Die Stille nach dem Schrei von Isolde Sammer

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 bei Rowohlt Taschenbuchverlag.

  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuchverlag, 2010. ISBN: 978-3-499-25370-6. 399 Seiten.

'Die Stille nach dem Schrei' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Sie sucht die Wahrheit. Und findet das Böse. Irenes Leben wird zum Albtraum, als ihr Sohn Jonas gewaltsam ums Leben kommt. Der Täter: ihr neunzehnjähriger Stiefsohn Martin. Die Tat: im Affekt. Angeblich wurde Martin Zeuge, wie Jonas einen kleinen Jungen ermordete. Zudem behauptet er plötzlich, von seinem eigenen Vater missbraucht worden zu sein. Das Gericht spricht Martin frei, doch Irene zweifelt. An Martins Aussage. Und an ihren eigenen Erinnerungen. Sie will die Wahrheit herausfinden, um jeden Preis. Erst recht, als Martin die Abiturientin Tina in seinen Bann zieht. Denn Irene ahnt, wozu ihr Stiefsohn fähig ist

Das meint Krimi-Couch.de: »Gescheitert und glücklich damit«

Krimi-Rezension von Jochen König

Dies ist keine Rezension, sondern der Bericht eines Scheiterns. Gescheitert an einem Buch, für das rund 80% der Kunden bei Amazon, die es sich, zumindest dem Augenschein nach, zu Gemüte geführt haben, vier bis fünf Sterne vergeben. Und das auch in den bisherigen Leserkommentaren auf dieser Seite ziemlich gut wegkommt.

Haben die alle etwas anderes gelesen als ich?

Das erste Mal wollte ich das Buch auf Seite 30 in die Ecke schmeißen. Da zieht nämlich Martin Werneck nach einem Quasi-Freispruch zu seiner Stiefmutter Irene. Wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn die Tat wegen der Martin vor Gericht stand, nicht die Ermordung seines Halbbruders und damit leiblichen Sohnes Irenes gewesen wäre. Irene Werneck, die seine Verurteilung vehement erstreiten wollte, kommen alsbald Zweifel. Vielleicht ist Martins Version der Tat, nach der der vierzehnjährige Jonas selbst ein Kinderschänder und –mörder gewesen sei, doch die richtige. Martin habe ihn nach frischer Tat überrascht, und als angebliches ehemaliges Missbrauchsopfer zutiefst verstört, etwas zu rabiat zur Rechenschaft gezogen. Irene ist verwirrt und mag ihren Morgenkaffee nicht mehr so richtig.

Wir Leser wissen da allerdings längst Bescheid: Martins Seele ist so schwarz wie ein lichtloser Tunnel um Mitternacht. Damien wäre ein passenderer Name für dieses freche Früchtchen und arroganten Ankläger seines eigenen Vaters gewesen.

Doch anstatt diese 19jährige Karikatur des Bösen mit einem gewaltigen Tritt vor die Tür zu bugsieren, verbringt Irene die Tage bis zu seinem Auszug mit ihm unter einem Dach. Dabei ist sie sich eigentlich sicher, dass ihr schwächlicher Jonas, der von einer »Schilddrüsenüberfunktion« geplagt ist; sich als kleines Kind mal böse in den Finger geschnitten hat und seitdem nicht nur einen Grund sich vorm Abwasch zu drücken besitzt, sondern auch eine Aversion gegen Messer hegt, den zehnjährigen Joey nicht vergewaltigt und ausgeweidet hat. Jonas nimmt es allerdings mit dem Gesetz nicht so genau, fährt er als Vierzehnjähriger ganz dreist und ohne es vor seiner Mutter geheim zu halten, Mofa. Dass die Autorin (nicht nur) hier geschlampt hat (Mofa-Führerschein erst ab 15!) – ein Schelm, wer böses dabei denkt.

