Der Commissaris fährt zur Kur von Janwillem van de Wetering

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1982 unter dem Titel De Straatvogel, deutsche Ausgabe erstmals 1983 bei Rowohlt.

  • Utrecht: Bruna, 1982 unter dem Titel De Straatvogel. 224 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1983. Übersetzt von Hubert Deymann. 222 Seiten.
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1999. Übersetzt von Hubert Deymann. ISBN: 3-502-79189-9. 240 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2003. Übersetzt von Hubert Deymann. 222 Seiten.

'Der Commissaris fährt zur Kur' ist erschienen als Taschenbuch

Das meint Krimi-Couch.de: »Eine Aneinanderreihung idiotischer Verhaltensmuster« 30°

Krimi-Rezension von Wolfgang Weninger

Auch der beste Kriminalist ist nicht gerade sonderlich erfreut, wenn morgens um drei das Telefon läutet. Wenn sich dann heraus stellt, dass der Fürst des Amsterdamer Rotlichtmilieus durch eine Salve aus einer Maschinenpistole in die ewigen Jagdgründe verabschiedet wurde, müssen jedoch die Besten der Besten aus den Matratzen springen und zum Tatort eilen.

Da hätten wir zu Allererst den Commissaris. Eigentlich schon im Rentenalter und von Rheuma geplagt, interessiert in vorerst ein Geier über dem Tatort mehr als die Leiche. Und da er ja über fähige Mitarbeiter verfügt, kann er es sich erlauben, nach Österreich zu fahren, wo ihm eine Kur in heilendem Schlamm seine Leiden vergessen lassen sollte. Doch sein Riecher befiehlt ihm, die Kur sausen zu lassen und andere Ermittlungswege einzuschlagen. Und so verkleidet er sich, begibt sich ins Haus einer ehemaligen Prostituierten, die so nebenbei die Gespielin von Adjutant Grijpstra ist, und lässt sich von ihr munter massieren und mit dem Nachbarn bekannt machen. Dieser Onkel Wisi von Nebenan ist so etwas wie ein Medizinmann und genauso schwarz und abergläubisch, wie die Leiche. Zusätzlich hält er sich noch eine schwarze Katze, die immer wieder in der Nähe des Tatortes auftaucht und den eingangs erwähnten Geier, der auf den Namen Opete hört.

Ebenfalls an diesem Fall interessiert ist Brigadier Jurriaans, der eigentliche Herrscher über den Rotlichtbezirk. Er weiß nicht nur, was seine Polizisten zu tun haben, sondern auch, was rund um seine Wache an Delikten passiert. So weit es dabei um Prostitution und Drogenhandel geht, ist sein Wissen allerdings nicht nur beruflicher Natur, denn ein guter Polizist, lässt sich für geregelte Verhältnisse nicht nur vom Staat bezahlen. Ordnung muss nun mal sein und die schafft der Brigadier, wenn es nötig ist auch mit Gewalt.

Unterstützt wird er dabei tatkräftig von Brigadier de Gier, so ferne dieser nicht gerade dabei ist, mit seinen Kollegen Jazzmusik zu machen und sich den Körper mit Alkohol und Drogen zu füllen. Auch Adjutant Grijpstra teilt einige dieser Interessen, wenn er ein Schlagzeug malträtiert oder eine der Nutten aufsucht.

Und als wären diese Polizisten noch nicht genug, gibt es noch einen eifrigen jungen Mitarbeiter namens Cardozo, zwei Konstabel mit den eigenartigen Namen Karate und Ketchup und die bildhübsche Adjutantin Adèle, bei der sämtliche genannten Polizisten zu ausschweifenden, feuchten Gedanken verführt werden.

So schwierig kann der Fall eigentlich nicht sein, denn für so eine grauenvolle Tat können nur die zwei Kontrahenten des Unterweltfürsten Luku Obrian verantwortlich gemacht werden. Natürlich können sich auch Amsterdamer Polizisten nicht über alle Gesetze hinweg setzen. Um wenigstens halbwegs innerhalb der Vorschriften zu bleiben, werden ein paar hübsch illegale Razzien gestartet, wobei eine angezettelte Schlägerei noch die harmloseste Aktion ist. Aber irgendjemand war der Übeltäter. Ob Jude oder Radfahrer, Rollschuhläufer oder Medizinmann, hier wird jeder verdächtigt. Sogar die Polizei!

