Der Kommissar und das Schweigen von Håkan Nesser

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1997 unter dem Titel Kommissarien och tystnaden, deutsche Ausgabe erstmals 2001 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: Fiktiv / Maardam, 1990 - 2009.
Folge 5 der Van-Veeteren-Serie.

  • Stockholm: Bonnier, 1997 unter dem Titel Kommissarien och tystnaden. ISBN: 9100564257. 321 Seiten.
  • München: Goldmann, 2001. Übersetzt von Christel Hildebrandt. ISBN: 3-442-75075-X. 317 Seiten.
  • München: Goldmann, 2003. Übersetzt von Christel Hildebrandt. ISBN: 3-442-72599-2. 317 Seiten.
  • [Hörbuch] Augsburg: Weltbild, 2006. Gesprochen von Dieter Moor. ISBN: 3828987605. 6 CDs.

'Der Kommissar und das Schweigen' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Dass er spannende Geschichten erzählen kann, deren Auflösung auch Kenner des Genres unerwartet trifft, hat btb-Bestsellerautor Håkan Nesser bereits mehrfach und mit großem Erfolg bewiesen. Seine Fangemeinde in Deutschland ist inzwischen riesig. Mit seinem eigenwilligen Ermittler Van Veeteren hat er einen Helden geschaffen, der das Zeug zum Klassiker hat – ein Mann mittleren Alters mit Magenbeschwerden, der klassische Musik liebt und seine Fälle mit einer Mischung aus schwarzem Humor und Intuition löst. Diesmal steht Van Veeteren vor einer besonders schwierigen Aufgabe. Aus einem Ferienlager sind zwei kleine Mädchen verschwunden. Kurz darauf werden sie ermordet aufgefunden. Steckt ein obskurer Sektenführer hinter den Taten? Oder hat man es mit einem unbekannten Psychopathen zu tun? Vor allem aber: Kann Van Veeteren ihn stoppen, bevor er erneut zuschlägt?

Das meint Krimi-Couch.de: »Nesser schwimmt nur auf der Schweden-Krimi-Welle mit« 38°

Krimi-Rezension von Peter Kümmel

Ein anonymer Anruf einer Frau erreicht den Polizisten Merwin Kluuge in der ländlichen Kleinstadt Sorbinowo. Aus dem dortigen Ferienlager, dem Aufenthaltsort einer obskuren Sekte, sei ein Mädchen verschwunden und ermordert wordet worden und die Polizei müsse sofort etwas unternehmen, damit nicht noch weitere Verbrechen geschehen. Kluuge ist allerdings nur die Urlaubsvertretung auf dem Posten des dortigen Polizeichefs, war davon ausgegangen, die heißen Sommermonate geruhsam verbringen zu können und weiß nun nicht so recht, wie er auf den Anruf reagieren soll. Also ersucht er um Amtshilfe bei Kommissar Van Veeteren aus Maardam, einem guten Bekannten seines Vorgesetzten.

Dieser plant gerade seinen Urlaub im sonnigen Kreta sowie seinen Ausstieg aus dem Polizeidienst, als ihn der Hilferuf seines jungen Kollegen erreicht. Daraufhin begibt sich van Veeteren nach Sorbinowo und stattet zusammen mit Kluuge zunächst der Sekte im Lager des Reinen Lebens einen Besuch ab, wo sie nur äußerst dürftige Auskünfte erhalten. Leiter des Ferienlagers ist der Oberguru Oscar Jellinek, vorbestraft wegen sexueller Nötigung. Unterstützung erhält Jellinek von drei Frauen, die ihm sehr ergeben sind und mit denen er vermutlich sexuelle Kontakte unterhält. Insgesamt halten sich zwölf Mädchen im Alter von etwa 12 bis 14 Jahren im Lager des Reinen Lebens auf. Und verschwunden sei keines der Mädchen.

