Ein Schlag ins Herz von Ilkka Remes

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel Isku ytimeen, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei dtv.

  • Helsinki: WSOY, 2009 unter dem Titel Isku ytimeen. 507 Seiten.
  • München: dtv, 2011. Übersetzt von Stefan Moster. ISBN: 978-3423248532. 592 Seiten.

'Ein Schlag ins Herz' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

In Stockholm werden die hochrangigen Teilnehmer der Bilderberg-Konferenz entführt und auf einen Atommülltransporter gebracht. Unter den Geiseln: der finnische Geologe Patrik, Spezialist für die Endlagerung von Atommüll, und die belgische Ärztin Sandrine. Die beiden geraten zwischen die Fronten des russischen und amerikanischen Geheimdienstes und in einen Strudel von lebensgefährlichen Ereignissen, der sie bis in die tiefen Schluchten Afghanistans führt. Dort werden sie Zeugen eines spektakulären Geiselaustauschs.

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Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Mit Ein Schlag ins Herz beweist der Finne Ilkka Remes einmal mehr, dass er nicht nur zu den Topp-Autoren Finnlands, sondern ganz Europas gehört. Mittlerweile sind fast alle seine Thriller (manche nachträglich) ins Deutsche übertragen worden. Von Blutglocke aus dem Jahre 2000 bis zu dem vorliegenden Ein Schlag ins Herz hat sich der Finne stets brisanter politischer Themen angenommen und sie zu mitreißenden Action-Dramen verarbeitet. Da gab es kaum Schwankungen in der Qualität. Hervorzuheben sind Remes’ detaillierte Recherchen, die zusätzlich noch durch den Übersetzer Stefan Moster verifiziert werden, wie dieser in einer Leserunde im Krimi-Couch-Forum zum damals aktuellen Das Erbe des Bösen erzählte. Das Erbe des Bösen spielte in und um Berlin und beschäftigte sich mit der deutschen NS-Vergangenheit, wurde deswegen zum erfolgreichsten Roman des Autors in Deutschland. Das könnte/sollte sich jetzt ändern, denn Ilkka Remes legt in Ein Schlag ins Herz noch eine Schippe drauf. In der klaustrophobischen Enge eines Atommüll-Frachters kulminieren die Ereignisse in einen Hexenkessel von Gewalt.

Der Finne Patrik Vasama, von Hause aus Geologe, zur Zeit als Prospektor für eine Bergbaufirma tätig, und die belgische Ärztin Sandrine Denaux sind die Helden dieser Geschichte. In einem Feldlazarett der »Ärzte ohne Grenzen« in Afrika kommt es zu einer Konfrontation zwischen den beiden, in der ihre ehemalige Zuneigung in Aversion umschlägt. Dieses Zerwürfnis wird in einem Prolog kurz angerissen. Nach getrennten Wegen treffen sie wieder aufeinander, da sie als aktive Umweltschützer in derselben international besetzten Gruppierung arbeiten. Diese Gruppe hat in der Vergangenheit schon viel Aufmerksamkeit erregt und plant Spektakuläres.

Zum Auftakt, quasi als Training, wird ein russisches Kriegsschiff, das die Verlegung der Ostsee-Gaspipeline sichert, angegriffen – ein Auftakt, der die weitere Marschrichtung vorgibt. Die eigentlichen Ziele der Öko-Aktivisten sind aber zum einen die jährliche »Bilderberg«- Konferenz, die diesmal in der Nähe von Stockholm stattfinden soll, zum anderen ein schwedischer Atommüll-Frachter, der hochradioaktive Brennstäbe zu einem Endlager bringen soll. An beiden Orten sollen Proklamationen verlesen und großformatige Transparente ausgerollt werden. Der »Bilderberg«- Club ist ein real existierender, exklusiver und geheimnisumwitterter Zirkel von Macht- und Geldleuten. Ein Name, bei dessen Nennung das Herz eines jeden Verschwörungstheorikers wild zu klopfen beginnt.

Beide Aktionen können in die Tat umgesetzt werden – nur, dass es nicht bei einer Demonstration bleibt. Zum Entsetzen von Sandrine (im Hotel) und Patrik (auf dem Schiff) haben die beiden jeweiligen Aktionsleiter Herman McQuinn und Dominik Gladbach viel Weitereichendes im Sinn. Die wichtigsten Teilnehmer der Bilderberg-Konferenz werden als Geißeln genommen und auf das Atommüllschiff verbracht. Während sich der Frachter in schwerer See in Richtung Finnland bewegt, geht es da ziemlich hektisch zu. Ein Atommüllfass wird angebohrt, eine geheimnisvolle Kapsel unbestimmter Herkunft entdeckt, die Geißeln planen eine Flucht und die Entführer sind sich uneins. Die amerikanischen Dienste (und deren gibt es viele) schauen dem Treiben natürlich nicht tatenlos zu. Eine Sondereinheit der Navy-SEALS nähert sich unter Wasser. Auch im nicht allzu ferner Russland werden Ereignisse argwöhnisch betrachtet.