Ihr sinisterer Stiefsohn hingegen steht auf Gewaltfilme und brutale Videospiele. Dem ist so eine Splatterorgie per se zuzutrauen. Obwohl die kluge Irene gegenüber Kommissar Schneider später relativiert:

»Selbst wenn Martin gern Gewaltfilme angeschaut hat, weist ihn das noch nicht als Gewalttäter aus. […] Sonst wäre die halbe Bevölkerung kriminell, nur weil sie gern Krimis konsumiert.«

Da haben ja alle Besucher der Krimi-Couch nochmal Glück gehabt!

Und ich bin auf Seite 79 völlig zermürbt wieder so weit, das Buch mit seinen Phrasen, Plattitüden, völlig überzogenen und unglaubwürdigen Pappkameraden zuzuklappen. Wobei ein Nervfaktor noch gar nicht erwähnt wurde: die Tina.

Siebzehn Jahr´, dunkles Haar (vielleicht ist sie auch 18. Da ist sich das Buch nicht so ganz einig). Verschossen in Martin, weil er sie Jahre zuvor mal beschützt hat. Vor zwei dreizehnjährigen Radaubrüdern, die sich lustig über die leicht vernarbte Tina gemacht haben. Der gehauchte Kuss im Anschluss an die Rettungstat hat ihr dann den Rest gegeben. Sie musste nur vier Jahre und zwei Morde warten, bis sie ihrem verehrten Martin endlich wieder näherkommt. Wer es bis jetzt noch nicht ahnt: die Tina hat fürchterlich einen an der Waffel. Deshalb entgeht ihr auch zunächst, dass Martins Interesse an ihrem kleinen Bruder Benny wesentlich größer ist als an ihr selbst.

Doch Frau Sammer hat Mitleid und gönnt der Tina ganze Kapitel, die sie aus ihrer eigenen Sicht erzählen darf. Natürlich im fluffigsten »mein-geliebtes-Tagebuch-weißt-du-schon-das-neuste«-Stil. Dieser pseudo-naive Plauderton war bereits bei Thea Dorns Mädchenmörder schwer erträglich; Isolde Sammer unterbietet das deutlich.

Als die mental leicht derangierte Tina auch noch bemerkt, dass Irene Werneck recht nett ist und ganz, ganz langsam Zweifel am geifernden Martin in ihr hochsteigen, sich eine zarte Liaison zwischen Irene und dem Kommissar andeutet und Internetbekanntschaft Vlad (fehlen nur noch Boris und Igor) sich zum düsteren Duo gesellt, hat der arg gebeutelte Rezensent die Nase endgültig voll von diesem peinlichen Panoptikum, das völlig ermüdend sein Unwesen treibt. Von Spannung keine Spur. Denn zu allem bescheuerten Überfluss übt sich Sammer in ausufernder Geschwätzigkeit. Und erklärt gleichzeitig das Vorher, Nachher und natürlich das Währenddessen. Voller naiver Schulhofpsychologie und platter Possen. Plus weiterer Figuren, die einen bestenfalls nicht tangieren.

Auch wenn die Rufe erschallen sollten: wie kann man ein Buch beurteilen, dass man nicht komplett kennt? Oh doch, das kann man. Denn da kommt garantiert nichts Glaubwürdiges oder mindestens Überraschendes mehr; bestenfalls häufen sich weitere Abstrusitäten. Abgesehen davon, dass ich ziemlich sicher bin, zu ahnen, wie diese öde Psychophantasie weiter- und zu Ende geht.

Nach 30 Seiten wollte ich eigentlich Schluss machen, 145 sind es geworden. Mehr als genug gequält. In den Ausguss mit dir du ungenießbare Buchstabensuppe.

So bleibt Die Stille nach dem Schrei erst einmal ohne Rezension. Bis sich ein todesmutiger Freiwilliger findet und sich dieses anämischen Werks annimmt.

