Interview mit David Peace

Eine Art von Wahrheit

David Peace hat mit Tokio, die besetzte Stadt sein zweites Werk aus der Tokio-Reihe vorgelegt. Krimi-Couch-Redakteur Wolfgang Franßen ist mehr als nur begeistert. Grund genug für ihn, den britischen Erfolgsautoren zum Gespräch zu bitten. Im ersten Teil spricht David Peace über sein neuestes Werk, sein Leben in Japan, und warum es manchmal besser ist, in Tokio zu sein, um über West-Yorkshire zu schreiben.

Krimi-Couch: Mr. Peace, für mich war es ein großer Genuss, ihren Roman zu lesen. Er ist großartig. Mir erscheint er wie eine Suche. Nicht nach dem Täter, sondern nach der Möglichkeit, das Grausame in der Welt zu beschreiben. Durch Ihre vielfältigen Stilarten gewinnt man den Eindruck, Ihr Blick auf die Welt gleicht dem Blick auf eine Theaterbühne. Sie haben einmal in einem Interview erwähnt, dass Sie Heiner Müller schätzen. Als ich Hhr Buch las, hatte ich bei dem Kapitel »The ninth candle« den Eindruck, es wäre ein Theaterstück. Ein Stück ganz im Stile Heiner Müllers. Glauben Sie, Sie müssen weiterhin Theaterstücke schreiben?

David Peace: In einigen frühen Manuskripten waren die zwei Kapitel »The ninth candle« und »The candle with the victims« in der Tat als Theaterstücke konzipiert. Aber ich schreibe Romane, keine Schauspiele, also habe ich es wieder in die Romanform geändert.

Ich will ihnen sagen, was mich an der Arbeit Heiner Müllers fasziniert. Mein Stil ist abgehackt, fragmentiert und zerrüttet. Verschiedene Stimmen, verschiedene Bilder und verschiedene Perspektiven. In der englischen Literatur haben zum Beispiel T.S. Eliot in Das wüste Land oder James Joyce versucht, auszudrücken, wie es ist, in der modernen Welt zu leben. Ich finde es schade, dass viele Romane dies nicht ausdrücken. Heiner Müllers Stücke indes sehe ich in dieser Tradition des Modernismus, seinen Versuch, die Erfahrungen in einer modernen Welt auszudrücken. Er hat diesen Ansatz benutzt, um über die deutsche Geschichte und Gesellschaft zu schreiben. Ich wähle ihn, um über Verbrechen zu schreiben. Er hat mich inspiriert und mir gezeigt, unter welchem Blickwinkel man die Welt betrachten kann.

Krimi-Couch: Der zweite Name ist Antonin Artaud mit seinem ebenfalls extremen Blick auf die Welt. Ich weiß von Heiner Müller, dass seine erste Fassung der Hamletmaschine 200 Seiten umfasste, und er sie danach radikal gekürzt hat. Von Ihrem Buch hatte ich einen ähnlichen Eindruck.

David Peace

David Peace wurde 1967 im Westen Yorkshires geboren. Nach einem Studium an der Technischen Hochschule von Manchester arbeitete er jahrelang als Englischlehrer in Istanbul. Heute lebt er mit seiner Familie in Tokio.

David Peace: Absolut! Nachdem ich Tokio im Jahre Null, das erste Buch der Tokio-Reihe, geschrieben habe, habe ich mit diesem Buch begonnen. Ich habe abwechselnd diese beiden Kommissare genommen. Aber zwei Stimmen waren nicht ausreichend, um die Geschichte zu erzählen, weil sie zu komplex ist und zu viele Blickwinkel vereint. Also habe ich einfach weiter und weiter geschrieben und sie wurde immer länger. Danach versuchte ich, Heiner Müllers Beispiel zu folgen und es auf die essentiellen Stimmen herunter zu kürzen. Es soweit zu kürzen, bis eine Art von Wahrheit übrig bleibt. Die Suche nach der Wahrheit.

Krimi-Couch: Passagenweise erinnert es mich an den Ausdruck slam crime poetry.