Ein schwimmendes Pulverfass, das sich unaufhaltsam Helsinki nähert. Dort wartet Timo Nortamo, den Remes-Kennern ein alter Bekannter. Nortamo ist leitender Agent der europäischen Anti-Terror-Gruppe TERA. Im Vorfeld hat er die Lage sondiert und schickt sich jetzt an, persönlich einzugreifen. In diversen Krisenstäben haben sich Polizei, Staatsschutz und die politische Führung zusammengefunden, um der verzwickten Lage Herr zu werden. Doch was nutzt die beste Planung, wenn eine Gruppe ein doppeltes Spiel spielt. Timo Nortamo, ein Mann der Vernunft und des Ausgleichs, kann nicht verhindern, dass sich die gewalttätigen Auseinandersetzungen ausweiten. Die Amerikaner gehen über Leichen, um an die Kapsel mit kompromittierendem Inhalt heranzukommen. Herman McQuinn, der sich mittlerweile als Wortführer der Aktivisten entpuppt hat, hält mit eiserner Härte dagegen, denn er hat sehr viel zu verlieren.

Umweltschützer, Öko-Aktivisten, Öko-Terroristen, Terroristen, Staatsterroristen oder ganz einfach nur Verbrecher? Die Übergänge sind fließend. Man wird als Leser gefordert, eine persönliche Grenze zu ziehen, was von den Aktivitäten noch tolerabel ist, mit wem man noch sympathisieren kann. Die Motive vieler Akteure sind politisch, aus einer Betroffenheit und Empörung heraus geboren und deshalb nachvollziehbar. Sandrine Denaux, die Ärztin und Patrik Vasama, der Geologe sind angetreten, um gegen Globalisierung und Atommüllendlagerung zu demonstrieren, dabei nehmen sie kleinere Delikte wie z.B. Hausfriedensbruch billigend in Kauf, aber zu weiterreichenden Maßnahmen sind sie nicht bereit. Allzu schnell müssen sie feststellen, dass ihre Anwesenheit und ihre Fähigkeiten missbraucht werden, von Leuten, denen sie vertraut hatten, aber es gibt keinen Weg mehr zurück. Mitgegangen – mitgefangen – mitgehangen! Das Leben hat nicht für alle ein Happyend parat.

Um mal die Sprache der Automobilisten zu bemühen: Ilkka Remes’ Thriller jagt von 0 auf 100 in 40 Seiten. Dann stellt Remes den Tempomat auf Höchstgeschwindigkeit ein. Ein Action-Spektakel ohne Fehl und Tadel. Aber es ist nicht Action um der bloßen Action Willen. Überraschende Wendungen und Erkenntnisse schaffen immer neue Konflikte und Konstellationen bis der Leser nicht mehr weiß, wer ist wem Freund oder Feind. So ganz nebenbei schafft Remes auch noch, die Hintergründe der Hauptcharaktere zu beleuchten und die politische Dimension darzustellen, ohne dass es zu Brüchen im Lesefluss kommt.

Ilkka Remes’ Roman ist in der Vor-Fukushima-Zeit entstanden, als eine Bundesregierung noch von der Sicherheit der Atomkraft überzeugt war, als die Endlagerung atomaren Mülls nur ein Problem der Betroffenen (z.B. Gorleben) zu sein schien. Seit dem Frühjahr diesen Jahres hat sich in der Atomdebatte viel bewegt. Doch Atommüllendlagerung und Atomtransporte werden ein Dauerthema bleiben. Sich diesen brisanten Sujets anzunehmen und in einen glaubhaften Thriller-Plot zu verwandeln, ist dem Autor ganz hervorragend gelungen. Thriller-Kunst mit politischem Anspruch ist heute wichtiger denn je. Und wenn am Ende der Geschichte auch ein ganz persönlicher Konflikt zu Tage tritt, zeigt das nur zu deutlich, dass sowohl hinter Entscheidungsträgern als auch Betroffenen menschliche Individuen stehen. Das schließt sogar einen Osama bin Laden mit ein. Der Terrorismus hat viele Farben und kann in seiner Ausübung von einem religiös oder ideologisch verstörtem Einzeltäter über organisierte Banden bis hin zum Staatsterror reichen. Remes lässt in Ein Schlag ins Herz verschiedenste Gruppen mit unterschiedlichen Interessen auf engstem Raum aufeinanderprallen. In der gewalttätigen aufgeheizten Atmosphäre verschwimmen die Konturen von Gut und Böse – aus Tätern werden Opfer und umgekehrt. Es stellt sich die alte Frage, wie weit darf der Einsatz von Gewalt gehen, wenn es um die Durchsetzung von vornehmlich höheren Werten geht. Ilkka Remes gibt keine Antworten, stellt nur die Konflikte vor.

Für den Rezensenten ist Ein Schlag ins Herz Ilkka Remes’ bester Roman und wird mit Sicherheit zu den besten Action-Thrillern dieses Jahrs zu zählen sein. Eine Kombination aus hochbrisanten Themen; Ambition und Hochspannung – politisch korrekt dargestellt, wie das wohl nur ein friedliebender Finne kann.

Jürgen Priester, August 2011

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