Interview mit Raymond Khoury

»Hat Religion aus der Welt einen besseren Ort gemacht – oder nicht? Das ist die zentrale Frage des Buchs.«

Raymond Khoury über sein Debüt Scriptum, thematische Ähnlichkeiten zu Dan Brown und die Bedeutung der Religion heutzutage.

Krimi-Couch: Herr Khoury, Ihr Debüt Scriptum handelt vom »größten Geheimnis der Christenheit«, wie wir vom Cover erfahren. Sind Sie gläubig?

Raymond Khoury: Ich würde nicht sagen, dass ich besonders religiös bin, gerade was die formellen Dinge des christlichen Glaubens angeht. Ich wurde in einem Katholisch-Maronitischen Haushalt aufgezogen, aber meine Eltern waren nicht die großen Kirchgänger. Obwohl ich Religionsunterricht hatte und als Kind firmiert wurde, haben mich diese Erfahrungen nicht wirklich tangiert – und seitdem bin ich auch nicht mehr in der Messe gewesen.

Krimi-Couch: Scriptum ist Ihr Thriller-Erstling – was hat den Ausschlag dazu gegeben, einen Anschlag in New York zur heutigen Zeit mit einem mehrere hundert Jahre zurückliegenden Plot über Tempel-Ritter zu verknüpfen?

Raymond Khoury: Als ich mich ans Schreiben der Story machte, dachte ich an einen Thriller, der sich mit den Templern beschäftigt, allerdings schon zeitnah spielt. Ich hatte das Gefühl, die Geschichte habe viel zu sagen, viel, was auch von Bedeutung ist für die Zeit, in der wir jetzt leben. Ich habe deswegen nie ernsthaft in Erwägung gezogen, einen rein historischen Roman zu schreiben.

Die beiden Geschichten – die vordergründige, also das Abenteuer, das in Manhattan beginnt, und die Kapitel mit den Rückblenden zur Story des »letzten Templers« während des 13. Jahrhunderts – kamen aus eigener Kraft zusammen, verbinden die moderne Ermittlung mit dem, was damals wirklich geschehen ist. Ursprünglich waren die Teile, die in der Vergangenheit spielen, sehr kurz, doch je mehr ich schrieb, desto mehr wurden Martin, Aimard und die anderen Templer lebendig für mich und so fuhr ich fort, ihre Abenteuer im Detail zu entdecken.

Ich muss sagen, dass ich es wirklich genossen habe, in zwei verschiedenen Zeitaltern zu schreiben. Und ich glaube, dass es mir geholfen hat, die Geschichte epischer und für die Leser auch stimmungsvoller zu gestalten.

Krimi-Couch: A propos »Leser«: Eigentlich sind Sie Drehbuchautor. Was hat Sie dazu bewogen, einen Roman – einen Thriller, um genau zu sein – zu schreiben? Erzählen Sie doch mal über Ihre Wurzeln als Schriftsteller.

Raymond Khoury: Eigentlich war »Scriptum« zu Anfang ein Drehbuch. Es war das dritte Drehbuch, das ich überhaupt geschrieben hatte, damals 1996. Ich hatte keinen Agenten, noch nichts verkauft. Gerade hatte ich ein kleines, halb-autobiographisches Drehbuch beendet und ich wollte mit etwas Epischerem anfangen. Das Drehbuch zu »Scriptum« hat gut eineinhalb Jahre gebraucht und viele Nachforschungen mit sich gezogen, aber als ich es endlich fertig hatte und einem Freund zu lesen gab, meinte dieser, dass »Scriptum« einen großartigen Roman abgeben würde. Ich gab ihm von ganzem Herzen recht, da man in Filmen nicht so in die Tiefe, an den Kern der Geschichte gehen kann, gerade nicht bei einem so großen, epischen Mainstream-Film wie er hier geplant war.

Mein Freund gab das Buch einem großen Buch-Agenten hier in London und ein paar Monate später flog ich nach New York, um mich mit einem der größten Verleger der Staaten überhaupt zu treffen. Er hat einen riesigen Vorschuss für einen auf dem Drehbuch basierenden Roman angeboten. Ich war im Siebten Himmel: Seine Pläne für das Buch waren sehr schmeichelhaft, er wollte die Film-Rechte kaufen, der Traum eines jeden Schriftstellers wurde wahr – bis nach einer halben Stunde im Meeting der Verleger einen kleinen Vorbehalt erwähnte: »Oh, Sie wissen schon, dieses ganze Religions-Zeug. Lassen Sie uns das streichen. Lassen Sie uns daraus eine Jagd nach einem Schatz machen, Gold, Juwelelen und all das.« Ich war fassungslos. Der ganze Kern des Buches, sein Herz und seine Seele, standen auf dem Spiel.