Janwillem van de Wetering hat 1993 mit Der Commissaris fährt zur Kur einen reichlich zwiespältigen Kriminalroman vorgelegt, der im Mai 2003 im Rowohlt Taschenbuch Verlag seine Auferstehung feiert. Was an diesem Krimi so völlig anders ist, sind die verkorksten Typen bei der Amsterdamer Polizei, die fast noch schlimmer sind, als ihre Schäfchen von der anderen Seite des Gesetzes. Dabei führen die Herrschaften gelegentlich einen Dialog, dessen Jargon haarscharf an den Grenzen des Anstandes vorbei läuft, so als wären sie alle kleine Charles Bukowskis. Die Gedanken der handelnden Personen könnten gelegentlich einem LSD-Rausch entsprungen sein und was hier an Sprüchen zitiert wird, sollte jeder Emanzipations- und Antisemitengruppe die dunkelrote Farbe ins Gesicht treiben.

Das Lesegefühl bei diesem Buch wird schon durch das Schriftbild extrem stark strapaziert. Selbst mit Brille sind die 223 engst beschriebenen Seiten nicht unbedingt lustig zu lesen. Wenn dann die Klassifizierung eines Einbruches als einfach oder schwer an Hand der Fäkalien auf dem Teppich erfolgt, dann wird für mich ein Krimi schlichtweg zur Farce. Wie mir überhaupt des Öfteren schien, als wäre dieses Buch einfach nur eine Aneinanderreihung idiotischer Verhaltensmuster, um daraus mit dem Krückstock einen Krimi zu zimmern. Entweder war der Autor stellenweise so high, dass er seine eigenen Crackphantasien verarbeiten musste, oder er versuchte streckenweise sein Lesepublikum zu verarschen. Aber wenn die Time urteilt »Ein Krimischreiber der Superlative«, dann habe ich wohl einiges in diesem Buch nicht verstanden.

Ihre Meinung zu »Janwillem van de Wetering: Der Commissaris fährt zur Kur«

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Thorsten S. zu »Janwillem van de Wetering: Der Commissaris fährt zur Kur« 30.05.2008
Janwillem van de Wetering ist ein hervorragender Autor. Aber "Der Commissaris fährt zur Kur" ist einfach nur peinlich. Wolfgang Weninger hat das ziemlich gut beschrieben. Wenn jemand den Autor entdecken will, sollte er besser vorne anfangen, mit "Outsider in Amsterdam".
Angie zu »Janwillem van de Wetering: Der Commissaris fährt zur Kur« 17.11.2005
Wow - ich kann mich LN und Andreas Marx Meinungen nur anschließen! Ich habe zwar die Bücher von vd Wetering schon vor langer Zeit gelesen, aber dann und wann denke ich voller Sehnsucht an den lieben alten Commissaris und seine Kollegen, die Huren... Das haben sie nicht verdient! Frauenfeindlich, lachhaft! Antisemitisch, ausländerfeindlich - seltsame Ansichten.
Hat eigentlich schon einmal jemand die Richter-Di-Bücher gelesen, die von Robert van Gulik geschrieben wurden? Und wer hat van Gulik "wiederentdeckt"? Genau, vd Wetering - schon deshalb gebührt ihm ein neunfacher Kotau!- Nebenbei hat er auch eine wirklich sehr gute Biographie über van Gulik verfaßt.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Lars Nußbaum zu »Janwillem van de Wetering: Der Commissaris fährt zur Kur« 15.08.2005
Es ist zwar schon einige Jährchen her, dass ich einige Commissaris-Romane von JW vd Wetering gelesen habe, aber ich erinnere mich mit größtem Amusement an sie, obwohl sie vielleicht nicht den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen haben. Ich würde sie alle im Bereich zwischen 80 und 90 Punkten einsortieren.

