100 Stunden von Jean-Christophe Rufin

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel Le parfum d´Adam, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei S. Fischer.
Ort & Zeit der Handlung: Polen, 1990 - 2009.

  • Paris: Flammarion, 2006 unter dem Titel Le parfum d´Adam. 538 Seiten.
  • Frankfurt am Main: S. Fischer, 2008. Übersetzt von Brigitte Große & Claudia Steinitz. ISBN: 978-3-10-068509-4. 560 Seiten.
  • Hamburg: Zeitverlag Bucerius, 2009. Übersetzt von Brigitte Große & Claudia Steinitz. ISBN: 978-3941378568. 480 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2009. Übersetzt von Brigitte Große & Claudia Steinitz. ISBN: 978-3-596-17891-9. 557 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: Argon, 2008. Gesprochen von Wolfram Koch. ISBN: 3866104855. 6 CDs.

'100 Stunden' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Polen, im Frühling 2005: Juliette, Aktivistin in einer Umweltschutzgruppe, befreit Tiere aus einem Versuchslabor. Doch diese vermeintlich harmlose Aktion führt ins Herz eines Komplotts. Eine fanatische Umweltorganisation verfolgt einen mörderischen Plan. Ex-CIA Agent Paul Matisse heftet sich an ihre Fersen. Bis er erfährt, was sie vorhaben, bleiben nur noch hundert Stunden, um die Welt zu retten. Und Juliette muss sich entscheiden, auf welcher Seite sie steht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Öko-Thriller mit subtiler Spannung« 80°

Krimi-Rezension von Eva Bergschneider

Le parfum d’Adam lautet der Originaltitel von Jean Christophe Rufins Öko-Thriller, den der S.Fischer Verlag für die deutsche Ausgabe in 100 Stunden» änderte. Rufin scheint prädestiniert für das Thema Bioterrorismus zu sein, denn der Autor war als politischer Berater und Mediziner tätig. Man darf also fundierte Sachkenntnisse von dem Franzosen erwarten, der laut «Le Figaro" den amerikanischen Kollegen Michael Crichton in die Ära der Dinosaurier zurück schickt.
Ist 100 Stunden also ein Must-read für alle Leser, die sich für wissenschaftliche Thriller interessieren?

Mehr als nur eine Tierbefreiung

Als die Französin Juliette aus einem polnischen Labor Ratten und Affen befreit, glaubt sie noch daran, den Tieren etwas Gutes zu tun. Nur flüchtig wundert sie sich darüber, dass sie ein bestimmtes Fläschchen mitnehmen soll. Erst später wird ihr klar, dass mehr dahinter stecken muss und so weigert sie sich, die Beute an ihren Kontaktmann Jonathan weiter zu geben. Sie will selbst die geheimnisvolle Substanz an seinen Bestimmungsort bringen und an der großen Aktion teilhaben. Ihre Reise führt sie über Südafrika nach Colorado/USA, wo sie den charismatischen Ted Harrow kennen lernt.

Die Schatten der Vergangenheit

Paul Matisse kann jeden Cent für seine Neuropathologie-Klinik gebrauchen, in der nicht krankenversicherte Patienten behandelt. Ein potentieller Sponsor entpuppt sich allerdings als Pauls ehemaliger Chef bei der CIA. Inzwischen ist aus Archie ein privater Spionage-Dienstleister geworden, der den Auftrag bekam, einen Einbruch von radikalen Tierschützern in ein polnisches Forschungsinstitut zu untersuchen. Er möchte Paul für diesen Auftrag rekrutieren, da dafür seine medizinischen Kenntnisse von Nutzen sind. Mit der Aussicht auf einen neuen Trakt für seine Klinik, ermittelt Paul in Polen, Paris und London. Der Laborleiter Rogulski in Wroclaw ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Cholera-Forschung. Offensichtlich hat er Angst und weiß mehr über die Aktion, als er sagt. Die Spur führt zu den kapverdischen Inseln, wo es überraschende Ausbrüche des Vibrio cholerae gab.

Zuviel des Guten?

Die Handlung in 100 Stunden wird einerseits aus der Sicht der psychisch labilen Französin Juliette, andererseits aus der des Arztes und Agenten Paul Matisse und seiner Partnerin Kerry geschildert. Jäger und Gejagte agieren an ständig wechselnden Schauplätzen auf der ganzen Welt. Dennoch hat Rufin keinen Thriller geschrieben, in dem sich fortwährend apokalyptische Szenen abspielen. Stattdessen setzte der Autor auf minutiöse Recherche und fundiertes Wissen im Bereich Biotechnologie und Entwicklungshilfe, um ein realistisches Bedrohungsszenario zu erschaffen.

Genauso sorgfältig illustrierte der Autor die Schicksale und Motive seiner zahlreichen Protagonisten. Überwiegend ist es ihm gelungen, seinen Figuren Leben und Persönlichkeit einzuhauchen, auch wenn durch die Fülle an Lebensgeschichten manches individuelle Detail auf der Strecke blieb. Gern hätte man noch etwas mehr über behinderten Brasilianer Joaquim, oder auch den Agenten Barney erfahren. Handlung und die Figuren wirken insgesamt überaus glaubwürdig. Allerdings übertreibt es Rufin teilweise mit der Akribie, Ansätze eines Spannungsbogens werden durch zu viel Fachsimpelei zerredet. Dennoch wirkt Rubins Schreibstil nicht trocken, sondern liest sich flüssig und lässt auch erfrischenden Humor durch blicken:

»Für sie (die Indianer) sorgt die Natur im Überfluss. Erst die Zivilisation der Weißen hat den Mangel entstehen lassen« [...]
»Überfluss! …In dieser Wüste? ...Wenn wir keine Koteletts mitgebracht hätten...«

Kein Reißer, aber mit viel hintergründiger Suspense

Der Roman beschreibt nicht nur die Vorbereitung eines bioterroristischen Anschlags, sondern auch die Entstehungsgeschichte einer fanatischen Ideologie. Der Autor diskutiert die wichtigsten aktuellen Herausforderungen unserer Gesellschaft: den Raubbau des Menschen an der Natur und die immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich. Rufins absurd klingender Hypothese wohnt eine perfide Logik inne. Man wundert sich fast, dass eine derartige Fehlinterpretation des Umweltschutzgedankens noch nicht umgesetzt worden ist.

Einen Count-Down in der Form, dass die Ermittler bewusst die Stunden, die sie noch für die Rettung der Welt zur Verfügung haben, herunter zählen, gibt es übrigens nicht. Durch die Art und Weise, wie die deutsche Ausgabe 100 Stunden präsentiert wird, entsteht eine bestimmte Erwartungshaltung bei den Lesern, die der Roman nicht erfüllt.

Mancher Leser mag sich am Ende vielleicht fragen, an welcher Stelle er den angekündigten Show-Down verpasst hat. Wer den Roman allerdings unvoreingenommen liest, den schockiert die erschreckende Authentizität. Die Qualität von Rufins Öko-Thriller 100 Stunden liegt weniger darin, dass spektakuläre Aktionen den Leser in Atem halten. Vielmehr erzeugt er mit verstörenden Gedanken und in leiseren Tönen eine nachhaltigere Spannung, die viel Stoff zum Nachdenken hinterlässt.

Eva Bergschneider, April 2008

Ihre Meinung zu »Jean-Christophe Rufin: 100 Stunden«

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Reinhard zu »Jean-Christophe Rufin: 100 Stunden« 16.02.2010
Das Buch ist spannend und gut geschrieben, auch ohne Countdown mitreißend bis zum Schluss. Die Motive der Täter sind in erschreckender Weise nachvollziehbar und logisch; das sind nicht einfach "die Bösen", die auf eigenen Profit aus sind.

Auch die Übersetzung aus dem Französischen ist wirklich gelungen, durchwegs idiomatisches Deutsch, das man nicht als Übersetzung wahrnimmt. Zum Vergleich: kürzlich habe ich ein Buch von Fred Vargas in deutscher Übersetzung gelesen; da schimmerte das französische Original durch jeden Satz.

Zur "ätzenden Beschreibung" von Deutschen und Österreichern, die in einem früheren Kommentar erwähnt worden ist: ganz einfach, bei diesen Volksgruppen "darf" man es, die haben international keine Lobby. Der Urvater der mörderischen Ideen des Buchs, Prof. Konrad Fritsch, wird geschildert als ein Deutscher oder Österreicher, der an einen evangelisch-lutherischen Pastor erinnert. Deutsche, Österreicher und evangelisch-lutherische Pastoren sind seit langem dankbare Objekte für "ätzende" Beschreibungen, alle ganz ohne Lobby. Man stelle sich mal vor, der Autor hätte Fritsch zu einem - nein, das führe ich jetzt besser nicht aus.

In einem Punkt aber muss ich doch mal eine Kritik an der deutschen Übersetzung los werden. Die Stadt in Norditalien, wo sich Paul und Kerry mit Archie treffen und von ihm zurückgepfiffen werden, heißt Turin. Ja, klar, das ist der seit langem eingebürgerte deutsche Name von Torino. Wieso, verdammt noch mal, heißt dann die Stadt in Polen, wo der Einbruch in das Labor geschieht, Wrocław? Auch diese Stadt hat einen seit Jahrhunderten gängigen deutschen Namen: Breslau. Was hätte im Weg gestanden, diesen deutschen Namen konsequent zu verwenden? Klar, die Stadt gehört zu Polen, ebenso wie Turin zu Italien, aber was für Turin recht ist, sollte für Breslau billig sein, oder?
Silke Schroeder, hallo-buch.de zu »Jean-Christophe Rufin: 100 Stunden« 23.12.2008
Der neuer Roman von Jean-Christophe Rufin ist ein spannender Öko-Thriller mit nachdenklichen Untertönen. Rufin, der selbst Wissenschaftler und Arzt ist, hat tief in der Philosophiegeschichte gegraben und darin eine menschenverachtende Idee gefunden, die bis heute immer wieder Anhänger findet. Nach diesen Leuten kann auf der Erde nur eine bestimmte Anzahl Menschen leben, und da es in der menschlichen Zivilisation eine natürliche Auslese nicht mehr gibt, muss der Natur eben nachgeholfen werden: die überflüssigen, unnützen und armen Mitglieder der Gesellschaft müssen sterben.

Rufin baut diese philosophisch verklärte Absurdität nicht nur geschickt in seinen packenden Agententhriller ein, er zeigt auch die fatalen Folgen dieses falsch verstandenen, scheinbar „wissenschaftlich“ gestützten Sozialdarwinismus auf. Trotz einiger leicht klischeehafter Charaktere ist Rufin damit eine ebenso unterhaltsam wie engagiert geschriebene Story gelungen.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
uschi zu »Jean-Christophe Rufin: 100 Stunden« 19.06.2008
Hallo, finde das Thema ziemlich brisant. Es regt zum Nachdenken an.Vorallem vor dem
aktuelle Hintergrund steigender Agrarpreise.Nur was sollte ätzende Beschreibung der Deutschen in dem Buch.
Noch dazu werden Deutsche und Österreicher in einen Topf geworfen. Hat
der Verfasser einen Hass auf Deutsche???
Es hat mich wirklich geärgert. Fast wollte ich das Buch weglegen. Außerdem passt der
Titel nicht zum Buch. Hatte der Verlag Angst
das Buch verkauft sich sonst nicht?
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Frank zu »Jean-Christophe Rufin: 100 Stunden« 31.05.2008
Ok, den Titel kann man vergessen. Der Bezug zum Inhalt erschließt sich auch nach dem endgültigen Lektüreende nicht.
Das Buch selbst hat mir sehr gut gefallen, hier wurde mal ein anderes "Argument" für die "wir zerstören die Welt" Motivation gefunden.
Die eventuelle Zerstörung unserer Kultur und Gesellschaft wird mit einem philosophischen Ansatz begründet, die einen schon zum nachdenken bringt (trotz seiner Perfidität).
Lediglich die Proagonisten bleiben blaß, ordnen sie sich doch (zu?) weit hinter dieser Bedrohung ein.
Das Buch hinterlässt Fragen, regt zu eigener Recherche an, was mir so zuletzt bei "Voodoo" von Nick Stone passierte.
Ich gebe 90%.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Dimitrios Gavriilidis zu »Jean-Christophe Rufin: 100 Stunden« 01.05.2008
Das Buch hat einige neue Facetten, das hat mir gefallen.
Das Personal blieb mir leider manchmal etwas zu stereotyp. Die Guten sind furchtbar gut und schön, den bösen sieht man ihren Charakter schon an. Das mag ich gar nicht.
In den Naturbeschreibungen lag wesentlich mehr Leidenschaft. Aber es ist ja auch ein Umweltthriller.

Das schrecklichste ist allerdings der deutsche Titel, der weckt einfach falsche Erwartungen.
Ein nettes Buch für Zwischendurch ist es alle mal.
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Ece zu »Jean-Christophe Rufin: 100 Stunden« 17.04.2008
Ja, den Countdown muss ich wohl auch verpasst haben, aber dieses Buch hat mich in ein Thema eingeführt, in dass ich nun -dank Rufin- weiter einsteigen möchte,
Dieses Buch gibt sehr viel Information und Denkanstösse und es gibt haufenweise philosophische Ansätze zu einem Thema welches für uns alle noch essentiell sein wird.
Dieser Hintergrund ist für mich noch wichtiger als der Plot oder der Thriller und ich bin wirklich sehr froh das Buch gelesen zu haben.
3 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Anka Ziegler zu »Jean-Christophe Rufin: 100 Stunden« 07.04.2008
Ich war von diesem Buch etwas enttäuscht.
Habe es bis zum Schluß gelesen und auf
den Knall gewartet. Es war ein bißchen zu
viel Philosophie und die Protagonisten Paul und Kerry ziemlich konturlos. Die beiden waren schon wieder "zu gut".
Den Beginn der 100 Stunden habe ich auch verpaßt. Dabei begann alles mit dem Überfall auf das Labor ganz vielversprechend. Es gibt wirklich spannendere Neuheiten in diesem Frühjahr.
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