Ich habe soviel in das Schreiben gesteckt, es war ein so großer Teil meines Lebens und ich konnte den Vorteil der Geschichte, die der Verleger vorgeschlagen hat, einfach nicht verstehen. Ich war so unter Druck, auf diesen Deal einzuschlagen und da ich bis dato auch noch nichts Geschriebenes verkauft hatte, was auch nur einen Dollar wert war, spielten die finanziellen Überlegungen auch eine sehr große Rolle. Letztendlich konnte ich es aber nicht machen, ich sagte ab. Die Agenten, verärgert über mich, weigerten sich schließlich, dass Drehbuch auch anderen Verlegern zu zeigen.

Ich kam dann nach London und dachte über andere Karriere-Möglichkeiten nach …aber einer der Top Filmproduzenten Großbritanniens, Eric Fellner von Working Title, hat es irgendwie geschafft, mein Drehbuch in die Hände zu bekommen, es gelesen und obwohl er es auch nicht kaufte (zu groß und zu umstritten für sie damals), fragte er mich, ob ich nicht etwas anderes für ihn schreiben wollte. Die nächsten drei Jahre war ich mehr oder weniger exklusiv für sie tätig, verkaufte ihnen Drehbücher, arbeitete mit Regisseuren zusammen und versuchte, aus den Drehbüchern auch tatsächlich Filme zu machen. Meine Karriere als Drehbuch-Autor war also in vollem Gang, aber die ganze Zeit lag »Scriptum« im Regal und wartete. Und alle paar Monate müsste doch jemand anrufen und sich danach erkundigen.

»Sie müssen dieses Buch schreiben,
das wird ein wunderbarer Roman.
Machen Sie´s einfach.
Ich weiß, Sie können es.«

Schließlich, so gegen 1999, wurde ich Mitglied der William Morris Agency und die dortige Buchagentin, Eugenie Furniss, hatte gehört, was in New York passiert ist, mein Drehbuch gelesen und mir gesagt: »Sie müssen dieses Buch schreiben, das wird ein wunderbarer Roman. Machen Sie´s einfach. Ich weiß, Sie können es.« Es ist ihr unermesslicher Verdienst, dass sie mich alle paar Monate anrief, fragte ob ich schon angefangen hätte und im September 2002, nach der Fertigstellung eines längeren TV-Projekts, fühlte ich mich bereit. Ich fing an, meinen ersten Roman zu schreiben. Das war etwas anderes und sehr viel befriedigender als alles andere, was ich bisher getan hatte.

Krimi-Couch: In der Zwischenzeit hat ein gewisser Mann namens Dan Brown zwei auf den ersten Blick sehr ähnliche Bücher, Illuminati und Sakrileg, veröffentlicht – beides weltweite Bestseller. Kennen Sie sie?

Raymond Khoury: Ich habe tatsächlich schon von den Büchern dieses Herrn Brown gehört! Was soll ich sagen? Seine Verleger hatten ganz klar den besseren Riecher dafür, was die Leute interessiert. Aber wer weiß, vielleicht musste er auch ein Meeting durchstehen wo irgendein Verleger ihm sagte: »Dan, du weißt schon. Wir lieben dein Buch, aber dieses ganze Zeug über Jesus und seine Kinder mit Maria Magdalena – lass uns das vergessen. Lass uns daraus eine Jagd nach einem Diamanten mit der Größe eines Baseballs machen!«

Aber im Ernst. Ich habe beide gelesen und »Sakrileg«, was gerade erschienen ist, als ich kurz vor dem Abschluss meines Buches stand, hat mir richtig gut gefallen. Ich meine, dass sein Erfolg absolut gerechtfertigt ist und ich freue mich schon sehr auf sein nächstes Buch. So gesehen bin ich von dem Vergleich zwar geschmeichelt, aber »Scriptum« und »Sakrileg« sind völlig verschiedene Bücher, auch wenn der Erfolg seines Buches sicherlich dazu beigetragen hat, dass Leser auf der ganzen Welt eine Neugierde für das, worum es in »Scriptum« geht, geweckt hat und was dazu beitragen wird, dass sie auch »Scriptum« entdecken.