Jochen König, Februar 2011

Ihre Meinung zu »Isolde Sammer: Die Stille nach dem Schrei«

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Reinhold Maier zu »Isolde Sammer: Die Stille nach dem Schrei« 19.10.2011
Der Pseudorezension von Jochen König zum Trotz finde ich das Buch exzellent. Hier wird endlich einmal versucht, die Kausalitäten und Mechanismen hinter den dürren Zeitungsmeldungen herauszudestillieren, die man täglich mit Schaudern zur Kenntnis nimmt. Und das Fehlen jeglicher Empathie, das für so viele Gewalttäter typisch ist, wird eindrucksvoll demonstriert, dankenswerterweise aber auch deren Verzweiflung darüber. Sie wissen, dass sie verstörend anders sind als ihre Mitmenschen und erkennen gleichzeitig die Unmöglichkeit, diesen Zustand zu ändern. Das ist keine Entschuldigung für ihre Taten, aber ein wichtiges Element für ihre Erklärung. Und wie ein nach Liebe dürstendes, auch eher randständiges Mädchen sich da hineinziehen lässt, finde ich absolut nicht unglaubwürdig. Hier wird mit der Sensibilität einer weiblichen Autorin erzählt und argumentiert, für die Herrn König offenbar jegliches Sensorium fehlt!
zahnfee zu »Isolde Sammer: Die Stille nach dem Schrei« 14.08.2011
Dieses Buch habe ich mir privat gekauft

Irenes Leben wird zum Albtraum, als ihr Sohn Jonas gewaltsam ums Leben kommt. Der Täter: Irenes siebzehnjähriger Stiefsohn Martin. Die Tat: im Affekt.


Angeblich wurde Martin Zeuge, wie Jonas einen kleinen Jungen ermordete. Auch behauptet Martin plötzlich, von seinem eigenen Vater jahrelang missbraucht worden zu sein. Das Gericht spricht Martin frei, doch Irene zweifelt an seiner Version. Sie will die Wahrheit um jeden Preis herausfinden. Erst recht, als Martin die Abiturientin Tina in seinen Bann zieht. Denn Irene ahnt, wozu ihr Stiefsohn fähig ist …

Die ist mal ein klassischer Psychoschocker.
Der Täter steht von Anfang an fest es gibt also keine klassische Tätersuche, das Buch wird in mehreren Perspektiven erzählt: Aus Martins Sicht, aus der Sicht von Mutter Irene, Ermittler Hanno und der von Martins Freundin Tanja, die den Hauptteil der Kapitel ausmacht.

Tanja ist schon lange verliebt in Martin und traut ihm diese Tat einfach nicht zu. Sie hält ihn für unschuldig und mit aller Macht an seiner Liebe fest, egal wie merkwürdig sich Martin auch aufführt. Sie leidet und liebt und er zieht sie immer tiefer in den Sog seines gestörten Hirns.
Die Mutter ist einfach nur verstört sauer und fühlt sich schuldig.
Das Thema ist sehr schwierig umzusetzen da allgemein bekannt ist, dass so etwas natürlich auch in der realen Welt vorkommt. Meiner Meinung nach ist diese Umsetzung der Autorin sehr gut gelungen, da sie den Leser tief verstört zurücklässt und ein Buch geschrieben hat an das man sich noch lange erinnert.Andererseits ist die Story durch die verschiedenen Blickwinkel so aufgebaut, das man ruhig weiterlesen kann ohne nur die abartigen Gedanken Martins zu erfahren, man erlebt auch andere Kapitel quasi als Beruhigung zwischendurch.

Die Stille nach dem Schrei erlebt Tina nachdem sie den ersten Mord ihres Freundes miterlebt.Und langsam wird ihr trotz der Hörigkeit zu Martin klar, dass sie einen kleinen Bruder hat, den sie sehr liebt und das dieser genau in Martins Beuteschema passt.
Von Martin erfährt man das er empatisch ist, also keine Gefühle empfinden kann. Dieser Charakter ist erschreckend detailliert ausgearbeitet und für den Leser, der normal empfindet , absolut grotesk. Man erfährt über die Manipulationen und auch ganz genau was Martin wirklich über Tina denkt, das fand ich sehr traurig.
Die Autorin schreibt flüssig und ihre Figuren sind sehr einprägsam beschrieben, das Buch und die Geschichte sind sehr realitätsnah gehalten.
Mich hat dieses Buch sehr bewegt.
Ein klasse Debüt !
bookorpc zu »Isolde Sammer: Die Stille nach dem Schrei« 12.03.2011
Der erste Roman, Die Stille nach dem Schrei, der Drehbuchautorin Isolde Sammer hat mich total begeistert.

