Interview mit Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt

»Wir sind selbst manchmal überrascht, was für ein Arschloch er ist.«

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt haben mit Der Mann der kein Mörder war einen vielbeachteten Debütroman vorgelegt. Am Rande der größten Buchmesse Skandinaviens sprach Lars Schafft mit den Autoren über ihren fiesen Protagonisten, schwedische Eigenarten und den zweifelhaften Segen der Familie.   

Krimi-Couch: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Krimi-Couch-TV Heute sind wir in Göteborg auf der größten Buchmesse Skandinaviens und haben eine kleine Überraschung für die Autoren Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt. Ihr Buch Der Mann der kein Mörder war wird im November in Deutschland veröffentlicht, und die beiden haben das Buch noch gar nicht gesehen. Hallo Michael, hallo Hans, das ist die deutsche Ausgabe Eures Buches.

Michael Hjorth: Das ist fantastisch!

Hans Rosenfeldt: Darauf sind wir sehr stolz.

Michael Hjorth: Bis jetzt haben wir es erst in der Broschüre gesehen. Das Buch selbst haben wir noch nicht in der Hand gehabt.

Krimi-Couch: Das schwedische Original ist jetzt ein Jahr alt. Ist es für Euch jetzt einfacher, über das Buch zu reden?

Michael Hjorth: Wir werden sehen. Ich denke schon. [lacht]

Hans Rosenfeldt: Das glaube ich auch. Jetzt wissen wir etwas genauer, wohin sich die Geschichte mit dem zweiten Buch entwickeln wird. Gerade hier in Göteborg habe ich festgestellt, dass es schwerer ist, über das zweite Buch zu reden. Anfangs konnten wir viel darüber erzählen, wie wir zusammen schreiben, worum sich alles dreht und wie wir auf die Figur des Sebastian Bergman kamen. Jetzt, wo die Leute das alles wissen, müssen wir uns etwas anderes ausdenken. Über unser erstes Buch zu reden, ist immer noch am einfachsten.

Krimi-Couch: Lasst uns über den Titel reden: Der Mann, der kein Mörder war. Das ist aber nicht der ursprüngliche Titel?

Hans Rosenfeldt: Leider nicht. [lacht]

Michael Hjorth: Es ist ein guter Titel, mit dem wir sehr glücklich sind. Wir hatten Probleme, einen passenden Titel zu finden, nachdem das Buch fertig war. Auf den Titel Der Mann der kein Mörder war kam dann unser dänischer Verleger, nachdem er die erste Seite gelesen hatte. Wir haben uns da natürlich gefragt, warum uns dieser Titel trotz aller Anstrengungen nicht in den Sinn gekommen ist. Aber ich kenne das Gefühl, wenn man etwas finden muss, aber nicht an den richtigen Stellen sucht. Trotzdem sind wir mit dem Titel sehr zufrieden. Er ist besser.

Krimi-Couch: Ihr habt also nicht das Gefühl, dass man Euch Eures Titels beraubt hätte?

Hans Rosenfeldt: Nein, man hat ihn verbessert.

Krimi-Couch: Als ich im ersten Kapitel über den Mord las, kam mir der Titel noch seltsam vor. Am Ende ergab dann alles einen Sinn. Ich will nicht zu viel verraten, aber es handelt sich um den grausamen Mord an einem 16-jährigen Jungen, und mehrere Personen versuchen, den Mord aufzuklären. Welche dieser Figuren kam Euch als erstes in den Sinn?

Hans Rosenfeldt: Von den Polizisten war das Sebastian Bergman.

»Anfangs hatten wir die Idee eines Ermittlers, der seine Fälle nicht mit der Pistole, sondern mit seinem Kopf löst.«

Krimi-Couch: Am Anfang stand also Euer Protagonist?

Michael Hjorth: Genau. Anfangs hatten wir die Idee eines Ermittlers, der seine Fälle nicht mit der Pistole, sondern mit seinem Kopf löst. Er sollte nicht einmal eine Pistole besitzen. Wir haben lange darüber nachgedacht, wie diese Figur genau aussehen könnte und kamen dann auf einen Kriminalpsychologen. Als solcher kann er Teil der polizeilichen Ermittlungen sein und trotzdem seinen Kopf benutzen. Er stand ganz am Anfang.

Hans Rosenfeldt: Dann haben wir um ihn herum ein Team gebaut, von dem wir dachten, dass er es bräuchte.

Krimi-Couch: Warum dachtet Ihr, dass er so ein großes Team bräuchte? Die ersten ein-, zweihundert Seiten sind wirklich komplex. Da werden gleich mehrere Charaktere eingeführt.

Hans Rosenfeldt: Wir haben schon viel fürs Fernsehen geschrieben. Das meiste davon – zumindest von mir – waren klassische Kriminal- und Detektivgeschichten. So etwas wollten wir schreiben, aber nicht unbedingt die Polizisten in den Mittelpunkt rücken. Aber um einen richtigen Fall für Sebastian Bergman zu haben, braucht er natürlich ein Ermittlerteam. Wir haben uns entschieden, ihm die schwedische Reichsmordkommission an die Seite zu stellen, eine Art nationale Sondereinheit, die für besonders schwerwiegende und brutale Verbrechen von Polizeidienststellen angefordert werden kann. Wir fanden, dass so eine Spezialeinheit der perfekte Rahmen für Sebastian sei, weil wir ihn und sein Team so an verschiedene Schauplätze in Schweden bringen konnten. Wir brauchten sein Team also, um den Fall lösen zu können.

»Wir wollten eine Figur erschaffen, die man nicht mag. Einen Bastard, der es einem leicht macht, ihn zu hassen.«

Michael Hjorth: Natürlich hätte Bergman einfach über einen Fall stolpern können. Wir wollten ihm aber eine Geschichte geben, dass er früher für die Polizei gearbeitet hatte, bis man ihn wegen seines Verhaltens mehr oder weniger vor die Tür gesetzt hat. Es ist schwer, eine Geschichte über jemanden zu schreiben, der eigentlich nicht dorthin gehört. Indem wir Bergman das Polizeiteam an die Seite gestellt haben, mussten wir uns nicht so viel Zeit nehmen, zu erklären, was er dort eigentlich macht. Jetzt nehmen wir uns die Zeit, zu beschreiben, wie er versucht, in das Team herein zu kommen. Denn wir wollten eine Figur erschaffen, die man nicht mag. Einen Bastard, der es einem leicht macht, ihn zu hassen. Er sollte kompliziert sein. Selbst wir sind manchmal noch überrascht, was für ein Arsch er ist. Es ist interessant und anspruchsvoll, eine Hauptfigur zu schaffen, von der man selbst denkt: »Nein, tu das nicht!« Es ist ein anderer Blickwinkel auf einen ansonsten ganz brillanten Kopf. Sie wollen ihn eigentlich nicht dabei haben, aber manchmal brauchen sie ihn. Wir wollten diese Dynamik in der Geschichte.

Krimi-Couch: Wie habt Ihr beide zueinander gefunden?

Michael Hjorth: Das ist seine Geschichte! [lacht]

Hans Rosenfeldt: Wir haben uns 1992 kennengelernt, als wir beide fürs Fernsehen geschrieben haben. Ich habe für eine langjährige Serie geschrieben – »High Seas« [schwedisch »Rederiet«], und Michael für eine Sitcom namens »Svensson, Svensson«. Als wir uns kennenlernten, mochten wir uns gleich. Wir haben die gleichen Interessen und mögen die gleichen Sachen. Also nahmen wir uns vor, zusammen zu arbeiten, was wir dann aber doch nicht gemacht haben. Wir sind aber immer in Kontakt geblieben. 2006 haben wir dann für eine Mankell-Verfilmung schließlich doch zusammen gearbeitet. Später haben wir dann eine weitere Serie fürs Fernsehen geschrieben – mit Sebastian Bergman in der Hauptrolle.

