Interview mit Matti Rönkä

»Ich will niemanden belehren – aber ich tue es.«

Matti Rönkä ist für seine Buchreihe rund um den Privatermittler Viktor Kärppä mit Krimipreisen überhäuft worden, obwohl es in seinen Büchern eigentlich keine Verbrechen gibt. Er sprach mit Jochen König über Entfernte Verwandte, seine Arbeitsweise und fragt sich, wie lange sein Protagonist wohl noch die Kraft haben wird, weiterzumachen.

Krimi-Couch: Matti Rönkä, herzlich willkommen auf der Krimi-Couch und gleich zur ersten Frage. Was ist »Mies rajan takaa« für ein Buch? Sie haben es zwischen Russische Freunde und Entfernte Verwandte geschrieben. Inhaltlich hat es aber nichts mit diesen Büchern zu tun, nicht wahr?

Matti Rönkä: Meine ersten beiden Romane waren in Finnland nicht wirklich erfolgreich. Auch mein drittes verkaufte sich nicht all zu gut. Dann habe ich den Finnischen Krimipreis gewonnen. Es folgte die Übersetzung ins Deutsche, die Aufnahme in die Krimi-Weltbestseller-Liste und der Deutsche Krimipreis. 2006 wurde ich schließlich mit dem Glasnykkeln ausgezeichnet, dem Preis für den besten gesamtskandinavischen Krimi. Damals merkten die Leute plötzlich: Hey, der Typ ist interessant! Daher wurden meine ersten drei Bücher im einheitlichen Design unter diesem Titel neu verlegt.

Krimi-Couch: Das ist also der Grund, warum es in Deutschland nicht veröffentlicht wurde?

Matti Rönkä: Richtig. Alle meine Bücher drehen sich um Viktor Kärppä.

Krimi-Couch: Wenn ich Ihre Bücher beschreiben müsste, würde ich sagen, dass es keine stringenten Krimis sind. Es sind vielmehr Bücher über Grenzen. Grenzen zwischen Staaten und besonders Grenzen innerhalb der Gesellschaft. Würden Sie mir zustimmen?

Matti Rönkä: Ja, besonders mein viertes Buch, Entfernte Verwandte. Gibt es überhaupt ein Verbrechen? Es passieren schlimme Dinge, Menschen werden verletzt und misshandelt, aber es gibt kein zentrales Verbrechen, das aufgeklärt werden müsste. Mir ist erst im Nachhinein aufgefallen, dass ich mit diesem Buch die skandinavische Tradition mit der amerikanischen Noir-Tradition à la Chandler verbunden habe. In der skandinavischen Tradition hat man meist eine Gruppe von Polizisten, die einen Fall zu lösen hat, der oftmals wirklich schrecklich und schockierend ist. Zu dieser Gruppe gehören im Sinne der »political correctness« Figuren aus verschieden ethnischen Gruppen. Dieser Tradition gemäß wird nicht wirklich viel über private Ermittler geschrieben. Das liegt wohl in unserer Gesellschaft. Als »Private Eye« versucht man vielleicht, Wirtschaftsdelikte oder Autodiebstähle zu klären, aber man löst keine Verbrechen.

Raymond Chandler hat mich stark geprägt. Als ich mein erstes Buch geschrieben habe, hatte ich die Vorstellung eines Detektivbüros, wie es auch Philip Marlowe führen könnte. Als ich meine Hauptfiguren entworfen habe, hatte ich die Möglichkeit, die Gesellschaft von außen zu betrachten. Dann kann man die verschiedenen Schichten und Klassen sehen. Es ist interessant. Als ich studierte, war Marxismus noch ein Werkzeug innerhalb des akademischen Zirkels. Man sprach noch über Klassen. Dann waren sie plötzlich komplett verschwunden und wurden durch Strukturen ersetzt. In den letzten fünf Jahren ist der Begriff »Klasse« in der Wissenschaft wieder aufgetaucht. Nicht mit dieser politischen Prägung, aber es gibt wieder Klassen als Ausdruck gewisser Strukturen innerhalb einer Gesellschaft.

Krimi-Couch: Ihre Hauptfigur Viktor Kärppä treibt durch die Gesellschaft. Wo er hinschaut, ist er mit Verbrechen konfrontiert. Sie scheint jeden seiner Lebensbereiche zu bestimmen.

Matti Rönkä: Ich will niemanden belehren – aber ich tue es. Ich bin froh, wenn Leute über ihren Tellerrand schauen. In Finnland ist zum Beispiel Schwarzarbeit ein großes Thema. Wenn Leute über Schwarzarbeit reden, dann meinen sie meist einen Handwerker, den man unter der Hand bezahlt. Damit hat es sich aber nicht. Als einmal der offizielle Wohnsitz des finnischen Ministerpräsidenten renoviert wurde, gab es dazu eine offizielle Untersuchung. Sie fanden eine ganze Kette von verschiedenen Unternehmen und Subunternehmen, an deren Anfang eine Motorradgang saß. Der ganze Vorgang schien auf den ersten Blick korrekt, aber je tiefer man in die Strukturen eindrang, desto grauer wurde es. Am Anfang der Kette war es dann tiefschwarz.

