So soll er sterben von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2004
unter dem Titel Fleshmarket Close,
deutsche Ausgabe erstmals 2005
bei Manhattan.
Ort & Zeit der Handlung: Großbritannien / Schottland / Edinburgh, 1990 - 2009.
Folge 15 der John-Rebus-Serie.
- London: Orion, 2004 unter dem Titel Fleshmarket Close. 608 Seiten.
- Boston: Little, Brown, 2005. 608 Seiten.
-
München: Manhattan, 2005.
Übersetzt von Claus Varrelmann & Heike Steffen.
ISBN:
3-442-54605-2. 608 Seiten. -
Wien: Ueberreuter, 2007.
Übersetzt von Claus Varrelmann & Heike Steffen.
Großdruck.
ISBN:
978-3800092536. 815 Seiten. -
München: Goldmann, 2007.
Übersetzt von Claus Varrelmann & Heike Steffen.
ISBN:
978-3-442-46440-1. 572 Seiten.
-
[Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2005.
Gesprochen von Udo Wachtveitl.
ISBN:
3866040032. 6 CDs. -
[Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2007.
Gesprochen von Udo Wachtveitl.
ISBN:
386604741X. 6 CDs.
'So soll er sterben' ist erschienen als
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In Kürze:
Ein illegaler Einwanderer wird ermordet in einer Edinburgher Sozialsiedlung gefunden – ein Mord mit rassistischem Hintergrund oder etwas ganz anderes? Die Spuren führen Inspector Rebus von der berüchtigten Sozialsiedlung Knoxland geradewegs in die Tiefen der Edinburgher Unterwelt. Unterdessen kümmert sich Siobhan Clarke um den Fall eines verschwundenen Mädchens, und auch sie taucht bei ihren Ermittlungen ein in die dunkelsten Ecken Edinburghs, in das berüchtigte »Schamdreieck«. Was zunächst wie purer Zufall erscheint, erweist sich allmählich als logischer Zusammenhang. Denn hier, in den zwielichtigen Kneipen und Bars, halten ein paar Männer alle Fäden in der Hand, zu deren Geschäften auch Menschenhandel im großen Stil zählt. Und die es gar nicht gerne sehen, wenn Rebus und Siobhan Clarke ihre Kreise stören …
Das meint Krimi-Couch.de: »Die tote Hexe, das Plastikkind und der ermordete Fremde«
Krimi-Rezension von Michael Drewniok überspringen
Das Revier St. Leonard´s im schottischen Edinburgh wurde umstrukturiert, die Kriminalpolizei ausquartiert. In alle Winde haben sich die Beamten verstreut. Detective Inspector John Rebus hat es beispielsweise nach Gayfield Square verschlagen. Dort ist er im Grunde überflüssig und soll dies auch sein, denn seine Vorgesetzten möchten den querköpfigen Ermittler, der innerhalb der traulichen Filzokratie der Stadt immer wieder für Unruhe sorgt, endlich loswerden und aus dem Job ekeln. Wenigsten ist Detective Sergeant Siobhan Clarke, Rebus´ »Schülerin« und Vertraute, mit ihm versetzt worden.
Sein aktueller Fall bringt Rebus nach Knoxland, ein heruntergekommenes Stadtviertel von Edinburgh, das Vernachlässigung und soziale Kälte in ein Ghetto verwandelt haben. Die Ärmsten der Armen hausen hier in verkommenen Betonbauten. Noch weiter unten in der gesellschaftlichen Hackordnung stehen die Einwanderer und Asylanten, die von einer überforderten und gleichgültigen Verwaltung mit Rassisten und Fremdenhassern zusammengepfercht werden. Einen der ungeliebten Fremdlinge hat es erwischt: Stef Yurgii, ein kurdischer Regimekritiker, der mit seiner Familie kurz vor der Ausweisung stand, wurde erstochen. Niemand hat etwas gesehen, will der Polizei etwas sagen oder wagt dies zu tun.
Inzwischen erlebt Siobhan Clarke eine peinliche Überraschung: Zwei Skelette, die unter dem Kellerboden eines Pubs an der alten Gasse Fleshmarket Close ausgegraben wurden, entpuppen sich als Hörsaalgerippe aus Plastik bzw. als Überreste einer vor 250 Jahren hingerichteten Hexe. Noch lange bleiben die erstaunlichen Verbindungen zwischen dem Mord an einem armen Teufel und einem Studentenulk unentdeckt. Doch es gibt sie und sie führen Rebus und Clarke in eine Hölle der besonders realistischen Art, die alle Aspekte des modernen Menschenhandels sowie die Folgen einer desolaten Asylpolitik in sich vereinigt. Dazu gehören viel Gewalt und natürlich Mord – und wieder muss Rebus erkennen, dass Politik, Wirtschaft, Verwaltung und das Organisierte Verbrechen längst eine Zweckgemeinschaft bilden, die es verständlicherweise hasst, wenn man ihre lukrativen Geschäfte stört oder sie gar – wie unglobal – zur Rechenschaft ziehen will …
Vom Umgang mit dem lästigen Faktor Mensch
Einwanderer gleichen den Gauklern und Schaustellern des Mittelalters: Das Establishment erfreut sich ihrer Dienste, wenn es ihrer gerade bedarf, und jagt sie möglichst weit davon, sobald es ihrer überdrüssig ist bzw. die »Gäste« Forderungen stellen. Zum Leidwesen vieler ökonomisch denkender Politiker, Geschäftsleute und Verwaltungsexperten ist dies heutzutage so einfach nicht mehr möglich und der brave Bürger gibt ihnen mehr oder weniger offen Recht. Ja, es ist schlimm, was in fremden, seltsamen Ländern geschieht, aber so ist es halt, man hat seine eigenen Sorgen und außerdem ereignen sich Rebellionen, Menschenrechtsverletzungen, Hungersnöte oder Sturmfluten in der Regel beruhigend weit entfernt. So soll es denn auch bleiben.
Dummerweise weigern sich gar nicht wenige der Unterdrückten, Verfolgten und Verzweifelten in ihrer »Heimat« zu bleiben, auf Besserung zu warten oder möglichst unauffällig zu sterben. Sie packen ihre wenigen Habseligkeiten, sammeln ihre Familien und machen sich dorthin auf, wo es anders und abweisend ist aber schlimmer nicht mehr werden kann. Das ist dann der Punkt, an dem unerfreuliche Entscheidungen zu treffen sind: Wollen diejenigen, die mehr besitzen als das nackte Leben, ihren Besitz teilen, selbst wenn sie dafür finanzielle Opfer leisten müssen, oder wollen sie ihren Wohlstand für sich allein und weisen die Bedürftigen ab?
Tugendbolde wollen es nicht hören, doch beide Haltungen sind zunächst einmal legitim. Zur Aufgabe von erarbeitetem Wohlstand, zur Hilfe auf eigene Kosten ist niemand verpflichtet. Freilich ist es ein bemerkenswert tauglicher Maßstab für die Definition von Zivilisation, in welchem Maße es dennoch geschieht. Wie weit muss, wie weit kann man dabei gehen? Und wie legitim ist es auf halbem Wege zu stoppen, wenn man erst einmal Verfolgte aufnimmt und Verantwortung übernommen hat?
Der weite Bogen zur Kriminalgeschichte
Was das alles mit dem hier zu besprechenden Buch zu tun hat, mag sich mancher Leser jetzt fragen? Nun, diese und viele andere aktuelle, brennende, chronisch ungelöste Fragen bilden das Gerüst für die Geschichte, die Ian Rankin im 15. John-Rebus-Roman erzählt. Dieser hat mit einem »normalen«, d. h. das Leben und vor allem den Tod als unterhaltsames Spiel zelebrierenden Krimi nur mehr wenig zu tun. Das Kriminelle kommt hier unangenehm legal daher, denn es ist juristisch zulässige Praxis nicht nur in Schottland, wie mit Asylbewerbern als möglichen »Wirtschaftsflüchtlingen« umgegangen wird. Da läuft etwas schrecklich falsch, diese unbequeme Gewissheit quillt zwischen den Zeilen förmlich hervor; nicht nur den betroffenen Asylanten, sondern auch jenen, die sie »betreuen«, sie in gefängnisähnlichen »Heimen« konzentrieren, womöglich in einen sicheren Tod abschieben, ist dies bewusst. Rankin macht den Eiertanz deutlich, der um dieses Thema aufgeführt wird: Niemand außer den geistig Armen und den Brutalen will das heiße Eisen anfassen, an dem man sich garantiert verbrennen wird.
Natürlich ist Rankins Sicht einseitig. Er klammert das Problem aus, ob eine Integration, wie sie die unbedingten Multikulti-Befürworter wünschen, überhaupt möglich ist. Für Rankin gilt, dass Einwanderer und Asylanten primär aus Angst in der Fremde unter sich bleiben. Er ignoriert, dass es daneben Zuwanderer gibt, die aus vielerlei Gründen isoliert bleiben wollen. Allerdings ist das seine Entscheidung, die man akzeptieren sollte: Rankin hat sich ohnehin mehr abgebissen als er zu schlucken vermag. In der Regel vermag er das brisante Thema literarisch bewundernswert zu verarbeiten, d. h. er informiert ohne mit erhobenem Zeigefinger zu dozieren oder gar zu vergessen, dass er eine unterhaltsame Geschichte erzählen soll. Nur manchmal wirft er Rebus in eine Situation, die dessen ansonsten gut nachvollziehbaren Fragen und Gewissensnöte etwas plakativ oder gar platt vermittelt.
Vom gewinnträchtigen Geschäft mit dem Elend
Das beeinträchtigt die Auflösung des überaus komplexen Krimiplots, den es ja durchaus gibt, glücklicherweise nicht. Hier konfrontiert der Verfasser seine Leser mit einigen gelungenen Überraschungen. Wieder einmal stellt sich heraus, dass dort, wo ein juristisches oder moralisches Vakuum herrscht, das Verbrecher wuchert und gedeiht. »Fleshmarket Close« – das ist nicht nur der Name einer Gasse in Edinburgh. Hier, wo in der Vergangenheit auf offener Straße Fleisch verkauft wurde, ist man in der »zivilisierten« Gegenwart zum Menschenhandel übergegangen. Dank Rebus wird diese Filiale geschlossen – doch nur vorläufig, wie er sehr gut weiß, denn die neuen Inhaber stehen schon bereit, das schmutzige Geschäft weiter zu führen …
Verzichten hätte Rankin auf den kriminalistischen Nebenstrang um eine verschwundene Bürgertochter können. Zwar enthüllt er auch hier Verbindungen zu den beiden »Hauptfällen« dieses Buches, doch diese wirken recht aufgesetzt, obwohl dem Verfasser gleichzeitig zugestanden werden muss, dass sich auch diese Teilhandlung überaus spannend liest. Fühlte sich Rankin veranlasst seinen allzu »belletristisch« geratenen Roman nachträglich einen deutlicheren Krimi-Touch zu verpassen?
Auch Rebus muss Stellung beziehen
In seinem 15. Auftritt präsentiert sich John Rebus beruflich wie privat zwar auf niedrigem Niveau aber stabil. Um ihn aus seinem verhassten wie geliebten Polizeijob zu mobben, müssten seine Gegner schon stärkere Geschütze auffahren. Rebus ignoriert die meisten Gemeinheiten. Wird es ihm zuviel, zahlt er einfallsreich zurück. Ansonsten erledigt er seine Arbeit in dem Wissen, das seine Karriere ohnehin zu Ende ist, recht eigenständig. Das macht seine Gegner ebenso hilflos wie rasend und gibt Rankin Gelegenheit für wirklich humorvolle Episoden, welche diese Geschichte bitter nötig hat.
