Öl auf Wasser von Helon Habila

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel Oil on water, deutsche Ausgabe erstmals 2012 bei Das Wunderhorn.
Ort & Zeit der Handlung: Nigeria, 2010 - heute.

  • New York: W. W. Norton, 2011 unter dem Titel Oil on water. 231 Seiten.
  • Heidelberg: Das Wunderhorn, 2012. Übersetzt von Thomas Brückner. ISBN: 978-3884233917. 231 Seiten.

'Öl auf Wasser' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Port Harcourt, Nigeria, im Delta des Niger. Eine Frau verschwindet.Dies wäre keine Nachricht in den Medien wert, handelte es sich nicht um eine Britin, die Ehefrau eines hochrangigen Mitarbeiters einer ausländischen Ölgesellschaft, die im Delta und vor der Küste Öl bohren. Die Entführung ist offensichtlich das Werk einer Rebellengruppe, die gegen die Ölgesellschaften kämpfen, die das Land ausbeuten und zerstören. Als eine Lösegeldforderung eingeht, wittert der junge Journalist Rufus die Chance zu einer großen Story und macht sich mit dem gealterten Starreporter Zaq auf die Suche nach der Entführten. Es wird eine Reise ins Delta des Nigers hinein, ins Herz der Finsternis , in eine apokalyptische Welt. Mit wachsendem Entsetzen nimmt Rufus die Zerstörung der Umwelt wahr, die Eskalation der Gewalt, die je eigenen Profitinteressen, die die widerstreitenden Kräfte Ölgesellschaften, Polizei und Armee, Politiker und lokale Würdenträger auf der einen Seite, die Rebellen mit ihren Sympathisanten auf der anderen in den Auseinandersetzungen verfolgen, die Entmenschlichung auf beiden Seiten der Front. Opfer sind in jedem Fall die einfachen Menschen, Fischer zumeist, die im Delta des Flusses leben. Sie haben nicht die Mittel, sich zur Wehr zu setzen, ihre Dorfgemeinschaften werden zwischen den Fronten zerrieben, sie verlieren ihre Lebensgrundlage, werden vertrieben, müssen fortziehen, hin zur großen Stadt, an deren Rand sie stranden. Hoffnung vermittelt einzig ein Dorf auf der kleinen Insel Irikefe, das einen humanistischen, egalitären Gegenentwurf lebt, ähnlich dem, den Wole Soyinka in Zeit der Gesetzlosigkeit beschreibt: im Einklang mit der Natur, ihren Rhythmen und Gesetzen folgend. Hier findet Rufus nach einem Brand körperlich und seelisch schwer verletzte Schwester Boma Ruhe, hier findet Rufus eine Liebe, hier schließt Zaq seinen Frieden Doch auch hier ist nicht alles so, wie es scheint. Wie überhaupt nichts so ist, wie es an der Oberfläche aussieht. Das Grab der Britin ist leer. Nur ein Stein ist darin begraben.

Das meint Krimi-Couch.de: »Die Zeit steht still« 86°Treffer

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Schlägt man im Lexikon oder bei Wikipedia unter »Kolonialzeit, neuzeitliche« nach, erfährt man, dass sie grob von Beginn des 16. Jahrhunderts bis in die 1940er Jahre dauerte. Nach dem 2. Weltkrieg wurden viele Staaten in die Unabhängigkeit entlassen, wie es so schön heißt. Offiziell verschwanden die Namen der Kolonialherren wie England, Frankreich oder die Niederlande, zurück blieben die Großkonzerne, die nach wie vor die Politik einzelner Landstriche, ja ganzer Länder bestimmen.

Die Royal Dutch Shell, zu deren größte Anteilseigner das Niederländische Königshaus zählt, ist die geheime Kolonialmacht im südöstlichen Nigeria mit seinen reichen Erdölvorkommen am Unterlauf des Niger. Den Älteren unter uns wird diese Region noch unter dem Namen »Biafra« bekannt sein. Der Unabhängigkeitskrieg in den 1960er Jahren endete durch ein Total-Embargo in Hunger, Elend und Tod bei den betroffenen Bevölkerungsgruppen. Schon damals ging es letztendlich nur ums Öl. Heutzutage liegen die Exploration und Ausbeutung der Erdölvorkommen unangefochten in den Händen eines Konsortiums nigerianischer und ausländischer Ölfirmen unter der Federführung der Shell AG. Fünfzig Jahre Ölförderung führte zu einer Umweltkatastrophe ungeheuerlicher Dimension. Laut Schätzungen sind in der Zeit 2 Milliarden Liter Rohöl ausgelaufen und die verpesten ganze Landstriche im hochsensiblen Ökosystem des Niger-Deltas und der küstennahen Bereiche des Atlantischen Ozeans. Und wieder trifft es besonders die Ärmsten der Armen, die Landarbeiter, Bauern und Fischer. Von einer Reise in diese Region erzählt Helon Habilas Roman Öl auf Wasser.

Seit Mai diesen Jahres geistert dieser Roman durch die Redaktionen verschiedenster Medien und wird von Rezensenten ausschließlich mit Hochachtung bedacht. Derzeit führt er die KrimiZeit- Bestenliste an. Seine Veröffentlichung in Deutschland verdanken wir dem kleinen Verlag »Das Wunderhorn«, dessen exquisite Reihe "AfrikaWunderhorn von der Herausgeberin Indra Wussow liebevoll betreut wird. Öl auf Wasser ist weder Thriller noch Krimi im eigentlichen Sinn, sondern erzählte Realität. Habila muss nicht auf die Techniken der genannten Genres zurückgreifen, nichts künstlich verstärken, um Aufmerksamkeit zu wecken oder Spannung zu erzeugen. Was bei ihm thrillt, ist durch Nachrichten und Reportagen hundertfach belegt. Sein Narrativ bekommt durch den Ich-Erzähler Rufus eine ganz persönliche Note.

