Das falsche Urteil von Hakan Nesser

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1995 unter dem Titel Återkomsten, deutsche Ausgabe erstmals 2000 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: fiktiv / Maardam, 1990 - 2009.
Folge 3 der Van-Veeteren-Serie.

  • Stockholm: Bonnier, 1995 unter dem Titel Återkomsten. 314 Seiten.
  • München: Goldmann, 2000. Übersetzt von Gabriele Haefs. ISBN: 3-442-72598-4. 309 Seiten.
  • München: btb, 2001. Übersetzt von Gabriele Haefs. ISBN: 3-442-75064-4. 309 Seiten.
  • Augsburg: Weltbild, 2003. Übersetzt von Gabriele Haefs. 309 Seiten.
  • München: Saur, 2003. Übersetzt von Gabriele Haefs. Großdruck. 344 Seiten.
  • München: btb, 2011. Übersetzt von Gabriele Haefs. 309 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2008. Gesprochen von Dieter Moor. 6 CDs.

'Das falsche Urteil' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

An einem sonnigen Augusttag wird ein Mann aus dem Gefängnis entlassen. An einem regnerischen Apriltag finden spielende Kinder seine Leiche. Wurde er getötet, weil jemand fand, er sei noch nicht gestraft genug? Oder fürchtete jemand seine Rache? Denn der angebliche Doppelmörder hatte seine Taten nie gestanden und immer seine Unschuld beteuert. Van Veeteren beschleicht ein furchtbarer Verdacht: Hat er am Ende die Wahrheit gesagt und der wirkliche Mörder läuft noch frei herum …

Das meint Krimi-Couch.de: »Unschuld und Vorurteil« 80°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Wie sehr kann man sich in einem Menschen täuschen, wie schnell neigt man zu Vorurteilen? Und heißt es nicht: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht? In Hakan Nessers »Das falsche Urteil« geht es um genau solche oberflächlichen Aspekte im menschlichen Miteinander, verstärkt durch den Zusammenhalt einer Dorfgemeinschaft.

Die Maardamer Polizei findet den stark verwesten Torso eines Mannes. Das Fehlen von Kopf Händen und Füßen erschwert die Identifizierung, zudem scheint niemand vermisst zu werden, der nur einen Hoden hatte. Nach Wochen geht der Hinweis ein, dass es sich um Leopold Verhaven handeln könne, ein Mann der zwei mal als Mörder verurteilt wurde und Haftstrafen von insgesamt 24 Jahren verbüßt hat, jedoch stets seine Unschuld beteuert hatte.

Verhaven war Zeit seines Lebens ein Sonderling und Eigenbrödler. Den Umgang mit Menschen scheute er, schon in der Schule war er ein Außenseiter. Als junger Mann wurde er als Leichtathlet berühmt, er lief auf den Mittelstrecken mehrfach Rekorde. Als er während eines Rennens zusammenbrach und des Dopings überführt wurde, endete seine Karriere abrupt, in den Zeitungen wurde er als Betrüger beschimpft. Er zieht sich auf ein Dorf zurück, betreibt eine Hühnerzucht auf einem abgelegenen Gut, wo er mit seiner hübschen Frau lebt. Die beiden streiten sich jedoch oft und es kommt auch zu Handgreiflichkeiten. Als sie eines Tages erwürgt aufgefunden wird, wird Verhaven ohne jeden Beweis in einem Indizienprozess verurteilt.

Rund 20 Jahre später – Verhaven ist inzwischen wieder auf freiem Fuß – wird erneut eine Frau aus seinem Umfeld ermordet aufgefunden. Am selben Ort wie damals und auf die selbe Weise umgebracht. Auch hier ist das Urteil schnell gefällt, Verhaven wird abermals hinter Gitter geschickt.

Wer könnte also ein Interesse haben, diesen Mann am Tag seiner Entlassung umzubringen? Wahrscheinlich doch jemand, dessen bitterer Schmerz über den Tod eines der Opfer noch immer so tief sitzt, dass er Vergeltung üben will. Auge um Auge, Zahn um Zahn? Oder gibt es noch andere mögliche Motive? Bei ihren Ermittlungen haben die Polizisten Münster, Reinhardt, Jung, deBries, Ewa Moreno und van Veeteren sehr schnell den Gedanken, dass sich eventuell ein anderer Täter hinter den Frauenmorden verbirgt, der Verhavens Schweigen erzwingen wollte. Die Indizien, die gegen Verhaven sprachen, erweisen sich als dünn und legen die Vermutung nahe, dass er wirklich unschuldig im Gefängnis gesessen haben könnte.

Je länger die Kommissare ermittelt, desto mehr folgen sie ihrem vagen Verdacht, aber auch sie finden nur Indizien und keine Beweise. Ihr Kampf gegen ein Netz aus Vorurteilen und Vorverurteilungen gleicht einem hoffnungslosen Kampf gegen Windmühlen. Die »Zeugen« in den beiden alten Mordfällen begegnen den Fragen der Ermittler mit Ignoranz und Desinteresse. Das Dorf, in dem Verhaven lebte, hat mit den falschen Urteilen seinen Frieden wiedergefunden und die Dorfgemeinschaft weigert sich einzusehen, dass der wahre Mörder möglicherweise noch immer ungestraft unter ihnen weilt.

Nesser versteht es, in diesem Buch gleich mehrere Zeitebenen miteinander zu verweben. Er schildert die Entlassung Verhavens und seinen Heimweg, dann neun Monate danach das Auffinden seiner Leiche und den Beginn der Ermittlungen, dazwischen Rückblicke auf die Zeit der Morde an den beiden Frauen. Nach und nach füttert er den Leser mit Informationen über den wahren Tathergang, ohne dabei frühzeitig die Identität des wahren Täters zu verraten.

Ebenfalls sehr gut sind Nesser die Dialoge gelungen. Der Unwillen, mit den Kommissaren zusammen zu arbeiten, ist in jedem Gespräch deutlich. Niemand möchte gerne an die alten Morde erinnert werden Ebenso merkt man den Ermittlern mitunter die Verzweiflung an. Sie spüren, dass an den beiden Urteilen gegen Verhaven etwas nicht stimmt, finden aber keinen probaten Anhaltspunkt, der ihre Vermutungen stützen könnte. Hauptperson van Veeteren, der ewig nörgelnde, ewig griesgrämige Kauz, ist durch eine Operation ans Bett gefesselt. Obwohl er nur gegen Ende des Buches agieren darf, ist er die einzige Figur, dessen Charakter in diesem Roman scharfe Konturen erhält. So sehr man den grummelnden Zyniker für seine vordergründige Art hassen kann (die dauernde Zahnstocherkauerei geht mir ja sowas von auf den Keks), kann man ihn für seine allzu menschlichen und teilweise philosophischen Gedankengänge lieben.

Die Kritikpunkte bleiben in der Zahl gering. Das Ermittlerteam ist groß und die Kommissare sind in den einzelnen Szenen eigentlich austauschbar. Keiner, der eine erkennbare Eigenart bei seinen Befragungen an den Tag legt. Die Befragung von Zeugen erschien mir einerseits zu unsystematisch, denn zu oft tauchten Namen auf, die nicht unmittelbar zugeordnet werden können. Andererseits ist dies Ausdruck für das »stochern im Nebel«, die ratlose Suche nach Anhaltspunkten die den Verdacht nähren könnten. Was Nesser aber nicht vermitteln konnte ist der Grund für die Anteilnahmslosigkeit und Lethargie Leopold Verhavens bei den beiden Gerichtsprozessen, die letztlich bei beiden Veruteilungen den Richter und alle Anwesenden von seiner Schuld überzeugte. In »Das grobmaschige Netz« erzählt Nesser von einem Angeklagten und zu unrecht Verurteilten mit einem ähnlichen Verhaltensmuster, wobei der Grund dafür dem Leser nachvollziehbarer erscheint. Hier argumentiert er letztlich mit der Eigenbrödelei Verhavens und seiner empfundenen Machtlosigkeit gegen die Vorurteile der gesamten Öffentlichkeit, die aus seiner Doping-Vergangenheit beruht. Die Tatsache, dass er die ungerechte Strafe im Gefängnis in sich gekehrt und ohne Kontakt zur Außenwelt verbringt, ist letztlich wenig nachvollziehbar.

Action und Spannung sucht man vergebens in diesem Roman. Es ist halt ein typischer Nesser, wenig ausschweifend in seinen Schilderungen der Szenerie, dafür intensiver mit den Gedankengängen der Ermittler beschäftigt. Er regt daher auch den Leser zum Nachdenken über eigene Vorurteile und deren Ursachen an. Sogar über die Hauptfigur, die oberflächlich nur wenig Sympathiepunkte erzielen kann, gerät der Leser in Grübeln und man mag geneigt sein, van Veeteren am Ende doch irgendwie für seine Art schätzen zu können. Und für seine unorthodoxe Art, dem wahren Täter ein gerechtes Urteil zuteil kommen zu lassen, sollte man ihm glatt den golden Zahnstocher am Bande verleihen.