Durch den heutigen Leserkommentar von dreysacz' aber bin ich überhaupt erst ermuntert worden, mir mal anzuschauen, wie die krimi-couch den alten Holländer sieht. Nach vd Wetering habe ich nämlich nichts holländisches mehr gelesen, erst seit kurzem liegt wieder mal ein Buch eines Niederländer's (Jack Toes) auf meinem Wohnzimmertisch.

Um es kurz zu machen: ich bin erschüttert. Solch gnadenlose Verrisse ohne sich die Mühe einer kritischen Reflexion zu machen. Nun gut, der Kritiker hat sich bereits weiter unten gerechtfertigt und seine Meinung darf man akzeptieren. Die Selbstkapitulation im letzten Satz obiger Rezension ist jedoch mit Abstand das treffendste, was der Kritiker nieder geschrieben hat. Bin froh, dass die anderen Rezensenten unter mir mit der Meinung des Kritiker's ebenso wenig einverstanden sind wie ich. Persönlich weiß ich inzwischen, welche Rezensenten hier meinen Geschmack annähernd treffen und welche nicht. Und das ist ja auch schon mal ein Fortschritt. :-)

Nix für ungut,
LN
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
dreysacz zu »Janwillem van de Wetering: Der Commissaris fährt zur Kur« 15.08.2005
Sehr geehrter Herr Weninger,

mit Amusement las ich Ihre Rezension von "Der Kommisaris fährt zur Kur".

Mein Eindruck zu Anfang war : "Sehr treffend, etwas flapsig zwar, aber Janwillem ist ja auch nicht zimperlich..." - und ich witterte hinter vielen Ihrer Sätze einen "Smiley".
Wie gross dann mein Staunen, als ich dann begriff, dass Ihr Beitrag als "vernichtende" Kritik des Buches (und des Authors) gemeint ist..

Kann es sein, dass Sie manches schlichtweg zu ernst nehmen?

Bitte, nichts für ungut - ohne eine lebendige Vielfalt der Meinungen kann Kultur nur erstarren, und dann ist sie keine Kultur mehr.

Oder: "Was dem een sin Uhl is dem annern sin Nachtigal".

In diesem Sinne bin ich immer dankbar für eine Anregung zu Denken.

Ekkehard
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Frank zu »Janwillem van de Wetering: Der Commissaris fährt zur Kur« 09.11.2004
Lieber Rezensent Weininger, ich glaube, Sie haben das ganze Buch nicht verstanden; diese Rezension, die im Übrigen auch nicht eben von besonders reflektierter Lebenskenntnis zeugt, ist eine Farce; sehr bedauerlich. Auch nach dem Lesen Ihrer "Verteidigung" muss ich es so deutlich sagen: Von jemandem, der über Bücher/Literatur schreibt, muss ich mehr erwarten können - und das hat nichts mit dem persönlichen Geschmack, sondern mit der Art der Auseiandersetzung mit einem Werk (und damit auch mit gesellschaftlichen Umständen) zu tun. Über diese Rezension habe ich mich richtig, richtig geärgert. Ein "Freigeist" wie van de Wetering ist angesichts solch simpler schwarz-weiß-Denk-Attitüden, wie Sie sie hier demonstriert haben, umso wichtiger.
Elisabeth zu »Janwillem van de Wetering: Der Commissaris fährt zur Kur« 14.09.2003
Mit Büchern und Musik ists nun mal so: Man versteht,ist berührt oder eben nicht. Ein Kritiker, der negativ kritisiert, sollte doch so klug sein, dass er realisiert, dass nicht jedes Werk, das ihn nicht erreicht ,schlecht sein muss. Könnte auch an ihm liegen?
Auch ich finde diese Rezension mangelhaft. Sie ist in vielen Punkten polemisch, ungenau und schlicht falsch. Ich verstehe nicht, warum ein Mensch, der bereits andere Krimis von de Wetering eindeutig nicht mochte( nicht verstand?), es sich antut und uns , noch eines von diesem Autor zu lesen und es öffentlich zu kritisieren. Ich mag seit vielen Jahren diesen Autor, habe nicht die Erwartung, dass alle FreundInnen meine Vorliebe teilen, kenne aber niemanden der diese Romane als antisemitisch oder gar frauenfeindlich erlebt. Diese Lesart ist verschrobener als es irgendein van de Wetering Roman sein kann!!!!!! Schade, bitte demnächst einen anderen Kritiker ranlassen. Der sollte auch kritisch kommentieren, aber nicht falsch und unsachlich.
Andreas zu »Janwillem van de Wetering: Der Commissaris fährt zur Kur« 27.08.2003
Sehr geehrter Herr Weninger,

