Panik von Gianluca Morozzi

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel Blackout, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Goldmann.

  • Parma: Guanda, 2004 unter dem Titel Blackout. 242 Seiten.
  • München: Goldmann, 2006. Übersetzt von Katharina Schmidt. ISBN: 978-3-442-46158-5. 242 Seiten.

'Panik' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Bologna an einem heißen Sommertag. Im Fahrstuhl eines Apartmenthauses stecken drei Menschen fest: Claudia, eine Studentin, die als Kellnerin jobbt, der junge Tomas, der mit seiner Freundin nach Amsterdam flüchten will, und Aldo, der ein Doppelleben führt: Denn der Familienvater ist ein psychopathischer Mörder. Keiner hört die Rufe der Eingeschlossenen, auch nach Stunden ist noch keine Hilfe in Sicht. Die Luft im Aufzug wird immer stickiger, und die Aggression unter den dreien nimmt zu. Vor allem Aldo kann sich kaum noch beherrschen. Dann geht plötzlich das Licht aus …

Das meint Krimi-Couch.de: »Allein im Aufzug mit dem Psychopathen« 70°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Aldo Ferro ist eigentlich ein fürsorglicher Familienvater, der sich gerne darüber aufregt warum ein Kind wie sein Sohn Jacopo unbedingt ein Handy haben soll. Beruflich leitet Aldo, der sich selbst als größten lebenden Elvis-Fan sieht, in Bologna drei Open-Air-Lokale, allen voran das Pink Cadillac. Alles in bester Ordnung, doch – wie schon angedeutet – nur eigentlich, denn Aldo führt ein Doppelleben. Neben Familie und Kneipen frönt er noch einer weiteren Leidenschaft, den so genannten Snuff-Videos. Diese anzugucken ödet ihn jedoch zunehmend an und so hat er gerade einen jungen Mann in Gefangenschaft genommen, um den perfekten Film selber zu drehen. Nur noch einmal kurz in seine geheim gehaltene Junggesellenwohnung im 20. Stock und schon kann der Film vollendet werden. Dumm nur, dass Aldo im Aufzug stecken bleibt.

Gemeinsam mit anderen Menschen auf engstem Raum in einem Aufzug zu fahren ist auch dem 16-jährigen Thomas zuwider, zumal dieser in Gedanken im fernen Parma ist. Dort wartet seine große Liebe Francesca, mit der er nach Amsterdam durchbrennen will. Die Zeit drängt, aber statt der gemeinsamen Flucht steckt Thomas in einem Aufzug fest. Zusammen mit einer jungen Frau mit grünen Haaren und einem etwas seltsamen Elvis-Double.

Claudia, die 24-jährige Frau mit den gefärbten Haaren, will nur noch eins. In ihre Wohnung im 19. Stock und dann unter die Dusche. Stattdessen steckt sie mit zwei Männern in einem Aufzug fest, von denen ihr der schmierig erscheinende Elvis-Verschnitt überhaupt nicht geheuer erscheint. Nicht zuletzt, weil dieser den Blick kaum von ihrer recht freizügigen Dienstkleidung abwenden kann …

Gute Grundidee, wäre da nicht schon der Film Abwärts

Gianluca Morozzi spielt in Panik geschickt mit den Ängsten von Menschen, die auf engstem Raum mit fremden Personen zusammen eingeschlossen sind. Gerade einmal 1,30 m tief und nur 0,95 m breit ist der Aufzug, in dem Aldo, Thomas und Claudia festsitzen. Das Schreckensszenario kann also beginnen, denn ihre Hilferufe werden nicht gehört, die Handys haben keinen Empfang und mit der Zeit wird auch die Luft knapp.

Der Beginn der Aufzugfahrt startet ab Seite 82. Bis dahin nimmt sich der Autor Zeit, seine Figuren und deren aktuelle Interessen vorzustellen. Aldo ist – wie bereits erwähnt – durch und durch Elvis-Fan, Claudia kennt jede Serie von Supermannheften und Thomas hat ein Faible für Thunder Road von Bruce Springsteen. So wird zunächst viel am eigentlichen Plot vorbei erzählt, doch dient dies letztlich zum Verständnis der persönlichen Befindlichkeiten während der Zeit im Aufzug.

Die klaustrophobische Stimmung in der engen Kabine wird von Morozzi gut geschildert, ebenso wie die Gedankengänge der drei Protagonisten. Insbesondere Aldo kann sein zweites Ich nur mühsam im Griff halten. Natürlich würde er, der jede Frau meint haben zu können, am liebsten Thomas mit seinem Taschenmesser abstechen und danach über Claudia in ihrem aufreizenden Outfit herfallen. Doch dann siegt wieder die Stimme der Vernunft, denn wie soll er später eine solche Situation erklären?

Ein recht spannendes Katz- und Mausspiel mit überraschendem Ende. Leider schweift die Story mitunter weit vom Thema ab, zumal wenn die drei Hauptfiguren ihren Gedanken nachhängen. So gelangt u. a. die Comicfigur Dylan Dog kurzzeitig zur Berühmtheit. Die Erzählweise des Autors ist sicher nichts für jeden Geschmack, der Plot in sich aber stimmig und so bleibt zum Schluss festzuhalten, dass Panik noch besser wäre, wenn man nicht ständig an Götz George in dem Film Abwärts denken müsste. Aber das ist eine andere Geschichte.

Jörg Kijanski, Juli 2008

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Domme zu »Gianluca Morozzi: Panik« 07.08.2008
Das Ende ist sehr überraschend, man versetzt sich plötzlich mit einem ganz anderem Thema. Mittem im Buch geht es schließlich um ein anderes Thema, dass eigentlich nicht mit dem Vorherigen Inhalt zu tun hat.
Das Verblüfft einen!
Mir hat das Buch sicherlich gefallen und kann es nur weiterempfehlen.
Alles wurde genau erklärt und es hat Spaß gemacht dieses Buch zu lesen!
0 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
crycorner zu »Gianluca Morozzi: Panik« 24.07.2008
Ich fand das Buch ziemlich durchschnittlich. Vermutlich lag es am Schreibstil Morozzis, welcher als umgangssprachlich und einfach bezeichnet werden kann. Die Idee ist sicherlich eine ziemlich Gute und ich stehe eigentlich auf diese kammerspielartigen Situationen. Trotzdem, und vermutlich gerade Aufgrund der Sprache fehlt die für Kammerspiele so reizvolle psychologische Tiefe.

Warum Herr Kijanski mit "Abwärts" vergleicht, kann ich auch nicht so recht nachvollziehen. Ich habe bei Philip Kerrs "Game Over" auch nicht an "Stirb Langsam" gedacht, obwohl sich beides in einem Hochhaus abspielt.

Die Ausgangssituation ist eine ganz andere, und zwar gerade Aufgrund der Einführung der verschiedenen Charaktere, insbesondere Aufgrund von Aldo. Die Gewaltkomponente ist deutlich ausgeprägter und expliziter.

Insgesamt finde ich es schade, dass dieses Buch nicht von einem wirklich guten Autor geschrieben wurde... daher nur 60% von mir.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Bio-Fan zu »Gianluca Morozzi: Panik« 24.07.2008
Den Verweis des Rezensenten auf den "relativ" bekannten Film "Abwärts" mit Götz George finde ich schon ein wenig diskriminierend. Morozzis Roman besitzt genügend Eigenständigkeit und starke Bilder, um es mit diesem Film aufzunehmen. Die Idee - drei Menschen im Aufzug festsitzend- hat er originell und spannend gelöst. Auch wenn das Vorspiel ein bißchen langatmig geraten ist, setzt die Spannung sofort ein, wenn die Aufzugstüren sich schließen.
Das liegt unter anderem an Morozzis Schreibstil, den ich als sehr zeitgemäß bezeichnen würde. Meist kurze Sätze, knapp gehaltene, leicht schnoddrige Dialoge - Satzteile phrasenhaft wiederholt machen Tempo- Worte mantragleich runtergebetet drücken Ängste und Ungläubigkeit ob dieser Situation aus.
Die ruhigeren Phasen, wenn aus dem Leben der Protagonisten erzählt wird, runden die Geschichte zu einem in sich stimmigen Finale ab.
"Panik" ist natürlich nicht das "Große Kino", aber eine feine kleine Geschichte mit einer guten Portion an Schwarzem Humor und viel italienischer Lebensfreude.
78 Grad für "La vita dulcamara"
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Markus zu »Gianluca Morozzi: Panik« 13.07.2008
Ich bin mitten drin das Buch zu Lesen und muss sagen, dass der Anfang spannend war ich jedoch nach und nach mit dem Erzählstil des Autors so meine Probleme hatte. Naja durch die eigentlich positive Rezension werde ich mich aufraffen das buch noch zu Ende zu lesen. Die Grundidee finde ich spitze
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
mase zu »Gianluca Morozzi: Panik« 08.07.2008
Ich bin gerade sehr überrascht. Ich habe dieses Buch mit den Beschreibungen Aldos Taten als äusserst eklig in Erinnerung und wundere mich, warum das in der Rezi nicht erwähnt wird.

Mir hat es insgesamt sehr gut gefallen. Ein gemächlicher Anfang, der in einen Albtraum mündet. Morozzi beschreibt die Enge, die Hitze und die Emotionen in der Fahrstuhlkabine sehr treffend und ich war froh, dass ich unmittelbar nach der Lektüre in keinen Fahrstuhl steigen musste.

Das Ende bietet noch eine grosse Überraschung auf, die diesem Buch das besondere Etwas verleiht.
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