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sapkowski zu »Hakan Nesser: Das falsche Urteil« 28.11.2010
In seinem dritten Fall „Das falsche Urteil“ ermittelt Van Veeteren in einem Mordfall bei dem das Ermittlerteam zunächst eine bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Leiche identifizieren muss, um die wahren Hintergründe der Tat aufzudecken.
Håkan Nesser schafft es in „Das falsche Urteil“ den Leser wieder von seinem gewohnten Stil zu überzeugen und ihn dadurch für sich einzunehmen.
Dennoch fehlte es größtenteils an Spannung und auch der „Aha – Effekt“ blieb aus. Das kann vor allem daran liegen, dass Van Veeteren in der ersten Hälfte der Handlung aus persönlichen Gründen nur vereinzelt auftaucht und die Ermittlungen von seinen Kollegen geleitet werden. Man merkt als treuer „VV – Fan“ das etwas fehlt.
So wird das Tempo der Handlung auch zunehmend besser, sobald der Kommissar dann wieder gewohnt in die Ermittlungen eingreift.
Dennoch war es Håkan Nessers authentischer Schreibstil, der eine gewisse Atmosphäre geschaffen hat und dadurch die Handlung interessant und nachvollziehbar machte.
Vor allem das Ende scheint die weitere Entwicklung der Figur „Van Veeteren“ nachhaltig zu prägen.
Ich bin also sehr gespannt!

3, 5 von 5 Sternen!
amelie zu »Hakan Nesser: Das falsche Urteil« 11.04.2010
ich fand das buch nicht gut. das liegt hauptssächlich am ende der geschichte- ich lehne selstjustiz und die todesstrafe voll und ganz ab. auch die charaktäre waren einfach furchbar negativ, was auch nicht gerade zu den kretikpunken zählt, die ein gutes buch für mich ausmachen. nein und auch der schreibstil hat mir nicht gefallen..
Dickie_Greenleaf zu »Hakan Nesser: Das falsche Urteil« 05.01.2010
Eigentlich ein sehr interessanter Fall, ich mag auch die leise Sorte Krimis, die die Arbeit des ermittelnden Teams in den Mittelpunt stellt, aber hier habe ich echt die Übersicht über die Polizisten verloren - DeBries und Rooth, Moltke, Meusse, Moreno, Münster, Reinhart. Alle sind irgendwie gleich und alle reden sich wie die Kleinkinder an. "Was hat der Polizeirat denn heute so gemacht?""Was denkt der Kommissar darüber?" "Der Polizeidirektor ist aber frech heute."Ist das eine Eigenart bei Nesserkrimis? Finde ich seltsam.
Die Erkenntnisse des Kommissars über den wahren Mörder blieben aus der Luft gegriffen und - wie ein Vorschreiber hier schon so richtig bemerkte - waren am Ende ebenso zusammenfantasiert wie alles, was dem armen Verhaven angedichtet worden war. Und am Ende lässt sich ein kräftiger Dreifachmörder von einem frisch Operierten (der trotz fehlendem Darmstück ungebremst pichelt) in die Tasche stecken? Absolut unglaubwürdig!
maier christian zu »Hakan Nesser: Das falsche Urteil« 27.12.2009
Hakan Nesser ist einfach ein Genie.
Habe fast alle seine Werke gelesen und zum Teil auch gesehen leider gibt es sie nicht alle auf Deutsch.Aber die Werke in Deutsch sind einfach genial.Mit der Besetzung von Sven Wolter ,Asa Karlin,
Claes Ljungmark,Steve Kratz einfach eine sehr gute Krimireihe.Liebe Grüße Ch.
NickSch zu »Hakan Nesser: Das falsche Urteil« 23.10.2009
Leopold Verhaven wurde Anfang der 60er Jahre und Anfang der 80er Jahre wegen Mordes zu je zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte immer bestritten, die beiden Frauen ermordet zu haben und es waren auch nur reine Indizienprozesse, die zu seinen Verurteilungen führten.

