Die Glasfresser von Giorgio Vasta

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 unter dem Titel Il tempo materiale, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei dtv.
Ort & Zeit der Handlung: Italien / Sizilien / Palermo, 1970 - 1989.

  • Rom: Minimum fax, 2008 unter dem Titel Il tempo materiale. 311 Seiten.
  • München: dtv, 2011. Übersetzt von Ulrich. Hartmann. ISBN: 978-3421044471. 315 Seiten.

'Die Glasfresser' ist erschienen als Hardcover E-Book

In Kürze:

Palermo 1978. Der elfjährige Nimbus ist ein Wortfanatiker und fasziniert von der Macht der Sprache. Mit sezierendem Blick analysiert er die Gesellschaft, der er sich nicht zugehörig fühlt. In dem Wunsch, sich abzusetzen, gründet er zusammen mit zwei Freunden eine Art Aktionszelle nach dem Vorbild der Roten Brigaden, und was wie ein kurioses Kinderspiel beginnt, verwandelt sich nach und nach in einen Höllengang von zunehmender Grausamkeit und Obsession. Bis einer der drei sich auf die Seite der Liebe schlägt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Scarmiglia, Bocca und ich« 32°

Krimi-Rezension von Wolfgang Franßen

Der Ich-Erzähler im Palermo von 1978 soll elf Jahre alt sein. Wir begleiten ihn, wenn er durch die Straßen streunt, an seiner Zuneigung zu einem kreolischen Mädchen leidet, wenn er kryptische Botschaften mittels Schnecken verfasst und sich über die »Mücke an sich« auslässt. Es sind nicht nur die Insekten in seinem Leben, die Anlass zu ausgiebiger Betrachtung bieten. Giorgio Vasta legt einem Elfjährigen Gedankengänge in seine Vorstellungskraft, die zwar sicher das Interesse eines Jungen berühren, aber seine Beschreibungen und Erkenntnisse, sind die Betrachtungen eines Erwachsenen.

Das ist das Wort. das mir gefällt. Schuldig. Auch wenn ich nie den Mut habe es zu sein. Denn darum handelt es sich, um eine Fähigkeit: Nicht alle können schuldig sein, es ist eine Bestimmung und es ist eine Aufgabe.

Nüchtern, sezierend, in seiner Detailtreue zuweilen langatmig wie aus einem barocken Roman des 19. Jahrhunderts wandelt ein Junge durch das Italien der Roten Brigaden. Trotz aller formalen, geistigen Beweglichkeit des Ich-Erzählers bleibt er altklug. Er mag vielleicht, wie man so schön sagt, ziemlich reif für sein Alter sein, doch dient sein Alltag weniger dazu, sein Leben zu beschreiben, als einem Autor als Folie, um seine Ansichten zu transportieren.

Die Gesichter ähnlich, die Stimme gleich. Die Kinder sprechen mit den Stimmen der Alten. Kein Unterschied zwischen Steinen und Haut; die Haut überzieht den Stein: Wird ein Stein gespalten, ist darin das Fleisch.

Und so erscheint die Geschichte wie ein in poetisch überstrapazierten Bildern gehauener Thesenroman.

Hört und sieht da nun ein Elfjähriger zu und wird so zum Chronisten seiner Zeit oder schwingt er sich zu geistigen Ergüssen auf? Es interessiert eigentlich nicht. Es bleibt belanglos. Man fragt sich lange Zeit, wer ist das überhaupt? Doch nicht aus dem Empfinden heraus, dass der Junge einem ein Rätsel ist, vielmehr aus dem Unbehagen, dass man es als Leser mit einem Konstrukt zu tun bekommt, das weder postmodern verfremdet ist, noch von einer Jugend um 1978 erzählt.

Der in Palermo geborene Giorgio Vasta wird seine Stadt kennen. Sein Roman Die Glasfresser wurde für den Premio Strega nominiert, doch kann man sich trotz des literarischen Anspruchs nicht sicher sein, ob die kühle Betrachtung so beabsichtigt ist oder vielmehr einer Geschichte entsteigt, die sich in den eigenen Verästelungen verliert.

Am Anfang der Pubertät nehmen die eigenen Beobachtungen sicher überhand und ängstigen einen Jungen. Ob man allerdings schon mit Elf sich zum Philosophen des Alltags aufschwingt, der über ein immenses Sprachvermögen verfügt, mag dahin gestellt sein. Und es steht angesichts des politischen Anspruchs auch zu bezweifeln, dass das der Kern sein soll. Hier wird rückwärts betrachtet, statt vorwärts gelebt.

Am besten man lässt man Giorgio Vasta selber zu Wort kommen:

Da ist der Himmel. Das ist das Wasser, da sind die Wurzeln. Da ist die Religion, da ist die Materie, das ist das Haus. Da sind die Bienen, da sind die Magnolien, die Tiere, das Feuer. Da ist die Stadt, da ist die Temperatur der Luft, die sich beim Atmen verändert. Da ist das Licht, da sind die Körper, die Organe, das Brot. Da sind die Jahre, die Moleküle, da ist das Blut; und da sind die Hunde, die Sterne, die Kletterpflanzen. Und da ist der Hunger. Die Namen. Da sind die Namen. Da bin ich.

Handelt es sich hier um eine pubertäre Verwirrung im Palermo der wilden Siebziger? Um eine Verstörung mitten in einer Welt, die sich rasant verändert? Warum versteckt der Autor sich hinter einem Jungen? Warum tritt er nicht hervor und erzählt seine Geschichte?

Die Glasfresser ist eine italienische Maskerade, die sich nicht entscheiden mag: will sie sich nun lieber verbergen oder sich verschämt entblößen.

Wolfgang Franßen, April 2011

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