Interview mit Bernhard Aichner

Blum rockt die Welt

Der Österreicher Bernhard Aichner ist derzeit einer der Shootingstars der deutschsprachigen Krimiszene. Jürgen Priester sprach mit ihm über seine internationalen Erfolge und darüber, warum eine Bestatterin nicht nur den Autor selbst, sondern mittlerweile Leser und Leserinnen auf der ganzen Welt fesselt.

Krimi-Couch: Bernhard, dein Verlag bezeichnet Totenfrau als internationalen Bestseller. Starke Worte, die ein Verlag ja gerne verbreitet. Kannst du das etwas konkretisieren?

Bernhard Aichner: Von Totenfrau wurden bisher allein im deutschsprachigen Raum rund 120.000 Bücher verkauft. Der Roman wird in 12 Sprachen übersetzt und erscheint in 16 Ländern. Unter anderem in England und in den USA, was für einen deutschsprachigen Spannungstitel einem Ritterschlag gleichkommt. Nicht also die Werbereden des Verlages machen dieses Buch zum Bestseller, sondern die LeserInnen.

Meine Heldin »Blum« wird da draußen geliebt, so viele Menschen können sich für diese Serienmörderin begeistern, wohl auch deshalb, weil sie auch eine liebende Mutter ist. Man wünscht ihr, dass sie mit dem, was sie getan hat, davonkommt, man zittert mit ihr mit und drückt rastlos die Daumen. Was wohl auch meinem Stil zu verdanken ist, meiner Sprache, die Tempo macht, den Leser packt und in die Geschichte hineinzieht. Ich möchte rühren, Spannung erzeugen, die Leser zum Fühlen verführen. Und so wie es aussieht, gelingt das auch, was mich dankbar und glücklich macht.

Blum, die auch mir sehr ans Herz gewachsen ist, ist also verantwortlich für diesen Erfolg, diese Figur, die, so wie es aussieht auch bald auf den Fernsehschirmen auftauchen wird. Alles sieht so aus, als würde ein großer amerikanischer Pay-Channel eine Serie aus Totenfrau machen, wenn das Glück mir weiter hold ist, könnte demnächst unterschrieben und im Februar mit den Dreharbeiten begonnen werden. Blum rockt also tatsächlich die Welt.

Krimi-Couch: Hat dich der Erfolg von »Blum« überrascht? Oder warst du von der Ausstrahlung deiner Protagonistin von Anfang an fest überzeugt?

Bernhard Aichner: Ich liebe meine Heldin. Und ich habe natürlich davon geträumt, dass sie Fans findet. Dass es aber so durch die Decke gehen würde, damit habe ich nicht gerechnet. Weil eben der Stil anders ist, weil die LeserInnen gefordert werden, sich auf etwas Neues einzulassen.

Krimi-Couch: »Blum« ist nicht nur eine außergewöhnliche Frau, sondern sie übt auch einen nicht alltäglichen Beruf aus: Bestatterin. Wie bist du auf eine solche Figur gekommen?

Bernhard Aichner: Ich bin ein sehr neugieriger Mensch. Bereits während der Arbeit an meinen vorigen Romanen habe ich mich mit dem Tabuthema Tod auseinandergesetzt. Ich habe mich auf Friedhöfen herumgetrieben, war auf der Gerichtsmedizin, und irgendwann eben auch in einem Bestattungsunternehmen.

Ich habe bei einer Innsbrucker Bestatterin angefragt, ob sie mich ein wenig in die Welt der Toten einführen kann. Sie hat »Ja« gesagt, aber auch, dass ich mithelfen muss. Nur zuschauen geht nicht, sagte sie. Ich musste also Hand anlegen, ich durfte über ein halbes Jahr lang bei der Versorgung der Verstorbenen mithelfen, die zur Verabschiedung am offenen Sarg vorbereitet werden. Es war eine richtig schöne, demütige Erfahrung. Dem Tod als Tabu näherzukommen, zu akzeptieren, dass wir letztendlich alle sterben werden. Die Dankbarkeit wuchs, leben zu dürfen. Und der Gedanke reifte, meiner Heldin, die ich kreieren wollte, genau diesen Beruf zu geben. Bestatterin. Ein schöner demütiger Beruf, aber auch unendlich praktisch, wenn man Leichen entsorgen will.

Krimi-Couch: Ja, Leichen pflastern Blums Weg. Das gilt sowohl für Totenfrau als auch für Totenhaus. Neben dem Morbiden hast du auch (leicht) phantastische Elemente eingebaut. Ich denke da an die Körperkunst-Ausstellung. Auch die einsam gelegene Hotelanlage im Schwarzwald mit seinen seltsamen Bewohnern schien mir nicht von dieser Welt. Ich fühlte mich wie in einem Schauerroman. Magst du phantastische Literatur? Stephen King?

Bernhard Aichner: Weil ich mich selbst ja nicht langweilen will beim Schreiben, wollte ich mal was Neues ausprobieren. Etwas weggehen von der knallharten Realität, hin zu einem Setting, das tatsächlich an Stephen King erinnern soll. Ein leerstehendes Hotel, das von Beginn an nichts Gutes verspricht. Man spürt den Abgrund an jeder Ecke, man erahnt das Unheil, das sich verbirgt. Blum ist »lost«. Und die, die vorgeben ihr zu helfen, sind jene, die sie noch tiefer in den Abgrund reißen. Eine fatale Situation, hat aber enorm viel Spaß gemacht, das zu schreiben. Etwas stiller ist der zweite Teil geworden als der erste, aber um einiges schauriger.

