Die Sünden der Väter von Ian Rankin

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1998 unter dem Titel The Hanging Garden, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 9 der John-Rebus-Serie.

  • London: Orion, 1998 unter dem Titel The Hanging Garden. 416 Seiten.
  • München: Goldmann, 2006. Übersetzt von Giovanni & Ditte Bandini. ISBN: 978-3-442-45429-7. 416 Seiten.

'Die Sünden der Väter' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Ein alter Mann wird eines Naziverbrechens bezichtigt und wenig später tot auf einem Friedhof aufgefunden. Eine junge Frau schweigt sich über die Männer aus, die sie zur Prostitution zwingen, und wird trotz Polizeischutz entführt. Scheinbar haben beide Fälle nichts miteinander zu tun, doch während seiner Untersuchungen stößt Inspector John Rebus immer wieder auf einen Namen: Tommy Telford, ein Neuling in der Edinburgher Unterwelt. Als Rebus sich Telford vornimmt, geschieht kurz darauf das Unfassbare: Rebus’ Tochter Sammy wird von einem Auto angefahren und liegt seither im Koma. Ein unglücklicher Unfall oder eine gezielte Warnung? Rebus hat nur noch einen Gedanken, nämlich den Fahrer des Wagens zu stellen …

Das meint Krimi-Couch.de: »Thriller-Traktat über den ewigen Kampf um die Menschenrechte« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

AIn ihrem Bemühen den lästigen Untergebenen endlich aus seinem Job zu ekeln haben sich Detective Inspector John Rebus’ Vorgesetzte etwas Neues einfallen lassen. Sie beauftragen ihn gegen den alten Gelehrten Joseph Lintz zu ermitteln. Der steht im Verdacht, in jungen Jahren als Mitglied von Hitlers SS in Frankreich aktiv an unerhörten Kriegsgräueln teilgenommen zu haben. Lintz streitet dies ab und erweist sich als Meister der ausweichenden Auskunft – oder als Unschuldiger.

Viel lieber würde Rebus bei den Ermittlungen gegen Tommy Telford mittun. Der junge, charismatische Gangsterboss plant sich zum Führer der Edinburgher Unterwelt aufzuschwingen. Jede kriminelle Machenschaft ist ihm dabei Recht. Er legt sich sogar mit dem bisherigen Alleinherrscher »Big Ger« Cafferty an, der zwar in die Jahre gekommen aber keineswegs willig ist die Macht zu teilen. Ein Bandenkrieg droht; erste Opfer sind bereits zu beklagen.

Die Polizei steht dem mehr oder weniger hilflos gegenüber. Sowohl Cafferty als auch Telford haben ihre Truppen gut im Griff. »Gesungen« wird nicht, Beschattungen fliegen regelmäßig auf. Rebus schleicht sich trotzdem gern zu den Beamten der Scottish Crime Squad, einer Sondereinheit, der auch Siobhan Clarke, Rebus’ Ex-Kollegin und gute Freundin, inzwischen angehört. Für ihn ist dieser Fall persönlich geworden: Ein Autofahrer hat Sammy, seine Tochter, angefahren und schwer verletzt. Rebus, der sich als Vater in der Vergangenheit viele Fehler geleistet hat, wird von seinem Gewissen und von Wut übermannt. Er will den Unglücksfahrer, er will Rache. Um sie zu bekommen, verbündet er sich sogar mit seinem Erzfeind Cafferty, der einwilligt ihm den Schuldigen zu liefern. Dafür soll: Rebus Telford hinter Gitter bringen.

Altes Unrecht lebt wieder auf

Derweil findet sich Lintz’ Leiche. Man hat den alten Mann an einem Friedhofsbaum aufgeknüpft – offenbar ein Mord mit Hinrichtungscharakter. Wer ist es, der das Recht in die eigene Hand genommen hat? Notgedrungen bleibt Rebus am Ball und entdeckt Verbindungen zwischen Lintz und Telford. Der hat sich außerdem mit dem tschetschenischen Mafiaboss Jake Tarawicz eingelassen, welcher sich in Edinburgh als Menschenhändler und Dealer etablieren möchte. Schließlich werden sogar hochrangige Mitglieder der Yakuza gesichtet, die stets eine Möglichkeit suchen außerhalb Japans scheinbare legale Unternehmen als Geldwaschanlagen zu erwerben.