Inhalt: Jonas und Joey sind tot, aber wer ist dafür verantwortlich? Martin, der Halbbruder von Jonas wird wegen Totschlags an ihm verurteilt. Er behauptet Jonas habe Joey getötet und er hätte ihn nicht mehr aufhalten können. Des weiteren beschuldigt er seinen Vater ihn missbraucht zu haben. Irenes Welt wird durch die Aussagen ihres Stiefsohnes Martins in ihren Grundfesten zerstört. Sind die Anschuldigung wahr? Sie glaubt es nicht und auch Hanno Schneider, der Ermittler im Fall Scheune hat trotz des Urteils seine Zweifel. Daran ändert sich auch nicht als Martin eine Freundin, Tina hat. Eher steigt dadurch die Angst vor weiteren Taten.

Meine Meinung: Eine spannender Thriller auf seine eigene Art. Täter und Tathergang sind eigentlich ab der ersten Seite klar. Aber die Ausmaße von Martins perversen Neigungen kaum erahnbar bzw. vorstellbar. Man liest im Buch die verschiedenen Sichten: Martin, Irene, Hanno und Tinas Aufzeichnungen an Hanno Schneider für ihren Bruder Benny. Dadurch werden manche Ereignisse doppelt, aber aus verschiedenen Perspektiven erläutert. Auch Gudrun, Martins Oma gibt Erinnerungen preis. Dadurch ergibt sich eine Menge an Informationen, die nicht dazu dienen, den Täter zu überführen sondern sein weiteres Vorgehen zu erahnen bzw. seine Tat zu begründen. Der Schreibstil hat mich gefesselt aufgrund der Vielfältigkeit der Charakter und die Art wie sie umgesetzt werden. Zum Beispiel fand ich Tinas Aufzeichnungen sehr jugendlich. Kommentare wie ” Fand ich total süß von ihm.” weil Martin keine Horrorfilme anschaut, da Tina diese nicht mag; geben ihrem Part, die Leichtigkeit und Naivität, die es braucht um zu verstehen, wieso sie immer tiefer in die Sache rutschte. Martins Part ist voller Provokation, die mich während des Lesens wütend machte.
Fazit: Wer gerne den Täter ermittelt und Hypothesen aufstellt über den Tathergang, der könnte von diesem Buch enttäuscht werden. Wenn man aber Interesse an den Abgründen menschlicher Psyche hat, sollte man es lesen, vielleicht sind einige Details übertrieben, aber leider vieles real, dafür muss man nur die Zeitung aufschlagen….
subechto zu »Isolde Sammer: Die Stille nach dem Schrei« 10.01.2011
Auf der Suche nach der Wahrheit

Die Stille nach dem Schrei ist Isolde Sammers erster Roman. Dennoch merkt man, dass die Autorin ein Profi ist, denn sie hat bereits seit Jahren erfolgreich Drehbücher für diverse TV-Krimis geschrieben.

Erzählt wird die Geschichte von Martin, der als 17-Jähriger seinen damals drei Jahre jüngeren Halbbruder Jonas angeblich im Affekt tötete, nachdem dieser einen anderen kleinen Jungen ermordet hat. Im Prozess wird Martin quasi frei gesprochen und kehrt zurück in das Haus, das er mit seiner Stiefmutter Irene, der Mutter von Jonas, bewohnt.

In einem anderen Handlungsstrang wird die Geschichte aus Sicht von Tina, einer 19-jährigen Abiturientin erzählt. Sie hat Martin vor vier Jahren kennen gelernt, sich in ihn verliebt und legt nun gegenüber der Polizei ein "Geständnis" ab...