vielen Dank für Ihre Antwort, zeugt sie doch von Interesse. Ich kann diese Antwort allerdings nicht so stehen lassen, bitte lesen Sie meine Kommentare dazu in ihrer Mail.

Ich freue mich über diesen Dialog, denn nur ein schlechtes, ein wirklich schlechtes Buch verursacht keine Kontroverse.


Mit erfreuten und freundlichen Grüßen

A. Marx
----- Original Message -----
From: Krimi-Couch.de - Wolfgang Weninger
To: andreas.marx@matrox.com
Sent: Tuesday, August 26, 2003 5:53 PM
Subject: Betreff: Rezension von 'Der Commissaris fährt zur Kur'


Sehr geehrter Herr Marx,

Ich bedaure, wenn ich mit meiner Rezension Ihre Geschmacksnerven so empfindlich gestört habe. Dies lag allerdings nicht in meiner Absicht.

Von Absicht bin ich zu keinem Zeitpunkt ausgegangen. Sie aber sollten daran denken, dass Sie ähnliche Empfindungen auch bei andern auslösen können.

Tatsache ist, dass gerade die Krimi-Couch davon lebt, dass hier Bücher nicht nach kommerziellen Gesichtspunkten rezensiert werden und keinerlei Druck von Verlagen bzw. Werbemedien die großsprecherischen Ankündigungen der Pressetexte unterstreichen muss. Folglich sind meine Rezensionen ausschließlich meine private Meinung.

Das ist tatsächlich der sehr erfreuliche Aspekt an Krimi - Couch. In diesem Sinne bin ich Ihnen natürlich für jede Rezension dankbar.

Ich habe mir nicht nur dieses Buch von de Wetering zu Gemüte geführt, sondern (leider) auch noch ein Weiteres, weil ich schon bei diesem Buch keinen positiven Zugang gefunden habe und de Weterings Schreibweise überprüfen wollte. Allerdings mit noch schlechterem Ergebnis.

Offensichtlich handelt es sich bei dem zweiten Buch um eines jener Bücher, die nach dem Ausscheiden der Amsterdam Cops aus dem Polizeidienst spielen. Ich gebe gerne zu, dass ich selbst, als Fan sozusagen, in diesen Büchern den Kontakt zu den Cops weitgehend verloren habe. Ich denke, van de Weterings Experiment, seine Cops selbst entscheiden zu lassen, was gut, was böse ist, ist auf ganzer Linie gescheitert, leider.
Als Einstieg in van de Weterings Werk (was die Cops betrifft, natürlich), würde ich Ihnen z.B. 'Rattenfang' empfehlen, um aber etwas mehr über den philosophierenden Krimi - Autor zu erfahren, ist meiner Meinung nach 'Ticket nach Tokio' das wohl stärkste Buch aus dieser Reihe.


Was die Sprache der Rezension betrifft, versuche ich mich in etwa dem Inhalt anzupassen und sie werden vielleicht zugeben, dass der Autor auch sprachlich nicht immer den angemessenen Jargon trifft. Dazu gehört z. B. die mehr als frauenfeindliche Darstellung der Protagonisten gegenüber ihrer weiblichen Kollegin. Als bedenklich fand ich auch die Idee, den Herkunft der Tatwaffe darzustellen. Vielleicht ist in diesem Zusammenhang das Wort antisemitisch falsch. Die Einstellung der Polizisten richtet sich tatsächlich nicht nur gegen Juden, sondern prinzipiell gegen Ausländer, aber auch dies ist eine sehr persönliche Ansicht.

