Galgenfrist für einen Toten von Gordon Ferris

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel The hanging shed, deutsche Ausgabe erstmals 2013 bei Festa.
Ort & Zeit der Handlung: , 1930 - 1949.
Folge 1 der Douglas-Brodie-Serie.

  • London: Corvus, 2011 unter dem Titel The hanging shed. 314 Seiten.
  • Leipzig: Festa, 2013. Übersetzt von Usch Kiausch. ISBN: 978-3865522177. 448 Seiten.

'Galgenfrist für einen Toten' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

1946. Der frühere Polizist Douglas Brodie kehrt in seine schottische Heimat zurück, gezeichnet und traumatisiert von den Kriegserlebnissen an der Front. Dort erreicht ihn ein Hilferuf: Hugh Donovan, ein Freund aus Kindertagen, sitzt im Gefängnis und wartet auf seine Hinrichtung. Ihm wird der Mord an einem kleinen Jungen vorgeworfen. Hugh beteuert seine Unschuld, aber die erdrückende Beweislast spricht gegen ihn. Gemeinsam mit der Anwältin Samantha stößt Brodie schnell auf Widersprüche. Nicht nur die Glasgower Unterwelt, auch Justiz, Polizei und sogar die Kirche versuchen ihre grausamen Geheimnisse zu verbergen. Und als weitere Leichen auftauchen, wird Brodie von seiner eigenen Vergangenheit eingeholt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Scottish Hardboiled« 87°Treffer

Krimi-Rezension von Lars Schafft

Gordon Ferris´ Galgenfrist für einen Toten ist ein kleines Phänomen: schon Bestseller, bevor es auf den Markt kam. Als E-Book nämlich stand es wochenlang beim britischen amazon oben in den Verkaufscharts, freilich begünstigt durch einen konkurrenzlos niedrigen Preis und nicht zu vergessen einem Hammer-Zitat von Val McDermid, die es über den grünen Klee lobte. Das machte so neugierig, dass renommierte Print-Medien wie der Independent oder der Observer den Krimi als gedrucktes Buch überaus positiv besprachen. Laut Daily Mail haben wir es bei Gordon Ferris gar mit einem neuen Ian Rankin zu tun. Das trifft es zwar nicht, dennoch ist Galgenfrist für einen Toten ein großer Wurf und vielversprechender Auftakt für eine neue Serie.

Diese spielt im schottischen Glasgow kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und ihr Protagonist ist Douglas Brodie, D-Day-Veteran. Nach der Rückkehr aus Deutschland, wo er zuletzt Nazis verhört hatte, arbeitet er nun mit Hilfe seines besten Freundes »Johnnie Walker« in London als Kriminalreporter für eine Gazette.

Die Qualifikation dazu hat er allemal: Im Gegensatz zu seiner Jugend-Clique hat er es dank mehrerer Stipendien bis zur Universität und danach in den Dienst der Polizei geschafft, schmiss den Job jedoch wegen moralischer Bedenken und ging zur Armee, um dort in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.

Aus der zur Last gewordenen Routine holt ihn ein alter Schulfreund, der Brodie um dessen Hilfe bittet. Die dieser dringend benötigen kann, sitzt er doch im Knast und wartet auf seine Hinrichtung wegen Mordes an einem kleinen Jungen. Doch da passt etwas nicht, es fehlt das Motiv, die Beweislage ist mehr als wackelig. Und so begibt sich Brodie, selbst ehemaliger Bulle, in die Unterwelt Glasgows und legt sich dabei nicht nur mit Gangster-Bossen, sondern auch alten Kollegen an. Viel Zeit hat er nicht, um die Unschuld seines Schulfreundes gemeinsam mit dessen Pflichtverteidigerin Sam Campbell zu beweisen …

Gordon Ferris hat trotz anders lautender Rezensionen von den britischen Inseln wenig mit Ian Rankin oder Stuart MacBride zu tun – das ergibt sich allein durch die Zeit, in der seine Brodie-Reihe spielt. Glasgow ist per se dreckiger, vom »Proletariat« und der Montanindustrie viel mehr geprägt als Edinburgh, wo Rankins Rebus-Reihe spielt. Selbst MacBrides Aberdeen ist ein wunderbares Fleckchen Erde dagegen.

Auch hält sich der Humor in Grenzen. Ganz auf Sarkasmus verzichtet Ferris nicht, doch behält er eine Ernsthaftigkeit bei, die anderen schottischen Krimi-Autoren manchmal fehlt. Sein Brodie-Erstling ist noir, teilweise traurig bis zur Verzweiflung. Dass er konsequent das unter den Schotten so beliebte Motiv des Jekyll & Hide fortführt, macht ihn nicht einzigartig, sondern sicher im Stil.

