Interview mit Ian Rankin

»Rebus würde mich nicht mögen.«

Zwanzig Jahre schrieb der Schotte Ian Rankin über John Rebus, siebzehn Romane kamen dabei herum. Und wahnsinnig erfolgreich sind sie: An einem Samstag 2007 war jedes zehnte verkaufte Buch in Großbritannien aus der Feder Rankins. Lars Schafft traf den Schotten in Hamburg.

Eigenartig ist die Situation schon: Seit Monaten tourt Ian Rankin durch die Weltgeschichte, Interviews und Berichte füllen die britischen Gazetten. Warum? Er hat Schluss gemacht. Schluss mit seiner Reihe um den eigenbrötlerischen Detective Inspector John Rebus. Schluss nach zwanzig Jahren und achtzehn Büchern, davon ein Kurzgeschichtenband. Wir in Deutschland hinken den Briten nicht nur eine Stunde hinterher, auch auf Rebus bezogen sind wir ein ganzes Jahr hinten dran. Aber Ian Rankin ist Profi, geht auch für seinen vorletzten Rebus-Roman, Im Namen der Toten, auf Mini-Lesereise nach Berlin, Hamburg und Wien und beantwortet trotz eines kleinen »Hangovers« in aller Seelenruhe die Fragen der Journalisten.

Was einen guten Kriminalroman ausmacht 

Auch wenn er bei den zahllosen letzten Gesprächen mit der Presse nur über Exit Music, den letzten Rebus, plauderte, fällt im der Switch auf Im Namen der Toten nicht schwer. Ganz im Gegenteil: Der Schotte hat sich sein eigenes Buch nochmal geschnappt und hält es – wenig verwunderlich auf Lesereise gerade zu diesem Buch – für eines seiner besten. Im Vergleich zu seinen ersten Rebus-Romanen wie Verborgene Muster fällt vor allem auf, dass er eine wahre Begebenheit thematisiert, den G-8-Gipfel in Edinburgh. Überhaupt sei seine Serie ungefähr ab der Hälfte sehr viel realer geworden, was er für eine Stärke hält. Und womit wir beim Thema Kriminalroman ankommen.

Ja, es habe ihn Anfangs gewundert, dass er in den Buchhandlungen in die Regale mit Crime Fiction gerutscht sei. Das mache ihm zwar nichts mehr aus, dieses Schubladendenken wurmt ihn dennoch: »Es gibt hier ein Regal für Fiction, eines für Scottish Fiction und eines für Crime Fiction. Warum nicht einfach eines für Good Fiction und eines für Bad Fiction?« Glücklicherweise habe sich die Reputation des Kriminalromans in Großbritannien aber stark verbessert, gibt Rankin zu. Der Krimi spiele an den Universitäten durchaus eine Rolle, »über Verschlüsselte Wahrheit hat sogar einer ein Buch geschrieben – ein Buch über mein Buch!«, stellt der Schotte heraus und schüttelt immer noch etwas irritiert über diesen Umstand den Kopf.

Jekyll & Hide, Rankin & Rebus

Natürlich bleibe der Krimi Populärliteratur, wurde in den letzten Jahren auf den britischen Inseln immer beliebter, aber: »Die Qualität der britischen Krimis ist gestiegen«, meint Rankin festgestellt zu haben. Sie beschäftigten sich schon lange nicht mehr nur mit der Frage nach dem »Wer war´s?«, sondern beleuchten sozial-relevante Fragen, stellen menschliche Abgründe dar – »das, was gute Literatur ausmacht«. So sieht er sich selbst auch nicht in der Tradition Arthur Conan Doyles, sondern eher in der eines Robert Luis Stevenson – wie Rankin beide aus Edinburgh. Stevensons Jekyll und Hyde sei sein literarisches Leitmotiv geworden, sowohl auf Edinburgh (»eigentlich eine sehr langweilige Stadt«) bezogen, als auch auf seinen Serienhelden John Rebus: »Er hat eine sehr harte, traurige Sicht der Dinge. Seine Denkweise zu ändern, ist eine meiner Aufgaben in den Romanen. Ihm mitzuteilen, dass die Welt nicht nur schwarz und weiß ist, dass es nicht nur die guten und die schlechten Jungs gibt. Sondern viele Abstufungen in Grautönen.«

Ian Rankin wird nicht müde, bei Fragen zu Rebus zu betonen, dass sein alternder Ermittler keine autobiographischen Züge trage: »Er ist nicht ich, seine Denke, wie er die Welt sieht, seine Lebensphilosphie ist nicht meine. Ich bin viel optimistischer, weitaus weniger zynisch.« Das Verhältnis zwischen Autor und Protagonist nennt er »kompliziert«, da die beiden schlicht zu wenig verbinde. »Ich weiß, dass wenn wir uns träfen, er mich nicht mögen würde«, glaubt Rankin. »Natürlich würde ich mit ihm ein Bier im Pub trinken. Wir würden uns vielleicht zehn Minuten über Musik unterhalten, einen Drink dabei nehmen. Dann ginge er raus, um eine Zigarette zu rauchen und da ich selbst nicht rauche, würde ich sagen: Okay, geh du raus eine rauchen und ich bleibe hier. Und das wäre wahrscheinlich das Ende unseres Gesprächs.«

Ein Ende ohne Schrecken

Bei sowenig Zuneigung zum kantigen Rebus wäre schon zu befürchten gewesen, dass Rankin ihn in seinem allerletzten Fall Exit Music in die ewigen Jagdgründe eingehen ließe. Doch ganz so schlimm kann es um das Verhältnis der beiden nicht bestellt sein: »Rebus ist ja am Ende immer noch am Leben und es gibt noch Möglichkeiten für ihn, er ist ja gesund und munter. Ich wusste, dass die Leser das Buch in den Läden in die Hand nehmen und direkt die letzte Seite lesen würden, um zu erfahren, ob Rebus am Ende noch lebt. Deswegen habe ich das Ende so unklar wie möglich gehalten, so dass wenn man die letzten paar Sätze liest, man sich nicht sicher ist, wie es eigentlich ausgeht. Und das lässt viele Möglichkeiten offen.«

Und wenn man Rankin weiter zuhört, will man doch sehr rasch ein »vorerst« vor »Rebus´ letzter Fall« stellen. Ian Rankin könne sich durchaus vorstellen, mit Rebus weiterzumachen. Es hänge nur davon ab, »ob, ich noch neue Dinge über ihn zu sagen habe und der Meinung bin, dass er die für mich die beste Möglichkeit darstellt, über die Welt zu schreiben und Fragen zur Gesellschaft zu stellen, in der ich lebe«.

Vielleicht stelle er Rebus´ jüngere Kollegin Siobhan Clarke in den Vordergrund (von der wir jetzt endlich wissen, wie sich ihr Vorname ungefähr ausspricht: Schowáhn) und Rebus tauche nur als privater Ratgeber auf. »Wir könnten auch in der Zeit zurück springen, in sein früheres Leben. Vor zwanzig Jahren, im ersten Roman, war Rebus ja bereits fünfzehn Jahre bei der Polizei. Fünfzehn Jahre, über die wir nichts wissen«, betont Rankin. Oder er hielte einfach die Zeit an, oder – und das ist gar nicht so unwahrscheinlich – das Renteneintrittsalter für Polizisten wird in Schottland erhöht: »Es gab tatsächlich eine schottische Abgeordnete, eine Liebhaberin der Rebus-Romane, die den Justizminister überreden wollte, dass Alter für Polizisten in Edinburgh hochzusetzen, damit Rebus zurückkommen und für weitere fünf Jahre arbeiten könnte.«

Exit Rankin

Trotz Lesereisenstress und einer latenten Müdigkeit vom Vorabend ist Ian Rankin ein Mann, mit dem man sich noch Stunden unterhalten könnte. Über ein Schottland, in denen es Gegenden gäbe, wo die Lebenserwartung wie in der Dritten Welt läge. Darüber, wie positiv sich das Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden in Schottland ausgewirkt habe. Darüber, welche wunderbaren schottischen Romane es zu entdecken gelte. Über Musik, über Politik, übers Schreiben und und und. Doch Rankin ist ein gefragter Mann und schon fast auf dem Sprung zur Lesung. Haften bleibt ein sympathischer wie absolut bodenständiger Mensch, der mit seiner Rebus-Reihe schon jetzt zu den Klassikern des britischen Kriminalromans gehört. Und irgendwie bleibt auch hängen, dass mit Rebus noch lange nicht Schluss ist.

Lars Schafft, Dezember 2007

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