Zur Sprache: Ich finde es befremdlich, die Sprache des rezensierten Buches 'nachahmen' zu wollen, zumal, wenn man genau diese Sprache doch auch scharf kritisiert. Rezensionen sollten in sachlichem Ton gehalten sein, gerade weil sie eine persönliche Meinung widerspiegeln. keinesfalls aber sollten sie den Autor unter der Gürtellinie angreifen - wie bei Ihnen leider geschehen (LSD...).
Mehr als frauenfeindlich? Nun, das sehe ich komplett anders: Hat nicht jeder der Beamten im Polizeirevier mit Hochachtung von der stolzen und wohl auch schönen Hure (der Name ist mir entfallen), die auf unglückliche Weise in der Brückenszene eine Hauptrolle spielte, gesprochen? Richtet sich nicht gerade hier die Schreibweise van de Weterings gegen die Männerphantasien? Ohne Ihnen etwas unterstellen zu wollen: Macht sich nicht jeder, der dies als frauenfeindlich liest, verdächtig? Ist es nicht eher so, dass solche Dinge tatsächlich bei der Mehrheit der Männer dieses merkwürdige Gefühl zwischen Scham, Geilheit, Moral und Voyerismus auslösen (ähnlich einem Pornofilm, etwa)? Der Unterschied zu Wallander & Co wird überdeutlich: van de Wetering spricht es aus, Wallander wäre nur empört und moralisch zu tiefst entrüstet. Wer ist wohl skurriler?
Ihre Einschätzung, der Roman sei ausländerfeindlich, lässt sich am Roman selbst widerlegen:
- Ein Schwarzer spielt eine wesentliche Rolle innerhalb der Polizei (übrigens gibt es diese 'Freizeitpolizisten in Amsterdam wirklich - van de Wetering selbst war einer!)
- Ein weiterer Schwarzer (der Medizinmann) spielt eine ganz wesentliche Rolle ausserhalb der Polizei. Sogar eine sehr gute, weitaus weisere als es die Polizisten tun!
- de Gier stellt sich sehr schützend vor seinen jüdischen Freund mit der Maschinenpistole
- der Täter ist aber eindeutig weiser Holländer!

Es ließen sich weitere Beispiele anführen. Lediglich die Darstellung des deutschen Polizisten ist alles andere als positiv. Aber das ist nichts Neues und eher typisch für Holland im allgemeinen als für van de Wetering im Besonderen

Warum Grijpsta nichts von der Szene auf der Brücke hören will, ist pure Eifersucht und dass seine gegenwärtige Freundin sehr wohl in einem Bordell gearbeitet hat und er sie dort in "Ausübung seines Dienstes" kennen gelernt hat, dürfte ich wohl nicht falsch verstanden haben.

Nellie taucht in einem früheren Roman schon einmal auf, in diesem wird klarer, als hier, dass sie eine Gegenwelt zu Grijpstas Ehe, Familie und - wichtig! - auch zu seinem Beruf darstellt. Natürlich ist für einen Kripo - Beamten die Wahrscheinlichkeit, eine Hure näher kennen zu lernen recht gross. Aber van de Wetering schreibt ja von der Ausübung seines Dienstes, nicht etwa 'in Ausübung ihres Berufes'. Ein, wie ich finde, grandioses Mißverständnis, dem Sie aufgesessen sind. Nicht weiter verwunderlich, wenn man schon nach wenigen Seiten eine Abneigung gegen das Buch hat (nicht als Vorwurf gemeint!), so liest man wohl zwangsläufig mit einer gewissen Scheuklappe.
Grijpstas angebliche Eifersucht kann ich nicht entdecken, eher eine gewisse Verklemmtheit - siehe oben!

Für mich ist es jedenfalls keine lesenswerte Literatur, wenn man alle Polizisten als rechtsbrecherische Widerlinge darstellt. Aber hier sind wirklich alle korrupt und dies ist ja auch der Grund, warum jeder von Ihnen seinen Dienst quittiert, nach dem er genügend unredliches Vermögen angehäuft hat.


Ein Fakt, den Sie in diesem Buch nicht gelesen haben können, also sollten Sie ihn hier auch nicht ins Feld führen!