Man schätzt, dass in Finnland mit seinen knapp fünf Millionen Einwohnern mehrere zehntausend Menschen illegal beschäftigt werden. Vor allem in der Bauindustrie und in der Gastronomie. Diese Menschen, die vor allem aus den baltischen Staaten und aus Russland kommen, zahlen keine Abgaben und werden selbst meist schlecht bezahlt. Ihr in Deutschland habt eine lange Tradition von Gastarbeitern, wir in Finnland üben noch.[lacht]

Als ich einmal durch den russischen Teil Kareliens gereist bin, habe ich eine Nacht bei einer karelischen Familie verbracht. Sie war Lehrerin für Finnisch und Karelisch an einer kleinen Schule, ihr Ehemann war Sportlehrer. Und damals nahm die Idee für mein Buch Gestalt an. Das Telefon klingelte, und während er sprach, bekam er einen sorgenvollen Ausdruck. Von seinem Lächeln war nichts mehr übrig. Später erzählte er mir, dass es bei dem Gespräch um einen Sommerjob in Finnland ging. Er sollte für zwei Monate bei dem Bau eines Sommerhauses helfen. In diesen zwei Monaten sollte er mehr verdienen als in einem kompletten Jahr in seinem regulären Job. Ob er es schließlich gemacht hat, weiß ich nicht. Aber genau in diesem Moment kam mir die Idee für mein Buch.

Krimi-Couch: Sie sind ein bekannter Journalist und Moderator. Welchen Einfluss hat Ihr journalistischer Beruf auf ihre Arbeit als Schriftsteller?

Matti Rönkä: Ich habe mich in meiner Karriere als Journalist nie mit Verbrechen beschäftigt. Ich sehe es als Privileg, in einem Berufszweig zu arbeiten, der versucht herauszufinden, was in einer Gesellschaft vor sich geht. Außerdem gibt mir meine journalistische Erfahrung die Werkzeuge an die Hand, um an Informationen zu kommen. Wenn ich mich mit Autorenkollegen unterhalte bemerke ich immer, dass es zwei Sorten von Schriftstellern gibt. Die einen fangen einfach an zu schreiben, als ob sie Gott persönlich leiten würde. Sie produzieren einen Stapel von Blättern und fangen dann erst an, alles in die richtige Form zu bringen. Es ist ein bisschen so wie der Unterschied zwischen Mann und Frau.[lacht] Ich habe einmal mit Jo Nesbö über seine Art zu schreiben unterhalten, und seine Methode ist meiner bemerkenswert ähnlich. Wenn ich mit dem Schreiben beginne, mache ich mir zuerst eine Art Landkarte, auf der ich mit verschiedenen Farben alle Strukturen exakt einzeichne: die Eckpunkte der Handlung, die Szenerie und so weiter. Wenn diese Karte fertig ist, fange ich an zu schreiben.

Krimi-Couch: Machen Sie diese Landkarte immer nur für ein Buch oder für die ganze Serie?

Matti Rönkä: Nein, nur für das jeweilige Buch. Als ich mit meinem Debüt begonnen habe, habe ich noch nicht geahnt, dass da eine ganze Serie entsteht.

Krimi-Couch: Zurück zu den Verbrechen. Viktor Kärppä ist ein gutes Beispiel für einen schizophrenen Charakter. Er möchte ein ehrlicher Mensch sein, aber er sieht auch, dass er ohne seine illegalen Machenschaften seinen Lebensstil nicht halten kann. Sie haben ein Interview für einen deutschen Fernsehsender gegeben, in dem der Moderator Viktor Kärppä mit Philip Barlowe verglichen hat. Beide Figuren seien die typischen einsamen Wölfe. Das denke ich nicht. Ist er nicht vielmehr ein Familienmensch? Tut er nicht das, was er tun muss, um seine Familie zu versorgen?

Matti Rönkä: Ich habe grade die erste Fassung meines sechsten Romans fertig gestellt und wurde in einem Fernsehinterview gefragt, was Kärppäs schwacher Punkt sei, seine Achillesferse. Ich denke, er gehört zu der Art von Mensch, die nicht sehr lange lebt. Er muss eben tun, was ein Mann tun muss! Er ist vielleicht zu verantwortungsbewusst. Er übernimmt seine Aufgaben und damit auch Verantwortung. Er handelt, weil er glaubt, handeln zu müssen. Er kümmert sich. Er ist so gesehen ein sehr traditionell denkender Mensch, ein Mann alter Schule, dem auch ein Einstecktuch gut stehen würde. [lacht]

Krimi-Couch: Viktor Kärppä scheint nach einem Freund zu suchen. In Russische Freunde sucht er nach einem Freund aus seiner Vergangenheit und übersieht, dass er mit Teppo Korhonen bereits einen wahren Freund an seiner Seite hat. Korhonen ist eine wundervolle Figur, die dem Buch einen surrealistischen Touch gibt. Gibt es für ihn ein reales Vorbild?

Matti Rönkä: Ich habe eben schon erwähnt, dass ich meine Bücher minutiös plane. Das gilt für meine Hauptfiguren allerdings nur bedingt. Im Nachhinein betrachtet, wäre Viktor kein so starker Charakter, hätte er nicht Teppo Korhonen an seiner Seite. Sie sind wie »Halb-Personen«, die einander brauchen, um richtig zu funktionieren. Viktor ist ein Kopfmensch, der versucht, seine Gefühle und Instinkte zu kontrollieren. Teppo Korhonen lässt sich eher treiben. Er ist etwas älter und hat als Polizist gelernt, auf sein Bauchgefühl zu hören. Viktor ist in der Sowjetunion geboren und aufgewachsen, isoliert, zum Beispiel von der finnischen Sprache. Er hat nur mit seiner Familie Finnisch gesprochen, daher ist es etwas altbacken, streng nach grammatischen Regeln. Korhonen kommt aus einem Teil Ostfinnlands, der berühmt-berüchtigt für seine ausladende Sprache ist. Ich weiß von meinem Übersetzer, dass er mit Korhonen so seine Probleme hatte, weil er viele Anspielungen auf Fernsehserien, Popsongs, Bibeltexte und so weiter macht. Ich wollte den Humor in seiner Ausdrucksweise. Viktor kann durchaus sarkastisch sein, er ist aber nicht so beredt wie Korhonen

Krimi-Couch: Die Familie spielt in Ihren Büchern eine große Rolle. Ist sie eher Fluch, oder Segen?

Matti Rönkä: Für Viktor ist seine Familie absolut relevant. In einem meiner Bücher gibt es einen Dialog zwischen ihm und Teppo, in dem Viktor sagt, eine Familie sei nichts, was man plant. Man lebt ein paar Jahre und plötzlich hat man eine. Viktor kann gar nicht anders denken. Im fünften Buch wird es einige Probleme geben. Vielleicht. Vielleicht wird es andere Frauen geben. [lacht]

Krimi-Couch: Schon im aktuellen Roman gibt einige Andeutungen in die Richtung. Viktor scheint sich nach anderen Frauen, nach Abwechslung zu sehnen.

Matti Rönkä: Ja, eine Krise bahnt sich an. Es ist interessant, dass Sie etwas kommentieren, dass bis jetzt nur in meinem Kopf existiert. Nachdem ich mein erstes Buch geschrieben habe, habe ich gelernt, dass Viktor eine Entwicklung durchmacht. Er wird mehr und mehr Teil der finnischen Gesellschaft, hat eine Freundin....aber wie geht es weiter? Natürlich durchläuft er eine Art Prozess. Er kommt ins gehobene Alter, braucht seine Lesebrille und so weiter. In vielen Romanserien sieht man die Gesellschaft sich verändern, die Landschaft sich verändern, aber der Protagonist bleibt immer derselbe. Ich habe meine Bücher im Abstand von zwei Jahren verfasst. Viktor ist in jedem neuen Buch zwei Jahre älter, in jeder Hinsicht. Er verändert sich und stellt sich neuen Problemen. In meiner momentanen Stimmung frage ich mich, wie lange er wohl noch die Kraft hat, weiterzumachen.

Krimi-Couch: Wie alt ist er im Moment?

Matti Rönkä: Er ist 42. In Entfernte Verwandte ist er 35, 36 Jahre alt. Man kann es aus den Informationen herauslesen, wann er seinen Militärdienst abgeleistet hat. Und an den Paraden, an denen er teilgenommen hat, kurz vor dem Fall der Sowjetunion.

Krimi-Couch: Schreiben Sie im Moment an Ihrem sechsten Buch?

Matti Rönkä: Ich habe kürzlich die erste Fassung fertiggestellt. Dann habe ich sie aber erst einmal zur Seite gelegt. Jetzt werde ich anfangen, sie zu überarbeiten und mit meinem Verleger zu besprechen. Ich hoffe, dass das Buch im Juni oder Juli fertig sein wird.

Krimi-Couch: Nehmen Sie normalerweise noch viele Änderungen vor, nachdem die Rohfassung geschrieben ist?

Matti Rönkä: Nein, üblicherweise nicht. Obwohl ich, was meine Texte angeht, sehr bescheiden und unsicher bin, gab es bislang immer nur kleinere Änderungen.

Krimi-Couch: Ihre Frau Suvi Ahola ist ebenfalls Autorin und Literaturkritikerin. Beteiligt sie sich an der Textbearbeitung?

Matti Rönkä: Nein, sie ist »out of business«.

Krimi-Couch: Herr Rönkä, vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Jochen König im Februar 2011. Übertragen ins Deutsche von Lutz Vogelsang.

Seiten-Funktionen: