Der Kopf von Ijsselmonde von Jacob Vis

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1993 unter dem Titel Het Hoofd, deutsche Ausgabe erstmals 2004 bei Grafit.
Ort & Zeit der Handlung: Niederlande, 1990 - 2009.

  • Arnheim: Ellessy, 1993 unter dem Titel Het Hoofd. 263 Seiten.
  • Dortmund: Grafit, 2004. Übersetzt von Stefanie Schäfer. ISBN: 3-89425-538-2. 253 Seiten.
  • [Hörbuch] Daun: TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch, 2006. Gesprochen von Peter Tabatt. ISBN: 3866672586. 5 CDs.

'Der Kopf von Ijsselmonde' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

In einem Wald nahe der Mündung der Ijssel findet ein Waldarbeiter den Kopf eines Farbigen, säuberlich vom Rumpf getrennt. Wer der Mann ist, erfahren Inspecteur Ben van Arkel und seine Kollegin Mirjam van Roon von der Kripo in Ijsselmonde noch am selben Tag, doch warum Ronnie van Splunter auf so brutale Weise umgebracht worden ist, bleibt im Dunkeln. Ebenso, wo sich der Rest der Leiche des Antillianers befindet. Auch die Bisswunde im Gesicht des Toten, die offenbar von menschlichen Zähnen stammt, gibt den Ermittlern Rätsel auf.
Dann geht bei der Polizei ein anonymer Anruf ein: Jemand behauptet, den Täter zu kennen. Zwar finden die Kriminalbeamten heraus, dass es sich bei dem Anrufer um den Schlachthofangestellten Mulders handelt, doch der ist seit Tagen verschwunden und taucht erst mit einer Sendung tiefgekühlter Schweinehälften aus Italien wieder auf – auch er fachkundig in zwei Hälften zerlegt. Bei der Durchsuchung von Mulders Wohnung stoßen die Ermittler auf ein Laien-Filmstudio und Videoaufnahmen, die scheinbar ehrbare Hausfrauen beim Sex mit einem Farbigen zeigen. Bei dem Mann handelt es sich um Ronnie van Splunter, der offenbar nicht nur männlicher Hauptdarsteller in Mulders Filmen, sondern auch dessen Geschäftspartner war. Und es gibt eine weitere Gemeinsamkeit: Beiden wurde ein Stück aus der Wange gebissen. Die fieberhafte Suche nach einem ›Ritualmörder‹ beginnt …

Das meint Krimi-Couch.de: »Angenehm – aber zu wenig Platz für Details« 65°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

In dem beschaulichen Ort Ijsselmonde gerät die Polizei nicht alltäglich unter Verdacht, sich überarbeiten zu müssen. Doch Inspecteur Ben van Arkel, der mit seiner Familie von Amsterdam vor drei Jahren in die ländlische Idylle zog, hat es plötzlich mit einem besonders unheimlichen Verbrechen zu tun, der ihm und seinen Mitarbeitern vollen Einsatz abverlangt. Ein Waldarbeiter findet durch einen Unfall seines Pferdes zufällig die Leiche eines toten Antillianers oder besser gesagt, dessen vergrabenen Kopf aus dem ein Stück der Wange heraus gebissen wurde. Trotz gründlicher Untersuchung des Waldgebietes finden auch die eingesetzten Spürhunde keine Hinweise, die zu dem Körper des jungen Mannes führen. Die Obduktion des Kopfes ergibt zudem, dass nicht wie zuerst vermutet ein Fuchs, sondern vielmehr ein Mensch das Loch in die Wange gebissen haben muss. Bei dem Toten handelt es sich um Ronnie van Splunter, der mit einigen anderen antillischen Familien nach Ijsselmonde umgesiedelt wurde, was entsprechend starke Proteste der einheimischen Anwohner auslöste. Eine richtige funktionierende Nachbarschaft gibt es bis heute nicht. Van Arkel übernimmt die Ermittlungen, kann aber in den ersten zwei Tagen außer einer völlig verkorksten Pressekonferenz nichts bewegen.