Rebus vertritt dieses Mal stärker als sonst den »normalen« Bürger seines Landes und damit auch den Leser. Er wird mit einem Aspekt des alltäglichen Lebens konfrontiert, der ihm bisher wie den meisten Menschen zwar bekannt aber trotzdem fremd ist. Nun ist er gezwungen sich damit auseinander zu setzen, Stellung zu beziehen. Gleichzeitig führt es ihn an die verdrängten eigenen Wurzeln zurück: John Rebus ist – wir erfahren es hier zum ersten Mal – der Nachfahre polnischer Einwanderer. Nicht einmal die eigene Familiengeschichte ist ihm bekannt; sie wurde verdrängt und vergessen. Rebus muss lernen, dass es so etwas wie »wchte« im Sinne von »reinrassige« Schotten wohl gar nicht (mehr) gibt: Die menschlichen Rassen vermischen sich seit es sie gibt. Im Zeitalter des interkontinentalen Reisens hat sich das leicht nachvollziehbar verstärkt.
Schwarz plus Weiß ergibt Grau
Das Wissen um diese einfache Tatsache ist nicht identisch mit ihre Akzeptanz. Rankin lässt Rebus einen Chor verschiedener Meinungen erleben. Gleichgültige Politiker, publicitygeile Journalisten, überarbeitete Verwaltungsleute, ins Abseits geratene Dauerarbeitslose, Neonazis, auf den eigenen Vorteil fixierte Geschäftsleute, engagierte bis fanatische Menschenrechtler usw. usf.: Personen aus allen gesellschaftlichen Schichten singen ihn, in dem es nur zwei Gemeinsamkeiten gibt: Einig ist sich höchstens diejenigen Gruppe, welche »Fremde« ablehnt. Ansonsten hört Rebus Argumente für und Argumente gegen die Aufnahme von Einwanderern, bis ihm die Ohren dröhnen und er sich notgedrungen wieder dorthin zurückzieht, wo er festen Boden unter den Füßen hat: Rebus jagt die eindeutig Kriminellen, die in Schottland die Neuankömmlinge bedrohen, ausbeuten und umbringen. An fragwürdigen Praktiken wie der Abschiebung von Menschen, die »nur« Wirtschaftsflüchtlinge sind, wird er nichts ändern können. Diese Erkenntnis ist nur ein weiterer Nagel zu seinem Sarg, wobei dessen Deckel allerdings noch reichlich Platz bietet …
Zu besagtem Chor gehören auch Rebus´ Polizeikolleginnen und -kollegen. Viele kennen wir schon aus früheren Abenteuern; es ist schön zu erfahren, was aus ihnen geworden ist. Neue, manchmal angenehm skurrile Gestalten tauchen auf. Durch das gesamte Buch zeiht sich ein gelungener running gag um Rebus´ Kleinkrieg mit einer rabiaten Spezialeinheit der Drogenfahndung, die ihm einen Streich sehr einfallsreich heimzahlt. Neben Rebus steht dieses Mal als Hauptfigur wieder Siobhan Clarke. Sie scheint lange an einem eigenen Fall zu arbeiten, bis Rankin sie mit Rebus zusammenführt – kein Fall besonderer Wahrscheinlichkeit aber das Privileg eines Schriftstellers, der sein Publikum überraschen will. Viel zu leiden haben erneut diverse Vorgesetzte von Rebus, die sich gegen seine langjährig erprobte und perfektionierte Dreistigkeit nur schwer oder gar nicht zu wehren wissen.
Bleibt abschließend die nicht zum ersten Mal gestellte Frage, wie denn der deutsche Titel dieses Romans zu Stande kam. Zwischen Fleshmarket Close und So soll er sterben lässt sich im Grunde keine Verbindung herstellen. Rankins Titelwahl ist angesichts des Themas ebenso klug gewählt wie raffiniert. Da hätte sich im Deutschen sicherlich eine annähernde Entsprechung finden lassen. Statt dessen gibt´s wieder eines dieser Pseudo-Bibelzitate, die sich – ausgehend von den auch sonst nur Unheil ausbrütenden Elizabeth-George-Schwarten – wie die Pest ausgebreitet haben.
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| dieschlaue zu »Ian Rankin: So soll er sterben« | 05.01.2010 |
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| Andrea zu »Ian Rankin: So soll er sterben« | 28.12.2008 |
| heinrich zu »Ian Rankin: So soll er sterben« | 06.01.2008 |
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| Richard.H zu »Ian Rankin: So soll er sterben« | 18.11.2007 |
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| Toubib zu »Ian Rankin: So soll er sterben« | 29.09.2007 |
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