Am Abend des Mordes von Håkan Nesser

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 unter dem Titel Styckerskan från Lilla Burma , deutsche Ausgabe erstmals 2012 bei btb.
Folge 5 der Inspektor-Gunnar-Barbarotti-Serie.

  • Stockholm: Bonnier, 2012 unter dem Titel Styckerskan från Lilla Burma . 400 Seiten.
  • München: btb, 2012. Übersetzt von Paul Berf. ISBN: 978-3-442-75317-8. 400 Seiten.
  • [Hörbuch] München: Der Hörverlag, 2012. Gesprochen von Dietmar Bär. 6 CDs.

'Am Abend des Mordes' ist erschienen als Hardcover Hörbuch

In Kürze:

Wird Barbarotti kaltgestellt? Aufs Abstellgleis befördert? Nach einem persönlichen Schicksalsschlag mit privaten Problemen beschäftigt, erhält er von seinem Vorgesetzten die Anweisung, sich mit dem Fall eines fünf Jahre zuvor spurlos verschwundenen Elektrikers zu beschäftigen, als er wieder seinen Dienst antritt. Nicht nur Kollegin Backman fragt sich, ob es sich hierbei nicht nur um eine Form von Beschäftigungstherapie für einen trauernden und labilen Kollegen handelt. Und zunächst sieht es auch ganz so aus, als sei Barbarotti nun zum Spezialisten für sogenannte »kalte Fälle« geworden, denen man nur routinemäßig nachgeht. Zum Zeitpunkt seines Verschwindens lebte besagter Elektriker nämlich mit einer Frau zusammen, die bereits einmal einen Mord begangen und dafür elf Jahre im Gefängnis gesessen hatte. Doch ohne Leiche keine Mörderin. Beweisen konnte man ihr in diesem Fall nichts. Gunnar Barbarotti tut das, was er am besten kann: Er ermittelt. Mosaiksteinchen um Mosaiksteinchen setzt er zusammen, und als er schließlich begreift, was gespielt wird, hat das weitreichende Konsequenzen.

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Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Inspektor Gunnar Barbarotti versucht wieder ins Berufsleben einzusteigen, nachdem er einen herben Schicksalsschlag zu verkraften hat. Kommissar Asunander bittet Barbarotti, den Fall »Morinder« zu untersuchen, doch warum lässt man ihn nicht gemeinsam mit seiner Kollegin Eva Backman den aktuellen Todesfall des rechtspopulistischen Stadtrates Fangström untersuchen? Dieser wurde offenbar vergiftet, ein politischer Hintergrund scheint nicht ausgeschlossen. Warum sich also mit dem vor rund fünf Jahren spurlos verschwundenen Morinder beschäftigen? Soll Barbarotti lediglich aus dem Verkehr gezogen werden, weil ihm Asunander noch keine richtige Arbeit zutraut?

»Aber nicht vergessen, er wird der Sache alleine nachgehen müssen. Ein oder zwei Wochen, damit er sich wieder einleben kann. Was denkt die Frau Inspektorin darüber?«
»Ich denke absolut nichts«, erwiderte Eva Backman.
»Schön«, sagte Asunander.

Notgedrungen fügt sich Barbarotti seinem Schicksal und wühlt sich durch die Akten. Schnell wird klar, dass die damaligen Ermittlungen alles andere als sauber verliefen. Morinder lebte zur Zeit seines Verschwindens mit Ellen Bjarnebo zusammen, die zuvor als »Schlächterin von Klein-Burma« eine zweifelhafte Berühmtheit erlangte. 1989 soll sie ihren damaligen Mann Harry Helgesson ermordet und anschließend zerstückelt haben. Sie gestand und ging für mehrere Jahre ins Gefängnis. Da die äußeren Umstände der beiden Fälle sich stark ähneln lag der Verdacht nahe, dass Ellen erneut gemordet hat. Mangels Leiche wurden die Ermittlungen jedoch schnell eingestellt. Ein klärendes Gespräch mit Ellen könnte Licht in die Angelegenheit bringen, doch die ist plötzlich spurlos verschwunden…

Am Abend des Mordes ist der fünfte Fall der Inspektor-Barbarotti-Serie, dessen Protagonist ein in Schweden ermittelnder Halbitaliener ist. Der neue Roman beginnt mit einem Paukenschlag für den sympathischen Inspektor, da seine geliebte Frau plötzlich stirbt und er nun alleine mit fünf »Kindern« zurückbleibt. Zwar war Barbarotti auf ein solches Szenario vorbereitet, dennoch trifft es ihn mit voller Wucht. Nur zögerlich gelingt ihm der Wiedereinstieg in den Job und dass er nur mit einem »cold case« beauftragt wird, macht die Sache nicht besser.