Was ist in der Zwischenzeit passiert? Ist Martin wirklich unschuldig? Wurde er tatsächlich von seinem Vater, Irenes Mann, missbraucht? Kann Tina ihren kleinen Bruder Benny retten? Denn eins scheint klar: Martin ist pädophil.

Fragen über Fragen, die im Verlauf dieses hochspannenden Psychothrillers alle aufgeklärt werden. Große Überraschungen gibt es zwar keine, dafür wird das Psychogramm des Täters umso realistischer beschrieben. Frau Sammers Sprache ist einfach und prägnant und erzeugt beim Leser eine beklemmende und beängstigende Atmosphäre.

Gestört hat mich lediglich eine angedeutete, aber unpassende Liebesgeschichte zweier Protagonisten. Positiv hervorzuheben sind dagegen die offensichtlich fundierten Recherchen und die umfassende Auseinandersetzung der Autorin mit diesem äußerst brisanten Thema.

Fazit: Krankes Thema, krasses Buch, aber dank des sachlichen Tons trotzdem gut lesbar. Ein gelungenes Debüt, was hoffen lässt auf weitere interessante Romane mit Tiefgang.
Bellexr zu »Isolde Sammer: Die Stille nach dem Schrei« 28.11.2010
Isolde Sammer erzählt ihren Thriller aus verschiedenen Blickwinkeln, wobei die Geschichte von Tina als Brief an Kommissar Schneider gehalten ist. So weiß der Leser fast augenblicklich, dass Tina in Schwierigkeiten steckt und mit Hilfe des Briefes versucht, ihren kleinen Bruder Benny zu retten. Denn Martin hat ganz offensichtlich pädophile Neigungen und auch der Gedanke an Mord ist ihm nicht fremd. Der Handlungsstrang von Tina ist sehr emotional angelegt und man merkt beim Lesen ihre Resignation. Man weiß, dass sie diese Geschichte nicht überleben wird, gleichzeitig spürt man auch ihren Kampfgeist, in jedem Fall das Leben ihres kleinen Bruders Benny zu retten. Ihren Charakter beschreibt die Autorin sehr einfühlsam und detailreich. Und obwohl mir ihre Handlungsweise absolut suspekt ist, gelingt es der Autorin trotzdem, ihr Vorgehen und ihr Verhalten plausibel und nachvollziehbar zu beschreiben.

In weiteren Handlungssträngen erhält man einen Einblick in die Gedankenwelt von Martin, der es geschickt versteht, seinen Charme an den richtigen Stellen einzusetzen. Man ahnt schnell, dass hier der Schein trügt und Martin bei weiten gefährlicher ist, als er sich nach außen hin gibt. Und das ist auch gewollt von der Autorin. So weiß man von Anfang an, dass Martin mehr oder weniger eine tickende Zeitbombe ist und der Thriller einfach auf ein fulminantes Ende zulaufen muss, was schlussendlich auch der Fall ist. Dieser Charakter ruft beim Lesen eine ganze Bandbreite von Emotionen auf, wobei hier Wut, Zorn und auch Unglaube überwiegen, trotzdem gelingt es der Autorin hin und wieder auch so etwas wie Mitleid für Martin empfinden zu lassen. Und so geht es einem wie seiner Stiefmutter. Auch sie ist ständig hin und her gerissen zwischen abgrundtiefem Hass, Selbstvorwürfen und Mitleid. Der Autorin ist es so gelungen, einen eindeutig psychisch kranken Charakter zu schaffen, der durch seine Gefühlskälte auffällt, dies jedoch geschickt zu verbergen versteht und wahrscheinlich auch genau so angelegt sein muss, um solche Phantasien auszuleben.

