Die Schatten und der Regen von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2004
unter dem Titel Skuggorna och regnet,
deutsche Ausgabe erstmals 2005
bei btb.
Ort & Zeit der Handlung: Schweden, 1990 - 2009.
- Stockholm: Bonnier, 2004 unter dem Titel Skuggorna och regnet. 455 Seiten.
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München: btb, 2005.
Übersetzt von Christel Hildebrandt.
ISBN:
3-442-75146-2. 380 Seiten. -
München: btb, 2007.
Übersetzt von Christel Hildebrandt.
ISBN:
978-3828987272. 380 Seiten.
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[Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2006.
Gesprochen von Dietmar Bär.
ISBN:
3866040938. 6 CDs.
'Die Schatten und der Regen' ist erschienen als
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In Kürze:
Viktor Vinblad hat es nie einfach gehabt. Sein Vater war ein Mörder. Seine Mutter vorwiegend mit sich selbst beschäftigt. Mit neun Jahren wird er Vollwaise und lebt fortan in einer Pflegefamilie. Viktor ist hoch begabt, aber auch erschreckend wunderlich. Mit fünfzehn singt er Psalmen rückwärts und ist in der Lage, die schwierigsten mathematischen Fragen zu lösen, als er unter dramatischen Umständen aus dem zweiten Stock des Schulgebäudes fällt. Er überlebt, doch fortan ist er stumm. Dennoch schafft er es, nach der Schule eine Anstellung bei einer Bank zu bekommen. Und sogar in eine Wohngemeinschaft zieht er ein. Es ist eine seltsame Truppe verschrobener Menschen, die sich hier versammelt: Der nervöse Persson, der Statistiken liebt. Der leicht zurück gebliebene Farin, der von seinen Eltern einen großen Hof geerbt hat. Und zu guter Letzt Sara Salmodin, jüngste Tochter eines Predigers und von herzerfrischender Naivität, sowie Viktor Vinblad selbst, der geniale Außenseiter. Doch dann schlägt das Schicksal erneut zu. Sara wird ermordet – und Viktor verschwindet spurlos. Ein Schuldeingeständnis? Als ein solches nehmen es jedenfalls Freunde, Verwandte und auch die Polizei. Wie der Vater so der Sohn, lautet das fast einhellige Credo. Aber stimmt die Vermutung auch? Oder ist Viktor ebenfalls ein Opfer?
Manchmal ist der Lesespaß größer, wenn man völlig unbedarft an ein Buch heran geht – ohne vorher den Klappentext zu lesen. »Die Schatten und der Regen« ist so ein Buch, bei dem das Vergnügen darin besteht, sich die Zusammenhänge schrittweise zu erarbeiten, Lücken nach und nach zu schließen und dabei immer wieder Überraschungen zu erleben.
Deshalb will ich auch nicht viel über den Inhalt verraten. Håkan Nesser verfolgt den Lebensweg zweier Menschen – David und Viktor – von ihrer Kindheit an, die sie in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wie Brüder verbrachten, bis in die Gegenwart. David war ein durchschnittlicher und typischer schwedischer Jugendlicher, Viktor dagegen ein Außenseiter mit ungewöhnlichen Begabungen und ebensolchen Schicksalsschlägen, der unter den Vorurteilen der Bevölkerung zu leiden hatte.
Ein Mosaik aus Episoden unterschiedlicher Art
Diesen beiden Protagonisten verleiht der Autor auch seine Stimme und lässt sie nacheinander etwa 90% des Romans jeweils aus ihrer Sicht die wichtigsten Ereignisse in ihrem Leben erzählen. Und wie Nesser das macht, ist einzigartig. Er versetzt sich quasi in seine Charaktere hinein und bietet zwei Abschnitte, die so unterschiedlich sind, als wären sie von verschiedenen Schriftstellern verfasst. Zunächst hat David das Wort. Er beginnt seine Erzählung als 53-jähriger, der gerade seine Ehefrau verlassen hat. Dann rekonstruiert er sein bisherigeriges Leben, springt dabei in den Zeiten hin und her und lässt ein Mosaik aus Episoden der unterschiedlichsten Art entstehen, in dem weitere ungewöhnliche, besser gesagt skurrile Charaktere auftauchen.
So wie Bengt-Olle Farin, der im Januar beginnt, einen Wacholder zu zeichnen und im März nach dreizehntausendsechshundertzweiundsechzig Nadeln fertig wird. Nach der vierten Klasse war seine schulische Ausbildung beendet. Oder der nervöse Persson. Seinen richtigen Vornamen benutzte niemand. Ständig war er mit Statistiken über alles und jedes beschäftigt. Und wenn jemand fragt: »Wie weit kann man zählen?«, dann war der nervöse Persson in seinem Element. Mit der Antwort »Bis unendlich« gibt er sich nicht zufrieden. Nein, er zieht sich eine halbe Stunde zurück und präsentiert eine genaue Zahl als Lösung, die er zudem auch noch gut begründet herleiten kann. Beeindruckend dabei, wie Nesser die Naivität der Charaktere als positive Eigenschaft darstellt.
Als David schließlich seinen Bericht beendet – natürlich genau an der Stelle, wo der Leser entscheidende Aufklärung erwartet -, bleiben nicht nur große Lücken, sondern auch ein wichtiges Ereignis bleibt ungeklärt.
Gestopfte Löcher und neue Aspekte
Doch dann ist Viktor an der Reihe, die Ereignisse aus seiner Sicht zu schildern. Sein mathematisches Denken verlangt es von ihm, das, was er mitzuteilen hat, in genau hundert Paragraphen einzuteilen. Und auch er springt in der Zeit herum. Dabei kann er nicht nur einzelne Löcher stopfen, sondern aus seiner Perspektive bekommen auch einzelne Episoden plötzlich einen ganz anderen Aspekt und der Leser muß seine vorgefasste Meinung über Viktor revidieren. Doch als er nach hundert Paragraphen zum Ende kommen muß, wird ihm klar, dass nichts daraus geworden ist, seine Fragezeichen zu klären. Stattdessen haben sie sich noch gehäuft.
Aber dem Autor bleiben noch dreissig Seiten übrig, um letzte Fragen aus einer dritten Perspektive zu klären.
Als »literarische Krimis« werden die neueren Werke des schwedischen Autors gerne bezeichnet. Ungeachtet einer genaueren Definition dieses diskussionswürdigen Ausdrucks finde ich die Bezeichnung recht treffend, sofern man sich darunter einen anspruchsvollen Roman vorstellt, der auch Bezug nimmt auf Verbrechen. Dieser »Krimiteil« steht aber hier wohlgemerkt nicht im Vordergrund, sondern dient sowohl als Aufhänger, als zentraler Scheidepunkt sowie als Abschluß eines einzigartigen Werkes. Und er zeigt, wie Verbrechen das Leben von mittelbar und unmittelbar beteiligten Person in die ungewöhnlichsten Bahnen lenken können.
Sensationelle Entwicklung des Autors
Die schriftstellerische Entwicklung von Håkan Nesser in seiner erst gut zehn Jahre andauernden Laufbahn ist für mich geradezu sensationell. Vergleicht man die faden ersten Romane seiner Van Veeteren-Reihe mit »Die Schatten und der Regen« oder dem ebenfalls hervorragenden »Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla«, so ist dies ein Unterschied wie Tag und Nacht. Nesser bietet mittlerweile einen sprachlichen Ausdruck, mit dem er es nicht nur schafft, seinen Charakteren Tiefgang zu verleihen, sondern auch den Leser die oft zwischen Lachen und Weinen schwankende Stimmung der Romanhandlung deutlich spüren zu lassen.
Wer jedoch Hochspannung und Action braucht, der wird hier vergeblich suchen. Zweifellos enthält das Werk Spannung, jedoch auf eine eher subtile Art und Weise.
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| Joy zu »Hakan Nesser: Die Schatten und der Regen« | 28.10.2008 |
|---|---|
| mase zu »Hakan Nesser: Die Schatten und der Regen« | 13.09.2008 |
| evachen89 zu »Hakan Nesser: Die Schatten und der Regen« | 26.07.2008 |
| Rolf.P zu »Hakan Nesser: Die Schatten und der Regen« | 17.03.2008 |
| maureen zu »Hakan Nesser: Die Schatten und der Regen« | 15.02.2008 |
| Peter Grooterhorst zu »Hakan Nesser: Die Schatten und der Regen« | 10.11.2007 |
| petra2302 zu »Hakan Nesser: Die Schatten und der Regen« | 10.09.2007 |
| Marion zu »Hakan Nesser: Die Schatten und der Regen« | 10.09.2007 |
| Maike Witzlinger zu »Hakan Nesser: Die Schatten und der Regen« | 24.08.2007 |
| Kristina zu »Hakan Nesser: Die Schatten und der Regen« | 17.08.2007 |
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