rezension von Bernd Neumann

»Welches Raubtier lässt Fleisch herumliegen, zumal, wenn es noch zuckt?«

bzw.:

»Eine ordentliche Zerstückelung ist vor allen Dingen sauber: keine Blutlachen und kein festgetrocknetes Fleisch an den Wänden. Das beweist einen Mangel an Klasse.« 

Vorweg: Harter Tobak, ein sehr, sehr befremdlicher Psychothriller, dessen Magnetismus man sich aber nur schwerlich entziehen kann! Die Mischung macht´s: Es gibt kaum einen vergleichbaren Autor zu Jeff Lindsay, der die Gratwanderung zwischen äußerster Brutalität und sarkastischem Humor so ausgereift beherrscht und mit großem Gespür für das richtige Mass an der passenden Stelle scheinbar traumsicher wechseln kann. Und dieser Balanceakt schwebt absturzsicher auf überdurchschnittlich hohem sprachlichem Niveau. Glückwunsch, Mr. Lindsay!

Schon sein Thriller Des Todes dunkler Bruder war ein zu Recht hochgelobtes Erstlingswerk und stand in diesem Forum deshalb in der Auswahlliste zum »Krimiblitz 2005«. Es ist kein Zufall, dass in den USA »Des Todes dunkler Bruder« als bestes Debüt des Jahres 2004 ausgezeichnet wurde. Und noch ein Hinweis: Für den »alten Hasen« und Krimi-Couch-Rezensenten Wolfgang Weninger ist es von seinen bislang 150 hier bewerteten Krimis noch immer das mit der höchsten Gradzahl:

»Für alle, die gerne ein Mal einen Krimi lesen, der aus dem üblichen Rahmen fällt, kann \'Des Todes dunkler Bruder’ als Lektüre wärmstens ans Herz gelegt werden«

, resümierte Weninger 2004.

Dexter Morgan und sein Dunkler Passagier sind wieder da!

Das es möglich ist, Dexter Morgan mit seiner gespaltenen Persönlichkeit kriminalistisch am Leben zu erhalten, erschien schreibtechnisch schwer machbar. Aber wie es der Zufall will: Pünktlich zum 150. Geburtstag von Siegmund Freud sind sie in trauter Einigkeit wieder da: Dexter Morgan, das ICH, der Spezialist für Blutanalysen bei der Polizei von Miami und sein ES, der dunkle Bruder, der immer wieder erwartungsvoll mit seiner trockenen Echsenzunge schnalzt und ihn in mörderische Vollmondaktivitäten treibt.

Der ganze Stolz der beiden ist die Trophäensammlung: ein kleiner Kasten voller Objektträger mit jeweils einem Tropfen Blut, welche die erregende Erinnerung an jedes einzelne Abenteuer wach halten. Die stattliche Anzahl von neununddreißig, zwei weitere sollen die Tropfensammlung zügig ergänzen. Dexters Lieblingsgeräusch ist das »Reißen von Paketband, das Lieblingspräludium zu einem Konzert für Klinge und Schneide.« Dexter Morgan ist immer noch der nach Aussen hin saubere, schwarzhumorige, aber ungesellige gute Amerikaner.

Aber er fühlt sich berufen zum Robin Hood für Wahrheit und Gerechtigkeit mit der antrainierten Fähigkeit, sich in Geduld zu üben und keine Gefühle zu haben. Und im passenden Moment gerecht zu rächen.

Und auch das menschliche Umfeld des Erstlings hat Fortbestand

Erinnert wird an Harry, seinen Adoptivvater, der ihn dazu formte, ausschließlich Mörder zu morden. Garstige Mörder, die ohne jeden Kodex töteten und die es verdient haben, endgültig und grausam abgestraft zu werden. Immer pünktlich, nett zu den Kollegen und in jeder Hinsicht unauffällig sein, das hatte ihm Harry eingebläut.

Stiefschwester Deborah, ehemals bei der Sitte als Ködernutte in Hotpants und Schlauchtops zur Bekämpfung gegen illegale Prostitution eingesetzt, hat es nun doch endlich zum Sergeant innerhalb der Mordkommission gebracht und ist Kollegin von Sergeant Doakes.

