Der Feind aus alten Tagen von Janwillem van de Wetering

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1985 unter dem Titel De zaak ijsbreker, deutsche Ausgabe erstmals 1987 bei Rowohlt.
Ort & Zeit der Handlung: Niederlande / Amsterdam, 1970 - 1989.

  • Utrecht: Bruna, 1985 unter dem Titel De zaak ijsbreker. 235 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1987. Übersetzt von Hubert Deymann. ISBN: 3-499-42797-4. 249 Seiten.

'Der Feind aus alten Tagen' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

»Der tote Bankier stand mit Mühe auf und erschoss sich noch einmal«, deklamierte de Gier.
»Zwei Kugeln«, sagte Grijpstra, »und ein Loch, und zwar genau mitten in der Stirn der Leiche.«
»Statistisch gesehen ist es ein bisschen unwahrscheinlich«, sagte de Gier. »Der Mensch, der es satt hat, schießt sich entweder in die Schläfe oder in den Mund und – abweichend von der Regel – auch mal zwischen die Augen. Ein Schuss in die Stirn kommt kaum vor.«
»Zwei Kugeln, Kaliber .22.«

Das meint Krimi-Couch.de: »Wenn man groteske Situationen mag, liegt man mit Van de Wetering richtig.« 45°

Krimi-Rezension von Wolfgang Weninger

Da liegt er also nun. Martin Ijsbreker. Vor seinem Haus entlädt sich ein Gewitter, aber das merkt der erschossene Bankdirektor nicht mehr. Auch nicht, dass drei Junkies und ein stotternder Künstler seine Wohnung ausräumen, kostbare Bilder und Vasen mitnehmen. Aber auch die drei Junkies überleben den Einbruch nicht lange. Ihr Lohn ist eine Überdosis Heroin.

Selbstmord eines undurchsichtigen Bankers und Drogentod dreier Süchtiger sind offensichtlich kein Grund, lange darüber nachzudenken und die Polizei schließt die Akten als erledigt.

Der Commissaris erfährt davon aus der Zeitung, als er aus dem Urlaub zurück kommt. Er kannte Martin Ijsbreker. Und er kennt auch denjenigen, der vom Tod des Bankiers am meisten profitiert. Denn er ist mit diesem Willem Fernandus um sieben Ecken verwandt und hat mit ihm gemeinsam den Kindergarten besucht. Schon damals entstand die Rivalität zwischen den beiden um einen Sitzplatz auf dem Schoß der Kindergärtnerin Juffrouw Bakker, der man so schön an den Busen fassen konnte.

Als der Commissaris sich näher mit dem eingestellten Fall befassen will, wird er kurzerhand vom Dienst suspendiert. Seine Untergebenen, darunter Adjudant Grijpstra und Brigadier de Gier, werden bei einem Unfall verletzt und sind dienstfrei gestellt und gegen den Commissaris wird wegen Korruption ermittelt. Aber korrupt sind die Anderen und der Commissaris, de Gier und Grijpstra beginnen privat zu ermitteln, denn hinter allem Unheil kann nur der verruchte Feind aus alten Tagen, Willem Fernandus, stecken.

Janwillem van de Weterings Lebenslauf ist vielleicht interessanter, als seine Geschichten, obwohl er vieles davon in seinen Romanfiguren untergebracht hat. Aufgewachsen in Südafrika, Philosophiestudium in London, Zen-Buddhismusschüler in Japan, Großhändler in Kolumbien und Peru, Aushilfspolizist in Amsterdam, Zen-Studien in Amerika und Schottland, lebt heute in Maine, nahe der kanadischen Grenze.