Rebus will sie in seinem Zorn alle drankriegen. Dass er sich dabei übernommen hat dämmert ihm spätestens, als er sich auf einen Stuhl gefesselt und mit einem Stromkabel malträtiert wieder findet …

Von Väter & Töchtern, Nazis & Opfern

Wie üblich setzt Ian Rankin seinen Inspektor Rebus erneut einem Trommelfeuer kriminalistischer Herausforderungen und privater Schicksalsschläge aus. Insgesamt zerfällt »Die Sünden der Väter« in zwei Handlungsstränge. Da haben wir einerseits Rebus’ Kampf gegen die Unterwelt von Edinburgh und andererseits seine Ermittlungen gegen einen möglichen Kriegsverbrecher. Beide Stränge werden verklammert durch Rebus’ Bangen um das Leben seiner im Koma liegenden Tochter bzw. sein Versagen als Familienvater: Der »Sünden der Väter«, auf die der deutsche Titel anspielt, haben sich sowohl Joseph Lintz als auch John Rebus jeder auf ihre Weise schuldig gemacht. Mehrfach blendet Rankin Episoden ein, in denen sich Rebus daran erinnert, wie er seine Familie enttäuscht hat.

»Die Sünden der Väter« ist gleichzeitig ein neues Kapitel im spannenden Duell zwischen Rebus und »Big Ger« Cafferty. Der Polizist und der Gangster sind Todfeinde und sich – Rebus’ Kollegen beobachten es mit Misstrauen – als solche näher als manche Freunde. Sie kennen sich seit Jahren, wissen um ihre Geheimnisse, nutzen einander aus und versuchen dem Gegenüber stets mindestens einen Schritt voraus zu sein. Rankin nutzt diesen Zweikampf als Aufhänger, um Edinburghs »Fortschritte« auf dem Weg zur Verbrechermetropole des 21. Jahrhunderts zu beschreiben. Die kriminelle Szene ist zum Spiegelbild einer zunehmend globalisierten Welt geworden: Syndikate überspringen Meere und Kontinente, breiten sich aus, erobern neue Territorien, in denen sie zentral möglichst alle illegalen Aktivitäten kontrollieren und steuern. Der Kontakt zum politischen und wirtschaftlichen Establishment wird gesucht und gefunden, an die Gesetze hat sich nur der Steuerzahler als von oben und unten geschorenes Schaf zu halten.

Gipfeltreffen des Weltgangstertums in Schottland

Die Polizei ist entweder machtlos oder bereits Teil des Filzes. Im Vergleich zu ihren Gegnern sind die Beamten hoffnungslos unterbesetzt, schlecht ausgerüstet und entsprechend motivationsarm. Rebus hat es mit oft halblegalen Tricks, aus langer Berufslaufbahn erwachsener Erfahrung und kriminalistischem Dickkopf geschafft Erfolge zu erzielen. Mit der Unterwelt in ihrer Gesamtheit legt er sich erst an, als er sich persönlich angegriffen fühlt. Die Handlung wird rau, während die Spannung steigt, denn selten hat sich Rebus so viele Feinde gemacht, derer er sich nun gleichzeitig erwehren muss. Das gelingt ihm mit dem üblichen Einfallsreichtum aber er muss harte Schläge einstecken.

Dabei stellt sich – nicht zum ersten Mal – die Frage, ob es Rankin nicht ein wenig übertreibt. Zwei Gangsterbanden im Krieg: Das genügt ihm nicht. Er lässt auch noch die russische Mafia und die Yakuza mitmischen. Sicherlich ist das ein wenig zuviel des Schlechten. Allerdings muss man bewundert, wie Rankin seinen Rebus geschickt die verschiedenen Parteien gegeneinander ausspielen lässt. Am Ende siegt die Gerechtigkeit aber Rankin wäre nicht Rankin, würde er den Triumph nicht sogleich wieder relativieren: Die Macht kennt kein Vakuum, so lässt er Rebus sehr richtig sinnieren; dort wo sie verschwindet, strömt sie sogleich von außen nach. Obwohl die meisten Gangster letztlich auf der Strecke bleiben, wird Edinburgh dasselbe kriminelle Pflaster wie bisher bleiben.

Eindeutig überflüssig wirkt mit dem Fortschreiten der Geschichte der Handlungsstrang um Joseph Lintz. Rankin legt hier eine falsche Fährte, die ihm viel Raum für moralische Exkurse zum Thema Schuld und Sühne bietet. Gleichzeitig geht es um die Schuld derjenigen Regierungen, die einst zum Kampf gegen den Nationalsozialismus und seine Vertreter angetreten sind, aber später die »nützlichen« Nazis vor einer Bestrafung bewahrten, sie mit Geld und einer weißen Weste ausstatteten und beschützten – ein düsteres Kapitel, das noch heute sorgfältig unter den Teppich gekehrt bleibt. Dieses Thema böte Stoff für einen eigenen Roman. Hier wird es verheizt bzw. wirkt wie eine dieser peinlichen Gedenkaktionen, die sich bußfertige Gutmenschen gern ausdenken, ohne die eigentlich Betroffenen vorher zu fragen, ob ihnen dies Recht ist.