So verbringen die Polizisten zunächst mal ihre Zeit damit, sich Informationen über die Sekte zu beschaffen. Erst durch einen weiteren Anruf der mysteriösen Frau werden sie zu der Leiche eines Mädchens gebracht. Das Kind, das am Vortag noch vom Kommissar befragt wurde, wurde vergewaltigt und erwürgt. Doch kann die Tote keinesfalls mit dem angeblich verschwundenen Mädchen identisch sein.

Zurück auf dem Gelände der Sekte muss die Polizei feststellen, dass ihr Priester Jellinek seit der vergangenen Nacht verschwunden ist. Laut Auskunft seiner Helferinnen wurde er von Gott berufen und keiner kennt seinen Aufenthaltsort. Sowohl die drei Frauen als auch die Mädchen verweigern auf Befehl von Jellinek jegliche Auskunft. Erst nach und nach geben ein paar der Mädchen vereinzelt Auskünfte. So erfährt die Polizei, dass bereits vor einigen Tagen ein anderes Mädchen aus dem Lager verschwunden ist. Sowohl für die Ermittler als auch für die Bewohner des Dorfes steht fest, dass nur der verschwundene Sektenführer für den Tod des Kindes verantwortlich sein kann.

Nesser unterscheidet sich in der Art, seine Kriminalromane aufzubauen, grundlegend von anderen bekannten skandinavischen Kriminalautoren. Im Gegensatz zu den eher hektischen und vollgepackten Krimis seiner Kollegen bleibt Nesser fast puristisch.

Es passiert zunächst mal überhaupt nichts. Es liegt noch nicht mal ein Verbrechen vor. Auch nachdem die Leiche gefunden wurde, tut sich nicht viel. Es gibt keine Verdächtigen außer dem verschwundenen Jellinek und seinen drei schweigenden Begleiterinnen. Die Polizei beschäftigt sich mehr oder weniger damit, die aus verschiedene Richtungen zusammengerufenen Beamten zu koordinieren.

Auch Sozialkritik, wie man sie beispielsweise von Mankell und Edwardsson kennt, sucht man hier vergeblich. Als das Thema Sekte ins Spiel kam, vermutete ich hier einen Ansatz, den der Autor im Laufe der Handlung vertiefen würde. Doch sah ich mich darin leider getäuscht. Genauso gut hätte die Handlung auch in einer Jugendherberge spielen können.

Einzig durch seinen einfachen und flüssigen Schreibstil kann Nesser der schwedischen Krimiautorengilde zugehörig erkannt werden. Die eingeschobenen Verhöre in Protokollform bringen weiteren Schwung in den Lesefluss, doch sind diese leider allesamt ziemlich nichtssagend und völlig überflüssig. Nesser gelingt kein Spannungsaufbau. Es fehlen einfach die Mosaikstückchen, mit denen der Leser Schritt für Schritt neue Informationen bekommt, der Lösung näher gebracht oder auch mal auf falsche Fährten gelockt wird. Statt dessen werden immer wieder die gleichen schweigenden Zeugen vernommen. Dem Leser wird keine Gelegenheit gegeben mitzuraten. Dies an sich ist zwar als Einzelkriterium kein Manko, doch sollte ein Kriminalroman in diesem Falle andere Stärken aufzuweisen haben.

Der Protagonist Van Veeteren ist mehr mit sich selbst beschäftigt als mit dem Fall, den es zu lösen gilt. So drehen sich seine Gedanken darum, aus seinem Beruf auszusteigen. Mit dem Ausspruch: »Pervers, dachte er. Eines Tages halte ich es hier auf der Welt nicht mehr aus. Es ist nur eine Frage der Zeit.« nimmt er schon auffallend Wallander-mäßige Züge an. Er sondert sich weitgehend vom Ermittlerteam ab und schlägt eigene Wege ein, die ihn jedoch bis kurz vor Schluss auch nicht weiterbringen. Wie er dann zum Schluss auf die richtige Lösung gebracht wird, das wirkt schon sehr zufällig und plump.