Aber Doakes spürt immer mehr, dass mit Dexter irgendetwas nicht stimmt, und er startet eine unentwegte Observation mit seinem braunen Taurus.
Um der Beschattung zu entgehen, flüchtet Dexter in die unfreiwillige Leibeigenschaft auf das Sofa von Rita, einer langjährigen Freundin, der er in harten Zeiten seelischen Beistand gegeben hat.

Trautes Glück, trautes Heim, tagaus, tagein …

Rita ist das Produkt der katastrophalen Ehe mit einem Mann, dessen Vorstellung von Vergnügen darin bestand, Crack zu rauchen und sie zu prügeln. Aus der Ehe stammen der einsilbige und eine befremdliche Vorliebe habende Sohn Cody und seine ältere Schwester Astor:

»Die Zwänge ihrer mit einem gewalttätigen Oger als Vater verbrachten frühen Kindheit hatten zwischen ihnen eine symbiotische Beziehung geschaffen, die so eng war, dass sie aufstieß, wenn er Soda trank.«

Ein absolutes Glanzstück des Kriminalslapsticks ist eine Episode, als das zufällige Auftauchen einer diamantenen Klunker von Rita plötzlich als Verlobungsantrag gedeutet wird! Aber Dexter will die unbedingte Vermeidung dieser lebenslangen Seligkeit, die sich von hinten an ihn angeschlichen hatte und seinen Hals fest umklammerte. Er hat Panikvorstellungen,

»zu dem Ding zu werden, der mit den Kindern zum Fußball ging, Blumen mitbrachte, wenn er zuviel Bier getrunken hatte, Waschmittel und Sonderangebote verglich, statt die Verkommenen von ihrem überflüssigen Fleisch zu befreien.«

Denn das ist seine Berufung, bei der ihm Sergeant Doakes durch sein misstrauisches und ununterbrochenes Beschatten schon genug Probleme bereitet und den Fortgang der natürlichen Dinge erheblich verzögert.

Die Vergangenheit fordert ihre Opfer

Da wird Miami von einer bisher nicht gekannten brutalen Gewaltserie eines gefährlichen Psychopathen mit offensichtlicher chirurgischer Fachkenntnis heimgesucht.
Der Fall wird muss unter strengster Geheimhaltung dem FBI übertragen werden. Die Spur führt nach El Salvador und hat mit den ehemaligen Machenschaften der US-Army dort zu tun. Und das Verrückte: Widersacher Sergeant Albert Doakes steckt bis über beide Ohren mittendrin …

Sicher, wie der skrupellose Dr. Danco medizinisch vorgeht, ist so neu nun wieder nicht (»Der Blinde von Sevilla«, »Die Chirurgin« und »Cupido« lassen grüßen!), aber es ist die brutale Ausdrucksweise der Lindsay’schen Akteure, die so tief erschüttert und auf dem Drahtseil des unerträglich Vorstellbaren balanciert:

»Was er will, ist, seine Opfer vollkommen zu zerstören. Sie innerlich und äußerlich zu vernichten, ohne Möglichkeit der Wiederherstellung. Er will sie in tönende Sitzsäcke verwandeln, die niemals mehr etwas anderes empfinden werden als absolutes, endloses, wahnsinniges Grauen.«

»Das Blut der Opfer ist deshalb der reinste Cocktail mit der Absicht, die Opfer wach zu halten und zugleich ihren Schmerz auszuschalten...«. »Es ist die Injektion von psychotropen Drogen, um sein Gefühl hilflosen Schreckens zu verstärken.«

Widerlich auch, wenn der völlig gefühlslose Dexter von »Dem Ding Auf Dem Tisch« spricht, das »jemand in eine jodelnde Kartoffel verwandelt hatte...«, oder vom »menschlichen Türstopper...«. Mit solchen Zitaten, die abscheulich, aber ganz offensichtlich Mittel zum Zweck sind, gelingt Jeff Lindsay eine an Intensität kaum mehr zu übertreffende Darstellung des Dunklen Dämons, der zur eigentlichen Lebensantriebskraft von Dexter Morgan mutiert ist. 

Das beunruhigende, schauerlich-faszinierende an diesem Psychothriller sind die so häufigen Stimmungswechsel: unmenschliches, kaum nachvollziehbares und völlig emotionsloses, selbst den Leser schmerzendes Gemetzel wechselt mit Passagen, wo das laute Lachen unvermeidlich ist:

»Dann setzte der Wagen hart auf, und der Beifahrerairbag explodierte in mein Gesicht. Ich fühlte mich wie nach einer Kissenschlacht mit Mike Tyson.«

Aber dann, in kürzester Zeit und unverhofft wird der Leser auf dieses schnellen Achterbahn der Gefühle wieder so richtig runtergezogen und ständig durchgerüttelt.
Der Roman ist in der ICH-Form geschrieben, so dass die Chance zum distanzierten, unbeteiligten Lesen gering gehalten wird: Man steckt in den Schuhen des kühlen »Gerechtigkeitskillers« Dexter Morgan und seinem dominanten ES.

Das in diesem Buch mehrere Handlungsstränge parallel und zugleich fusionierend zu einem stimmigen Ganzen verwoben werden, ist eine Glanzleistung auf hohem sprachlichen Niveau und macht »Dunkler Dämon« zu einer unbedingten Empfehlung für Alle, die sich trauen.
Die Personenanzahl ist übersichtlich, so dass nach (hier eher lästigen!!) Lesezwangspausen der Wiedereinstieg erfreulich problemlos ist. Selbst das Vorablesen des Lindsay-Vorgängers (»Des Todes dunkler Bruder«) ist für das Gesamtverständnis nicht erforderlich, aber aufgrund von dessen Qualität (s. W. Weninger) ein unbedingter Krimitipp!

Allein das Superkapitel 23 ist des Lesens wert und ein belletristisches Highlight für die Beschreibung einer inszenierten Verlobungsparty:

»Was ich von der Party sehen konnte, wirkte wie ein Arrangement von Hieronymus Bosch«, »...einer Bande tanzender Derwische...«, wo » …die Menge heulte als wäre Vollmond bei einer Tollwutversammlung.«

Dagegen verhalten sich die polizeilichen »Chorknaben« von J.Wambaugh wie eine gesittete Pfadfindergruppe beim heimeligen Lagerfeuer mit Gitarrenklang und Stockteig.

Das Buch wimmelt vor ausgezeichneten bildhaften Vergleichen (garantiert auch Resultat einer großartigen Übersetzung durch Frauke Czwikla!) sowie von plastischen Schilderungen, die teilweise haarscharf an der moralischen Eigenzensur entlangschrammen und psychische Kollisionen hervorrufen.

Moralisch halbwegs unbeschadet kommt man aus diesem ständigen Wechsel von Abscheu und ansatzweisem Selbstjustizverständnis zur krankhaft gespaltenen Persönlichkeit des Sauberkeitsfanatikers Dexter Morgan nur davon, wenn man sich einredet, dass es sich »nur« um die Phantasiewelt eines belletristischen Fegefeuers handelt und mit der Wahrheit nichts am Hut hat. Jedoch: El Salvador gab und gibt es, und Amnesty International hat alle Hände voll zu tun.

Auch wenn dieses Buch nicht diesen absoluten Thrill der letzten Seite hat, erfahren wir eines mit ziemlicher Gewissheit: die mittlerweile auf zweiundvierzig angewachsene Trophäensammlung des Dexter Morgan wird weiter ergänzt werden – und er spekuliert langfristig auf tatkräftige Unterstützung …

Und Dexter Morgan hat ein Ziel:

»Ich wollte, dass er zu jemandem heranwuchs, der so war wie ich – vor allen Dingen deshalb, weil ich ihn formen und seine winzigen Füße auf den Harry-Pfad lenken wollte.«