Flucht in die Abrechnung

Rebus als Rächer: Mit »Die Sünden der Väter« schlägt Verfasser Ian Rankin einen weiten Bogen zurück zum ersten Band der Serie. »Verschlüsselte Wahrheit« zeigte einen Rebus, dessen Dienstzeit in einer militärischen Spezialeinheit ihn psychisch schwer gezeichnet hatte. Wir erfuhren, dass Rebus in »schmutzigen« Guerillataktiken und zum Kampf gegen Terroristen ausgebildet wurde. Er versteht es also seinen Gegnern eine ungemütliche Zeit zu bereiten. Zu viele Zigaretten und noch mehr Alkohol haben Rebus’ körperliche Fitness zwar untergraben. An seiner Entschlossenheit selbst unter starkem Stress einen »Auftrag« durchzuziehen, konnte dies jedoch nichts ändern.

Dieses Mal ist Rebus sogar doppelt motiviert: Seine Polizeiarbeit ist ihm heilig, auch wenn er sie auf seine Weise erledigt und sich wenig um die Dienstvorschriften schert. Ganz besonders hasst er das organisierte Verbrechen in »seiner« Stadt. Mit »Big Ger« Cafferty hat er schon lange mehr als eine Rechung offen; die beiden liefern sich ein Katz-und-Maus-Spiel, das Rebus nie gewinnen konnte. Tommy Telford ist ebenfalls ein gefährlicher Verbrecher, den Rebus gern ausgeschaltet sähe. In dieser Verfassung kommt es ihm dann nicht mehr darauf an, sich auch mit der russischen Mafia und der Yakuza anzulegen.

In die Wut flüchtet sich Rebus vor allem deshalb, weil sein schlechtes Gewissen ihm zu schaffen macht. Sammy ist das Kind einer unglücklichen Ehe. Rebus und seine Frau waren zerstritten, er war zweifellos ein nachlässiger Vater, dessen Gedanken meist um den aktuellen Fall und kaum um seine Familie kreisten. Erst in jüngster Zeit bemüht sich Rebus seiner Tochter näher zu kommen. Jetzt droht sie zu sterben. Rebus projiziert das eigene Versagen auf Cafferty, Telford & Co. Außerdem sucht er sich eine »Ersatztochter«: Die junge bosnische Einwanderin Dunja wurde von Telford zur Prostitution gezwungen. Rebus nimmt sich ihrer an. Sie will er »retten«, was ihm bei Sammy misslungen ist. Selbstverständlich ist er hier auch nicht erfolgreicher.

Manche Leichen leben noch

Eher lästig ist Rebus dagegen die Beschäftigung mit dem Fall Joseph Lintz. Der Polizist repräsentiert hier die Mehrheit seiner Zeitgenossen, für die Ende des 20. Jahrhunderts die Nazis nur mehr Schauergestalten aus Geschichtsbüchern und Filmen sind. Rebus liest die Berichte über die Ermordung einer ganzen Dorfbevölkerung, an der Lintz sich beteiligt haben soll, aber das in Erfahrung Gebrachte berührt ihn zunächst nicht: Zu viel Zeit ist vergangen, Zeitzeugen gibt es kaum noch. Diese Haltung ist es, die für Lintz den besten Schutz bedeuteten: So lange er sich in seinem zweiten Leben nichts zuschulden kommen ließ, interessierte sich niemand für das erste. Darüber hinaus ist Lintz ein vornehmer, gebildeter Herr, der für sich einnimmt und mit dem Mörder von Einst nichts mehr gemein hat.

Aber einige Opfer der Nazis haben eben doch überlebt. Sie vergessen und vergeben nicht, weil sie das allgemeine Vergessen fürchten. Deshalb fordern auch Jahrzehnte nach dem Ende des Nazi-Terrors Gerechtigkeit. Nur widerwillig laufen die Mühlen des Gesetzes an; es gibt mehr als genug aktuelle Verbrechen, um die es sich zu kümmern gilt. Auch Rebus muss erst lernen, dass diese Vergangenheit nicht tot ist, weil sich die Sünden der Väter auf die Nachkommen der Täter und Opfer vererben können. Ob Lintz ein Schlächter war oder nicht, bleibt im Grunde Nebensache. Rankin lässt diese Frage daher offen.