Krimi-Couch: Was mir an Blum besonders gefällt, ist ihre Unberechenbarkeit. Durfte sie sich frei entwickeln oder hattest du einen Masterplan für sie? Dein Kollege Heinrich Steinfest antwortete mal auf die gleiche Frage, dass er beim Schreiben nie wisse, was seine Heldin (Lilli Steinbeck) im nächsten Augenblick tun werde.

Bernhard Aichner: Ich wollte sie genauso haben. Es war von Anfang an klar, dass sie so bauchgesteuert ist, dass sie mit dem Herz in der Hand durch dieses Buch rennen wird. Leidenschaftlich, völlig irrational manchmal, emotional gebeutelt, impulsiv. Und da ich selber auch so bin, war es leicht, die Figur zum Leben zu erwecken.

Krimi-Couch: »Rennen« ist ein gutes Stichwort. Beide Teile (besonders der erste) legen ein irre hohes Tempo vor. Entwickeln eine Sogwirkung nicht nur aus dramaturgischen Gründen, sondern auch rein stilistisch. Die verkürzten Sätze, die minimalistischen Dialoge. Schreibst du immer so? Oder hast du das für die »Blum-Trilogie« entwickelt? Für manche Leser ist das gewöhnungsbedürftig.

Bernhard Aichner: Meine Sprache hat sich in den letzten 15 Jahren so entwickelt. Ich wollte immer meinen eigenen Ton finden, etwas Wiedererkennbares schaffen, meinen Sound finden. Und ich wollte ein Buch schreiben, das wie ein Film funktioniert, in dem ein einziger präziser Satz eine ganze Szene entstehen lässt. Das bedeutet natürlich: reduzieren, reduzieren, reduzieren, bis nur noch das Nötigste übrig ist. Bestimmt kommt in meiner Art zu schreiben auch der Fotograf in mir durch. (Die Fotografie war in den letzten 15 Jahren mein zweites Standbein, ich habe Werbung fotografiert).

Es ist eben dieses Erzählen in Bildern. Ein Satz wie ein Bild. Ein Punkt. Und schon kommt das nächste Bild. Das macht Tempo. Das peitscht den Leser durch das Buch. Macht Spannung. Und das mit den Dialogen kommt daher, dass ich gerne für das Theater schreibe. Eine Geschichte, die nur dialogisch erzählt wird, die ohne Erzähler auskommt. Auch das macht Tempo und lässt den Leser unmittelbar in die Szenerie eintauchen.

Krimi-Couch: Ja, dein Minimalismus gibt mir als Leser den Freiraum für meine eigene Fantasie. Ich denke, jeder Leser kann so ein ganz individuelles Bild vom Setting und dem Personal entwickeln.
Du sagtest vorhin, du wolltest etwas weggehen von der knallharten Realität. Das mag auf den äußeren Rahmen wohl zutreffen, aber dein Thema ist ein uraltes: Schuld und Sühne, und das ist gar nicht fern der Realität. Magst du das näher erläutern?

Bernhard Aichner: Freiraum ist mir wichtig. Ich beschreibe meine Figuren nicht näher, wie Blum aussieht zum Beispiel, das weiß man nicht. Nicht einmal ich. Jeder kann sich sein eigenes Bild von ihr malen, es heißt nur, dass sie »schön« sei – mehr nicht. Und »schön« ist für jeden etwas anderes. Genauso verhält es s ich mit Beschreibungen von Landschaft und Örtlichkeiten, ich gehe sehr sparsam damit um, ich wecke im Grunde nur Bilder in den Köpfen der LeserInnen, ich rege eine Landschaft an, die im Moment des Lesens beginnt zu wachsen.

Und was Schuld und Sühne betrifft: Totenhaus ist der Mittelteil der Trilogie. Blum hat im ersten Teil Schuld auf sich geladen, dafür bezahlt sie jetzt, so funktioniert die Welt, zumindest meistens. Dass sie aber trotzdem davonkommt, macht wieder den Reiz der Geschichte aus. Sühne also JA, aber nur so viel, wie meine Heldin gerade noch ertragen kann, dann geht´s wieder in die andere Richtung. Ich schreibe gerade Teil 3 – Blum kämpft mit allen Mitteln dafür, dass sie ihr Leben zurückbekommt. Jedes Mittel ist recht. Und jeder Daumen wird gedrückt sein.

Krimi-Couch: Totenhaus endet mit Blums Worten: »Ich komme zurück.« Das ist der einzige, mir bewusst gebliebene Cliffhanger des Romans, denn man weiß nicht, was dieses Zurückkommen bedeuten kann. Die Frage, wie es mit Blum weitergeht, ist nicht erlaubt. Aber kannst du uns verraten, wann es mit Blum weitergeht. Hast du die Trilogie schon beendet?

Bernhard Aichner: Es gibt einen Stehsatz in den Büchern. » Alles wird gut«, hat Blums verstorbener Mann immer zu ihr gesagt. Ich würde wahrscheinlich von meinen LeserInnen gesteinigt werden, würde ich dieses Versprechen am Ende der Trilogie nicht einlösen. Bis es aber soweit ist, muss Blum noch einmal durch die Hölle gehen. Und das wird wild, ein knallharter Western, der Ende 2016 ins Kopfkino kommt.

Krimi-Couch: Bis Ende 2016 ? Hui, da müssen wir uns aber lange in Geduld fassen.

Lieber Bernhard, wir danken Dir für dieses Gespräch und wünschen Dir weiterhin viel Erfolg.

Das Interview führte Jürgen Priester im September 2015 per E-Mail. Fotos © Ursula Aichner/fotowerk-aichner.at.

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