Dazu muss ich Ihnen ganz ehrlich sagen, dass ich vor zehn Jahren nicht bereit dazu gewesen war, mein Buch zu schreiben. Ich machte zwar gerade meine ersten Schritte als Drehbuchautor und erlernte nebenbei die Kunst des Geschichtenerzählens, die ich brauchte – doch ist das Schreiben eines Romans ein ganz anderes Handwerk. Ich bezweifle, dass das Buch so komplett gewesen wäre oder den Erfolg gehabt hätte, den es jetzt hat, worauf ich unglaublich stolz bin. Ich könnte wirklich nicht glücklicher als jetzt sein, so wie die Dinge sich entwickelt haben.

Krimi-Couch: Das ist sehr sportlich von Ihnen. Sie bedauern es nicht, nur zweiter geworden zu sein? Kein Neid? Denn wenn ich es richtig verstehe, hätten es doch eigentlich Sie sein können, der diesen Kirchen-Thriller-Hype ins Rollen gebracht hat – und Dan Brown wurde dazu bestimmt nicht arm mit seinen Romanen …

»Das ist nichts, was ein paar Jährchen
Psychotherapie nicht heilen könnten!«

Raymond Khoury: Hmmm …vielleicht ein bisschen. Aber das ist nichts, was ein paar Jährchen Psychotherapie nicht heilen könnten! (lacht)

Krimi-Couch: Sie nehmen die Diskussion über »Sakrilieg« nicht besonders ernst, oder?

Raymond Khoury: Nö.

Krimi-Couch: Okay, anderes Thema. Was die Scriptum-Leser von Ihnen wissen: Sie waren Architekt, sind Drehbuchautor und leben mit Ihrer Familie in London. Wie passen diese Jobs zusammen mit dem Schriftsteller-Sein? Und wo liegt der Schwerpunkt in Ihrem Leben?

Raymond Khoury: Schreiben war schon immer der Mittelpunkt meines Lebens, seitdem ich vor zehn Jahren damit angefangen hatte. Das ist nicht etwas, was man so einfach abschaltet. Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit einem Schriftsteller-Kollegen, wir haben Witze darüber gemacht, uns mehr Freizeit zu gönnen. Aber du kannst es nie wirklich abstellen. Du arbeitest dauernd an einer Idee, entwickelst in deinem Geist etwas weiter, sei es für ein bestimmtes Projekt wie eine TV-Geschichte, an der ich gerade arbeite, oder etwas ungenaues, eine fixe Idee, die es irgendwie in deinen Kopf geschafft hat und die du nährst und gedeihen lässt.

Komischerweise haben sich einige Ähnlichkeiten zwischen Architektur und dem Drebuch-Schreiben aufgetan. In beiden Bereichen versuchst du etwas Frisches, etwas Originelles zu kreieren, was den Anforderungen, unter denen du arbeitest, entspricht. Egal ob dies das Haus eines Kunden ist, in dem er leben wird oder eine Episode einer TV-Serie oder ein Drehbuch für einen Film, der ein festes Budget und Grenzen in der Produktion hat. Du bist dabei, ein kreatives Puzzle zu lösen: Sicherzustellen, dass von der Struktur alles funktioniert (weil Drehbücher von Hollywood-Filmen wie TV-Shows einer bestimmten Struktur unterliegen, das eine mehr als andere), sicherzustellen, dass der Gesamtaufbau ausgeglichen und erfüllend ist. Beides ist ein Handwerk, in dem du dich immer verbesserst.

Als ich Architekt geworden bin, war der Anreiz vor allem der, dass es etwas war, was du machen kannst bis du stirbst. Du wirst besser und lernst Neues, je länger du den Job ausübst. Das ist das gleiche wie mit dem Schreiben. Obwohl das Schreiben eines Romans doch etwas anderes anderes. Es ist mehr so wie Maler zu sein. Du bist freier darin, was du machst, es sind keine Kompromisse notwendig, keine Regeln, die man beachten muss, keine Produktionspartner oder Kunden, denen man genügen muss. Schreiben ist etwas sehr egoistisches, aber auf eine gute Art und Weise. Du schreibst für dich, schreibst nur das, was du meinst, schreiben zu wollen, wovon du inspiriert bist …Um es so zu sagen: Behalte diese »Religion« so lange du kannst. Und du hoffst darauf, dass die Leute auch irgendwie auf das reagieren, was du geschrieben hast …

Im Moment liegt der Schwerpunkt auf meinem nächsten Buch. »Scriptum« zu schreiben hat mir soviel Freude bereitet und die Reaktionen darauf waren so fantastisch, dass es gar keine andere Möglichkeit gab, mit einem neuen anzufangen – ich recherchiere gerade, nachdem ich ein paar Drehbücher noch beendet hatte. Oh, und ich fange auch damit an, die Drehbuch-Version von »Scriptum« gerade zu schreiben.

Krimi-Couch: Bevor wir über das reden, was nach Scriptum kommt, lassen Sie uns einen Blick dahin zurückwerfen, als Sie es geschrieben haben. Sie haben die immense Recherche über die Templer und die ganze Geschichte um sie herum erwähnt. Waren Sie selbst überall dort, wo Tess und Sean in Ihrem Buch hinfahren? Waren Sie der »Englishman in New York«?

Raymond Khoury: Ich bin in New York zur High School gegangen, habe zwei Jahre dort gelebt, besuche Freunde dort regelmäßig – ich kenne New York also sehr gut. Genau genommen ist die Stadt, in der Tess lebt, die selbe, in der auch ich lebte. Und ein sehr enger Freund der Familie war ein Archäologe, der an einem ganz ähnlichen Institut arbeitete wie Tess. Was die anderen Örtlichkeiten angeht …ohne zuviel zu verraten kann ich aber sagen, dass ich ein großer Fan von den griechischen Inseln und des gesamtem Landstrichs bin und dort regelmäßig Urlaub mache. Ich muss aber zugegeben, dass ich in Akkon noch nie gewesen bin.

Krimi-Couch: Bitte erzählen Sie ein bisschen mehr darüber, wie Sie bei der Recherche vorgegangen sind: Bücher? Experten? Und wie lange hat sie insgesamt gedauert?

Raymond Khoury: Genau genommen musste ich zweimal recherchieren. Einmal, als ich das Drehbuch geschrieben hatte und einmal, als ich anfing, den Roman zu schreiben, was zwei Jahre gedauert hat. Der Unterschied ist der, dass man beim Roman nicht auf die »Abkürzungen« zurückgreifen kann wie beim Drehbuch. Du willst alles über das wissen, wovon du schreibst. Nehmen Sie zum Beispiel die Friedhof-Szene: Im Drehbuch würden sie einfach schreiben: »EXT (Exterior, Außenansicht) – Friedhof – Tag« und erläuterst es eher in ein paar stimmungsbeschreibenden Worten als genau zu werden. Der Regisseur, der Location Manager und der Produktionsgestalter würden dann denn besten Ort dafür aussuchen und dort drehen.

Für den Roman habe ich wahrscheinlich eine Woche damit verbracht, den Friedhof ausszusuchen, den ich verwenden wollte. Welcher eignet sich, wo ist er, wie würde Tess von ihrem Büro aus dorthin kommen, wie sieht er aus, wie kommt man hinein, wie ist es, bei der Tageszeit über ihn zu laufen, etc. Das meiste habe ich davon über das Internet recherchiert, gefolgt von etlichen Anrufen bei New Yorker Friedhöfen, um die Details zu erfahren, die ich brauchte. Das war alles im Gegensatz zu vor zehn Jahren, vor dem Internet, etwas ganz anderes. Damals waren es viele Besuche in der Bibliothek, das Lesen von Tonnen von Büchern, Gespräche mit Experten aus der Medizin und Forensik zum Beispiel. Mit dem Internet ist mittlerweile soviel Information verfügbar – für den Autor ein unglaubliches Werkzeug. Wie auch immer – es macht viel Spaß – zu lernen, zu erforschen und zu entdecken.

Krimi-Couch: Wie wichtig ist für Sie Glaubwürdigkeit? Im Allgemeinen für einen Thriller? Und für Scriptum?

Raymond Khoury: Ich habe das Gefühl bei allem was ich lese – vor allem Thriller, ich liebe Harlan Coben, Michael Connelly und Nelson DeMillle -, dass ich spüre, ob der Autor weiß, wovon er schreibt und das spielt eine große Rolle für mich. Wie wichtig ist es, dass alle Details stimmig sind? Irgendwie hilft mir der Ärger damit, Dinge korrektdarzustellen, beim Schreiben. Ich lebe die Geschichte dann wirklich, was den emotionalen Kick, das Bauchgefühl sehr verstärkt und was sich hoffentlich auf den Seiten niederschlägt.

Bei »Scriptum« gibt es zwei »Glaubwürdigkeiten«, die ich angestrebt habe: Die eine war die Realitätsnähe von den Schauplätzen, zum Beispiel der Friedhof oder welche Schiffe die türkische Küstenwache benutzt (huch!), das, worüber wir schon gesprochen haben. Auf der anderen Seite das historische Detail. Und in einem Roman wie diesem is die historische Glaubwürdigkeit etwas Wesentliches. Sei es die Schlacht in Akkon, die Flucht der »Falcon du Temple« über See oder das Beschreiben der Geschichte im wesentlichen Teil der Story in Bezug auf die katholische Kirche und die Entdeckungen seit dieser Zeit- sicherzustellen, dass das alles historisch genau ist, war für mich ein Muss.

»Die Geschichte an sich -
die ist meine.
Aber alles andere
über die Templer und die
Geschichte der Kirche
ist historisch nachgewiesen.«

Natürlich ist es ein fiktionaler Thriller, die Geschichte an sich – die ist meine. Aber alles andere über die Templer und die Geschichte der Kirche ist historisch nachgewiesen.

Krimi-Couch: Wie sieht es mit Ihren Charakteren aus? Für mich schien Tess – im Gegensazu zu vielen anderen Thrillern der weibliche Protagonist – die stärkere Figur zu sein, wohingegen Sean schwach erscheint, ungeachtet seiner Tätigkeit als FBI-Agent.

Raymond Khoury: Interessant, dass Sie Sean als den schwächeren der beiden empfunden haben. Er ist mit Sicherheit nicht der klare, beinharte Noir-Held. Ich habe das Gefühl, die beiden so gut zu kennen …Tess ist vielmehr angetrieben:von ihrer Karriere, von der überragenden Gegenwart ihres Vaters, von ihrer Scheidung. Sie hat eine solche Energie und Präsenz, man könnte schnell auf die Idee kommen, dass sie vor Ehrgeiz und Neugierde explodiert.

Sean ist reservierter, bedächtiger. Er trägt viel Druck auf seinen Schultern, sei es aufgrund seiner Vergangenheit oder aufgrund seiner täglichen Arbeit als FBI-Anti-Terror-Agent. Er lebt in einer dunkleren Welt als Tess, weswegen er sein Gleichgewicht im Leben finden muss. Er denkt Dinge durch und ist weniger dazu geneigt, sich einfach in sie zu stürzen (bildlich als auch wörtlich – entschuldigen Sie das Wortspiel). Das ist etwas, was Tess in ihm erweckt und die ihn immer mehr ändert, je mehr Zeit die beiden miteinander verbringen. Ich glaube sogar, sie helfen sich gegenseitig, in dieser Geschichte zu wachsen. Wenn es aber darum geht, hart und heldenhaft zu sein, ist Sean es. Die Boot-Szene war ein interessantes Konstrukt in diesem Sinne. Ich würde sagen, er ist sehr menschlich. Aber die Tatsache, dass er gläubig ist, stellt ihn in unserer Welt direkt in einem weicheren Licht dar, was ich interessant finde.

Krimi-Couch: Mögen Sie einen der beiden mehr als den anderen?

Raymond Khoury: Ich bin mir nicht sicher, ob ich das tue, obwohl ich eine Schwäche für Tess habe. Ich würde es sicherlich vorziehen, sie anstatt Sean zu treffen, aber das würden wohl fast alle Männer von sich behaupten.

Krimi-Couch: Sean als FBI-Agent hat die Auswirkungen des elften Septembers selbst erfahren. Von welcher Bedeutung ist 9/11 für die Geschichte? Und welche Bedeitung hat der elfte September für Sie persönlich?

Raymond Khoury: Der elfte September ist für die Geschichte von großer Bedeutung, denn obwohl die Ursachen meiner Meinung nach im Konflikt im Nahen Osten liegen, der dort seit 50 Jahren schwelt, wäre der elfte September nicht möglich gewesen ohne die manipulative Kraft der Religion und dem Aufkommen des Fundamentalismus auf allen Seiten dieses Konflikts. Stammes- und politische Konflikte wurden wie schon immer in der Geschichte und überall auf dem Planeten von religiösen Extremisten verstärkt und genau darum geht es in dem Buch: Hat Religion aus der Welt einen besseren Ort gemacht or wären wir besser ohne dran? Das ist eine sehr schwierige Frage.

Für mich persönlich hat der elfte September die Welt zu einem weitaus weniger freundlichen Dieser rasende Hass wird nur noch schlimmer und keine der beteiligten Parteien scheint einen visionäre Führung zu haben, um mit diesem Konflikt in einer konstruktiven Weise um zugehen. Und wenn Sie wie ich kleine Kinder haben, trägt das nicht gerade dazu bei, mit Zuversicht in die Zukunft zu schauen …

Krimi-Couch: Fahren wir jetzt Ihrer Meinung nach besser mit oder ohne Religion?

Raymond Khoury: Ich glaube nicht, dass es auf diese Frage eine einfache Antwort gibt, so oder so. Wir brauchen Religion und in diesem Sinne brauchen wir den Glauben an irgendetwas. Aber ich finde, die großen Religionen haben nicht mehr viel mit dem gemein, was ihre Gründer ursprünglich beabsichtigt hatten. Es ist ganz natürlich: Sie sind globale Institutionen geworden und der Mensch hat die Macht übernommen.

»Wir haben uns nicht
wirklich seit der Zeit
der Kreuzzüge
weiterentwickelt.«

So gesehen haben wir uns nicht wirklich seit der Zeit der Kreuzzüge weiterentwickelt. Wir sind im Wesentlichen immer noch stammeszugehörig und gierig, gieren nach dem Land anderer und wollen überwältigen. Religion dient dazu als ein manipulatives Werkzeug, für alle möglichen Pläne, die schwerlich als spirituell zu bezeichnen sind. Sie wird dazu benutzt, Menschen zu etwas zu motivieren, was weit davon entfernt ist, wohltätig zu sein. Sie wird dazu benutzt, Kriege und Terrorismus zu entschuldigen und zu rechtfertigen, sie schränkt persönliche Freiheiten und Weiterkommen ein, sie blockiert wissenschaftlichen Fortschritt. Das ist alles nicht das, was Religion eigentlich sein sollte.

Auf der anderen Seite bietet Religion Trost und innere Stärke für hunderte Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Das ist es, worum es bei der Religion gehen sollte.

Krimi-Couch: Was ist mit den »bösen« Charakteren? Ohne zuviel von der Geschichte zu verraten – gibt es unter ihnen jemanden, den Sie verstehen können oder gar mögen?

Raymond Khoury: Schwierig, auf diese Frage zu antworten ohne ein paar Wendepunkte im Buch zu verraten. Nur soviel: Es gibt einen, den ich wirklich sympathisch finde. Die anderen nicht. Sie haben das Buch gelesen, deswegen wissen Sie bestimmt, von wem ich rede.

Krimi-Couch: Sie erwähnten, dass Sie am Drehbuch für Scriptum arbeiten. Denken Sie dabei für Tess und Sean an bestimmte Schauspieler?

Raymond Khoury: Wir arbeiten vielmehr daran, aus dem Buch einen vierstündigen, über zwei Abende gehenden, TV-Event als einen Kino-Film zu machen. Es gibt so viel in dem Buch und ein TV-Film erlaubt es uns, weniger aus der ursprünglichen Geschichte streichen zu müssen. Außerdem sind Kino-Filme viel schwieriger umzusetzen: Viele Bestseller werden von Studios gekauft und schließlich nie verfilmt, da der ökonomische Druck dahinter einfach zu groß ist.

Was die Schauspieler angeht: Ich bin ein Fan von »Lost« und Matthew Fox ist ein großer Star in den Staaten geworden – ich glaube, er hat die Stärke sowie die Verwundbarkeit von Sean. Für Tess? Die Liste ist sehr lang. Ich weiß nicht, ob Sie »Red Eye« oder »Die Hochzeits-Crasher« gesehen haben, Rachel McAdmas war wunderbar in beiden Filmen.

Krimi-Couch: Werden wir von Tess und Sean nochmals etwas lesen?

Raymond Khoury: Ich würde sehr gerne über die beiden wieder schreiben, ich mag sie mittlerweile sehr. Aber fürs erste lasse ich sie allein und ihre Zeit miteinander genießen. Sie haben genug mitgemacht, oder?

Krimi-Couch: Herr Khoury, herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Lars Schafft

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