Van de Weterings "Amsterdam Cops" als skurril bzw. absurd zu bezeichnen, ist für mich die Untertreibung des Jahres. Für mich sind diese Typen samt und sonders Schmarotzer der übelsten Sorte, und ich halte es zwar für legitim, solche fiktiven Figuren zu beschreiben, aber dafür kann ich das Prädikat "Literatur" beim besten Willen nicht vergeben. Auch wenn Sie in diesem Atemzug Wallander und Co ansprechen, so scheint mit der Vergleich nicht ganz angemessen, denn zumindest "denken" diese Menschen über sich nach, um zumindest einen pseudopsychologischen Hintergrund zu verbreiten. Solche Denkansätze vermisse ich bei Van de Wetering fast völlig.

Pseudopsychologisch haben Sie schön gesagt!
ich kann nur nochmals 'Ticket nach Tokio' empfehlen, hier wird deutlich, dass van de Weterings Cops viel, viel mehr denken, als es ein Wallander je getan hat. Und zwar nicht (pseudo--)psychologisch, sondern tatsächlich philosophisch. Van de Weterings langer Aufenthalt im Kloster wird hier sehr deutlich.

Ich nehme an, dass Sie nicht oft mit unseren westlichen Nachbarn, den Niederländern, zu tun hatten. Aber auch Sie wissen, dass jeder Gegend nicht ohne Grund, gewisse Eigenheiten zugesprochen werden: Schwarzer Humor in England, bittersüßes aus Wien - und in diesem Sinne erkenne ich in den Cops erstaunlich viel niederländische Skurrilität.

Interessant, dass Sie nicht auf meinen Vergleich mit dem guten Morse eingehen, ein ebenso skurriler Ermittler aus Thames Valley, UK.

Absurd ist allerdings ein für mich wichtiges Attribut, heisst es doch, das wir es hier mit sehr stark gezeichneten, überzeichneten Figuren und Handlungen zu tun haben, voller Symbolkraft (die sich natürlich nicht erschliessen muss!): Geier, absurde Rollschuhfahrer, Katze,usw..
Korrupt? Aber nicht doch: Verurteilt nicht der Commissaris das Verbrechen eindeutig? Leidet nicht de Gier darunter, missbraucht worden zu sein für diverse Einsätze?

Die Fragen. die Sie in diesem Zusammenhang aufwerfen, machen durchaus Sinn und es wäre erfreulich, wenn Van de Wetering diese auch beantwortet hätte. Ist es in diesem Sinne wirklich notwendig Alles und Jedes in den Dreck zu ziehen? Meines Erachtens greift der Autor viel zu tief in die Gosse, ohne dabei aber etwa die schreiberische Dichte eines Charles Bukowski zu erlangen. Die einzigen Momente, wo mir Weterings Worte wirklich zusagen, sind die Elemente in denen er sich über Jazzmusik äußert. Alles Andere ist für mich reichlich niveaulos.

Niveau ist Ansichtsache, darüber können wir nicht streiten.
Van de Wetering versucht erst garnicht, Fragen zu beantworten, die sich nicht beantworten lassen. Ich finde das auch legitim. Aber in welchem Kriminalroman werden denn schon solche Fragen gestellt, eben ohne mahnenden Zeigefinger, ohne (pseudo--)psychologische Antworten? Eben das ist doch einer der grossen Leistungen van de Weterings: Fragen, uns selbst betreffend, auf den Punkt zu bringen, Hinweise für möglich Antworten zu geben - uns aber ansonsten nicht zu bevormunden.

Auch wenn Sie meinem Urteil in keinster Weise zustimmen, sage ich dennoch danke dafür, dass Sie sich mit meiner Rezension auseinander gesetzt haben. Und die Krimi-Couch lebt davon, dass hier auch unterschiedliche Meinungen aufeinander prallen. In diesem Sinne hoffe ich, dass Sie vielleicht bei einer anderen Rezension von mir erkennen, dass ich mich sehr wohl mit den Inhalten beschäftige. Doch so, wie Sie über meine Worte erzürnt waren, hat mich diese Lektüre auf die Palme gebracht.