David Peace: Ja. Ich hatte einige Probleme mit der Form des Romans. Ich kenne mich nicht gut genug aus, um den deutschen Roman zu beurteilen, aber der englische Roman ist eine zutiefst bürgerliche Kunstform aus dem 19. Jahrhundert. Er hat einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss, eine schöne Harmonie. Es beschreibt die Geschichte aus einer Perspektive. Man liest es und dann: vielen Dank, vorbei! Dichtung hat großen Einfluss auf mein Buch. Sie ist gebrochen, fragmentiert und entkoppelt. Dichtung kann die Komplexität und die Unklarheit des modernen Lebens viel besser widerspiegeln.

Krimi-Couch: Als ich das »Red-Riding-Quartett« gelesen habe, war ich überrascht, dass Sie nun nach Tokio gehen – erst nachher habe ich erfahren, dass sie fünfzehn Jahre dort gelebt haben. Was halten Sie als jemand, der zwei Kulturen kennt, von Samuel Huntingtons Begriff des »Kampfes der Kulturen«? Als Europäer in Japan, sehen Sie diese Konfliktlinie?

David Peace: Jeden Tag kann man in Japan diese zwei Kulturen beobachten, wie sie aufeinanderprallen und miteinander ringen. Die japanische Kultur ist da sehr zwiespältig. Auf der einen Seite wollen sie der westlichen Kultur widerstehen, andererseits nehmen sie sie gleichzeitig an. Die Zeit, über die ich schreibe, macht es etwas einfacher für mich. Ich schreibe über die Besetzung Japans und beginne mit der Stunde Null. Japan ist besiegt und liegt in Trümmern. Die Japaner versuchen, ihr Land samt ihren Idealen aus dem Schutt wieder aufzubauen. Gleichzeitig sind sie besetzt, und die westliche – nicht nur die amerikanische – Kultur wird ihnen aufgedrückt. Wenn ich nicht über 1948, sondern über 1848 geschrieben hätte, wäre es mir deutlich schwerer gefallen, in die Kultur einzutauchen.

Krimi-Couch: Brauchen Sie die Distanz?

David Peace: Sicher. Distanz ist eine wichtige Sache. Ich habe das »Red-Riding-Quartett« über Yorkshire geschrieben, während ich in Tokio lebte. Ich bin in West-Yorkshire aufgewachsen, einer Gegend, die mit ihrer Industrie- und Bergbautradition dem Ruhrgebiet bemerkenswert ähnlich ist. Es war zu der Zeit besser für mich, in Japan zu sein und die Distanz zu meiner Heimat zu haben. Um über die Besetzung Japans 1945-1952 zu schreiben, war es für mich allerdings wichtig, in Tokio zu sein, weil es eben nicht meine Stadt ist. Gleichzeitig hatte ich aber die zeitliche Distanz. Das Tokio der Nachkriegszeit ist völlig verschieden von dem Tokio, in dem ich 2006 meine Bücher geschrieben habe.

Krimi-Couch: In Ihren Romanen ist kein Platz für Nostalgie?

David Peace: Nein, das gilt besonders für die Bücher des »Red-Riding-Quartetts«. Es ist ein schwieriges Thema. In Großbritannien blickt man gerne wehmütig auf die 70er-Jahre zurück. Ich wollte es eher anti-nostalgisch halten. Trotzdem ist Sehnsucht nach dieser Epoche wohl einer der Faktoren, die diese Bücher in Großbritannien so erfolgreich gemacht haben. Die Tokio-Reihe spielt vor der Zeit, auf die man in Japan mit Nostalgie zurückblickt. Die Zeit nach der Besetzung durch die Amerikaner. Gut, genau genommen haben die Amerikaner Japan nie verlassen. Dennoch herrschte nach dem offiziellen Ende der Besatzung Aufbruchstimmung. Während des Koreakrieges konnte Japan wieder politisch und wirtschaftlich aufsteigen. Heute blicken die Japaner sehnsüchtig auf diese Ära des rasanten Aufstiegs. Ich wollte über die Zeit vor diesem Aufstieg schreiben und die Wurzel dieses Erfolges betrachten.

