Sein letzter Wille von Harlan Coben

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel Live wire, deutsche Ausgabe erstmals 2012 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: USA, 2010 - heute.
Folge 10 der Myron-Bolitar-Serie.

  • New York: Dutton, 2011 unter dem Titel Live wire. 375 Seiten.
  • München: Goldmann, 2012. Übersetzt von Gunnar Kwisinski. ISBN: 978-3-442-47658-9. 400 Seiten.

'Sein letzter Wille' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Rockstar Lex und seine Frau Suzze führen eine äußerst glückliche Ehe. Voller Vorfreude erwarten sie die baldige Geburt ihres ersten Kindes – bis ein böswilliger Facebook-Kommentar Lex’ Vaterschaft anzweifelt. Der verschwindet daraufhin spurlos, und verzweifelt bittet Suzze ihren Agenten Myron Bolitar um Hilfe. Myron willigt ein, ohne die Angelegenheit sonderlich ernst zu nehmen. Doch dann wird er mit einer ersten Leiche konfrontiert – und mit den Abgründen der eigenen Familiengeschichte.

Das meint Krimi-Couch.de: »Macho-Sprüche mit hohem Unterhaltungswert« 83°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Myron Bolitar, Mitinhaber einer Agentur für Sportler und Musiker sowie gelegentlicher Privatdetektiv, steckt in einer Zwickmühle. Seine Klientin Suzze Trevantino, eine einstmals gefeierte Tennisspielerin, bittet ihn mal wieder um seine Hilfe. Offenbar ist ihr Ehemann Lex, Rockmusiker und ebenfalls Klient von Myron, spurlos verschwunden. Suzze ist hochschwanger, und sie fürchtet, Lex habe einen Hinweis auf ihrer Facebook-Seite, er sei nicht der Vater des Kindes, zum Anlass genommen, um sich abzusetzen. Die Suche dauert nicht lange, Lex wird in einem Nachtclub aufgespürt und von Myron mit der Situation konfrontiert. Als plötzlich seine Schwägerin Kitty Bolitar auftaucht, gerät die Lage allerdings völlig außer Kontrolle – und Myron rutscht in einen Fall hinein, der ihn auch weit in die Vergangenheit seiner eigenen Familie führt. Es gibt viele Rätsel zu lösen – und nicht alle Beteiligten überleben die Suche nach der Wahrheit.

Während das geneigte Lese-Publikum die Werke von Harlan Coben durchweg positiv aufgenommen hat, musste der Autor von meinen Rezensenten-Kollegen einige Tiefschläge einstecken. Während sich das bei den Einzel-Romanen des Autors in Grenzen hielt und er dort überwiegend positive Beurteilungen bekam, ist die Myron-Bolitar-Reihe bei zwei Besprechungen glatt durchgefallen. Die Geschichte des Protagonisten sei auserzählt, die Dialoge auf dem Niveau von Spät-Pubertierenden. Jürgen Priester stellt sogar fest: »Typen wie dieser Win und Myron Bolitar sind Relikte aus den frühen 1990er Jahren und seit dem Ende der Spaßgesellschaft nicht mehr zeitgemäß.« Da hat er absolut recht. Und deshalb muss ich mich hier jetzt mal gnadenlos outen: Mir hat die Geschichte trotzdem richtig gut gefallen, ich habe mich ausgezeichnet unterhalten gefühlt. Das liegt vielleicht daran, dass ich auch die Stallone-Filme »Rocky Balboa« und »John Rambo« gemocht habe, in denen jeweils der gealterte Held zurück ins Rampenlicht gezogen wurde. Vermutlich sind diese Filme – wie auch der aktuelle Roman von Harlan Coben – für eine spezielle Altersgruppe von Männern und Jugendlichen gemacht. Vom filmischen und literarischen Anspruch her mag das in die mittlere Schublade gehören, aber der Unterhaltungswert ist nach meiner Auffassung ganz enorm.

Sein letzter Wille ist der zehnte Fall der Myron-Bolitar-Reihe, und für mich der erste Roman, den ich von Harlan Coben gelesen habe. Vermutlich bin ich deshalb auch etwas unvoreingenommener an die Lektüre herangegangen, meinetwegen mag man es auch naiv nennen. Wenn man sich auf die spannende Geschichte einlässt, die in der Sport- und Musik-Szene der amerikanischen Ostküste spielt, bekommt man einige richtig schräge Charaktere serviert, die auch etliche Klischees bedienen. Freakige und selbstverliebte Musiker, von ihren Eltern auf den Tennisplatz geprügelte junge Mädchen, die ihre Erfolge mit psychischen Problemen bezahlen, einen Agenten, der sich in alter Macho-Manier als Beschützer aufspielt, und eben den scheinbar hirnlosen Sohn reicher Eltern, der seinem Kumpel die Spielzeuge der Reichen für seinen Feldzug gegen das Böse zur Verfügung stellt. Die familiären Probleme des Protagonisten dürfen natürlich auch nicht fehlen. Und das alles kombiniert mit Dialogen, die Literatur-Ästheten die Nase rümpfen lassen.

Ist Sein letzter Wille deshalb ein Schund-Roman? Die Antwort darauf lässt sich nur geben, wenn klar ist, welche Maßstäbe man an ein solches Buch legt. Coben pflegt einen wirklich packenden Erzählstil, seine plastischen und lebendigen Beschreibungen sorgen stets dafür, dass der Leser bestens unterhalten und orientiert ist. Der Plot bietet einige überraschende Wendungen, auch wenn man zugeben muss, dass die Geschichte hier und da etwas abschweift. Aber der Beginn fesselt sofort den Leser, die – im Wortsinne – schlagfertigen Protagonisten geraten in unerwartete Probleme, und die dazu gehörige Action rundet die Sache durchaus gekonnt ab. Wenn man bereit ist, sich von den oberflächlich betrachtet pubertär wirkenden Dialoge nicht blenden zu lassen, findet man in Myron Bolitar einen durchaus komplexen Charakter. Ein Familienmensch mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, der von seinen Eltern geprägt wurde, und unter dem Verschwinden seines Bruders auch deshalb leidet, weil er eine unrühmliche Rolle dabei gespielt zu haben glaubt. Er stochert bei seinen Nachforschungen lange im Nebel, und der Leser dürfte die Auflösung der verschiedenen Rätsel erst im letzten Drittel erahnen.

Wer also protziges Macho-Gehabe, die dazu gehörenden Sprüche, kombiniert mit Spannung und Action, durchaus vertragen kann, liegt bei Harlan Coben richtig. Handwerklich ist sein Roman allemal gelungen, die unterschwellige Spannung wird kontinuierlich gesteigert, es gibt ein fulminantes und anschließend nachdenkliches Finale. Wer allerdings »Big Cindy« im Batgirl-Kostüm für eine unverzeihliche literarische Verfehlung hält, sollte lieber die Finger von diesem Buch lassen und sich literarisch höher stehenden Werken zuwenden. Er verpasst dann allerdings ein ganz spezielles Lesevergnügen.

Andreas Kurth, Mai 2012

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