Freundliche Grüße aus Wien

Wolfgang Weninger




baerwurz zu »Janwillem van de Wetering: Der Commissaris fährt zur Kur« 26.08.2003
Sehr geehrter Herr Marx,

Ich bedaure, wenn ich mit meiner Rezension Ihre Geschmacksnerven so empfindlich gestört habe. Dies lag allerdings nicht in meiner Absicht.

Tatsache ist, dass gerade die Krimi-Couch davon lebt, dass hier Bücher nicht nach kommerziellen Gesichtspunkten rezensiert werden und keinerlei Druck von Verlagen bzw. Werbemedien die großsprecherischen Ankündigungen der Pressetexte unterstreichen muss. Folglich sind meine Rezensionen ausschließlich meine private Meinung.

Ich habe mir nicht nur dieses Buch von de Wetering zu Gemüte geführt, sondern (leider) auch noch ein Weiteres, weil ich schon bei diesem Buch keinen positiven Zugang gefunden habe und de Weterings Schreibweise überprüfen wollte. Allerdings mit noch schlechterem Ergebnis.

Was die Sprache der Rezension betrifft, versuche ich mich in etwa dem Inhalt anzupassen und sie werden vielleicht zugeben, dass der Autor auch sprachlich nicht immer den angemessenen Jargon trifft. Dazu gehört z. B. die mehr als frauenfeindliche Darstellung der Protagonisten gegenüber ihrer weiblichen Kollegin. Als bedenklich fand ich auch die Idee, den Herkunft der Tatwaffe darzustellen. Vielleicht ist in diesem Zusammenhang das Wort antisemitisch falsch. Die Einstellung der Polizisten richtet sich tatsächlich nicht nur gegen Juden, sondern prinzipiell gegen Ausländer, aber auch dies ist eine sehr persönliche Ansicht.

Warum Grijpsta nichts von der Szene auf der Brücke hören will, ist pure Eifersucht und dass seine gegenwärtige Freundin sehr wohl in einem Bordell gearbeitet hat und er sie dort in "Ausübung seines Dienstes" kennen gelernt hat, dürfte ich wohl nicht falsch verstanden haben.

Für mich ist es jedenfalls keine lesenswerte Literatur, wenn man alle Polizisten als rechtsbrecherische Widerlinge darstellt. Aber hier sind wirklich alle korrupt und dies ist ja auch der Grund, warum jeder von Ihnen seinen Dienst quittiert, nach dem er genügend unredliches Vermögen angehäuft hat.

Van de Weterings "Amsterdam Cops" als skurril bzw. absurd zu bezeichnen, ist für mich die Untertreibung des Jahres. Für mich sind diese Typen samt und sonders Schmarotzer der übelsten Sorte, und ich halte es zwar für legitim, solche fiktiven Figuren zu beschreiben, aber dafür kann ich das Prädikat "Literatur" beim besten Willen nicht vergeben. Auch wenn Sie in diesem Atemzug Wallander und Co ansprechen, so scheint mit der Vergleich nicht ganz angemessen, denn zumindest "denken" diese Menschen über sich nach, um zumindest einen pseudopsychologischen Hintergrund zu verbreiten. Solche Denkansätze vermisse ich bei Van de Wetering fast völlig.

Die Fragen. die Sie in diesem Zusammenhang aufwerfen, machen durchaus Sinn und es wäre erfreulich, wenn Van de Wetering diese auch beantwortet hätte. Ist es in diesem Sinne wirklich notwendig Alles und Jedes in den Dreck zu ziehen? Meines Erachtens greift der Autor viel zu tief in die Gosse, ohne dabei aber etwa die schreiberische Dichte eines Charles Bukowski zu erlangen. Die einzigen Momente, wo mir Weterings Worte wirklich zusagen, sind die Elemente in denen er sich über Jazzmusik äußert. Alles Andere ist für mich reichlich niveaulos.