Krimi-Couch: Nach dem »Red-Riding-Quartett« wirkt die Tokio-Reihe emotionsloser und kalkuliert. Ist das etwas, was in der japanischen Kultur begründet liegt?

David Peace: Wahrscheinlich, aber ich weiß nicht, wie viel von mir da drin steckt. Im »Red-Riding-Quartett« habe ich über meine Heimat zu der Zeit, in der ich aufwuchs, geschrieben. Es war also für mich sehr emotional. Ich will nicht sagen, Japaner seien gefühlsärmer. Das wäre eine grobe Verallgemeinerung und zudem nicht richtig. In vielerlei Hinsicht halte ich sie sogar für gefühlsbetonter als Engländer. Aber sie haben Recht. Die Unterdrückung der Gefühle ist in Japan viel stärker verwurzelt als beispielsweise in der englischen Kultur.

Krimi-Couch: Als Teil japanischer Erziehung?

David Peace: Vor allem schreibe ich über einen wunden Punkt der japanischen Geschichte: Niederlage, Kapitulation und Besetzung. Es ist eine erniedrigende Zeit! Ich muss hier wieder vorsichtig sein, nicht zu verallgemeinern, aber ich lebte nun fünfzehn Jahre dort, und mein Eindruck ist, dass Japan diesen Teil der Geschichte nie wirklich aufgearbeitet hat.

Ich war fünf mal in Deutschland und habe viele Freunde hier. Ich würde sagen, dass kein deutsches Kind aufwächst, ohne etwas über die Zeit vor dem Krieg und den Krieg selbst zu lernen – korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege. In Japan, wo meine Kinder zur Schule gegangen sind, bringt man den Kindern bei, Japan sei lediglich Opfer des Krieges.

Ich erinnere mich an einen Tag, an dem mein Sohn aus der Schule kam, wo sie über die Bombardierung Tokios, Hiroshimas und Nagasakis gesprochen haben. Er konnte sich nicht vorstellen, warum die Amerikaner so etwas tun sollten. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich denke, diese Bombardierungen waren falsch, genauso wie die von Dresden oder Hamburg. Aber es war vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen. Mein Sohn hat nichts darüber gelernt, was die Japaner beispielsweise in China getan haben: die Einheit 731 oder das Nanking-Massaker. Oder auch Pearl Harbor. Es gab keinen geschichtlichen Kontext, außer dass Japan irgendwie Opfer dieses Krieges war.

Viele meiner japanischen Freunde wissen das alles und reden sehr offen darüber, aber die offizielle Darstellung seitens der Regierung und der Medien zielt eher auf Verdrängung. Ich würde sagen, dass Japan diesen Teil der Geschichte nicht in der Weise aufgearbeitet hat, wie es zum Beispiel in Deutschland geschehen ist.

Krimi-Couch: Als deutscher Leser kommt man bei der Lektüre Ihrer Bücher nicht umhin, auch an seine eigene Geschichte zu denken …

David Peace: Verzeihen Sie die Unterbrechung, aber ich wünsche mir, dass auch Engländer beim Lesen meiner Bücher über ihre Geschichte nachdenken. Es ist nicht schwarz-weiß.

Krimi-Couch: Ihr Buch wurde auch in den Vereinigten Staaten verlegt. Wie sind dort die Reaktionen?

David Peace: Die Tokio-Reihe war in den USA viel erfolgreicher als in Großbritannien. Das »Red-Riding-Quartett« und zwei in Deutschland bislang unveröffentlichte Romane, GB84 und The Damned Utd, waren dagegen in Großbritannien äußerst erfolgreich. Als Amerikaner hat man aufgrund der Besatzungszeit eine Verbindung zur Tokio-Reihe. Für Briten ist das vielleicht zu fremd. Die Bücher haben sich ganz ordentlich verkauft, aber in Interviews will man verständlicherweise eher über die britischen Bücher reden. In Amerika war ich erstaunt, wie viele Journalisten die Parallele zum Irak gezogen haben. Ich habe wohl die typisch britischen Vorurteile, dass Amerikaner nicht die Cleversten seien und sich wenig Gedanken über internationale Zusammenhänge machen. Aber wirklich jeder Journalist hat es mit den Geschehnissen im Irak und in Afghanistan in Zusammenhang gebracht.

