Unschuldslämmer von Giles Blunt

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel No such creature, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Knaur.

  • New York: Henry Holt, 2009 unter dem Titel No such creature. 289 Seiten.
  • München: Knaur, 2010. Übersetzt von Eberhard Kreutzer. ISBN: 978-3-426-50562-5. 398 Seiten.

'Unschuldslämmer' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Der alte Max und sein Neffe Owen sind absolute Profis. Wie einst Robin Hood nehmen sie gekonnt die Reichsten aus. Doch nun wendet sich das Blatt. Die »Subtractors«, eine Bande, die ihrerseits Räuber ausraubt, wollen ihnen ihre Beute abjagen. Zu dumm, dass Max ausgerechnet jetzt Aussetzer hat …

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Stefan83 zu »Giles Blunt: Unschuldslämmer« 24.07.2011
Ian Rankin hat es bereits getan, Mark Billingham ebenso. Und jetzt tut es ihnen auch der kanadische Krimiautor Giles Blunt gleich. Nach 4 Romanen aus der Reihe um Detective John Cardinal sucht er die Abwechslung und legt mit „Unschuldslämmer“ einen neuen Stand-Alone-Titel vor. Und dieser könnte sich wohl kaum mehr von den sonst so düsteren Thrillern im eisigen Norden unterscheiden. „Eine Gangster-Komödie“ prangt in roten Lettern auf dem Cover, das sonst mit einem kahlen Highway samt Pickup-Wohnmobil gewohnt kühl gehalten ist und nicht allzu viel verrät. Vielleicht hat es mich gerade deshalb neugierig auf diesen Roman gemacht, der in Deutschland bisher konsequent von den einschlägigen Krimi-Kritikern ignoriert wurde. Man kann nur sagen, zu Unrecht, denn hier deckt sich Werbung durchaus mit Inhalt. „Unschuldslämmer“ ist ein äußerst kurzweiliges Katz-und-Maus-Spiel im Stile von „Schnappt Shorty“ und Co., das an keiner Stelle in den Klamauk abzudriften droht und gleichzeitig nie an Spannung verliert.

Erzählt wird die Geschichte des überzeugten Meisterdiebs Max Maxwell, der gemeinsam mit seinem Neffen Owen, für den er nach dem Tod dessen Eltern sorgt, im Wohnmobil durch die USA zieht und die Superreichen ausnimmt wie die Weihnachtsgänse. Entgegen dem wohlbekannten Robin Hood wird die Beute jedoch in die eigene Tasche gesteckt und dafür benutzt, den nomadischen Lebensstil noch bequemer zu gestalten. Die wichtigste Regel dabei: Niemand darf bei ihren Raubzügen verletzt werden. Max, der immer noch seiner Karriere als Schauspieler nachtrauert, will das gebannte Publikum wie ein Gentleman behandeln. Das hat bisher auch immer gut funktioniert, doch nun scheint sich das Alter immer mehr bemerkbar zu machen. Plötzlich schleichen sich mitten im Ablenkungsmanöver Aussetzer ein. Anstatt einen Ballsaal von Politikern in Schach zu halten, legt der alte Gauner lieber eine flotte Sohle mit der Gastgeberin aufs Parkett. Nur Owen kann eine Katastrophe verhindern und mit Max, der in solchen Momenten völlig vergisst wer und wo er ist, vom Tatort fliehen. Doch wie lange bleibt ihnen das Glück noch hold?

Da es keine Rente für Diebe gibt und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis Max einen Coup vermasselt, setzt Owen alles daran, ihre Raubzugtour zu beenden. Davon will sein Onkel natürlich nichts wissen. Im Gegenteil: Mit zwei alten Partnern plant er einen neuen Streich, nicht wissend, dass auch die „Substrahierer“ Wind von seinem Vorhaben bekommen haben. Diese Bande raubt ihrerseits Räuber aus und bricht den Codex der Diebe mit erschreckender Brutalität. So werden ihre Opfer nicht nur um ihre Beute erleichtert, sondern gleich auch um das ein oder andere Gliedmaß. Plötzlich sind die beiden Meisterdiebe auf der Flucht. Und als ob das noch nicht genug wäre, verfällt der junge Owen auch noch einer hinreißenden Frau …

Was auf den ersten Zeilen wie typischer Hollywood-Ami-Kitsch klingt, entwickelt zwischen den Deckeln einen herrlichen Drive und überzeugt mit spritzigem Humor und wortwitzigen Dialogen. Max und Owen wachsen dem Leser sogleich ans Herz, wenngleich die Theatralik des Älteren auf Dauer auch ein wenig an den Nerven sägt. Gleichzeitig ist die Idee des dementen Diebes aber so erfrischend, dass man über gewisse Überzeichnungen hinwegsieht, zumal sich unter dem oberflächlichen Roadmovie eine zuvor ungeahnte Tiefe verbirgt, welche mit jeder Seite mehr zum Tragen kommt und im weiteren Verlauf für das ein oder andere Überraschungsmoment sorgt. Das diese allesamt gezündet und mich, ja, überrascht haben, liegt daran, dass Blunt die Handlung immer wieder mit geschickten Manövern in andere Bahnen lenkt. Darüber vergisst der Leser dann auch, dass er eigentlich zwei Kriminellen die Daumen drückt. Was jedoch bei Starks Parker bereits schon funktioniert hat, zündet hier auch. Nur eben auf witzige Art und Weise. Der abgehalfterte Shakespeare-Mime und sein junger Sidekick, aber auch die anderen Figuren, sorgen für ein stetiges Dauergrinsen und ringen selbst todernsten Szenen noch ein Fünkchen Witz ab. Wohlgemerkt ohne diesen zum Selbstzweck verkommen zu lassen. Stattdessen schwingt zwischen Blunts Worten immer wieder eine gewisse Botschaft mit, welche letztlich dafür sorgt, dass „Unschuldslämmer“ nicht direkt nach Beendigung der Lektüre in Vergessenheit gerät.

Ob diese Geschichte allerdings die Fans der Cardinal-Serie auch ausreichend zu unterhalten weiß, steht auf einem andern Blatt. Wer mit den üblichen Vorstellungen und Erwartungen auch an dieses Buch herangeht, wird sich, trotz der düsteren Passagen, unweigerlich enttäuscht sehen. Freunde von Elmore Leonard sollten aber auf ihre Kosten kommen. Nicht zuletzt deshalb, weil Blunt die Coolness von Leonards Figuren, insbesondere die Femme Fatale, herrlich parodiert. Stellenweise schreit es auch hier geradezu nach einer Verfilmung.

Insgesamt ist „Unschuldslämmer“ ein Gangster-Roadmovie alter Schule, das dank perfekt getimter Situationskomik einfach Spaß macht (sofern man nicht zum Lachen in den Keller geht) und doch dabei immer noch genügend Spannung bietet. Blunt ist hier ein schwieriger Spagat gelungen, an dem bereits viele gescheitert sind. Gerade deswegen und aufgrund des stimmigen Finales ist dieses Buch für mich eine der Entdeckungen des Jahres 2011.
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