Natürlich, man hätte es ahnen können: Wer einem Roman ein Chandler-Zitat voranstellt, geht klar in die Richtung hardboiled und der Protagonist kann eigentlich nichts anderes sein, als ein Marlowe aus einer anderen Feder. Wie Brodie. Gerechtigkeitsfanatiker im Kampf für das Gute, dabei aber auch regelmäßg selbst zu den Waffen des Bösen greifend. Sein Rachefeldzug im letzten Viertel des Romans ist demzufolge fast ein bisschen »too much«, wenngleich an Action kaum zu überbieten. Brodie lässt es darauf ankommen, koste es, was es wolle. Und bleibt dabei ganz in der Tradition der Romantik eines Philip Marlowe:

In diesem Moment fragte ich mich, wie viele Chancen ein Mann in seinem normalen Leben erhielt, gemeinsam mit der Sonne gen Westen zu segeln – auf einer wunderschönen Jacht und mit einer bildhübschen Blondine an seiner Seite?

So hat Gordon Ferris auch wirklich wenig zu tun mit Ian Rankin & Co. Vielmehr erinnert er in seiner Schreibe und der von ihm kreierten Atmosphäre an William McIlvanney, David Peaces Red-Riding-Quartett oder Ken Bruens Jack-Taylor-Reihe.

Galgenfrist für einen Toten – bitter, düster, voller Tempo und Action. Ein Kriminalroman in bester, alter Schule. Mehr davon!

Lars Schafft, April 2013

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Boris Schneider zu »Gordon Ferris: Galgenfrist für einen Toten« 15.05.2013
Ob es wirklich ein Ian Rankin wird, bleibt noch abzuwarten. Das Buch ist auf jeden Fall ziemlich spannend. Ich habe es mir auch auf Englisch als eBook geholt und kann es eigentlich nur weiterempfehlen!

Alle, die kein Englisch können, oder nicht so gut, sollten abwarten und es auf Deutsch kaufen. Es liest sich ein wenig kompliziert.

LG

Boris
http://www.esmokeking.de/
Christoph Baumann zu »Gordon Ferris: Galgenfrist für einen Toten« 05.05.2013
Die Inhaltsangabe des Hr. Schafft halte ich für erschöpfend und nachvollziehbar, komme jedoch zu einer anderen Bewertung. (Achtung ich nenne unten das Ende, ggf. nicht weiterlesen!!)

Am Anfang gefiel mir das Buch, u.a. aufgrund des geschilderten historischen Umfelds und des gebrochenen - Ich-Erzählers- Brodie. Je länger ich jedoch las, desto größer wurde mein Missfallen. Das betrifft wenig zeitgemäße (1946!) Begriffe (bspw. scannte für observieren, ggf. Übersetzungsfehler) oder den politisch korrekten Charakter der emanzipierten Anwältin Sam, mit der der Held natürlich eine - zumindest sexuelle - Beziehung eingeht. Das Buch lässt englische Ironie vermissen, ohne dafür den Sarkasmus amerikanischer hardboiled Klassiker zu bieten.Nachvollziehbar fand ich den Hintergrund der eigentlichen Taten (Mordserie an Jungen), jedoch nicht die hieraus konstruierte Verschwörung von Kirche, Kriminellen, Justiz und Polizei. Zum Schluss eliminiert der gebrochene Held in einer Art Schnitzeljagd eine komplette Bande kaltblütiger Krimineller, um dann in ein – für den publizistischen Erfolg offenbar unvermeidliches- happy slimy end zu münden.

Im Ergebnis komme ich zur Note 4, was 30 Punkten der KrimiCouch Scala entspricht.p.s.

Hr. Lafft von nennt Gordon Ferris auf einer Stufe mit David Peace. Das finde ich ungefähr so passend, wie ein Vergleich von James Last mit Miles Davis.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Michael Pleitgen zu »Gordon Ferris: Galgenfrist für einen Toten« 03.05.2013
The hanging shed - der Originaltitel besschreibt besser was im Roman zu finden ist:

viele teils langatmige Beschreibungen und Innensichten, ganz schön düster, ein bißchen retro-mäßig, stellenweise wie ein Märchen aus einer anderen Zeit, staubbesetzt.

Mit Rankin hat das wirklich nichts zu tun, er ist einfach näher dran...
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