Krimi-Couch: Wie sieht es mit den Reaktionen in Japan aus?

David Peace: In Japan wurde bislang nur das erste Buch Tokio im Jahre Null veröffentlicht. Tokio, die besetzte Stadt wird nächstes Jahr erscheinen. Das erste Buch hat den Japanischen Krimipreis gewonnen, gute Kritiken bekommen und lief generell gut. Alle Bücher der Tokio-Reihe basieren auf realen Verbrechen. Das Verbrechen in Tokio im Jahre Null ist allerdings relativ unbekannt. Es handelt von dem Serienmörder Kodaira Yoshio, der ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Mit Tokio, die besetzte Stadt wird es anders sein, weil es sich um einen sehr bekannten Fall handelt, über den viele japanischen Schriftsteller bereits geschrieben haben. Ich bin wirklich gespannt auf die Reaktionen.

Krimi-Couch: Man sagt, mit Sadamichi Hirasawa könnte 1987 ein Unschuldiger im Gefängnis gestorben sein?

David Peace: Das stimmt. Gerade an den Jahrestagen seines Todes werden immer wieder Stimmen laut, die fordern, ihn posthum für unschuldig zu erklären.

Krimi-Couch: Halten Sie sich für einen politischen Schriftsteller?

David Peace: Ja. Aber ich denke, dass alle Schriftsteller politisch sind, sie wissen es nur nicht.

Krimi-Couch: Auch Komiker?

David Peace: [lacht] Im Ernst. Ich bin davon überzeugt, dass alles, was wir tun, politisch ist. Selbst die Aussage, man sei nicht politisch, ist politisch!

Ich mag jetzt etwas seltsam klingen, aber ich bin stolz darauf, ein politischer Schriftsteller zu sein. Nehmen sie Kriminalliteratur. Über Verbrechen zu schreiben ist eines der offensichtlichsten Beispiele für eine politische Dimension. Verbrechen werden tagtäglich an den Menschen einer Gesellschaft verübt. Jeden Tag geschehen Morde, Überfälle und Vergewaltigungen. Dazu die ganzen Finanzvergehen. Das Krimi-Genre halte ich für das beste überhaupt, um politische Literatur zu schreiben.

Krimi-Couch: Das Buch The Damned Utd über Fußball war dann wohl Urlaub für Sie?

David Peace: [lacht] Nein, das war auch politisch. Die Leute verstehen das nur nicht.

Krimi-Couch: In Ihren Büchern ist nicht viel Platz für Humor. Haben Sie Angst, zynisch zu wirken?

David Peace: Wie oben schon erwähnt kann ich über zeitgenössische Literatur in Deutschland wenig sagen. In Großbritannien zumindest herrscht der Trend, alles ins Ironische oder Sarkastische zu ziehen. Ich schreibe über reale Verbrechen, bei denen Menschen wirklich ums Leben gekommen sind. Da sehe ich einfach keinen Platz für Humor. Ich weiß, dass die Bücher sehr düster und deprimierend sind, aber ich halte sie nicht für zynisch.

1974, das erste Buch des »Red-Riding-Quartetts« sticht vielleicht etwas heraus. Mit den anderen drei Büchern der Serie und den zwei neuen der Tokio-Reihe will ich den Leser zu Nachdenken animieren, wie solche Verbrechen geschehen können. Und wie man verhindern kann, dass sie nochmal geschehen; wie man die Welt etwas besser machen kann. Ich will die dunklen Seiten der Geschichte beleuchten, um zu verhindern, dass sie sich wiederholen.

Den zweiten Teil des Interviews lesen Sie in der nächsten Ausgabe der Krimi-Couch.

Das Interview führte Wolfgang Franßen im November 2010. Übertragen ins Deutsche von Lutz Vogelsang.

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