Dass Van Veeteren auch nach diesem für mich zweiten Buch noch immer farblos bleibt, habe ich bereits geschildert. Doch auch die anderen Charaktere werden weitgehend stereotyp dargestellt. Einzig dem jungen Polizisten Kluuge sowie dem Polizisten mit der Beinprothese gesteht Nesser ein klein wenig Individualität zu. Dabei bleibt vor allem nachhaltig die Szene in Erinnerung, in der der Beamte schildert, wie er sein Bein verloren hat. Einige weitere gute Ansätze werden relativ abrupt abgebrochen.

Ungewöhnlich in Nessers Krimis ist der Ort der Handlung. Nicht nur, dass der Autor mit Maardam einen fiktiven Namen gewählt hat, er gibt dem Leser noch nicht mal einen Anhaltspunkt, in welchem Land sich die Geschehnisse überhaupt abspielen. So mischen sich unter die weitgehend holländisch klingenden Namen auch andere, die man eher nach Skandinavien, Mittel- oder Osteuropa einordnen könnte. Auf diese Art und Weise bleibt der Autor zwar absolut unabhängig von realem Zeitgeschehen, doch wirkt dies dafür auf den Leser, der sich gerne nicht nur in Personen, sondern auch in den Ort der Handlung hineinversetzen möchte, um so abstrakter.

Håkan Nesser schwimmt nur auf der Schweden-Krimi-Welle mit. Seit die Wallander-Krimis ihren Siegeszug angetreten haben, wird alles, was sich in Nordeuropa aus diesem Bereich finden lässt, von deutschen Verlagen veröffentlicht. Angesichts des vielen Schweigens in dem Roman möchte man dem Autor gerne sagen: Hättest Du doch besser auch geschwiegen. Ein überflüssiger Roman.

Ihre Meinung zu »Håkan Nesser: Der Kommissar und das Schweigen«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