Auch wenn Sie meinem Urteil in keinster Weise zustimmen, sage ich dennoch danke dafür, dass Sie sich mit meiner Rezension auseinander gesetzt haben. Und die Krimi-Couch lebt davon, dass hier auch unterschiedliche Meinungen aufeinander prallen. In diesem Sinne hoffe ich, dass Sie vielleicht bei einer anderen Rezension von mir erkennen, dass ich mich sehr wohl mit den Inhalten beschäftige. Doch so, wie Sie über meine Worte erzürnt waren, hat mich diese Lektüre auf die Palme gebracht.

Freundliche Grüße aus Wien

Wolfgang Weninger




Andreas zu »Janwillem van de Wetering: Der Commissaris fährt zur Kur« 26.08.2003
Moin,

ich habe mich sehr geärgert über diese haarsträubende Rezension!

Nicht, dass ich meine, ein Buch müsse jedem gefallen. Nicht, dass ich nicht auch an diesem Werk das eine oder andere nicht recht gelungen finde. Manches auch erst nach dem dritten Lesen richtig einordnen konnte.

All das könnte ich verstehen.

Aber man sollte doch wenigstens den Handlungsplot richtig darstellen. Dazu gehört, dass Grijpsta eben nicht mit einer ehemaligen Nutte rum macht, sondern hier eine Beziehung über gesellschaftliche Grenzen existiert. Dafür spricht ja auch, dass eben jener Grijpsta jedesmal, wenn es zu der Szene auf der Brücke kommt, davon nichts hören will!

Nein,
eindeutig: Das Buch in eine auch nur entfernt antisemitische Ecke zu stellen, ist schlich am Inhalt vorbei. Weder werden Juden verdächtigt, noch Radfahrer, Rollschuhläufer u.ä. Das stimmt schlicht nicht mit dem Inhalt überein - da sollte eine Rezension schon genau sein.

Nochmals nein,
natürlich ist es eine üble Unterstellung, dass

Entweder war der Autor stellenweise so high, dass er seine eigenen Crackphantasien verarbeiten musste, oder er versuchte streckenweise sein Lesepublikum zu verarschen.

So geht es nun nicht.

Tatsächlich sind van de Weterings 'Amsterdam Cops' skurril, auch absurd. Aber das sind sie wahrlich nicht zum Selbstzweck oder gar um den Leser zu 'verarschen' (was für ein Ausdruck - für einen, der sich über die Sprache in diesem Roman ärgert!).

Diese Figuren wollen doch etwas ganz anderes:

Was passiert, wenn etwas (in diesem Fall der Rotlichtbezirk) aus seiner Ordnung, aus seinem Gleichgewicht gebracht wird?

Das ist schon eine spannende Frage!

Zu welchen Dingen sind Menschen fähig, wenn sie eine wie auch immer entstandene und gewachsene Struktur zu verlieren glauben?

Zu welchem Unrecht, auch und gerade in Uniform, sind Menschen fähig, wenn sie glauben, es sei für eine gute Sache?

Van de Weterings Roman tritt nicht mit dem Anspruch an, realistisch zu sein. Ist er nie. Er ist Fiktion im besten Sinne.

Ich gebe Ihnen in so weit recht:
Wer einen Krimi, eine Polizeigeschichte, lesen will - der halte sich von diesem Buch fern, wie Sie es besser auch getan hätten.

Wer aber eine Studie über das Mögliche, eine Studie auch über das Unmögliche lesen will, wer die Augen offen hält und auch etwas über seine eigene Manipulierbarkeit lesen will, dem sei das Buch empfohlen!

Die Figuren sind sehr skurril. Aber auch der - übrigens auch von mir geliebte - Kurt Wallander, Herr Erik Winter oder Hanne Willhelmsen haben nichts, aber auch garnichts mit er Wirklichkeit zu tun.

Und Collin Dexters Inspector Morse war mindestens so realitätsfern und skurril wie van de Weterings Commissaris, nebst Schildkröte.

Nichts für ungut, ich werde weiter gerne Krimi - Couch lesen.

Aber ich hoffe doch, dass diese Zeilen zum Nachdenken anregen - mit der Wortwahl, nicht mit der Tatsache, dass Sie keinen Zugang zu dem Buch fahnden, bin ich mehr als unzufrieden.

Beste Grüße

Andreas Marx
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