Da erhält seine Mitarbeitern Mirjam van Roon einen anonymen Anruf, dessen Urheber ihr anbietet den Mörder zu verraten, sofern er dafür die ausgelobte Belohnung erhält. Der Anruf lässt sich auf einen Schlachthof zurückverfolgen, zudem sich van Roon sogleich auf den Weg macht. Dort wird sie in der Schlachterhalle auf den zwielichtigen Mitarbeiter Hendrik Mulder aufmerksam, doch sie rutscht in den ausgeschlachteten Tierkörperresten aus und fährt daher zunächst unverrichteter Dinge nach Hause, um ein Bad zu nehmen. Am nächsten Tag erkennt ein anderer Polizist Mulder anhand seiner Stimme auf einem Tonband als den anonymen Anrufer, doch dieser ist plötzlich verschwunden. Tags darauf kehrt ein Lastwagen des Schlachtbetriebes kurzerhand aus Italien zurück, da die im Laderaum befindlichen Schweinehälften offenbar nicht mehr frisch sind und somit umgehend zu Wurst verarbeitet werden müssen. Beim Entladen stoßen die Mitarbeiter auf ihren vermissten Kollegen Mulder – fachgerecht zerteilt in zwei Hälften, aufgehangen an zwei Fleischerhaken wie ein Schwein …

Inspecteur van Arkel lehnt trotz des seltsamen und brutalen Verbrechens die Einrichtung einer Sonderkommission ab. Offiziell aus Kostengründen, doch glaubt er anhand seiner Erfolge aus den Vorjahren in Amsterdam den Fall mit seinen eigenen Leuten auch so lösen zu können. Weit gefehlt wie der folgende Mord an Mulder zeigt und so dauert es recht lange bis dem Leser überhaupt mal so etwas wie ein Verdächtiger angeboten wird. Dabei stolpern die Ermittler geradezu über die Beweise und wenig später tritt dann auch der (vermeintliche) Täter selbstbewusst den Polizisten gegenüber.

Aber was hat es mit der parallel zu den heutigen Ereignissen erzählten Geschichte um den Kindesmissbrauch von Andrea durch ihren Onkel auf sich? Hier weiß der Krimi-Kenner frühzeitig und jeder andere des Denkens fähige Leser kommt ebenfalls sofort zu der Erkenntnis, dass es da wohl einen Zusammenhang geben muss, denn ansonsten hätte man diese Kapitel ja gleich weglassen können. Durch dieses bekannte und allzu oft verwendete stilistische Mittel der Rückblende in Verbindung mit einer Side-Story, welche später dann in Relation zur heutigen Geschichte gebracht wird, kann man nur noch begrenzt punkten. Zu offensichtlich ist die Auflösung, wenngleich man die konkreten Zusammenhänge (sprich die Auslöser der aktuellen Taten) noch erraten muss. Durch einen geschickten, wenngleich aus meiner Sicht eher unglaubwürdigen Schlenker, gelingt Jacob Vis immerhin noch eine überraschende Wende zum Schluss des Romans. Gleichwohl muss hier einmal mehr das schon zu oft gebrauchte Wort »überkonstruiert« Anwendung finden.

Auf den rund 250 Seiten bleibt Jacob Vis wenig Zeit für seine Akteure. Ben van Arkel und Mirjam van Roon werden immerhin ansatzweise lebendig gestaltet, die zahlreichen Kollegen und sonstigen Figuren bleiben konturlos, was höchst bedauerlich ist. Und selbst bei dem Plot muss der Autor dem geringen Buchumfang heftig Tribut zollen: Kindesmissbrauch, Migrantenproblematik, Erpressung durch Sexfilme, Eheprobleme der Ermittler sind einige der angeschnittenen Themen. Aus jedem Einzelnen hätte man deutlich mehr heraus holen können (man denke nur an die privaten Probleme nahezu aller skandinavischen Ermittler), wenn, ja wenn, man ein wenig tiefer in die jeweilige Thematik eingestiegen wäre, aber die Handlung muss ja weiter gehen. Viel Platz für Details bleibt nicht.

Trotz aller vorgetragenen Kritik muss festgehalten werden, dass Der Kopf von Ijsselmonde, wenngleich alles andere als preisverdächtig, ein Krimi ist, der kurzweilige Unterhaltung bietet, verbunden mit einem angenehmen Schreibstil. Künftig weniger Themenvielfalt, dafür mehr Detailliebe und der mitunter eigenwillige Inspecteur van Arkel hat sogar das Zeug zum Serienstar.

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K.-G.Beck-Ewe zu »Jacob Vis: Der Kopf von Ijsselmonde« 10.11.2004
Ein Waldarbeiter findet einen Kopf in einem Loch im Wald und wenig später wird ein vermeintlicher Informant ausgeweidet zwischen einigen Schweinehälften in einem Lastwagen gefunden. Inspecteur van Arkel und seine Mitarbeiter sind mit knappen Mitteln und unter einem hohen Grad der öffentlichen Beobachtung mit einem Fall konfrontiert, der sie von einer Immigrantengruppe in immer neue Bereiche führt.

Spannend erzählt, wenn auch am Schluss ein wenig zu stark konstruiert - man sieht die Schweißstellen
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