Für Rebus erweist sich vor allem Dunja als Bindeglied zwischen den alten und neuen Schrecken. Auch die junge Frau ist ein Kriegsopfer: als bosnische Muslimin wurde sie während des Balkankriegs von »ethnischen Reinigungstruppen« – Mordkommandos – verfolgt. Auch nach dem Ende des Kriegs wagt sie nicht heimzukehren. Die Mörder sind weiterhin unter ihren Landsleuten. So wie Dunja erging es im nazideutsch terrorisierten Europa unzähligen Menschen. Ihr Schicksal ist zeitlos. Es führt Rebus vor Augen, was die Lintzes dieser Welt tatsächlich verbrochen haben. Zumindest in diesem Punkt »funktioniert« Rankins Lintz-Episode. Sie muss ihm wichtig gewesen sein, denn sie gab dem Buch seinen Originaltitel: »In a hanging garden / change the past / In a hanging garden / wearing furs and masks«, singen »The Cure« auf ihrem Album »Pornography« von 1982. Doch was geschehen ist bleibt geschehen und wird Teil der Gegenwart. Gleichgültig wie gut es getarnt wird: Irgendwann kommt es unbewältigt und mit ungebrochener Wucht wieder zum Vorschein.

 

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Stefan83 zu »Ian Rankin: Die Sünden der Väter« 17.05.2015
Nach sechs Jahren in Frankreich zog Ian Rankin im Herbst 1996 mit seiner Familie zurück nach Edinburgh – und damit zurück in das Land, welches er zehn Jahre zuvor, damals frisch von der Uni abgegangen und gerade erst verheiratet, verlassen hatte. Inzwischen war er zweifacher Familienvater und, dank dem Erfolg seines letzten Romans „Das Souvenir des Mörders“ (engl. „Black and Blue“), endgültig auch ein finanziell erfolgreicher Krimischriftsteller, der die Phase des Ausprobierens hinter sich gelassen und seinem Platz im Genre für sich gefunden hatte. Gewichtige moralische Themen im Gewand des Spannungsromans, den Zustand der Welt und die menschliche Natur, Schuld und Sühne – sie waren zu Rankins Steckenpferd geworden, wodurch der Autor unbewusst Anteil an einer Entwicklung nahm, welche die zuvor von vielen Akademikern und Feuilletonisten belächelte literarische Form des Krimis in zunehmend ernstere Gefilde rückte, in denen die reine Aufklärung eines Verbrechens längst nicht mehr im Mittelpunkt stand. Auch Rankins jüngstes Projekt sollte diese Entwicklung fortführen und vorantreiben. Die Keimzelle dafür war ein Tagesausflug nach Oradour gewesen – ein Dorf, das im wahrsten Sinne des Wortes „tot“ war.

Niemand weiß genau, wie viele Menschen dort an jenem Tag starben, als im Juni 1944 die 3. Kompanie des SS-Panzerregiments „Der Führer“ einmarschierte und die Einwohner zusammentrieb. Nicht viel weniger als tausend, nimmt man allgemein an, dessen Leichen verbrannt oder in Brunnen geworfen wurden. Männer, Frauen, Kinder – kaum jemand entkam dem Massaker. Bis heute ist das Dorf unverändert geblieben, zeugen ausgebrannte Autos, verrostete Straßenbahnen, ausgebombte Häuser und Einschusslöcher in den Wänden von den Gräueltaten der Nazis. In dem kleinen Museum von Oradour sind heute unscheinbare Exponate wie Haarbürsten oder Brillen zu sehen … Erinnerungen an die Toten. Doch was nicht nur die Franzosen bis heute am meisten bewegt und mitnimmt, ist die Tatsache, dass der Verantwortliche – der General, der das Massaker angeordnet hatte – zwar von den Alliierten gefangen genommen, später aber nach Deutschland zurückgeschickt worden war, wo er den Rest seines Lebens in Frieden und Wohlstand verbringen durfte. Wo war da die Gerechtigkeit? Und welche Gründe gab es für seine Freilassung? Geheime Informationen? Diplomatische Gründe?

Rankin stieß bei seinen Recherchen auf ein Netzwerk, das als „Rattenlinie“ bezeichnet wurde – und hatte urplötzlich die Idee für einen neuen Krimi. „Die ewige Wiederkehr des Gleichen“, erkenntlich in den grausamen Bildern aus dem damaligen Konflikt im ehemaligen Jugoslawien. Und die Frage: Was würde Rebus tun, wenn er im Fall eines angeblichen Nazi-Kriegsverbrechers ermitteln müsste? Sie lieferte die Grundlage für „Die Sünden der Väter“ (engl. „The Hanging Garden“), dessen Inhalt hier kurz angerissen sei:

Chief Super „Farmer“ Watson hat die Nase voll von seinem umtriebigen Untergebenen Detective Inspector John Rebus, dessen vorheriger Alleingang (siehe „Das Souvenir des Mörders“) zwar zur Auflösung eines Drogenrings beigetragen, aber auch gleichzeitig für viel Ärger gesorgt hat. Kurzerhand beauftragt er ihn mit der wenig aussichtsreichen Ermittlung gegen den alten Professor Joseph Lintz, welcher im Verdacht steht, als Angehöriger der Waffen-SS maßgeblich an einem Massaker in Frankreich beteiligt gewesen zu sein, was dieser rigoros bestreitet. Rebus muss schnell feststellen, dass sein Gegenüber ihm rhetorisch mindestens ebenbürtig ist und keinerlei Anstalten macht, auch nur ein wenig Licht auf seine Vergangenheit werfen zu lassen. Schuldig oder nicht schuldig? In dieser Frage kommt Rebus scheinbar einfach nicht voran. Als Ablenkung aus dieser Sackgasse sucht er stattdessen die Kreise des Scottish Crime Squad auf, einer Sondereinheit, der inzwischen auch seine Ex-Kollegin Detective Constable Siobhan Clarke angehört, und die mitten in einer verdeckten Operation steckt. Ihr Ziel: Tommy Telford, der neue Stern am Verbrecherhimmel, welcher sich anschickt den bisherigen Alleinherrscher der Edinburgher Unterwelt, den inhaftierten Gangsterboss Morris Gerald „Big Ger“ Cafferty, vom Thron zu stoßen.

Während Rebus, Siobhan und ihr Kollege Ormiston dessen Nachtklub observieren, kommt es zu einem Zwischenfall. Ein Mann, augenscheinlich aus Telfords Truppe, wird schwer blutend auf den Bürgersteig geworfen. Das Auto entkommt den Verfolgern der Polizei und der Verletzte – inzwischen ins Krankenhaus gebracht – schweigt sich aus. Rebus wittert dennoch die Chance, die Zähne in Telfords Organisation zu schlagen und will sich schon voller Elan in die Arbeit stürzen, als sein Blick in eins der Nebenzimmer fällt, wo Ärzte gerade um das Leben seiner schwer verletzten Tochter Samantha kämpfen, die kurz zuvor angefahren wurde.

Doch war das wirklich ein Unfall? Oder geschah es im Auftrag von Telford, der glaubt, dass Rebus und Cafferty unter einer Decke stecken? Um eine Antwort und Gerechtigkeit zu bekommen, muss er einen Pakt mit dem Teufel schließen. Aber ist es letztlich wirklich Gerechtigkeit, die er sucht oder ist es Rache? Als der Bandenkrieg seinen Höhepunkt erreicht, befindet sich Rebus mitten im Auge des Sturms ...

Ich muss gestehen, dass ich mich nach der Lektüre des Klappentexts gefragt habe, ob sich Ian Rankin da diesmal nicht etwas zu viel vorgenommen hat. Nazi-Kriegsverbrecher, angefahrene Tochter, eine Prostituierte auf der Flucht, ein Bandenkrieg. Komplexe und ambitionierte Handlungsstränge sind zwar ein Markenzeichen dieses Autors, aber irgendwann kann sich ja selbst der beste Schriftsteller mal in seinem fein gestrickten Plot verheddern, sich an der schieren Größe verheben. Nun, natürlich hätte ich es inzwischen besser wissen müssen: Woran andere scheitern, das meistert Ian Rankin auch hier wieder mit Bravour, denn obwohl er seinen Protagonisten John Rebus mehr als zuvor vor Herausforderungen stellt und mit Schicksalsschlägen konfrontiert, kommt an keiner Stelle das Gefühl auf, dass die Geschichte den Kontakt zum Boden verliert. Im Gegenteil: Die verschiedenen Handlungsstränge in „Die Sünden der Väter“ dienen nicht allein dem Spannungsaufbau, sondern unterstreichen gleichzeitig auch die Komplexität des Problems, mit dem sich John Rebus konfrontiert sieht – die eigene Machtlosigkeit. Aber auch mit der Machtlosigkeit des Justizapparats, dem die Gegner immer wieder einen Schritt voraus sind und denen mit legalen Mitteln augenscheinlich nicht beizukommen ist, weshalb Rebus an dieser Stelle erstmals eine für ihn bis dahin sakrosante Grenze übertritt.

Getrieben vom Wunsch, den Verantwortlichen von Samanthas Zustand zu fassen – und auch angestachelt von seinem schlechten Gewissen, ihr nie ein richtiger Vater gewesen zu sein bzw. seine Familie zu oft enttäuscht zu haben – geht Rebus ausgerechnet ein Bündnis mit dem Mann ein, der seit jeher sein Todfeind ist: „Big Ger“ Cafferty. Ihre jahrelange Beziehung läutet hier ein ganz neues Kapitel ein, das Ian Rankin gleichzeitig als Aufhänger dient, um den Wandel der verbrecherischen Syndikate in Edinburgh und Großbritannien allgemein zu skizzieren. Rankin, der nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass das Dr.Jekyll-und-Mr.Hyde-Element ihrer Feindschaft, die charakterliche Ähnlichkeit der beiden bewusst gewollt ist, deutet in „Die Sünden der Väter“ eine weitere Gemeinsamkeit an. Sowohl Rebus und auch Cafferty drohen aufs Abstellgleis geschoben und von den modernen Entwicklungen, dem so genannten Fortschritt überholt zu werden. Der eine gilt im Gefüge der Polizei immer mehr als Dinosaurier, als Ermittler der alten, nicht mehr zeitgemäßen Schule. Der andere als zu weich und mit zu vielen Skrupeln behaftet, um die Unterwelt seiner Stadt zu kontrollieren. Es bleibt jedoch bei der Andeutung (spätere Fälle der Reihe werden dies viel expliziter ausführen), da Rebus und Cafferty, gemäß dem Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“, ihre vergangenen Differenzen kurzfristig begraben und an einem Strang ziehen. So scheint es zumindest, stellt man sich als Leser doch auch die Frage: Was ist wenn Cafferty hinter allem steckt?

Rebus' Einsatz ist in jedem Fall so hoch wie nie. Oder um es im Pokerlatein zu sagen. Er geht „All in“. Er weiß, dass er ein Spiel spielt, dass er nicht gewinnen kann, setzt alles auf eine Karte, jedoch nicht ohne sich dabei noch ein kleines Hintertürchen offenzuhalten, mit dem er im günstigsten Fall vielleicht gleich alle Fliegen mit einer Klappe schlagen kann. Und von denen wimmelt es in „Die Sünden der Väter“ nur so. Neben Telfords aufstrebenden Imperium zeigen auch andere Syndikate hier ihr hässliches Antlitz. So mischt unter anderem die Yakuza, das japanische Pendant der Mafia, in der Aufteilung von Edinburghs Unterwelt mächtig mit, will das durch Caffertys Verhaftung entstandene Machtvakuum nutzen, um neues Terrain zu besetzen und ihre illegalen Aktivitäten auszuweiten. Im Angesicht dieser Übermacht, konfrontiert mit gleich mehreren Feinden und Gegnern, greift Rebus auf die Hilfe eines Freundes zurück, was letztlich fatale und dramatische Folgen hat. Nebenbei bemerkt: Für mich gehört diese Szene zu einem der bisherigen Highlights der Reihe.

Wer sich jetzt fragt, wie die Thematik Lintz dort hineinpasst, dem sei nur soviel gesagt: Querbeziehungen zwischen den einzelnen Strängen legen nach und nach die Zusammenhänge offen, wobei es sich Rankin vorbehält, die Fäden auf unterschiedliche Art und Weise enden zu lassen. Wie er das tut – nun das ist von unnachahmlicher, aber auch eindringlicher und bedrückender Qualität. Nur wenige Schriftsteller dieses Genres haben ihr eigenes „Krimi-Universum“, die Biographien ihrer Figuren und deren Schauplatz (der inzwischen schon weit mehr ist als nur das) so im Griff, schaffen es auf einem derart hohen Niveau aktuelle Geschehnisse mit der Fiktion zu verknüpfen, um daraus ein realistisches, nachvollziehbares Lese-Erlebnis zu schmieden.

„Die Sünden der Väter“ ist zwar von weniger epischer Tiefe als sein Vorgänger, dafür aber unheimlich temporeich und von einer Ernsthaftigkeit durchdrungen, welche nicht nur der Figur John Rebus neue Facetten abringt – großartig, wie Rankin hier nochmal auf dessen Vergangenheit beim Militär in Belfast eingeht – sondern auch eben jene „ewige Wiederkehr des Gleichen“ fast schon melancholisch unterstreicht. Am Ende bleibt nämlich die Erkenntnis: Ein Mensch mag aus seinen Fehlern lernen, die Menschheit vermag es nicht.
Pazuzu zu »Ian Rankin: Die Sünden der Väter« 19.11.2009
oops:

Unten steht:

"Man fühlt sich erinnert an Raymond Chandlers [i]Red Harvest[/i]."

Das muss natürlich lauten:

"Man fühlt sich erinnert an Dashiell Hammetts [i]Red Harvest[/i]."

Eine Korrekturfunktion habe ich noch nicht gefunden, sorry. Das merke ich auch an, damit ich auf mindestens 300 Zeichen komme.
Pazuzu zu »Ian Rankin: Die Sünden der Väter« 29.07.2009
Eigentlich soll Detective Inspector John Rebus nur einen emeritierten Germanistikprofessor überprüfen, der ein Naziverbrecher gewesen und mithilfe der Rattenlinie ein neues Leben angefangen haben soll. Doch dann rettet er der Zwangsprostituierten Candice alias Dunja aus Sarajewo das Leben und wird dadurch auf den Gangster Tommy Telford aufmerksam, der nach der Inhaftierung von Gangsterboss Cafferty mit seiner Gang in das Machtvakuum von Edinburgh vorgestoßen ist und mit Mädchen, Drogen, Glücksspiel und dem Verleih von Bodyguards sein Geld verdient. Rebus nervt Telford auf die ihm eigene Art, kurz darauf wird seine Tochter Sammy angefahren und fällt ins Koma. Ein Unfall oder eine Warnung? Rebus setzt alles daran, den Fahrer aufzuspüren und schließt einen gefährlichen Pakt mit Cafferty. Die Leichen auf Telfords und Caffertys Seite häufen sich, ein Bandenkrieg tobt. Man fühlt sich erinnert an Raymond Chandlers [i]Red Harvest[/i]. Aber Rankin zieht die Schraube weiter an, wirft noch zwei große Haie in den Teich, einen tschetschenischen (oder russischen?) Gangsterboss aus Newcastle und die Yakuza, die japanische Mafia. Der Germanistikprofessor hängt eines Tages tot an einem Baum auf dem Friedhof und Candice wird entführt. Alles scheint irgendwie mit allem zusammenzuhängen und doch wieder nicht.
Spannend und intelligent konstruierter Thriller mit überraschendem und erschreckendem Ende und doch mehr als ein bloßer Kriminalroman, denn Rankin versteht es, lebendige Charaktere zu schaffen und ihre Aktionen und Reaktionen in aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse zu verorten. Seine Hauptfigur, der einzelgängerische, zynische Rebus, gewährt einen tiefen Einblick in seine Abgründe, Defizite und neurotischen Manöver, um seine Ziele zu erreichen und Bedürfnisse zu befriedigen. Überzeugend zeigt er, dass Lüge, Täuschung und Irreführung kein Privileg der Kriminellen sind, sondern sich als Banalität durch den Alltag aller seiner Figuren zieht. Ein Rebus-Roman, der mir gut gefallen hat, weil Rankin mehr zu erzählen hat als eine bloße Kriminalgeschichte.
Kallisto73 zu »Ian Rankin: Die Sünden der Väter« 20.07.2008
Der Meinung von Jürgen L. kann ich mich nicht anschließen. Ich habe zwar die deutsche Ausgabe nicht gelesen, kann also zum deutschen Nachwort nichts sagen, aber man muß sich bewußt machen, daß Rankin auf Englisch für einen britischen Markt schreibt. Und in GB ist der 2.WK nicht präsent. Informationen darüber (bzw. alles, was über die Battle of Britain hinausgeht), werden in der Schule leider nicht wirklich behandelt. Das Wissen um Naziverbrechen ist mit "oh, there were concentration camps" meist schon erschöpft (ich lebte in GB jetzt in Irland, weiß also, wovon ich spreche).
Rankin versucht ja auch nicht, ein Buch über Naziverbrechen zu schreiben, sondern einen Vergleich über die zyklisch immer wieder auftretenden Kriegsverbrechen zu ziehen (2.WK, Balkankrieg, schließlich entstand das Werk in den 90igern). Die "rat line", die Menschenschmuggler und letztlich die japanische Yakuza, die alle in Schottland zusammenlaufen, soll einfach zeigen, daß Verbrechen schon immer pan- und transnational war.
JuergenL zu »Ian Rankin: Die Sünden der Väter« 17.05.2008
Der Klappentext macht richtig Lust auf dieses Buch. Die Enntäuschung kommt erst, wenn man sich durch die Inhalt kämpft. Die Naziverbrechen, spielen nur eine untergeordnete Rolle, haben mit dem Komplott überhaupt nichts zu tun. Dann meint der Autor auch noch im Nachwort, den Leser über den zweiten Weltkrieg aufkären zu müssen. Das ist so überflüssig, zumal das Buch ja sowieso sich nicht darum dreht.
Es geht nur um die Ganoven, die sich in Großbritannien breit schlagen wollen. Da haben wir die Russen, die japanische Mafia, Gangster 1: Telford, Gansgter 2: Mr. Pink Eyes: Gangster 3: Cafferty.
Ein Gangster schlägt den nächsten.
Eigentlich ist dies ein Gangster-Epos, sonst nichts.
Ich habe noch nie erlebt, dass ein Autor seinen Lesern, so viele Namen in einem Buch um die Ohren haut. Man hat als Leser, wenn man die vorhergehenden Krimis nicht gelesen hat, kaum eine Chance mitzukommen.und das ist schlecht! Herr Rebus hat mindestens 10 Menschen in seinem Arbeitsumfeld, die nicht näher beschrieben werden, sich dadurch dem neuen Leser auch nicht einprägen und somit für Verwirrung sorgen.
Zur Spannung: Das Ende ist nun wirklich alles andere als spannend. Rebus´ Theorie, die uns schon weit 100 Seiten vorher offenbart wird, bestätigt sich dann. Tolles Kino!!
Krimi-Blitz des Jahres hat dieses Buch in meinem Augen keinesfalls verdient.
Aber, Meinungen sind ja verschieden...