Barbarotti überlegte kurz, wie viele Dimensionen seine eigene Wirklichkeit momentan enthielt. Seinem Gefühl nach, nicht viel mehr als eine. Schräg abwärts.

Zunächst erkennt Barbarotti keinen Sinn in seinen Recherchen, denn der Fall aus dem Jahr 1989 erscheint klar. Ellen lebte mit Harry auf dem »Klein-Burma« genannten Hof zusammen. Harry war ein Tyrann gegenüber Frau und Sohn, vor allem nach exzessivem Alkoholgenuss. Eines Tages schlug Ellen zurück, zerstückelte die Leiche und verteilte diese im angrenzenden Waldgebiet. Nach einigen Monaten fand man die Leichenteile, worauf sie gestand. Alles ganz einfach, gäbe es da nicht immer wieder vereinzelte kleine Nadelstiche, die Barbarotti an der bekannten Version zweifeln ließen.

»Und genau das war das Problem im Fall Morinder. Diesmal schien es doch genauso glasklar zu sein. Der einzige Unterschied bestand im Grunde nur darin, dass sie kein Geständnis ablegte. Und natürlich darin, dass die Leiche fehlte.«
»Ein ziemlich großer Unterschied.«
»Zugegeben.«

Der Plot wechselt zwischen den aktuellen Ereignissen und denen des Jahres 1989, so dass man langsam erfährt, was sich damals tatsächlich zugetragen hat. Der Fall »Morinder« aus 2007 rückt zunächst in den Hintergrund ebenso wie der Tod des Politikers Fangström. Wie beim Häuten einer Zwiebel wird Schicht für Schicht abgetragen, die Perspektive der Hauptfigur ständig gewechselt und somit ein hohes Maß an Spannung aufgebaut. Hakan Nesser möchte aber nicht nur mehrere Fälle aufklären, sondern seine Figuren mit Leben füllen. So werden die zahlreichen Personen ausführlich dargestellt, was den Lesefluss hinsichtlich des Spannungsbogens gelegentlich ein wenig zäh erscheinen lässt, andererseits den Plot auf eine literarische Ebene hebt, die in der Kriminalliteratur nicht alltäglich ist. Sollte sich aber jemand daran stoßen, dass Barbarotti immer wieder in (textintensive) Zwiegespräche mit seiner verstorbenen Frau oder gar dem Allmächtigen verfällt und sich über längere Passagen mit dem Tod beziehungsweise dem Umgang mit diesem beschäftigt, der greift besser gleich zu einem anderem Buch. Wer auf Action und Tempo aus ist, der wird hier nie auf seine Kosten kommen. Wer hingegen einen atmosphärisch dichten und anspruchsvollen Erzählstil bevorzugt, der darf sich auf die Geschichte gerne einlassen und sich auf den mitunter humorvollen Tonfall des Autors freuen.

 

Jörg Kijanski, Februar 2013

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TochterAlice zu »Håkan Nesser: Am Abend des Mordes« 29.12.2015
Nicht in Südostasien, sondern im ländlichen Schweden, in Kymlinge, liegt der Hof Klein-Burma, in dem vor vielen Jahren - 1989 - ein brutales Gemetzel stattfand, für das die Ehefrau des Opfers, Ellen Bjarnebo, zur Verantwortung gezogen wurde. Nun hat man sie im Verdacht, mit dem Verschwinden ihres aktuellen Lebensgefährten Arnold Morinder, den sie nach ihrer Freilassung kennengelernt hatte und der im August 2007 auf seinem Moped fortgefahren war und nicht mehr zurückkehrte, zu tun zu haben.

Auf diesen nicht gerade als prioritär eingestuften Fall wird Gunnar Barbarotti angesetzt, der nach dem Tode seiner Frau - nun als Witwer mit fünf Kindern - als nicht mehr so recht arbeitsfähig gilt. Man will ihm aber das Gefühl geben, etwas zu tun zu haben, während alle seine voll einsatzfähigen Kollegen sich dem Todesfall Raymond Fängström, einem schwedischen Rechtsradikalen, der unter ungeklärten Umständen zu Tode kam, widmen. Wie immer bei Nesser kann der Leser sich auf viele unerwartete Wendungen und auf einige interessante und schräge Charaktere freuen, wobei zu ersteren die Hauptverdächtige in Barbarottis Fall, Ellen Bjarnebo, zu letzteren ganz klar die Mutter des toten "Nazis", Lill-Marlene Fängström zählt.

Im Vordergrund aber steht wie immer Gunnar Barbarotti mit seiner Trauer um Marianne, der Sorge um alle fünf Kinder, sowohl die eigenen, als auch die angenommenen und natürlich mit seinem Fall, dem er sich trotz immer wieder aufkommenden Schwächegefühls mit (fast) gewohnter Akribie widmet. Das übliche Personal in Form von Barbarottis Kollegen und dem Chef ergänzen das Setting auf Trefflichste. Dazu kommen diesmal jedoch gewisse esoterische bzw. religiöse Elemente - so spricht Barbarotti mit Gott und erhält von diesem gar eine Botschaft, die dann auch eintrifft - ein Aspekt, der meine anfängliche Begeisterung durchaus etwas geschmälert hat.

Insgesamt also die gewohnte düstere skandinavische Krimiliteratur, jedoch mit einigen humoristischen Einsprengseln, die sich vor allem durch die Einführung gewisser Episoden wie der zufälligen Begegnung Barbarottis mit einem Studienfreund, der gerade die Geschichte Hitlers neu schreibt, bemerkbar machen. Leider sind auch einige Längen zu verzeichnen, vor allem, wenn Barbarotti oder auch seine - dem Leser dieser Serie bereits bekannte - Kollegin Eva Backmann mit ihrem jeweiligen Schicksal hadern. Ich bin eigentlich ein Fan von Kommissar Barbarotti und war diesmal ein kleines bisschen enttäuscht: sowohl die Längen als auch die übersinnlichen Episoden ließen mich diesem typisch schwermütigen Beitrag zur schwedischen Kriminalliteratur ein wenig hadern. Trotzdem ein spannender Krimi, den zu lesen sich lohnt und den vor allem Nesser-Fans auf keinen Fall auslassen sollten!
James_Blond zu »Håkan Nesser: Am Abend des Mordes« 27.10.2015
Ein typischer Nesser-Romankrimi. Mehr Roman als Krimi. Unaufgeregt, tiefgründig, menschlich. Mir gefällt so etwa.

Was mir aber bis zum Schluss unklar blieb:

1) Was hatte es jetzt mit "Die Schwestern" auf sich? Wer war die ominöse Ärztin? Was bedeutete die Visitenkarte in Barbarottis Geldbörse und warum brach der Provinzpolizist bei der Frage, was ihm "Die Schwestern" sagt, das Telefonat ab? Entweder hab' ich da etwas verpasst, nicht kapiert oder blieb dieser Erzählstrang einfach unaufgelöst?

2) Warum trägt das Buch den Titel "Am Abend des Mordes"? Kapier' ich nicht.
Grizzly zu »Håkan Nesser: Am Abend des Mordes« 15.09.2014
Ich fand das Buch wie die andern auch spannend und möchte auf einen Teilaspekt hinweisen:

An einem Tag, an dem rund dreizehn Prozent der schwedischen Wähler den Eindruck erwecken, als hätte man ihnen ins Hirn geschissen ...
[I][URL]http://weitblickforum.de/forum/thread.php?postid=29284#post29284[/URL][/I]
lohnt es sich vielleicht, daran zu erinnern, dass es immer noch über achtzig Prozent andere gibt, die diesen ... (bitte hier ggf. Verbalinjurie nach Gutdünken einzusetzen) Verein überhaupt nicht mögen. Und zu denen scheint auch Håkan Nesser zu gehören.

In seinem letzten Roman um Gunnar Barbarotti flicht er eine Nebenhandlung ein, in der ein Kommunalpolitiker dieser Partei vollgekotzt und tot auf seiner Toilette gefunden wird. Bei der Todesursachenermittlung ergibt sich, dass der Verblichene zuvor ein Abendessen mit einer bis dato unbekannten Person eingenommen hat, jedenfalls finden sich auf dem Esstisch des Junggesellen zwei Teller, Besteck sowie halbgefüllte Weingläser. Nach diesem Jemand muss lang gesucht werden - schliesslich entpuppt sich diese Person als eine Internetbekanntschaft, die an diesem Abend zum Kennenlernessen eingeladen wurde.

Es sei dem Politiker, berichtet der Jemand der Polizei, noch während des Essens schlecht geworden, und er habe sich zwecks Erleichterung auf die Toilette begeben. Einer evtl. amourösen Fortsetzung des Abends inzwischen überdrüssig habe der Gast daraufhin ohne Abschied das Weite gesucht.

Warum, so die vernehmende Polizistin, habe die Person nicht abgewartet, ob der Erbrechende vielleicht Hilfe gebraucht hätte ? "Ach, bei einem gewöhnlichen Liberalen oder Sozialdemokraten hätte ich vielleicht gewartet, aber mit einem Schwedendemokraten wollte ich nicht in Verbindung gebracht werden."

Als ich, genau am Wahltag (12.9.2014), diese Zeilen lesen durfte, konnte ich mir ein klammheimliches Grinsen nicht verkneifen.
rolandreis zu »Håkan Nesser: Am Abend des Mordes« 22.08.2014
Im Laufe der Jahre habe ich mich mit den Büchern von Nesser immer schwerer getan. War ich einst von der Van Veeteren Reihe noch begeistert, konnte mich sein Ermittler Barbarotti nie richtig überzeugen. Auch dieser letzte Fall zog sich und ich fand es sehr zäh, die Story zieht sich sehr in die Länge. Es handelt sich bei dem Buch um einen Roman mit leicht kriminalistischem Einschlag, aber um keinen, wie von mir erwartet, Krimi im klassischem Sinne. Letztendlich fehlte mir wieder bei Nesser die Spannung, was mich auch jetzt veranlasst diesen Autor zukünftig aus meinem Leseportfolio zu entfernen.
lesenchris zu »Håkan Nesser: Am Abend des Mordes« 25.07.2014
Erneut ein Nesser, der mich von Anfang bis Ende gefesselt hat, inklusive Protagonist Barbarotti, der trotz des Versuchs kalt gestellt zu werden, nach und nach einen "alten Fall" aufrollt, bearbeitet und derart akribisch und äußerst genau seziert, dass so im Verlaufe des Falles deutlich wird, was und warum Morde passiert sind. Mit psychologischen Feingefühl entwickelt sich nach und nach der Plot und die Lösung des Falles!. Äußerst empfehlenswert.
Brigitte Schmelzer zu »Håkan Nesser: Am Abend des Mordes« 09.04.2014
Ein hervorragender Roman. Das Thema schleicht sich ein. am Anfang braucht man Geduld. Doch diese Geduld lohnt sich. Die Geschichte nimmt immer wieder überraschende Wendungen, bis zum Schluss. Man sollte sich wirklich die Zeit nehmen und mit recherchieren. Ja und am Ende ist man überrascht. Sehr empfehlenswert.
Anke Ohlmann zu »Håkan Nesser: Am Abend des Mordes« 11.02.2014
Meiner Meinung nach ein wirklich sehr gut gelungener Abschluss der Barbarotti-Reihe. Auf der einen Seite bin ich traurig, dass es jetzt vorbei ist und auf der anderen Seite lässt die Story noch Raum für eigene Fortsetzungsgedanken. Auch nicht schlecht; Nesser hat hier den richtigen Mittelweg gefunden.
Das Buch ist, wie von Nesser gewohnt, spannend und gut geschrieben. Die einzelnen Charaktere kommen nicht zu kurz und durch die vielen Rückblenden wird es nie langweilig.
--> Unbedingt lesenswert!
Darix zu »Håkan Nesser: Am Abend des Mordes« 30.06.2013
Einer der typischen Nesser Krimis, viel Psychologie, Inspektor Barbarotti ermittelt höchst sensibel. Große Gefühle zeigt er gegenüber seiner Familie und seinem beruflichen Umfeld.
Gunnar Barbarotti trauert sehr unter dem Tot seiner Frau, kommuniziert mit Gott und mit ihr, im Traum und mit der Bibel. Ein gut lesbarer Kriminalroman.
Frank S. zu »Håkan Nesser: Am Abend des Mordes« 16.03.2013
Ein toller Abschluss der Barbarotti-Reihe! Literarisch anspruchsvoll wie immer und wunderbar durchdacht, überzeugt mich auch der Krimi-Plot. Großartig das Ende - konsequent und warmherzig! Eigentlich schade, dass die Barbarotti-Reihe jetzt beendet ist - ich würde mich freuen, wenn er diese Entscheidung noch einmal überdenkt!
Martin K zu »Håkan Nesser: Am Abend des Mordes« 18.11.2012
Ein wunderbares Buch! Lachen ist möglich, weil Nesser eine tolle Sprache hat, voller Perlen und überraschender Wendungen. Feuchte Augen gibt's, wenn der knurrige Asunander weich wird. Zuerst dachte ich, nein - was muss jetzt die Marianne sterben. Warum nicht einmal ein Inspektor, der auf der Sonnenseite des Lebens stehen kann und auch dort bleiben darf? Aber Nesser beschreibt mit Hilfe des Trauertherapeuten den Weg aus der Trauer derart eindrücklich, die Beziehung zu Eva Bachmann wächst so behutsam, dass einfach alles stimmig ist. Schön. Nesser ist auch ein Mensch, der älter wird, den anderes im Leben beschäftigen wird. Wunderbar, wie er seine eigene Entwicklung mit dem Leser teilen kann.

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