Ihre Meinung zu »Jeff Lindsay: Dunkler Dämon«

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LEOLLO zu »Jeff Lindsay: Dunkler Dämon« 11.04.2014
Schrott, wie auch die nachfolgenden. Konnte auch nicht anders sein nach dem furiosen Auftakt. Kein Wunder, wenn Hollywood die serie mit eigenen Drehbuchautoren fortsetzte. Das Geld bekommt Lindsay natürlich weiter. Erschreckend dumm ist der dunkle Bruder, der zurück kommt.Abstrus wird es jedoch im vierten Buch: Was hier zusammen gesponnen wird, passt auf keine blutige Kuhhaut. Sogar der Griff in die Flimmerkiste mit Jonny Depps Piratenlustspiele wird nicht gescheut. Abstruses wirkt meistens lächerlich. Hier erreicht es einen Gipfel (es gibt noch andere Gipfel, die vor Lindsay erstiegen wurden).
Schade um Lindsay. Man hat sich viel versprochen. Ob er seine Ironie in irgendetwas ertränkt hat?
Marv zu »Jeff Lindsay: Dunkler Dämon« 11.05.2011
Jeff Lindsay zweiter Dexter-Roman, Dunkler Dämon, steht seinem Vorgänger in nichts nach. Ein amputierender Serienmörder jagt durch Miami, Sergeant Doakes hat ein Auge auf Dexter geworfen, was diesen wiederum zwingt, seinen dunklen Passagier im Zaume zu halten und ein bierseliges Familienleben zu simulieren. Während die Objektträger auf neues Sammelgut warten, macht sich Dexter, auch aus familiären Gründen, auf die Suche nach Dr. Danco, dem Serienmörder.
Lindsay mit viel Gefühl für Sprache und dem Spiel mit Worten schafft erneut ein schwarzhumoriges, bösartiges, bissiges Werk, dass dennoch nie seine Leichtigkeit verliert. Im Zentrum steht wieder Dexter, dem, in der Ich-Form geschrieben, die normalen menschliche Emotionen fremd sind und durch diesen Abstand von allem Menschlichen, die normalerweise grauenhaftesten Ereignisse in inneren Monologen lakonisch, distanziert, zynisch und makaber kommentiert.
Durch diesen Dreh und dem Erzählen aus der Perspektive von Dexter schafft es Lindsay Sympathien mit einem Mörder aufzubauen und einen Humor in Szenen entstehen zu lassen, die man üblicherweise eher mit Ekel und Grausamkeit verbindet.
Wer auf diese Art von schwarzen Humor steht, sei auch der 2. Band von Lindsay empfohlen.
Samoa zu »Jeff Lindsay: Dunkler Dämon« 15.02.2011
Ein wenig spannungsärmer als der Vorgängerband – nichtsdestotrotz ein "Muss" für jeden Dexter-Sympathisanten…
Denn mit derselben schnodderig-morbiden schwarzhumorigen Leichtigkeit erzählt Lindsay eine weitere Episode aus dem Leben Dexters und dessen "Dunklen Passagier".Wiederum geht es um chirurgische Eingriffe der ganz besonderen Art, diesmal verübt von einem vollständig durchgeknallten "Ich-will-doch-bloß-spielen-Doktor".

Atemberaubend, wie Dexter den ersten aufgefundenen Torso zwar durchaus interessiert, aber auf die ihm eigene Art äußerst distanziert und unbeteiligt mustert. Und zunächst voller Bewunderung über die Raffinesse der operativen Vorgehensweise räsoniert. Bis ihm empört aufgeht, dass er sein Mittagessen versäumt hat. Während der Rest der Belegschaft zeitgleich darum kämpft, ihren Mageninhalt bei sich zu behalten… Größtenteils erfolglos, nebenbei bemerkt.

Jeff Lindsay beherrscht die Kunst, ausgesprochen abartig-makabre Gedankengänge und Taten auf eine derart locker-flockige Art zu präsentieren, dass ich mich beim Lesen so manches Mal erschrocken fragte: Ist das denn jetzt wirklich "richtig", hier einfach so laut loszulachen?
Dies ist kein Thriller, der einen vor Spannung an den Nägeln kauen läßt – aber ein ganz wunderbar unterhaltendes und kurzweiliges Buch – wenn man sich auf diese dann doch sehr spezielle Art des Humors einlassen kann. 89°
Stefan83 zu »Jeff Lindsay: Dunkler Dämon« 26.03.2010
Seit ihrer Verfilmung in Form der US-Serie „Dexter“ sind die Bücher von Jeff Lindsay wohl alles andere als ein Geheimtipp mehr. Und selten konnte ich diese Art von Werbung so begrüßen, wie in diesem Fall, denn auch das zweite Werk um den sympathischen Serienmörder aus der Nachbarschaft, Dexter Morgan, ist einmal mehr ein äußerst amüsantes Lesevergnügen. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass man sich einer gewissen morbiden Neugier nicht schämt oder gar allzu zart besaitet ist. Das „Dunkler Dämon“ so einschlägt, hatte ich nach dem doch sehr kruden und uninspirierten Ende von „Des Todes dunkler Bruder“ ehrlich gesagt nicht erwartet. Kurzfristig spielte ich gar mit dem Gedanken, Lindsays Bücher komplett aus dem Regal zu entfernen. Gottseidank habe ich der Versuchung nicht nachgegeben, denn Dexters zweiter Auftritt deutet nicht nur das große Potenzial dieser Reihe an, sondern unterhält auch von der ersten bis zur letzten Seite. Kurz zur Ausgangsposition:

Dexter Morgan, Spezialist für Blutanalysen bei der Polizei von Miami, könnte DER Vorzeigeamerikaner sein, gäbe es da nicht ein kleines Problem: Sein heimliches Hobby. Seit frühester Jugend treibt ihn der „dunkle Bruder“ zum Morden an, eine zweite Persönlichkeit, welche nur dank dem Code des verstorbenen Onkels Harry im Zaum gehalten werden kann. Dieser hatte schon in Kindestagen Dexters „Problem“ entdeckt und ihn dazu angeleitet, die Klinge nur für diejenigen zu wetzen, die es verdient haben. Bis jetzt hat dieses Arrangement hervorragend funktioniert, so dass mittlerweile neununddreißig kleine Bluttropfen auf Objektträgern von der erfolgreichen Arbeit des „dunklen Bruders“, der von der geistigen Rückbank Dexters Taten lenkt, künden. Nach außen hin spielt er erfolgreich die Rolle des lieben, netten Kollegen, so dass niemand von seinem dunklen Geheimnis ahnt. Zumindest fast niemand, denn Sergeant Doakes, der seinerseits wohl auch einen düsteren Schatten in der Persönlichkeit trägt, hat ihn schon seit längerer Zeit im Visier. Er will Dexter bloßstellen und beginnt nun damit, diesen von morgens bis abends zu überwachen.

Ein echtes Dilemma, denn die trockene Echsenzunge des dunklen Bruders lechzt verzweifelt nach neuen Bluttaten, da zwei weitere potenzielle Opfer, pädophile Kinderschänder und Mörder, bereits auf der Liste stehen. Dexter, der den Anschein von Normalität wahren will und jetzt jeden Abend mit Freundin Rita und deren Kindern verbringt, droht schon zu verzweifeln, als von anderer Seite die dringend benötigte Ablenkung kommt. In einem Haus in Miami wird ein Mann gefunden. Zumindest dessen Torso und Kopf. Sämtliche Gliedmaßen wurden chirurgisch präzise entfernt, der „Patient“ dabei am Leben gehalten. Dexter, der die Arbeit des mysteriösen Mörders insgeheim bewundert, nimmt gemeinsam mit seiner Schwester, der Polizistin Deborah, und, ironischerweise, Sergeant Doakes', die Ermittlungen auf ...

Puh, was für ein Buch. Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich für meinen Geisteszustand spricht, aber ich habe einen Großteil der Lektüre lauthals lachend verbracht. Während auf dem Papier Gliedmaßen abgesägt und Menschen gemeuchelt wurden, zog sich bei mir ein dauerhaftes Grinsen ins Gesicht, das wie bei Dexter der dunkle Bruder, nur schwer bis gar nicht abzuschütteln war. Jeff Lindsays Humor als schwarz zu bezeichnen, wäre immer noch zu hell, denn viel zynischer, düsterer und morbiderer als hier, geht es eigentlich nicht mehr. Mit einem Wortwitz der seinesgleichen sucht und einer Gagdichte, die man mit dem Messer schneiden kann, wird von Seite eins an Vollgas gegeben. Selbst friedlichste Pazifisten werden schwerlich ein Schmunzeln zurückhalten können, denn die Figur Dexter Morgan ist, so absurd das klingt, absolut sympathisch. Mit einer fast kindlichen und verwunderten Unbekümmertheit mordet er sich in das Herz des Lesers. Sein Art und Weise Umgebung und Mitmenschen wahrzunehmen, hat etwas zutiefst Unschuldiges. Frei von jeglichen Gefühlen, ob Liebe oder Zorn, ist ihm die Gesellschaft ein unverständliches Rätsel, das es nach und nach zu ergründen gilt. Während sich so zum Beispiel die Ambulanz ob des schrecklichen Anblicks eines verstümmelten Torso im Hinterhof übergibt, sinniert Dexter über die Ausführung das Messerschnitte und plant, aufgrund des grummelnden Magens, bereits das kommende Mittagessen. Wer hier keine Miene verzieht, geht zum Lachen wohl in den Keller.

