Der Lumpenadvokat von Hannelore Cayre

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel Commis d\'office, deutsche Ausgabe erstmals 2007 bei Unionsverlag.
Ort & Zeit der Handlung: Paris, 1990 - 2009.
Folge 1 der Christophe-Leibowitz-Serie.

  • Paris: Métailié, 2004 unter dem Titel Commis d\'office. 154 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2007. Übersetzt von Stefan Linster. ISBN: 978-3293003798. 154 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2009. Übersetzt von Stefan Linster. ISBN: 978-3293204676. 154 Seiten.

'Der Lumpenadvokat' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Christophe Leibowitz ist ein Winkeladvokat, wie er im Buche steht: schlitzohrig, mit großem Herz und immer in Geldnöten. Dass er Karriere gemacht hätte, kann man nicht behaupten, denn als Pflichtverteidiger vertritt er vor allem Zuhälter und Kleinkriminelle aus der Pariser Banlieue. Da bittet ihn sein erfolgreicher Anwaltskollege Lakdar um einen Gefallen: Für eine Million Euro soll er mittels Rollentausch einen üblen Schurken aus dem Knast holen. Der Coup gelingt, Leibowitz sitzt anstelle des Schurken die Strafe ab und freut sich auf den Lohn, den ihn erwartet. Doch Lakdar wird der Mitwisser Leibowitz nach getaner Arbeit lästig. Womit er allerdings nicht gerechnet hat: Leibowitz hat Sinn für Gerechtigkeit und kann ganz schön fies werden.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein ganz wundervoll geschriebenes Romänchen« 80°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Hannelore Cayre ist Strafverteidigerin in Paris. Und während hierzulande in immer wieder neuen Gerichtssendungen »echte Anwälte« zu Laienschauspielern mutieren und sich ein kleines Zubrot verdienen, hat sich die Kollegin in Frankreich dank ihrer Erlebnisse bei Gericht und mit ihrer Klientel daran begeben, kleine Romänchen zu schreiben. Der Lumpenadvokat ist der erste von bislang zwei Krimis aus der Feder der Französin, die zuvor auch schon Kurzfilme realisiert und Drehbücher fürs Fernsehen geschrieben hat.

Christophe Leibowitz-Berthier ist – angeblich genau wie seine Erfinderin – ein erfolgloser Anwalt, der sich mit Mandaten von Gaunern, Kleinkriminellen und Zuhältern mehr schlecht als recht über Wasser hält.

»Und dann habe ich mich den Zeiten angepasst; ich war einer der Ersten, die in Russe, Lette und Albaner machten.«

Ein Satz, der all seine Verzweiflung greifbar macht. Tiefer kann ein französischer Anwalt vor seinen Kollegen im Ansehen nicht sinken. Oder doch? Leibowitz reichen noch nicht einmal die Einkünfte, die er aus diesen Mandaten herausholen kann. Er nimmt sogar Pflichtverteidigungen bei Schnellverfahren an, die nach einem perversen Prinzip vergütet werden: Nur, wenn der Angeklagte verurteilt wird, erhält der Verteidiger sein Geld. Für einen Freispruch geht er leer aus: Wofür sollte sich ein Pflichtverteidiger hier anstrengen? Ist das noch eine Grundlage für einen fairen Prozess? Kein Wunder, dass er von Kollegen und Gerichtsbediensteten geschnitten wird:

»Da ich ihn zu grüßen wagte, sah er mich wie ein Kothaufen an, was ich zweifelsohne auch war – ein Lumpenadvokat, wahrhaftig imstande, den ganzen Tag auf einem Stuhl auszuharren, ohne sicher zu sein, ob er dafür einen roten Heller bekam.«

Und dann die Chance

Doch Leibowitz erzählt seine Geschichte zunächst rückblickend. Er sitzt im Knast und bangt um seine Freilassung. Denn dass er im Gefängnis ist, war Teil eines ausgeklügelten Planes, ein Rollentausch, der nur durch ihn in seiner Funktion als Anwalt durchgeführt werden konnte. Dafür hat sich Leibowitz von Dalil Lakdar, einem jungen und und skrupellosen Anwalt schmieren lassen. Lakdar ist Advokat der ganz üblen Gesellschaft, Schwerverbrecher und Mafiabosse vertrauen ihm in Gerichtssachen. Für den Rollentausch waren Leibowitz zwei Millionen Euro versprochen worden, doch nun scheint sich Lakdar an nichts mehr erinnern zu wollen und will das Geld selbst kassieren. Leibowitz muss um sein Leben fürchten.

Der Lumpenadvokat ist ein ganz wundervoll geschriebenes Romänchen von gerade einmal knapp 150 Seiten Länge. Mit spitzer Feder handelt es vom eher unrühmlichen Teil des Anwaltslebens, von den Routinefällen, von krummen Deals und von kleinen Gaunereien. Gerade diese Einblicke in den Alltag des hohen Gerichts, machen die Geschichte noch interessanter. Die Sprünge zwischen den Erinnerungen und Reflexionen des Anwalts sowie den aktuellen Ereignissen sind sehr ausgewogen und greifen gut ineinander über. Ingesamt ein sehr angenehm erzählter Roman der leisen Zwischentöne. Schade eigentlich nur, dass wirklich so schnell schon wieder Schluss ist, denn nach kaum mehr als zwei Stunden ist schon die letzte Seite erreicht.

Thomas Kürten, Mai 2008

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Herr Lazaro zu »Hannelore Cayre: Der Lumpenadvokat« 08.05.2011
Kann mich nur meiner Vorrednerin anschließen und bin gerade bei der Lektüre des zweite Leibowitz-Romans...
Eine echte kleine Perle,kurzweilig, witzig und mit einer gehörigen Portion Schnodderigkeit geschrieben. Kein Schocker, de einem das Blut stocken lässt, natürlich nicht, auch kein Pageturner aber eben doch ein Stück angenehmer Unterhaltung.
Anja S. zu »Hannelore Cayre: Der Lumpenadvokat« 25.08.2010
Ich bin auf dieses Büchlein aufmerksam geworden, als Tobias Gohlis es in der "Zeit" besprochen hat. Und ich muss ihm und dem hiesigen Rezensenten feste beipflichten, das Büchlein ist ein kleiner, feiner Leckerbissen, sehr amüsant, witzig geschrieben, ein echtes Kabinettstückchen. Ich werde mir jetzt auch den zweiten Band besorgen.
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