Und genauso bunt schillernd sind van de Weterings Romanfiguren. Der Commissaris ist ein alternder Polizeioffizier, der oft ins Grübeln kommt und seine Fälle gerne friedlich lösen würde. Brigadier de Gier ist ein aufbrausender junger Mann, der sich selbst noch nicht gefunden hat und Gewalt mit Gewalt beantworten will. Adjudant Grijpstra ist ein verinnerlichter, kunstsinniger Beamter, der zum Ausgleich Bilder aus Entenskeletten malt. Und allen gemeinsam ist die Liebe zum weiblichen Geschlecht, egal ob es sich nun um Sekretärinnen oder Huren handelt, wobei die Grenze nicht immer ganz deutlich gezogen wird.

Van de Wetering, »Hätschelkind der 68-Nostalgiker unter den Kritikern« (© mdoc), hat in Der Feind aus alten Tagen eine spannende Geschichte verpackt, wirkt aber gelegentlich durch seine Wortwahl unfreiwillig komisch.
Zitat: »Nur die Ulmenzweige bewegten sich, baten den Regen flehentlich um Vergebung, während sie versuchten, sich aufzurichten, aber roh wieder nach unten gedrückt wurden.«

Dass Weterings Figuren grundsätzlich so stark überzeichnet sind, dass man meint, sie seien samt und sonders der Klapsmühle entsprungen, daran könnte man sich im Prinzip noch gewöhnen, denn zumeist bleibt wenigstens ihr Handeln weitgehend logisch. Aber wenn die Protagonisten anfangen über Gott und die Welt, sich selbst oder den Polizeidienst zu sinnieren, dann fragt man sich doch, welche spirituelle Phase der Autor beim Schreiben gerade durchgemacht hat. Kostprobe gefällig? Zitat: »Ich habe mich jetzt selbst zum Notfall ernannt«, flüsterte de Gier. »Bis jetzt war ich das nicht, weil ich zu feige war, mich gegen die Mehrheit zu stellen, aber dieser Zustand hat sich zu meinem Vorteil verändert.«

Van de Weterings Dialoge verblüffen manchmal durch ihre Einfachheit.
»Wie findest du meine Frisur?«
»Wo ist dein Haar geblieben?«
»Beim Friseur«
Ist das nun Einfachheit, Wortwitz oder Schlimmeres? Auf jeden Fall verdirbt van de Wetering für mich eine interessante Ausgangsposition durch solche Wortbanalitäten.

Der Fall selbst ist durchwegs spannend konstruiert und man wartet richtig darauf, wie der Commissaris seine Widersacher erledigt. Wenn man groteske Situationen mag, in denen z. B. nach langer Suche Hummerscheiße als perfekter grüner Hintergrund für ein Bild aus Entenskeletten entdeckt wird, liegt man mit Van de Wetering richtig.

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Andreas zu »Janwillem van de Wetering: Der Feind aus alten Tagen« 27.11.2003
Hallo,

mit Freude nehme ich hier eine deutlich differenziertere Setllungnahme zum Werk zur Kenntnis, als das in den vorherigen Kritiken teilweise der Fall war. Das mag zum einen daran liegen, dass das Buch besser ist(?), zum zweiten auch daran dass sich der Kritiker mehr an Van de Weterings Stil gewöhnt hat oder sich (idealerweise) einfach mehr daurauf eingelassen hat. Schön, solche Kritiken mag ich, aauch wenn sie nicht meine Meinung reflektieren. So finde ich Van de Wetering gerade dann am besten, wenn er den Kritiker am meisten stört: Eben dann, enn das Krimigeschehen herrlich zwischen banal und absurd schwankt. Eben dann, wenn der Commissaris und auch de Gier über 'Gott und die Welt' nachsinnen. Aber ich kann die hier gegebene Kritik schon verstehen, sicher ist das nicht Jedermanns Sache. Zum Abschluss würde ich dem Kritiker gerne noch 'Ticket nach Tokio' empfehlen, das ein wenig tiefer in die religiös - philosophische Richtung geht, gerade aus der Spannung zwischen fernöstlicher und westlicher Kultur viel Dramaturgie erfährt und möglicherweise eines der besten Amsterdam - Cops Buch ist. Schöne Grüße A. Marx
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