Port Harcourt, die Hafenstadt an der Mündung des Nigers in den Atlantik, ist der Ausgangspunkt von Habilas Erzählung. Hier haben die Ölkonzerne ihre Nachschubdepots und Verwaltungen. Hier wohnen die leitenden Mitarbeiter, bevorzugt in gut gesicherten Villen aus der Kolonialzeit. Unter ihnen befindet sich der britische Ingenieur James Floode, um dessen Ehe es nicht zum Besten steht. Seine in London lebende Ehefrau Isabel ist gerade angereist, um einen letzten Versuch zu starten, ihre Ehe zu kitten. Ihr schwebt ein gemeinsames Kind vor, aber das erwartet der Herr schon von seiner einheimischen Hausangestellten. Es kommt zu einem Zerwürfnis. Zwei Tage später verschwindet Isabel, wahrscheinlich von Rebellen gekidnappt. Eine Lösegeldforderung lässt auf sich warten. Mr. Floode reißt sich nicht gerade die Beine aus, um seine Frau wiederzubekommen.

In Port Harcourt lebt auch der junge engagierte, aber auch recht ehrgeizige Reporter Rufus, der alles daransetzt, als Vermittler in diesem Entführungsfall fungieren zu dürfen, wittert er doch die Story seines Lebens. Zusammen mit der in die Jahre gekommenen Reporter-Legende Zaq wird er dann auch ausgeschickt, Kontakt mit den Entführern aufzunehmen und ein Lebenszeichen der entführten Isabel mitzubringen. Es wird ein beschwerlicher Weg, denn die beiden geraten nicht nur zwischen alle Fronten, Zaqs Alkoholabhängigkeit und seine Fiebererkrankung gefährden zunehmend den Erfolg ihrer Unternehmung.

Für Rufus ist diese Odyssee nicht nur eine Konfrontation mit den Gräueln der Gegenwart, sondern auch eine Reise in seine eigene Vergangenheit. Aufgewachsen ist er auf einem kleinen Dorf, dessen Gemeinschaft so lange intakt war, bis auf ihrem Grund Ölvorkommen entdeckt wurden. Damit setzt sich eine Abwärtsbewegung in Gang, die sich überall wiederholt. Die Verseuchung der Lebensgrundlage erzeugt Hunger, dieser gebiert Verzweiflung, die sich in ein fahrlässiges Anzapfen der Ölleitungen äußern kann oder in Form von Gegenwehr, die vom nigerianischen Militär brutal niedergehalten wird. Seine Erinnerungen machen Rufus ein schlechtes Gewissen, denn er ist nicht mehr Teil der verelendeten Landbevölkerung, sondern als Journalist zählt er zur Mittelschicht, die indirekt von den Ölmilliarden profitiert. Rufus hätte ein Kämpfer werden können, hat es aber nur zum stillen Beobachter gebracht.

Ob nun die hier geschilderte Ölförderung oder als anderes Beispiel der landraubende Goldabbau in Guatemala oder Ghana, es sind meist ausländische Großkonzerne, die sich mit Duldung der jeweiligen Regierung zu Lasten der indigenen Bevölkerung bereichern. Eine moderne Form des Kolonialismus, von dessen Folgen nur dann zu lesen ist, wenn es zu spektakulären Katastrophen kommt. Das fortdauernde Siechtum ist keiner Schlagzeile wert.

Mit Öl auf Wasser bietet Helon Habila dem interessierten Leser einen Einblick in den Mikrokosmos einer ursprünglich schönen, jetzt aber weitgehend zerstörten Region. Der Autor ist einer, der lieber auf die Wunden zeigt, als dass er den Finger in sie hineintaucht und ihn dann anklagend in eine bestimmte Richtung erhebt. Ein Beobachter wie sein Held, eine Mahner allemal.

Habilas anspruchsvolle Sprache fängt den Leser ein, elektrisiert ihn, ins Unbekannte einzutauchen, und motiviert ihn vielleicht, mal des öfteren ein Blick auf Afrika zu werfen, wo in manchen Regionen die Zeit still zu stehen scheint.

Jürgen Priester, Oktober 2012

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Darix zu »Helon Habila: Öl auf Wasser« 19.11.2013
Nigeria, im Nigerdelta fördern Unternehmen Öl, verursachen erhebliche Umweltverschmutzungen, unter der die Bevölkerung erheblich und hilflos leidet. Militär, Rebellen, Einheimische eine entführte weiße Frau und eine Sekte gestalten diesen Umweltkrimi. Habila schreibt Bildstark, beinahe wie in einem Abenteuerroman aus einer fremden, verwirrenden Welt. Er verkörpert an einem (Foto)Reporter in seiner wortreichen Sprache das Gesamtgeschehen. H. führt seine Leser in einen unbekannten Erdteil, konfrontiert ihn mit den dramatischen Folgen der an Profitgier orientierten Ölförderung und Zerstörung von Lebensgrundlagen und Familienstrukturen der Landbevölkerung. Ein Roman/Politikthriller mit ausdrucksstarker (Bild)Sprache, der zeigt wie unterschiedlich das Genre "Krimi" sein kann, eindrucksvoll.
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