Martins Stiefmutter Irene ist verständlicherweise mit den Nerven am Ende. Sie mag nicht glauben, dass ihr Ehemann wirklich ein pädophiler Sadist war, so wie Martin ihn in dem Prozess hinstellte, genauso wenig ist es für sie vorstellbar, dass ihr Sohn Jonas wirklich das getan haben soll, was Martin ihm vorwirft und dem das Gericht Glauben schenkte. Irenes Verzweiflung, die Demütigungen der Nachbarn und Freunde, die sie als Rabenmutter sehen und den Schilderungen von Martin mehr Glauben schenken, wie auch ihre Angst gegenüber Martin, vermittelt die Autorin hervorragend. Diese innere Zerrissenheit und der gleichzeitig unbändige Wille von ihr, zu beweisen, welch krankhafter Charakter Martin in Wirklichkeit ist, beschreibt Isolde Sammer zu jeder Zeit absolut nachvollziehbar.

Durch diese so unterschiedlichen Handlungsstränge hält sich die Spannung ständig auf einem sehr hohen Niveau, wobei bis fast zum Schluss überwiegend auf reißerische Szenen absolut verzichtet wird und es hier mehr um das Gefühlsleben der einzelnen Protagonisten geht. Dies ist nie langatmig erzählt und durch die ständigen Wechsel der Erzählstränge besteht stets eine unterschwellige Spannung, die auch noch durch die düstere, beklemmende Stimmung gestärkt wird.

Isolde Sammer gelingt es sehr gut, das Thema "Pädophilie" sensibel anzugehen und mit feinfühlig herausgearbeiteten Charakteren einen spannenden und gleichzeitig sehr emotionalen Thriller zu erzählen.
horrorbiene zu »Isolde Sammer: Die Stille nach dem Schrei« 20.11.2010
Martin wurde kurz vor seinem Abitur festgenommen und sitzt in Untersuchungshaft. Hat er seinen Bruder erwischt, als er einen anderen Jungen vergewaltigte und ihn dann im Affekt erschlagen, oder hat er selbst sich an dem Jungen vergangen und wurde dabei von seinem Bruder erwischt? So startet das Buch. Es wird jedoch sehr schnell deutlich, wie Martin tickt: Er ist pädophil, gewalttätig und ein Mörder. Doch er wird freigelassen. Wie er die nächste Zeit nach der Freilassung verbringt, das schildert das Buch.

Dabei werden mehrere Perspektiven eingesetzt: Seine Stiefmutter Irene, die stets an die Schuld von Martin glaubt; Tina, die Martin von früher kennt, sich erneut in ihn verliebte und seine Nähe sucht und zuletzt Martin selbst. Dieser Wechsel der Perspektiven ermöglicht eine interessante Sicht auf die Handlung vor allem auch auf die Gegenpartei (Tina/Martin gegen Irene). Tinas Perspektive ist als Bericht gestaltet, so dass sie von einem späteren Zeitpunkt aus ihre eigenen Handlungen beschreibt, diese versucht zu erklären und auch wertet. Dies finde ich besonders gelungen, da man so einen Eindruck ihrer Psyche bekommt.

Interessant fand ich auch, dass später im Buch Irene medizinische Fachliteratur zu Sexualstraftätern liest und so der Leser auch einen Einblick auf die fachliche Seite bekommt. Z.B. Wurde eine Studie erwähnt, die besagt, dass eine zwar geringe Prozentzahl an Männern bei einer anonymen Umfrage zugibt, pädophile Orientierung zu haben und eine noch geringere Prozentzahl auch zugibt diesem Drang nachzugeben. Wenn man jedoch die reguläre Zahl derer sieht, die dem Drang nachgeben und da ja auch nicht alle Männer gefragt wurden, ist dies schon eine ziemlich beängstigende Menge.

Der sehr einfache Schreibstil ermöglicht das Buch selbst in einem Rutsch durchzulesen. Aufgrund der Perspektivwechsel möchte man immer weiter lesen, um zu wissen, wie es weitergeht. Doch auch wenn das Thema an sich sehr schockierend ist, so wirklich "gethrillt" habe ich mich nicht gefühlt, was vielleicht daran liegt, das die heiklen Passagen von Tina berichtet wurden und man sich nicht mit ihr erlebt hat. Das macht jedoch gar nichts, da der Einblick in diese fremde Welt und der Psyche wirklich sehr interessant war. Ich finde dieses Buch gelungen und kann es guten Gewissens weiterempfehlen.
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