Nun ist aber „Dunkler Dämon“ ja laut Titelblatt ein Thriller. Also was ist mit der Spannung? Zum Teufel mit der Spannung! Hirn aus und unterhalten lassen. Im Gegensatz zu anderen Vertretern des Genres versucht Lindsay kein verwirrendes Geflecht von Indizien zu konstruieren. Die Handlung ist ziemlich stringent und die Frage nach der Identität des Täters schnell geklärt. Ob dieser gestellt oder gar gefasst wird, ist Dexter und damit letztendlich auch dem Leser, ziemlich gleichgültig. Was an dem Buch fesselt, ist nämlich der gute Dexter selbst, der mit seiner Rolle als Familienmensch, dunklen Gelüsten und dem sinistren Doakes zu kämpfen hat. Um zu wissen, wie das letztendlich alles unter einen Hut gebracht wird, liest man weiter. Und natürlich, weil eine innere, vielleicht auch etwas dunkle Stimme hofft, dass der so ruhige Blutspezialist am Ende mal so richtig von der Kette gelassen wird.

Insgesamt ist „Dunkler Dämon“ eine äußerst gelungene, verdammt lustige Fortsetzung, welche den Vorgänger meines Erachtens um Längen toppt und die mir ein paar sehr unterhaltsame Stunden spendiert hat. Eine absolute Empfehlung für alle diejenigen, welche nach Laymons Pseudo-Splatter-Orgien mal eine blutige Geschichte auf sprachlich anspruchsvollerem Niveau geboten bekommen wollen. Ich wetze die Messer und freue mich auf Band 3!
14 von 19 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Krimi-Tina zu »Jeff Lindsay: Dunkler Dämon« 23.03.2010
Dexter Morgan, der sympathische Massenmörder, ist unglücklich und langweilt sich zu Tode.
Grund ist sein Erzfeind Sergeant Doakes, der ihn auf Schritt und Tritt verfolgt und ihn daran hindert seinem Hobby nachzugehen. So dass Dexter gezwungen ist den gutbürgerlichen Familienmenschen zu spielen. Zum Dexters Glück geschieht, wir sind ja in Miami, alsbald ein grauenhaftes Verbrechen. Das sowohl Dex als auch Doakes erstmal in Atem hält.
Die Story und speziell der Schluss, der ja beim ersten Buch recht unausgegoren und wenig schlüssig daherkam, sind einigermaßen spannend und stimmig, reißen aber für sich alleine genommen nicht vom Hocker. Die größte Stärke des Buches ist, wie schon beim Vorgänger, Dexters verwunderte und sarkastische Sicht auf seine Mitmenschen, die er wohl nie verstehen wird. Sowie seine bissigen und knochentrockenen Selbstanalysen. Der einzige mir bekannte literarische Serienmörder, der sich nicht in weinerlichen Rechtfertigungen ergeht. Dexter Morgan ist was er ist und Punkt.
Die Details sind wie immer recht drastisch und trotzdem muss man auf fast jeder Seite lachen.
Gefällt mir sogar eine Idee besser als der Erstling
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
koepper zu »Jeff Lindsay: Dunkler Dämon« 11.03.2009
Kann ein Mörder symphatisch sein. Nach dem Genuss des "Dunklen Dämons" bin fast geneigt ja zu sagen. Eine sehr gelungene Fortsetzung des Dunklen Bruders. Bei Dämon gefällt mir der sarkastische Humor von Linday noch besser als im ersten Werk. Das ist absurd schräg. Genauso schräg ist der Plot. Ein rachebeseelter Killer treibt sein Unwesen und die Polizei ermittelt mit einem Schmalspuraufgebot. Unser Held - Dexter - löst alle Probleme ganz alleine, angetrieben von seiner Schwester, die sich in den Chefermittler verliebt hat, der völlig unfähig ist. So läuft Polizeiarbeit hoffentlich nicht. Aber es ist auch egal. Das Buch ist einfach Klasse - spannend, witzig und sprachlich wirklich auf hohem Nivaeu. Absolut empfehlenswert.
Magellan zu »Jeff Lindsay: Dunkler Dämon« 29.08.2008
Dexter is back!
Nach „Des Todes dunkler Bruder“, was ja schon allein ein Brecher par excellence war, hat Jeff Lindsay mit „Dunkler Dämon“ die Reihe um den Blutspritzeranalytiker und Serienkiller-Killer Dexter Morgan (mitsamt Alter Ego „Dunkler Passagier“) konsequent weitergeführt und einen wie ich finde genialen zweiten Teil abgeliefert. Zugegeben, man hat nicht mehr so viele „Aha“ - Erlebnisse, die Story ist nicht mehr so spannend und bis auf die „Besonderheit“ von Cody, dem Sohn von Dexters „Freundin“ Rita, gibt es kaum Neues. Erwartet auch kein Mensch
Was die meisten Leser Lindsays begeistert, ist die herrlich lakonische und trockene Sprache, die Dexter ausmacht. Es ist einfach genial, wie staubtrocken und „gefühllos“ er die Umwelt und seine Mitmenschen seziert und sich selbst als „Imitat“ eines Menschen betrachtet. Hier wird besonders gut deutlich, was Dexter für den Job des „einsamen Rächers außerhalb geltender Nomen“ geradezu prädestiniert. Seine Gefühlskälte darf allerdings nicht mit Unmenschlichkeit gleichgesetzt werden, da er das nicht ist. Er kann „nur“ keine Gefühle empfinden, was durch seine Vergangenheit (allerdings nicht explizit!) erklärt wird.
„Dunkler Dämon“ ist ein Krimi der Extraklasse, schonungslos, kalt, aber doch von einer gewissen „menschlichen“ Wärme durchzogen, auch wenn Dexter das so nie zugeben würde.
Uneingeschränkte Empfehlung!
P.S.: Es bietet sich an, „Des Todes dunkler Bruder“ zuerst zu lesen!
detno zu »Jeff Lindsay: Dunkler Dämon« 29.08.2008
Die Handlung ist nicht so stark wie in "Des Todes Dunkler Bruder". Ich habe immer auf eine überraschende Wende oder ähnliches gewartet, aber der Plot läuft ab wie ein Uhrwerk. Dafür entschädigen die Dialoge und die verschiedenen Typen, die Dexter auf seinem mörderischen Weg mit dem "dunklen Passagier" begleiten.
Seine (nicht jugendfrei) fluchende Schwester Deborah, der mörderische Polizist Doakes oder der immer nur an Sex denkende Kollege Vince. Dazu im krassen Gegensatz Dexter, für den die (Tarn-)Verbindung zu Rita der wahre Horror ist. Herrlich die erzwungenen Liebesbezeugungen, als er von Doakes observiert wird.
Na ja, und dann kommt noch der stille Cody ins Spiel, für den ein Satz mit drei Worten bereits eine lange Rede darstellt.

