Das gute Kind von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2015 bei Bastei Lübbe.
- Köln: Bastei Lübbe, 2015. 320 Seiten.
- [Hörbuch] Landshut: Abod, 2015. Gesprochen von Ursula Berlinghof . 6 CDs.
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In Kürze:
Vor 18 Jahren erschütterte der Mord an einer Mutter und ihrer kleinen Tochter die Öffentlichkeit. In einem Indizienprozess wurde der Mörder zu lebenslanger Haft verurteilt. Fast zwei Jahrzehnte später steht eine junge Frau vor Kommissarin Femke Sundermann und behauptet, das Baby von damals zu sein. Woher kommt die mysteriöse Frau? Sagt sie die Wahrheit? Entgegen aller Ratschläge rollt Femke den Fall wieder auf. Die Entdeckungen sind so unglaublich, dass dafür mehrere Menschen mit dem Leben bezahlen müssen …
Das meint Krimi-Couch.de: »Eine traumatisierte Polizistin und die Sünden der Vergangenheit«
Krimi-Rezension von Sabine Bongenberg überspringen
Wer regelmäßig – insbesondere deutsche – Krimis liest, der muss sich langsam um den Zustand unserer Polizei ernsthafte Sorgen machen. Welcher Ermittler ist eigentlich nicht ernsthaft traumatisiert, versteht unter einem »angenehmen Feierabend« nicht das Verprügeln des Ehemannes oder schießt sich so ab, als würde am nächsten Tag die Prohibition eingeführt? Wo ist der »normale« Ermittler, der abends seinen PC ausknipst, den Mantel überwirft und dann mal zu Wurst und Kartoffelsalat heim zu Frau und Kind eilt?
In Helge Thielkings Kriminalroman Das gute Kind trifft der Leser also auch hier auf die vom Leben heftig gebeutelte Ermittlerin Femke Sundermann, die derzeit über genügend unfreiwillige Freizeit verfügt, wurde sie doch wegen eines tragischen Unfalls vom Dienst suspendiert. Grundsätzlich hätte Femke also in ihrem eigenen Leben genug aufzuräumen. Davon hält sie jedoch allein schon die Tatsache ab, dass plötzlich eine junge Frau vor ihrer Türe steht und behauptet die im Säuglingsalter verschwundene Tochter Lena ihrer zum gleichen Zeitpunkt vermissten besten Freundin Anja zu sein. Selbst wer nicht beruflich mit Leuten zu tun hat, die regelmäßig versuchen, die Wahrheit zumindest zu verbiegen, würde vermutlich bei dieser Konstellation verhalten misstrauisch reagieren und so kann der Kommissarin auch niemand eine zurückhaltende Reaktion übelnehmen. Dennoch ist grundsätzlich ihr persönliches Interesse an dem längst begrabenen und abgeschlossenen Fall geweckt und so versucht Femke über die Kanäle, die ihr trotz Suspendierung noch zur Verfügung stehen, Licht ins Dunkle zu bringen.
So wie Licht und Schatten sich regelmäßig die Waage halten, so ist dabei auch die Konstruktion dieses Krimis gehalten. Femke möchte einerseits glauben, weist aber andererseits auch die Annahme, dass ihr später Gast Recht haben könnte weit von sich und legt daher Verhaltensweisen an den Tag, die der Leser als ein nerviges »Hüh« oder »Hott« empfindet. Einerseits weist sie Lena aus dem Haus, um sie anderseits durch den halben Ort zu suchen, einerseits konfrontiert sie ihr vermeintliches Patenkind mit Fakten, die belegen, dass sie unmöglich die seinerzeit verschwundene Lena sein kann, andererseits sucht sie immer wieder den Kontakt und reitet sich bei ihren Ermittlungen, die sie ohne Unterstützung des Polizeiapparates durchführen muss, in immer größere Schwierigkeiten hinein.
Diese Beharrlichkeit und dieser vorhersehbare Weg in den möglichen Ruin der beruflichen Existenz, tragen nicht gerade dazu bei, ein glaubhaftes Bild einer ernsthaften Polizistin zu übermitteln, sei diese auch gerade in einem Ausnahmezustand gefangen. Ein weiteres Manko des ansonsten spannend erzählten Romans ist auch, dass lediglich die Figur der Femke detailliert und facettenreich dargestellt werden und die übrigen Personen lediglich ein recht blasses Bild darstellen. Besonders deutlich zeigt sich das an dem dienstältesten Kommissar Lothar Hemmer, der seinerzeit in einem Mordfall ohne die Leichen von Mutter und Kind und damit in einem Indizienprozess den vermeintlichen Mörder Bernd Noack hinter Schloss und Riegel brachte. Sein persönlicher Ehrgeiz besteht darin, den vorzeitig aus der Haft entlassenen Noack wieder dahin zu bringen, wohin er gehört – nämlich wieder zurück in den Knast. Woher diese Motivation stammt ist unklar. Unklar bleibt auch, warum ein weiterer Todesfall, der sich zwischenzeitlich ereignete, zunächst als Suizid und dann doch als Tötungsdelikt gehandhabt wird, unklar bleibt, warum Hemmer persönlich massiv in den Lauf der Gerechtigkeit eingreift und wie sich dieser Akt auf sein weiteres Leben auswirkt. Befremdlich wirkt auch, dass sich die Polizei generell mit dem Gebrauch der Schusswaffe recht leicht tut, ohne dass diese Einstellung juristische Konsequenzen nach sich zu ziehen scheint.
Diese Einzelheiten stören die sonst flüssige und spannende Handlung, wobei auch hier die Frage erlaubt sein sollte, warum ein Mann, der wegen zweifachen Mordes verurteilt wurde und niemals ein Geständnis ablegte, vorzeitig aus der Haft entlassen werden kann. Mehr als eigenartig wirkt auch die Auflösung des Krimis, die eine Lösung präsentiert, auf die sicherlich niemand gekommen wäre, die aber auch große Zweifel an einem irgendwie gearteten Realitätsbezug aufkommen lässt. Wenn es auch im tatsächlichen Leben nicht unüblich ist, eine defekte Waschmaschine umzutauschen, so ist doch fraglich, ob so entschieden wird, wenn es sich um ein lebendiges Wesen handelt. Fraglich ist auch, warum die immer so misstrauische Femke, die eigentlich alles und jedes wissenschaftlich überprüfen lässt, sich im Showdown von Ideen und Intuitionen leiten lässt, die bisher nicht zu ihrem analytischen Wesen passten.
Sieht man über diese kleinen Mankos hinweg, bietet Das gute Kind spannende Unterhaltung, wenngleich der Eindruck nicht vermieden werden kann, dass einige Bausteine um der Spannung willen eingeführt wurden, wirken sie doch recht konstruiert oder aufgesetzt. Dazu trägt auch schon der erste Eindruck bei, zeigt das Titelbild doch einen dahingeschiedenen Piepmatz – vermutlich einen Vertreter der Finkenfamilie – der anklagend die Krällchen gen Himmel streckt und so schon auf eine besondere Dramatik hinweist, ohne dass aber ein näherer Zusammenhang zum Roman erkennbar wäre.
Sabine Bongenberg, September 2015
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| SusanneL. zu »Helge Thielking: Das gute Kind« | 13.09.2015 |