Als er im August 1993 aus dem Gefängnis entlassen wird, will er den Mörder der beiden Frauen stellen. Dazu kommt es aber nicht mehr. Leopold Verhaven wird ermordet, seine verstümmelte Leiche erst 1994 entdeckt. Niemand hat Leopold vermisst... Kommissar Van Veeteren und seine Leute haben einen schweren Fall aufzuklären. Erst im Laufe der Ermittlungen kristallisiert sich heraus, dass vielleicht doch nicht Leopold der Frauenmörder war. Und dass der Mörder der zwei Frauen auch ihn auf dem Gewissen hat. Allerdings - es sind viele Jahre ins Land gegangen. Wo anfangen??? Der im Krankenhaus liegende Van Veeteren versucht diesen Fall auf seine "Charmante Art " zu lösen. Da bremst ihn auch kein Krankenhausaufenthalt!Allein das war schon sehr Haarsträubend. Ein frisch operierter fährt auf eigene Faust durchs Land und will einen Dreifachmörder stellen. Da hätte ich das ganze schon fast abgebrochen, doch ich wollte unbedingt das Ende erfahren doch leider war das auch alles andere als nach meinem Geschmack.

Zu Anfang dachte ich, dass dieses Buch ein wahrer Glücksgriff ist. Es fing als spannender, gut aufgebauter Kriminalfall an. Doch schon bald brach das ganze ein und ich musste meine Meinung zum Ende des Buches hin revidieren. Der Schluss ist dermaßen an den Haaren herbeigezogen, dass ich eigentlich immer noch nicht fassen kann, dass der Autor dieses Ende gewählt hat.
Der Plot ist recht melancholisch und düster gehalten die Zeitsprünge wirken aufgesetzt und irritierend. Alles in allem kein wirklich Kriminalistisch gut durchdachter Fall. Wirklich schade...

35 punkte
mylo zu »Hakan Nesser: Das falsche Urteil« 13.02.2009
Nun dieser zweite Roman von Nesser, den ich m ir nun vorgenommen hatte ist zumindest in der Story schon um Welten besser und interessanter wie "das vierte Opfer" Aber die Lösung des Falles - ich denke mal den initierten Selbstmord/Mord durch VV erscheint mir nicht so glaubhaft, hier verläßt man der Realität einer ansich ansonsetn gut und durchaus auch glaubhaft aufgebauten Geschichte.
Ich weis mir - die VV-Krimis sind mir trotz allem zu langsam und zu leise.


75 Punkte
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Helga Lux zu »Hakan Nesser: Das falsche Urteil« 10.02.2009
Nachdem ich schon etliche Seiten gelesen hatte, bin ich (leider) in dieses Forum gegangen, um zu sehen, wie das Buch so beurteilt wurde. Zwei Briefe haben den Täter bereits verraten; das sollte doch in diesem Forum nicht geschehen, wo sind da die Moderatoren, die das verhindern? "Danke" an Rudolf Kirsch und Holger Herzog, ich habe das Buch dann nur weiter gelesen, da ich es hasse, mittendrin aufzuhören. Aber die Spannung war dahin.
Herbert Petersen zu »Hakan Nesser: Das falsche Urteil« 02.07.2008
Also irgendwie kann ich mit diesem VV-Krimi (im Gegensatz zu anderen VV-Krimis) nicht so recht anfreunden. Wie VV am Ende den Fall "löst" ist doch irgendwie ich nenne es mal seltsam.
Mal sehen was der nächste VV bringt.
Rolf.P zu »Hakan Nesser: Das falsche Urteil« 10.02.2008
Wer Action sucht, ist vielleicht von Hakan Nessers Van-Veteern-Romanen etwas enttäuscht.
Hervorragend wird ein Geflecht aus Gegenwart und Vergangenheitsbetrachtungen gesponnen in dem Kommissar Van Veeteren beharrlich seiner Intuition folgt. Dramaturgisch und technisch ein guter Kriminalroman, die Geschichte wird von dem tiefgründiger und eindringlicher gezeichneten Charakter Van Veeterens getragen.
Jedem Freund anspruchsvoller Spannungsliteratur sei dieser Krimi anempfohlen!
Rabea zu »Hakan Nesser: Das falsche Urteil« 15.10.2007
Ein, für mich, interessanter Krimi! Wie viele Beweise braucht ein Kommissar? Wie gut ist die Spürnase? Der verurteilte Täter ist ein ganz besonderer Mensch, echt schön geschrieben. Und für mich auch nicht unrealistisch! Das Ende finde ich etwas schockierend, auch wenn ich den Kommissar doch verstehen kann... Ein Krimi anderer Art.

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