Michael Hjorth: Als wir an diesem Projekt gearbeitet haben, haben wir uns gefragt: »Wir mögen uns, wir mögen dieses Genre – warum schreiben wir kein Buch?«

»Als Bösewicht kannst du dir viel mehr erlauben.«

Krimi-Couch: Aber warum mögt Ihr Arschlöcher?

Michael Hjorth: Es macht einfach Spaß, über Bergman zu schreiben. Solche Charaktere machen generell mehr Spaß.

Hans Rosenfeldt: Es ist wie beim Film. Es macht immer mehr Spaß, den Schurken zu spielen als den Helden. Als Bösewicht kannst du dir viel mehr erlauben, ganz andere Sachen tun. Das ist auch ein Grund dafür, dass wir Bergman so unausstehlich gemacht haben. So macht das Schreiben mehr Spaß.

Krimi-Couch: Wer von Euch hat mehr zu Sebastian Bergman beigesteuert?

Hans Rosenfeldt: Ich glaube, das hält sich in etwa die Waage. Es gibt andere Charaktere, von denen wir unterschiedlich begeistert sind. Bei Sebastian war das ungefähr gleich.

Michael Hjorth: Unsere Wurzeln liegen ja im Schreiben von Drehbüchern. Wir beginnen also mit der genauen Struktur der Geschichte, erst dann entwickeln wir die Figuren. Dann teilen wir uns die Szenen auf: »Ich nehme diese, du jene ...« Er schreibt also zwanzig Seiten, ich die nächsten, dabei tauschen wir uns ständig aus. Manchmal entwickelt man dabei eine Vorliebe für eine ganz bestimmte Figur, meist eine der kleineren Charaktere. Sebastian Bergman haben wir uns aber geteilt. Oft genug haben wir auch um ihn gekämpft.

Krimi-Couch: Für welche Figur habt Ihr denn eine Vorbliebe entwickelt?

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt

Michael Hjorth ist ein bekannter TV-Produzent, Regisseur und Drehbuchautor. Hans Rosenfeldt wollte ursprünglich Schauspieler werden, arbeitet aber seit Jahren erfolgreich als Drehbuchautor und als Moderator in Funk und Fernsehen.

Hans Rosenfeldt: Bei mir ist es Thomas Haraldsson, ein Beamter der örtlichen Polizei. Er ist vielleicht etwas glücklos, aber an sich ein guter Kerl, dem das Schicksal übel mitspielt. Über ihn schreibe ich sehr gerne.

Michael Hjorth: Das ist ganz interessant. In unserem ursprünglichen Konzept war der Kerl ein Einzeiler. Er sollte lediglich nach schlechter Arbeit den Fall an die Reichsmordkommission übergeben. Fertig. Dann kam etwas Bewegung in seine Figur, irgendwie mochte Hans ihn. Da haben wir ihm etwas mehr Platz eingeräumt, und schließlich wurde er ein großer Teil der Geschichte. Das gefällt mir am Schreiben. Besonders wenn man sich die Unterschiede zwischen der Arbeit fürs Fernsehen und an Büchern vor Augen führt. Beim Fernsehen muss man der Hauptfigur folgen, und das macht es schwer, kleine Figuren wie Haraldsson auszuarbeiten. Wie gesagt, eigentlich sollte er nur den Fall übergeben. Nun ist er dabei, und seine Frau versucht, ein Kind zu bekommen, und die Figur bekommt richtigen Tiefgang. Das haben wir richtig genossen, weil wir es uns normalerweise nicht erlauben können.

Krimi-Couch: Haraldsson sorgt auch für einige amüsante Momente.

Hans Rosenfeldt: Ja, er ist irgendwie eine leichte, witzige Figur. Die Teammitglieder Torkel, Billy, Vanja und Sebastian haben wir weitestgehend zusammen geschrieben. Bei Ursula habe ich mich etwas zurückgehalten, weil ich sie nicht richtig verstehe.

Michael Hjorth: Sie ist Dir zu kompliziert. [lacht]

»Jetzt hatten wir einen riesigen Werkzeugkasten, aus dem wir alle Werkzeuge benutzen konnten.«

Krimi-Couch: Ist Euch die Umstellungen von Drehbüchern zu diesem Roman schwergefallen?

Hans Rosenfeldt: Das mag jetzt lächerlich klingen, aber es war insofern schwerer, als dass es so viel mehr Arbeit bedeutet. Auf einer Seite Drehbuch steht eben nicht so viel. Da steht nur die Tageszeit, Ort, die handelnden Charaktere und das, was gesprochen wird. Vielleicht noch ein paar zusätzliche Informationen. Aber es ist nur eine Skizze. Dann gibt es noch den Regisseur, die Schauspieler und die Kameraleute, die alle fehlenden Stücke einsetzen. Aber hier füllt niemand die leeren Stellen aus, das musst du selbst machen. Wie sieht es aus? Wie alt sind sie? Wonach riecht es? Was denken die Personen? Am Anfang hat mich das ein wenig überfordert. Alles muss man beschreiben. Keiner kann für sich selbst denken. Später haben wir beide das sehr genossen. Jetzt hatten wir einen riesigen Werkzeugkasten, aus dem wir alle Werkzeuge benutzen konnten. Mit einigen haben wir es vielleicht ein wenig übertrieben und mussten schließlich doch noch etwas herausstreichen.

Michael Hjorth: Was ich beeindruckend finde ist, um wie viel einfacher es in Drehbüchern ist, sich zurecht zu finden. Ich fand diese Erkenntnis sehr interessant. In einem Drehbuch weiß man natürlich immer, wo die einzelnen Szenen sind. Dieses Buch habe ich zur Hälfte gelesen und mich gefragt: »Wo ist diese oder jene Szene?« Ich habe mich quasi verlaufen. Ein Drehbuch kann man leicht in einer Stunde lesen, vielleicht nimmt man sich auch eine Woche. Das war wirklich hart für mich. Ich kann es nicht komplett im Kopf behalten wie bei einem Drehbuch. Es ist viel substantieller.

Krimi-Couch: Das Buch wurde 2010 verfilmt …

Hans Rosenfeldt: Richtig, um Weihnachten herum.

Krimi-Couch: Es wurde also erst drei Monate vorher veröffentlicht?

Hans Rosenfeldt: Genau. Im September 2010.

Krimi-Couch: Auf der einen Seite die Fernsehserie, auf der anderen das Buch?

Michael Hjorth: Das Buch war mehr oder weniger ein Experiment. Wir haben an dem Drehbuch für die Serie gearbeitet, und alles zog sich in die Länge. Es war zwischenzeitlich nicht klar, wann es überhaupt verfilmt werden sollte. Also haben wir versucht, aus dem Stoff ein Buch zu machen. Als wir dann das Buch schrieben, ging es plötzlich mit der Serie auch wieder vorwärts. Und so standen wir plötzlich mit zwei Projekten gleichzeitig da. Wir haben dann begonnen, wie Schriftsteller zu denken, und wollten natürlich, dass das Buch vor der Verfilmung erscheint. Der Regisseur hat seine Änderungen vorgenommen, wie bei jedem anderen Buch. Vor ziemlich genau einem Jahr war es dann soweit.

Hans Rosenfeldt: Beim Fernsehen dauert alles etwas länger. Es muss abgedreht und bearbeitet werden, danach muss der Sender noch einen Termin für die Ausstrahlung finden. Wir haben es also geschafft, das Buch früher zu veröffentlichen, obwohl wir gleichzeitig am Roman und am Drehbuch geschrieben haben.

»Alkohol hat sich nicht angeboten, weil es das schon zu häufig gab, also haben wir ihn sexsüchtig gemacht.«

Krimi-Couch: Euer Hauptdarsteller war Rolf Lassgård. Ihr kanntet ihn schon von der Wallander-Verfilmung.

Michael Hjorth: Die Firma, für die ich arbeite, hat einige der Wallander-Filme produziert. Und wir haben beim letzten als Autoren mit Rolf zusammengearbeitet. Ich halte ihn für einen tollen Schauspieler. Als wir mit dem Projekt anfingen, hatten wir ihn gleich als Sebastian Bergman im Kopf. Für ihn war das eine große Herausforderung. Als Wallander hatte er eine Waffe, diesmal nur seinen Kopf. Als Wallander hatte er keine Frauengeschichten, diesmal eine ganze Menge, samt aller Problemen.

Hans Rosenfeldt: Da wir mit Rolf Lassgård arbeiten wollten, musste Sebastian Bergman mittelalt sein, natürlich ein Mann. Da war nicht viel Platz für etwas Neues. Also wollten wir ihm eine Art Abhängigkeit aufbürden. Alkohol hat sich nicht angeboten, weil es das schon zu häufig gab. Wir haben dann weitergedacht und sind auf Sexsucht gekommen. Das ist uns noch nicht untergekommen, also haben wir ihn sexsüchtig gemacht.

Krimi-Couch: War das nicht riskant? Hattet Ihr keine Angst, dass sich durch den gleichen Schauspieler die Vergleiche mit Wallander aufdrängen?

Hans Rosenfeldt: Nein. Wir kennen ihn ja auch in etlichen anderen Rollen. Außerdem ist seit der letzten Wallander-Verfilmung ja schon einige Zeit vergangen. Bei Wallander denkt man hier in Schweden eher an den Schauspieler Krister Henriksson mit seinen 26 Filmen.

Krimi-Couch: Das könnte also eher für das deutsche Publikum ein Problem sein.

Hans Rosenfeldt: Das glaube ich auch.

»Wir wollten ein Buch mit Figuren füllen, die aus sich selbst heraus den Leser berühren.«

Krimi-Couch: Dieses Buch dreht sich nicht um die großen Probleme der Globalisierung, sondern belichtet eher einen Mikrokosmos. War es wichtig für Euch, wenige Leute mit vielen Problemen zu beschreiben?

Hans Rosenfeldt: Uns war wichtig, dass unser Buch nicht in eine dieser Schubladen passt. Vielleicht machen wir das später mal. Diesmal sollte es eben kein Buch über Schmuggel, Drogen oder Gewalt an Schulen sein. Das sollte nicht als Thema über dem Buch schweben. Natürlich werden diese Themen trotzdem behandelt. Aber wir wollten ein eher ordinäres Verbrechen, das sich als Familientragödie herausstellt. Es gibt andere schwedische Autoren, die genau diese Themenbücher schreiben, zum Beispiel über Hassverbrechen. Das wollten wir nicht.

Michael Hjorth: Außerdem wollten wir keine Geschichte erzählen, wo die Protagonisten von Geschehnissen aus der fernen Vergangenheit eingeholt werden. Wir wollten ein zeitgenössisches Buch schreiben, in genau diesem Mikrokosmos. Wir wollten ein Buch mit Figuren füllen, die aus sich selbst heraus den Leser berühren.

Hans Rosenfeldt: Wir überlegen ständig, ob wir nicht ein Buch über Hassverbrechen schreiben sollten. Was könnte mit Sebastian Bergman geschehen? Was ist für ihn interessanter? Wenn diese Art von Verbrechen für ihn interessant sein wird, dann werden wir dieses Buch auch schreiben. Aber wir wollen diese Etiketten nicht von Anfang an auf unseren Büchern.

Michael Hjorth: Außerdem wollten wir für Sebastian Bergman auch einen Fall jenseits der Polizeiarbeit finden. Er kehrt also nach dem Tod seiner Mutter in sein Elternhaus zurück, das er Jahrzehnte nicht betreten hat. Dort findet er unter den Habseligkeiten seiner verstorbenen Mutter etwas, was ihn dazu zwingt, sich wieder der Polizei anzuschließen. Er tut das nicht, um an der Aufklärung des Verbrechens mitzuarbeiten, sondern aus ganz persönlichen Gründen. Aber der gewaltsame Tod an einem 16-jährigen Jungen kommt seinen eigenen Plänen immer weiter in die Quere. Vor allem weil er sich mit einigen Frauen im Umkreis der Ermittlungen einlässt. Er tut niemals etwas für das große Ganze, sondern immer nur für sich selbst.

Hans Rosenfeldt: Er ist ein selbstsüchtiger, egoistischer Mensch.

Krimi-Couch: Und ein Frauenheld!

Hans Rosenfeldt: Und was für einer!

Michael Hjorth: Aber er hat auch ein großes Trauma. Er hat seine Familie in einem Tsunami verloren.

Hans Rosenfeldt: Und das soll eine Entschuldigung sein? [lacht]

Michael Hjorth: Das nicht, aber es ist ein Teil von ihm.

Krimi-Couch: Wärt Ihr gerne Sebastian Bergman – vielleicht für einen Tag?

Hans Rosenfeldt: Für einen Tag vielleicht. Aber ich glaube, selbst für ihn ist es nicht einfach. Also, eher nicht. Ich will nicht wie er sein, weil ich gerne gemocht werde. Andererseits würde mich das wohl nicht kümmern, wenn ich er wäre. Also doch, ja, aber maximal für einen Tag. [lacht]

Michael Hjorth: Manchmal kümmert es ihn aber schon.

Hans Rosenfeldt: Das glaube ich nicht. Eigentlich sollten wir beide das wissen. [lacht]

Michael Hjorth: Es gibt Momente, in denen man glaubt, Bergman würde zu sich kommen, aber dann trifft er immer die falschen Entscheidungen.

Hans Rosenfeldt: Er trifft ständig bewusst die falschen Entscheidungen.

Michael Hjorth: Er weiß genau, dass er die Tür öffnen muss, aber er tut es nicht.

»Ich glaube, nichts ist schwieriger zusammenzuhalten als eine Familie.«

Krimi-Couch: Ich habe den Eindruck, dass Euer Buch zwei große Themen behandelt. Auf der einen Seite die idyllischen Fassaden, hinter denen sich oft Abgründe auftun. Zum anderen die Familie. Mir ist aufgefallen, dass jede Eurer Figuren Probleme mit ihren Angehörigen hat, sei es Mutter, Vater oder Tochter.

Hans Rosenfeldt: Wir sind uns darüber im Klaren, dass in dem Buch so ziemlich jede Familie auf irgendeine Art zerrüttet ist. Ich weiß auch nicht warum. [lacht]

Michael Hjorth: Typisch schwedisch. [lacht]

Hans Rosenfeldt: Ich glaube, nichts ist schwieriger zusammenzuhalten als eine Familie. Es gibt so viele Interessen, und man lebt für eine lange Zeit so nah beieinander. Da vermischen sich die Gefühle. Du erziehst deine Kinder und willst, dass sie selbstsicher in die Welt gehen und es alleine schaffen. Gleichzeitig willst du aber das Gefühl haben, immer noch gebraucht zu werden. Da gibt es viele zwiespältige Gefühle. Viele Familien meistern das großartig, manche eben nicht. Ganz offensichtlich haben wir uns auf die konzentriert, die es nicht schaffen.

Michael Hjorth: In diesem Scheitern steckt auch eine Menge Drama.

Hans Rosenfeldt: Richtig. Aber wir beschreiben viele zerrüttete Familie. Die Frage wurde auch schon gestellt. Aber wir haben das gar nicht realisiert, bis wir danach gefragt wurden. Es gibt in diesem Buch wirklich keine glückliche Familie. Das stimmt.

Michael Hjorth: Wie viele Krimis handeln aber auch schon von glücklichen Familien?

Hans Rosenfeldt: Bei seiner Arbeit und mit seinen Hobbys verbringt man nur begrenzt Zeit – und man macht es freiwillig. Man sucht sich die Leute aus, mit denen man Zeit verbringt. Familie ist schwierig. Es ist schwer, Teil einer Familie zu sein. [lacht]

Krimi-Couch: Gilt das auch für Eure Familien?

Hans Rosenfeldt: Ja klar. Es ist Familie. Auf der einen Seite gibt es die Kernfamilie – ich habe eine Frau und drei Kinder. Aber dann habe ich auch meinen Vater, meinen Bruder, der sich gerade hat scheiden lassen – das ist auch Familie. Was sie tun, betrifft auch mich. Viele Leute machen sich das manchmal zu leicht. Man steckt alle Energie in seine Arbeit, in sein soziales Umfeld. Man baut sich einen Freundeskreis auf und arbeitet daran, dass er auch bestehen bleibt. Vielleicht ist man noch ehrenamtlich engagiert. Dann kommt man ausgepumpt nach Hause und lässt sich in den Schoß der Familie fallen. Ich denke, die gleiche Energie muss man auch in seine Familie stecken. Das ist harte Arbeit, aber auch sehr befriedigend.

Krimi-Couch: Was sind Eure Zukunftspläne für Sebastian Bergman?

Michael Hjorth: Das zweite Buch wurde in Schweden schon veröffentlicht.

»Es ist interessant, welche Elemente man in Krimis verarbeiten kann.«

Krimi-Couch: Wovon handelt es?

Michael Hjorth: Im ersten Buch ist Sebastian auf der Suche nach einer ganz persönlichen Antwort über den Fall gestolpert. Im zweiten Fall will er größeren Anteil an den Ermittlungen haben. Die Polizei untersucht die Morde an drei Frauen, die einer Mordserie ähneln, die mit Bergmans Hilfe 1996 aufgeklärt wurden. Der Täter ist allerdings noch im Gefängnis, also muss es sich um einen Trittbrettfahrer handeln, der von den damaligen Morden inspiriert ist. Da Sebastian der Schlüssel zu den damaligen Morden ist, bringt ihn das in eine Art Dilemma. Dann stellt sich heraus, dass alles noch persönlicher ist als ursprünglich angenommen. Wir wollten eine Geschichte erzählen, die ihn ganz persönlich betrifft. Außerdem sollte er einen richtigen Gegenspieler kriegen.

Hans Rosenfeldt: Ja, es handelt von einem Serienkiller. Im August wurde es hier in Schweden veröffentlicht. Wir haben gerade damit begonnen, uns über das dritte Buch Gedanken zu machen, das in einem Jahr erscheinen wird.

Michael Hjorth: Uns gefällt das Genre wirklich gut. Ich habe Comedy geschrieben, Hans hat Horror und eigentlich alles geschrieben. Es ist interessant, welche Elemente man in Krimis verarbeiten kann. Du musst verschiedene Geschichten erzählen. Du musst deine Figur, die du magst, nehmen und schauen, wohin sich alles entwickelt. Vielleicht eine Verschwörungsgeschichte? Vielleicht sollte er über ein größeres, dunkleres Geheimnis stolpern? Das genießen wir.

Hans Rosenfeldt: Das Ganze ist ein wenig wie Versuch und Irrtum. Dieses Buch handelt von einer Familientragödie, dann geht es mit einem Serienkiller weiter. Für das dritte Buch haben wir die vage Idee von einer großen Verschwörung. Vielleicht wird uns irgendwann klar, dass Sebastian Bergman keine Serienkiller jagen sollte, sondern etwas anderes besser kann. Im Moment fragen wir uns einfach, was wir alles mit ihm anstellen können.

Michael Hjorth: Das ist immer die erste Frage: Was kann Sebastian dieses Mal zustoßen?

Krimi-Couch: Was für ein Glückspilz!

Hans Rosenfeldt: Glaubst Du wirklich? Wärst Du gerne einen Tag wie er?

Krimi-Couch: Nein, das nun wirklich nicht! Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für Euer Buch in Deutschland.

Das Interview führte Lars Schafft in Göteburg im September 2011.

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