Liebe Grüsse
Heinrich zu »Ian Rankin: Die Sünden der Väter« 04.03.2007
Rebus mal nüchtern und Rankin in Hochform - ein hervorragendes Buch, das aber nur 100prozentig "funktioniert", wenn man die Vorgeschichte(n) der Figuren kennt
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
michaela zu »Ian Rankin: Die Sünden der Väter« 12.08.2006
Typischer Rankin. Super spannend und niemals langweilig. Aber sollten sie versuchen, das Buch einem Nichtleser in 20 min vorzustellen, werden sie scheitern. Die Figuren sind so kompliziert ineinander und in Handlungen verstrickt, dass es Stunden dauert, diese logisch zu erklären.
Andreas Theune zu »Ian Rankin: Die Sünden der Väter« 25.02.2006
Für mich ist "Die Sünden der Väter" der bisher beste Rebus Krimi den ich gelesen habe (und ich lese Rebus chronologisch). Wie immergelingt es Rankin wunderbar seinen Protagonisten interessant zu halten, indem ständig neue Katastrophen in seinem Privatleben auftreten. Rebus ist und bleibt mir einfach sympathisch und die selbstzweifel in seiner Vaterrolle werden toll thematisiert.

Diesmal stimmt aber auch der Spannungsbogen und der Fall. Was haben ein augenscheinlich harmloser Mann, der ein Altnazi sein soll und ein junger Gangsterboss gemeinsam? Anstatt wie in früheren Büchern viel zu konstruieren, bleibt die Zusammenführung der Fälle diesmal logisch und weiß zu gefallen.

Gesellschaftlich wird der Umgang mit Naziverbrechern nach dem 2. Weltkrieg in Schottland thematisiert. Auch das ist gelungen und wirkt nie aufgesetzt.
Rebus bleibt sich selbst treu, muss aber am Ende feststellen, dass Rache nicht immer der richtige Weg ist. Auch diese Auflösung gefällt mir sehr.

Ein ganz starker Roman, den ich jedem Rebus Fan und jedem der es werden möchte ans Herz legen möchte.
Ulli zu »Ian Rankin: Die Sünden der Väter« 22.02.2006
Irgendwie geht es nicht mehr ohne ihn, jeder Rebus-Krimi ist mittlerweile ein Nachhausekommen. Mag die Handlung noch so konstruiert klingen, sie geht doch immer in sich schlüssig auf und eigentlich geht es doch gar nicht mehr um den Krimi an sich, sondern einfach nur um Rebus. Jeder neue Krimi erzählt zu allererst von ihm, da könnte die Handlung auch weniger spannend sein. Was sie aber seltsamerweise nie ist.
Man müßte dieses gelegentlich politisch unkorrekte, taktlose Wesen namens Rebus eigentlich nervig finden, ähnlich den Menschen, die mit ihm in den Büchern zu tun haben, aber irgendetwas ist an ihm, daß man jeden Mucks von ihm mitbekommen möchte.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Mario zu »Ian Rankin: Die Sünden der Väter« 18.02.2006
Mit jedem Buch von Ian Rankin, welches ich lese, warte ich auf eine unterschwellige Langeweile, Ermüdung der Figur seines Hauptprotagonisten John Rebus oder einfach auf den Augenblick, in dem ich das Buch zur Seite lege und mir denke, jetzt reichts. Nichts davon tritt ein!!! Und jeder, der bisher (auch vergeblich) versucht hat, wenigstens einen passablen Krimi zu schreiben, weiß, wie schwer ein zweiter ist.
Ihr Kommentar zu Die Sünden der Väter

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