Gleich bist du tot von Iain McDowall

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 unter dem Titel Cut Her Dead, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei dtv.
Folge 4 der Jacobson-und-Kerr-Serie.

  • Crowby: Judy Piatkus, 2007 unter dem Titel Cut Her Dead. ISBN: 978-0749908263. 352 Seiten.
  • München: dtv, 2009. Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence. ISBN: 978-3423211550. 400 Seiten.

'Gleich bist du tot' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Als Brady sie in die Bar hereinkommen sah, wusste er: das ist sie. Sie war genau die Art Blondine, die er gerne zu Tode erschrecken würde. Sie war auf was Besonderes aus. Und er, Brady, würde persönlich dafür sorgen, dass sie es auch bekam...Brady, Annabel, Maria und Adrian frönen einem gemeinsamen »Hobby«: Sie machen sich einen Spaß daraus, junge Frauen zu entführen und sie in aufwendigen Inszenierungen mit dem Tod zu bedrohen. Für die vier gutaussehenden twenty-somethings aus Birmingham ist dies »hohe Kunst«. Ihren Aktionsradius haben sie nun auf Crowby ausgeweitet. Noch lassen sie die Frauen im letzten Moment laufen. Doch vielleicht begehen sie bald ihren ersten Mord, wenn Detective Chief Inspector Jacobson und sein Team sie nicht rechtzeitig schnappen …

Das meint Krimi-Couch.de: »Pointierte Nabelschau« 78°

Krimi-Rezension von Jochen König

»Die einfachste surrealistische Handlung besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings so viel wie möglich in die Menge zu schießen«, schrieb André Breton in seinem Manifest des Surrealismus.
Ganz so weit gehen Brady, Annabel, Maria und Adrian nicht. Sie versetzen junge Frauen in Todesangst, lassen dabei eine Kamera laufen und betrachten sich als »Kunstterroristen«. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis alles aus dem Ruder läuft, und es den ersten Toten gibt.
Crowby ist ein raues Pflaster. Im vierten literarischen Fall muss sich das Team um Detective Sergeant Kerr und Detective Chief Inspector Jacobson, um ehemalige Studenten kümmern, die ihre sadistischen Neigungen zur künstlerischen Performance erklären. Doch spätestens, als es um Entführung und Erpressung geht, wird die Fassade baufällig. Doch da Brady und seine willfährigen Adepten geschickt im Umgang mit Datendiebstahl, Verkleidungen und raschen Ortswechseln sind, haben es die Polizisten schwer, dem umtriebigen Quartett nahe zu kommen.

»Also, was da geschehen ist, ist natürlich – jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen – das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat...«. Karlheinz Stockhausens missverständliche (und ziemlich bornierte) Äußerung zum Terroranschlag auf die Twin-Tower am 11. September 2001 ist mit viel Widerspruch und Unverständnis aufgenommen worden. Die vier selbst ernannten »Kunstterroristen« in Iain McDowalls Roman würden die Aussprüche selbst in ihrer anmaßendsten Deutung lächelnd unterschreiben.
Eigentlich sind es bereits im Ansatz gescheiterte Existenzen, die sich in einem Call-Center treffen und unter Anleitung des perfiden Brady einen Plan entwerfen, wie die Welt endlich auf ihre unscheinbare Existenz aufmerksam werden soll. Nicht, durch irgend eine positive Leistung, sondern durch die geistesarme Umsetzung eines umstrittenen Kunstbegriffs, nach dem durch Schock eine ästhetische Sensation hervor gerufen werden soll. Der blasierte Brady fühlt sich berufen, als ideelle Nachgeburt eines Comte De Lautreamont oder des Marquis de Sade zu wirken. Doch wie sehr sein Konzept nur der eigenen Bedürfnisbefriedigung dient, wird spätestens deutlich, als ein Opfer entführt, mit Lust misshandelt und schlussendlich ein deftiges Lösegeld erpresst werden soll. Die Banalität des Verbrechens holt die hochtrabenden Ränkeschmiede ein, und ist die Chance für Kerr und Jacobsen, der vorher nahezu unsichtbaren Bande habhaft zu werden.

Während »Kunstterrorismus« ein Schlagwort bleibt, das im Text nicht weiter definiert wird – zu hohl ist das Quartett, um als ernsthafter Reflektor zu taugen -, drängt sich das wahre Thema in den Vordergrund: McDowall beschreibt eine Welt, die ihre eigene Visualisierung feiert. Die Psycho-Folter wird abgefilmt, in Windeseile bearbeitet und via PC verbreitet, an jeder Ecke stehen Überwachungskameras; augenscheinlich soll alles öffentlich gemacht werden, was sich in der Vergangenheit im Verdeckten abspielte. Und wird doch nur Zeugnis eines Scheiterns: in entscheidenden Momenten tricksen die fast noch juvenilen Delinquenten die Videoüberwachung aus, andererseits werden ihre eigenen Filme nur zum Abbild ihrer kleingeistigen Gelüste.

Gleich bist du tot ist eigentlich eine Abrechnung mit den 80ern; McDowall verquickt den mitleidlosen Hedonismus jener Dekade mit den Überwachungsdystopien eines George Orwell. So ist der Roman die scharfsinnige Analyse eines Jahrzehnts, in dem die Grundlagen gelegt wurden, für eine erfolgsorientierte Gesellschaft ohne moralisches Regulativ.

Das ist der überzeugendste Part des Buches. Leider schwächelt McDowall bei der Figurenzeichnung. Während DS Kerr, bis auf die Beziehung zu seinem Vater (bei der auch Orwells »1984« eine Rolle spielt), relativ blass bleibt, darf DCI Jacobsen sich ansatzweise als tougher und eigenwilliger Polizist etablieren. Aber McDowall ist seit jeher ein eher topographischer Autor, bei dem Orte und Räume und wie Menschen darin agieren und reagieren, eine wesentlich größere Rolle spielte, als ausführliche Biographien. Darunter leiden auch das erste Opfer Tracey, die den Polizeiapparat erst ins Rollen bringt, und ihr kleinkrimineller Freund Casper. Nicht unsympathisch gezeichnet, werden die beiden passagenweise aus der Versenkung geholt, um die Handlung – gerade zum Ende hin – voran zu treiben. Von wahrem Interesse an Geschichte und Entwicklung der jeweiligen Figuren ist wenig zu spüren. Vieles wirkt wie abgehakt, so auch der Ex-Rockstar und liebende Vater John Shepherd. McDowall zeichnet ihn wie aus dem Katalog für abgehalfterte VIPs, gibt dem ganzen aber eine liebenswerte und persönliche Note, so dass John und Tochter January noch mal die Kurve kriegen, bevor sie an Klischeeklippen zerschellen.
Wenn McDowall sich auf wenige Protagonisten fokussiert, gelingen ihm durchaus gelungene Charakterstudien. Doch leider hat er ein derart breites Spektrum an Haupt- und Nebenfiguren, dass sich die Erzählung gelegentlich wie in einem Maisfeldlabyrinth verläuft.

Die Ermittlungsarbeit der Polizei wird routiniert, aber nicht sonderlich spektakulär abgehandelt. Der Roman hält ein gewisses Spannungslevel, ohne je zu explodieren. Irgendwie passt die unterkühlte Entwicklung, die die Geschichte über fast vierhundert Seiten nimmt, zu den Menschen, die sich in ihr bewegen. Positive Emotionen bleiben oberflächlich, wie abfotografiert, aber auch die pathetische Möchtegern-Ästhetik des verbrecherischen Quartetts ist nie mehr als bloßes Lippenbekenntnis; das einzige, was Konsequenzen mit sich bringt, sind Schmerzen und der Tod.

Als pointierte Nabelschau einer Welt der Oberflächlichkeiten ist Gleich bist du tot, trotz aller Schwächen, gelungen und durchaus reizvoll. Für Anhänger nervenzerrender Spannungsdramaturgie dürfte der Roman vermutlich zu abstrakt und kalt sein.

Die »absolute Revolte« der Kunst fällt auch diesmal wieder aus. Zu wenig Ampeln. Zu viele Überwachungskameras.  Am Ende siegen Metall, Glas, neuronales Versagen und die Schwerkraft.

Jochen König, Oktober 2009

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Pazuzu zu »Iain McDowall: Gleich bist du tot« 09.03.2010
In ihrem vierten Fall nach Zwei Tote im Fluss, Der perfekte Tod und Gefährliches Wiedersehen haben es DCI Jacobson und DS Kerr aus Crowby, einer fiktiven Industriestadt in den Midlands, mit einer Bande zu tun, die ihnen in jeder Hinsicht überlegen ist. McDowall arrangiert eine Reagenzglassituation, in der er vier junge Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnisse und Neigungen, weitestgehend negativen Zukunftsaussichten, großen Plänen, noch größerem Ehrgeiz und einer ungemein guten Ausbildung zusammenführt. Detailliert zeigt er die Tricks und Schlichen der Gang, um an falsche Identitäten zu gelangen und sich Geld übers Internet zu ergaunern, die allgegenwärtigen Überwachungskameras zu überlisten und die Polizei in die Irre zu führen. Ebenso intensiv wie das Vorgehen der Täter zeigt er die Bemühungen der Polizei und die Ängste der Opfer. Es ist ein realistischer, düsterer Roman, der ein konkretes soziales Problem in Großbritannien und allen westlichen Industrieländern thematisiert, das hier gerne unter den Teppich gekehrt wird, nämlich das wachsende Phänomen der Arbeitslosigkeit unter Jungakademikern.
Nicole zu »Iain McDowall: Gleich bist du tot« 04.01.2010
Der Plot des Buches hat absolut das Potential zum Krimi der Extraklasse, und wann immer die Handlung rund um das Entführer-Quartett kreist, steigt die Spannung und man kann erahnen, dass Iain McDowall ein guter Krimiautor sein kann. Scheinbar sind ihm leider seine beiden Kommissare selbst unsympathisch, anders kann ich mir nicht erklären, warum deren Charaktere so austauschbar gezeichnet sind. Beide sind langweilig, klischeehaft und unsympathisch. Bis zum Ende des Buches ist es mir nicht gelungen, die beiden auseinander zu halten, was sicher auch daran liegen mag, dass durch die Übersetzung und die vielen Kürzel der Dienstbezeichnungen und -behörden vieles verloren geht und zusätzlich verwirrt. (Dies ist nicht als Kritik am Übersetzer gemeint!)
Ein weiterer Schwachpunkt des Buches ist die hanebüchene Erklärung für den Grund der Entführungen, der dem Leser angeboten wird. Das und auch das Ende der Protagonisten wirkt so, als hätte der Verlag Druck gemacht, um den Roman bis zu einem bestimmten Termin fertig zu bekommen.
Schade, da war mehr drin. Iain McDowall bekommt trotzdem noch eine Chance von mir, denn grundsätzlich war die Idee aktuell und spannend umgesetzt.
koepper zu »Iain McDowall: Gleich bist du tot« 13.10.2009
Der Klappentext zu „ Gleich bist du tot“ verspricht auch dem abgebrühten Krimileser fesselnde Unterhaltung. Entweder bin ich kein abgebrühter Krimileser – was immer das auch ist – fesselnde Unterhaltung konnte ich in Iain McDowalls Polizeiroman nicht entdecken. Die Idee, die diesem Krimi zu Grunde liegt, ist eigentlich gut. Vier junge Menschen, zwei Frauen und zwei Männer bringen Frauen in ihre Gewalt, demütigen sie, versetzen sie in Todesangst, um sie dann freizulassen. Dies alles nehmen die Übeltäter auf Video auf und machen daraus kleine Filmchen, die sie an die Ermittler schicken.
Natürlich eskaltiert das Ganze.
Der Autor hat leider wenig aus dem Plot gemacht. Mac Dowall beschreibt aus drei verschiedenen Blickwinkeln. Die Schilderung der Ermittlungsarbeit der Cops Kerr und Jacobsen ist ausführlich, langatmig und etwas langweilig. Spannung kommt da nicht auf.
Am interessantesten sind die Darstellungen aus der Sicht der Opfer. Da gibt es durchaus gelungene Passagen. Das Beziehungsgeflecht der vier „Kunstterroristen“ , die Planung, Durchführung und Reflexionen ihrer Verbrechen sind weniger spannend, zu stereotypisch und eindimensional werden Brady und die anderen Protagonisten gezeichnet.
Insgesamt dümpelt die Geschichte vor sich hin, wobei einfach keine richtige Spannung aufkommen will. Ein Buch zum weglesen, ohne dass es Spuren hinterläßt.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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