SCHWARZER HUMOR VOM ALLERFEINSTEN!! Das Warten auf Band 3 hat bei mir begonnen.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Merri zu »Jeff Lindsay: Dunkler Dämon« 27.07.2008
Super!! Die Mischung aus Humor und Brutalität habe ich bisher nur in Jeff Lindsays Büchern erlebt. "Dexter" schildert alles direkt und lässt dabei noch platz für seinen sarkasmus. ich will unbedingt mehr von dexter hören!!!
Schrodo zu »Jeff Lindsay: Dunkler Dämon« 22.06.2008
Hah, endlich mal ein Thriller der sich nicht um Frauenleichen dreht. Nein der böse Bube erfreut sich an seinen ehemaligen Freunden indem er ihnen so ziemlich alles entfernt was das Leben lebenswert macht. Mehr darf ich dazu nicht verraten. Die Story ist für mich etwas an den Haaren herbeigezogen, dafür erinnern mich die Dialoge des Buches öfters an die der Herren Starsky und Hutch aus der gleichnamigen Fernsehserie…genau so locker und lustig. Die Geschichte plätschert so dahin ohne dass bei mir große Spannung aufgekommen wäre. Für einen Tag im Urlaub am Strand würde es mir aber reichen. Auf dem Umschlag steht „Psychothriller“…muss wohl ein Fehldruck gewesen sein.

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