Wo die Löwen weinen von Heinrich Steinfest

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 bei Konrad Theiss.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Stuttgart, 1990 - 2009.

  • Stuttgart: Konrad Theiss, 2011. 300 Seiten.
  • München: Piper, 2012. ISBN: 978-3-492-27406-7. 320 Seiten.
  • [Hörbuch] Stuttgart: Konrad Theiss, 2011. Gesprochen von Heinrich Steinfest. ISBN: 3806224293. 6 CDs.

'Wo die Löwen weinen' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Drei Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten, in einer Stadt, in der sich die Tragödie der Welt zur grandiosen Posse verdichtet. Sie alle führt das Schicksal mitten hinein in die Bodenlosigkeit eines umkämpften Großprojekts: ein Archäologe, der seine große Chance wittert, ein Durchschnittsbürger, unauffällig, aber von Hass getrieben, ein Kommissar, der Stuttgart für immer hinter sich lassen wollte, und ein Hund, ein rätselhafter, etwas verfetteter Streuner, dessen größtes Talent Steinfest so beschreibt: »Niemand konnte so gut sitzen wie er. Eigentlich war es ein ästhetisches Verbrechen, diesen Hund zur Bewegung zu zwingen.« Der Archäologe wird auf eine geheimdiensthaft-kryptische Weise nach Stuttgart gerufen: Bei Probebohrungen im Schlossgarten wurde eine rätselhafte antike Apparatur gefunden. Eine sensationelle Entdeckung, die die Bauherren kalt lassen würde – ließe sich das verdammte Ding auch nur einen Millimeter verrücken. Der Durchschnittsbürger, den die Wut über das Leben, seine Ungerechtigkeiten, der Zorn über die Willkür der Mächtigen zum Scharfrichter und Scharfschützen macht: präzise, geduldig, gefährlich. Der Münchner Kommissar Rosenblüt, der auf der Spur eines Falles in seine schwäbische Heimatstadt zurückkehren muss – wo er bereits einmal den hohen Herren zu nahe getreten ist.

Das meint Krimi-Couch.de: »Politik, Philosophie und ein Hochseilartist« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Am Ufer der Isar wird ein Jugendlicher von einer fünfköpfigen Türken-Gang ausgezogen und gedemütigt. Eigentlich kein Fall für die Mordkommission, aber dennoch landet der Fall bei Kommissar Rosenblüt. Und der ist nicht amüsiert, dass ihn eine Spur in seine Heimatstadt Stuttgart führt, die er vor Jahren zwangsweise verlassen hat. Dort betätigt sich Hans Tobik, 62 Jahre alt und Bezieher von Arbeitsunfähigkeitsrente, als selbst ernannter Stadt-Forscher. Der frühere Sozialdemokrat ist von der Politik total enttäuscht, schließt sich dem Widerstand gegen Stuttgart 21 an und will den Pressesprecher – ebenfalls Mitglied der SPD – des umstrittenen Bahnprojekts erschießen. Außerdem ist der Archäologe Wolf Mach in die Landeshauptstadt geholt worden, um einen urzeitlichen Mechanismus unter dem Schloßgarten zu entschlüsseln und dabei zu helfen, ihn von der Stelle zu bewegen. Rosenblüt findet bei seinen Recherchen etliche Quer-Verbindungen, auch zur Aktion der jungen Türken am Isar-Ufer – und steckt plötzlich mitten in einem Fall, dessen Zusammenhänge und Dimensionen sich dem Ermittler erst langsam und nach zäher Ermittlungsarbeit erschließen.

Der neue Roman von Heinrich Steinfest lässt sich nur schwierig einordnen und beschreiben, denn er ist ganz viel – mehrere Bücher in einem , gewissermaßen. Wo die Löwen weinen ist ein Polit-Thriller, ein höchst philosophisches Buch voller Lebensweisheiten, aber eben auch ein Kriminalroman. Welche der Eigenschaften man als dominant ansieht, ist dann wohl dem persönlichen Geschmack des Lesers überlassen. Auf jeden Fall ist der Roman ein wirklich lesenswertes Buch, und man kann es nicht mal so eben mit »weglesen«, wie manch leichte Kost. Vielmehr muss man sich als Leser auf dieses Buch und seine zuweilen ausschweifenden Gedankenflüge zunächst einmal einlassen, es konzentriert lesen – vielleicht sogar zweimal. Denn Steinfest hat hier neben ausführlichen philosophischen Erörterungen auch ein politisches Statement eingebaut. Und es dürfte nicht überraschen, dass es gegen das umstrittene Bahnhofsprojekt ausfällt, schließlich ist Steinfest ein bekennender Gegner von Stuttgart 21. In seinem Nachwort räumt der Autor dann auch ein, dass es ihm nicht wirklich um Objektivität ging, sondern er steht zu seiner offensichtlichen Einseitigkeit. Aber das sei unvermeidlich gewesen, denn bei intensiver Suche habe er nun mal keine sympathischen Befürworter von Stuttgart 21 gefunden.

Heinrich Steinfest schweift in diesem Roman ganz gerne von der Realität ab, baut reichlich satirische Elemente ein. Sein Bemühen, nicht doch noch ein Sachbuch zu schreiben, ist zuweilen spürbar, wenn er sich bemüht, die Realität ausreichend zu verfremden. Der Autor schildert gewohnt wortgewaltig und bildhaft seine Geschichte – und hat damit den ersten Kriminalroman zu Stuttgart 21 auf den Markt gebracht. Abgesehen von der immensen Aktualität gelingt es Steinfest auch noch, Spannung aufzubauen, obwohl außer der Drangsalierung des Jugendlichen an der Isar zunächst kein strafwürdiges Verbrechen geschieht.

Aber die zuweilen skurril anmutende Ermittlungsarbeit seines Kommissars fasziniert den Leser von Beginn an, die geistreichen Exkurse und Abschweifungen in der Handlung sind so formuliert, dass man einfach am Ball bleiben will. Der Autor lässt seine Figuren scharf und prägnant formulieren, und so bleibt kein Zweifel daran, dass auch Steinfest die in Angriff genommene Veränderung der Landeshauptstadt konsequent ablehnt. Und so lässt er in seinem Buch den Satz raus, der es auf den Punkt bringt. Steinfest schreibt, es ginge nicht darum, den Stuttgarter Bahnhof unter die Erde zu bringen, sondern so viel Geld wie möglich. Offener kann ein Romanautor seinen politischen Standpunkt kaum formulieren.

Jenseits der philosophischen und politischen Ergüsse bereiten die Protagonisten des Romans auch noch reichlich Lesevergnügen. Der Kommissar ist ein skurriler Typ, der seine Heimatstadt liebt, aber nicht die dort herrschenden Verhältnisse. Er hat einen Fund-Hund an seiner Seite, der zuweilen eine wichtige Rolle in der Geschichte spielt. Aber auch Mach und Tobik sind ungewöhnliche Figuren – ich kann und will aber nicht zu viel über sie verraten, weil sonst so manche Überraschung im Buch dahin wäre. Wer Wo die Löwen weinen lesen möchte, darf nicht zu viel Action erwarten, aber der Leser kann sich darauf verlassen, dass er ein geistreiches und spannendes Buch zur Hand nimmt. Und selbst wenn man sich bisher kaum für die Streiterei um den Stuttgarter Bahnhof interessiert hat – nach der Lektüre wird es definitiv anders sein.

Andreas Kurth, November 2012

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Darix zu »Heinrich Steinfest: Wo die Löwen weinen« 23.06.2013
Es handelt um den Bahnhofsbau in Stuttgart. Die Grenzen in der Bürgerschaft verwischen. Die Stadt S. soll gem. Steinfest „ermordet“ werden. Drei Männer, ein Hund handeln in einer Tragödie und wandeln diese zu einer Posse.Ein ungewöhnlicher Krimi, sprachlich gut gegliedert aber doch ein typischer Steinfest, man kann ihn mögen, muß es aber nicht.
manni zu »Heinrich Steinfest: Wo die Löwen weinen« 04.10.2012
Wer einen handfesten Krimi erwartet wird sicherlich enttäuscht. "Wo die Löwen weinen" liest sich eher wie eine Art intellektuelles Tagebuch des Autors, teilweise sprachlich absolut brillant, zudem politisch motiviert und überwiegend sehr ironisch. Ich rate mal die ersten zwanzig Seiten zu lesen, es geht dann in dem Stil weiter. Den Schreibstil des Autors zu beschreiben fällt mir schwer und das das Werk eineunbefriedigenden und unglaubwürdigen Schluss liefert, hat mich dann enttäuscht. Als Lehrer würde ich "Thema verfehlt"
urteilen. Für die Lesefreude 60°!
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