steffi zu »Håkan Nesser: Der Kommissar und das Schweigen« 05.01.2017
Herr Kümmel literarisches Verständnis ist nicht so wirklich ausgeprägt...Vielleicht tut er sich mit Fitzek, Beckett oder einem anderen, eher anspruchlosem Autor leichter. Krimis müssen nicht billig sein. Man sollte aber den Schriftsteller seinen intellektuellen Fähigkeiten anpassen, um herbe Enttäuschungen zu vermeiden.
Wilfried Janssen zu »Håkan Nesser: Der Kommissar und das Schweigen« 03.09.2015
Das Buch ist so spannend, dass man es einfach nicht weglegen kann. Ein Lob für Nesser, so macht das Lesen richtig Spaß! Es geht auch ohne Gruseleffekt und die Spannung ist trotzdem da. Nur durch Zufall bin ich auf Nesser gestoßen und es ist nicht das ersten und bestimmt auch nicht das letzte Buch, dass ich noch von ihm lesen möchte.
Andrea K.M. zu »Håkan Nesser: Der Kommissar und das Schweigen« 21.01.2009
Lieber Romy, Hättest du das Buch nicht nach 100? Seiten, ich tippe eher auf 20 Seiten, umgetauscht währe dir aufgefallen das dies nicht der Komisar Veeteren ist.Mir persöhnlich gefallen die Romane von Nesser sehr gut, er schreibt recht angenehm und nicht so Blutrünstig wie die Amerikanischen Kolegen. Dennoch beschreibt er die Personen sehr gut, man kann sie sich richtig gut vorstellen, so also eine reine Freude der Unterhaltung.Zitat:""Der unsympathische "Kommissar" kippt sich einen Drink ". ""Zitat ende
Mark Matuszewski zu »Håkan Nesser: Der Kommissar und das Schweigen« 05.06.2008
Hallo zusammen !! Ich geniesse es , es mir ab und zu vorm TV-Gerät gemütlich zu machen und am liebsten bei einem spannendem Krimi abzuschalten .Nachdem mich immer wieder die " Sonntagskrimis" atmosphärisch gepackt haben (allen voran " Münsters Fall"mit einem grandiosen Thomas Hanzon !! ), beschloss ich ,DER KOMMISSAR UND. mir mal mit dem Buch zu Gemüte zuführen.Ich muss ehrlich sagen, richtig überzeugt bin ich leider nicht .Vor 3 Tagen lief "Kim Novak badete nie im See von Genezareth" und da war sie wieder: DIE Atmosphäre die mich packt. Irgendwie sind die Verfilmungen grandios. Vielleicht muss ich mich auch erstmal einlesen.
Rolf.P zu »Håkan Nesser: Der Kommissar und das Schweigen« 16.02.2008
Hakan Nessers Roman schildert neben den klassischen Inhalten auch die Gefühlswelt des alternden Kommissars Van Veeteren. Im Vergleich zu den vorangegangenen Romanen mit van Veeteren handelt es sich hier um ein "ruhigeres" Werk Nesser's; allerdings ohne jegliche Qualitätseinbuße.
Ansonsten jedoch ist Hakan Nesser wieder ein tadelloser Krimi geglückt, der wiederum in einer wunderschönen klaren Sprache verfasst ist.
Romy Schneider zu »Håkan Nesser: Der Kommissar und das Schweigen« 16.08.2007
Nach den Verfilmungen der Van Veeteren-Krimis, die mir alle sehr gut gefallen haben, spürte ich den Drang, ein Buch von Nesser zu lesen.Ich habe dieses Buch heute umgetauscht...mir fällt es schwer, nicht beleidigend zu werden. Aber DAS ist nun wirklich unterste Schublade, niveaulos und einfach peinlich. Ich verstehe nicht, wie Nesser so in den Himmel gelobt wird.Nach 100 Seiten habe ich aufgegeben, denn es passiert rein GAR NICHTS. Der unsympathische "Kommissar" kippt sich einen Drink nach dem anderen hinter, raucht wie ein Schlot und fasst seine "hochgeistigen" Gedanken stets mit zwei Wörtern zusammen: "Verdammte Scheiße". Das dachte ich beim Lesen allerdings auch...flach, flacher, Nesser.
Blood-Red-Sunset zu »Håkan Nesser: Der Kommissar und das Schweigen« 15.08.2007
Bei den Kommentaren seh ich getilte Meinungen. Bis jetzt habe ich nur den Film gesehen und fand ihn recht gut. Bis jetzt habe ich auch erst zwei Filme von Hakan Nesser gesehen. Ich werde demnächst aber noch dieses Buch lesen und mir eine Meinung darüber selbst bilden.
Andreas zu »Håkan Nesser: Der Kommissar und das Schweigen« 02.07.2007
Als Fan muss ich sagen, dass Nesser mit diesem Roman wohl noch geübt hat, um später seine ganz großen Romane zu schreiben; mit anderen Worten: ein schwaches Buch.
Kaum Spannung, wenig ausgereifte Geschichte mit zu simpler Auflösung, zäher Handlungsablauf, ganz unspektakuläres Ende.
Ich war sehr enttäuscht. (20 Grad)
Swen Piper zu »Håkan Nesser: Der Kommissar und das Schweigen« 30.04.2007
Håkan Nesser schreibt sicher die ungewöhnlichsten Kriminalromane der skandinavischen Gegenwartsliteratur. Nessers Erfolg erklärt sich aber sicher nicht durch Mankells Siegeszug. Da macht es sich der gute Peter Kümmel zu einfach. Literarisch auf hohem Niveau, in seinem unverwechselbaren Stil (der zugegebener Weise gewöhnungsbedürftig ist), schildert Nesser die Aufklärung zweier Kindermorde. Und wieder einmal ist nichts wie es scheint. Klasse wie der lustlose Van Veeteren den anderen Ermittlern immer eine Nase voraus ist. Die Lösung des Falls gerät dagegen etwas einfallslos und läppisch.
kueken zu »Håkan Nesser: Der Kommissar und das Schweigen« 28.11.2006
leider muss auch ich sagen, dass es mich am anfang einige überwindung gekostet hat diesen roman weiter zu lesen. doch nach dieser langwierigen aufklärung über die polizeiwache packte mich der roman..
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.

Dies sind nur die ersten 10 Kommentare von insgesamt 22.
» alle Kommentare anzeigen

Ihr Kommentar zu Der Kommissar und das Schweigen

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: