Ein bitterkalter Nachmittag von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2003
unter dem Titel Schopenhauer´s Telescope,
deutsche Ausgabe erstmals 2010
bei Luchterhand.
Ort & Zeit der Handlung: Europa, 1930 - 1949.
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London: Scribner, 2003 unter dem Titel Schopenhauer´s Telescope.
ISBN:
0743239202. 306 Seiten.
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München: Luchterhand, 2010.
Übersetzt von Thomas Gunkel.
ISBN:
978-3630873428.
'Ein bitterkalter Nachmittag' ist erschienen als
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In Kürze:
Ein Nachmittag in einem Dorf irgendwo im winterlichen Europa: Ein Mann gräbt auf einem Feld ein großes Loch, ein anderer wacht über ihn. Der Schnee fällt, Soldaten marschieren vorbei, Lastwagen karren Dorfbewohner an den Waldrand. Während rings umher ein Bürgerkrieg tobt, beginnen die beiden Männer miteinander zu reden. Sie kennen sich, der Bewacher ist der Lehrer, der Mann in der Grube der Bäcker des Dorfes. Sie stehen auf verschiedenen Seiten in diesem nicht näher benannten Konflikt, und sie tasten sich aneinander heran, indem sie über den Menschen, die Zivilisation, die Geschichte des Krieges und über Gewalt reden. Philosophische Dispute, listige Spiegelgefechte, spielerische Anklagen vertreiben die Kälte und verkürzen die Zeit. Und doch muss die Grube gegraben werden, sie dient einem Zweck, der beiden nur allzu klar ist.
Im Laufe weniger Stunden offenbart sich nicht nur, warum die beiden sich an diesem Ort, in dieser Situation befinden, sondern auch, dass die Geschichte der Menschheit und der Zivilisation untrennbar verbunden ist mit der Geschichte der Gewalt.
Das meint Krimi-Couch.de: »Die Bürde der Tiefsinnigkeit«
Krimi-Rezension von Wolfgang Franßen überspringen
Wer sich Mord und Totschlag von diesem Roman verspricht, wird enttäuscht werden. Dies ist alles schon geschehen. In seinem Erstling widmet sich Gerard Donovan ausgiebig der Suche nach Schuld und Gerechtigkeit und entwickelt ein eisiges Kammerspiel um Verrat und Überleben. Auf den Winter versteht sich der Autor. Schon im Vorgänger Winter in Maine war der eigentliche Held der Geschichte die Natur, in der sich die Menschen eine Schlacht lieferten. Gerard Donovans nun auf deutsch erschienener Erstling landete auf der Longlist des Man Booker Prize 2003. Wer sich mit dem höchsten britischen Literaturpreis auskennt, weiß, dass dort zumeist keine Mainstream-Krimis landen, sich höchstens ein feiner kriminalistischer Plot mit literarischem Anspruch hin verirrt.
Was würden Sie tun, wenn sie sich entscheiden müssten, entweder ihre Freunde zu verraten oder zu sterben?
Diese Frage stellt der Autor seinen Lesern im Anhang. Sie hat ungefähr die alles entscheidende Bedeutung der früheren Gewissensprüfung bei den Wehrdienstverweigern, wenn der Vorsitzende fragte: »Was machen Sie, wenn ein Russe mit einer Kalaschnikow aus dem Gebüsch springt und ihre Familie niedermetzeln will.«
Bei Donovan kommen ein Bäcker und ein Lehrer zu Wort. Es bedarf allerlei Verrenkungen, um den Bäcker literarisch und philosophisch so auszustatten, dass er sich ganz im Sinn Platons auf einen Dialog einlässt, um sich der Wahrheit zu widmen. Der Bäcker schaufelt ein Loch. Es sieht lange Zeit so aus, als hebe er sein eigenes Grab aus. Wenn schon nicht für sich, dann für die auf Lastwagen herbeigeschafften Menschen. Es herrscht Krieg in Donovans winterlicher Landschaft. Die schwarzen Soldaten haben den grünen Soldaten Platz gemacht. Die karge Winterlandschaft passt zu diesem Ambiente. Sie bietet keine Ausflüchte und der Autor findet in kurzen Zwischenkapiteln die treffende Sprache für die Bedrohung, der man sich aussetzt, begibt man sich erst mal in die Kälte hinaus.
Diese Passagen und die eingestreute Erzählung, bei der ein Bäcker mit Hilfe von Sunzis Die Kunst des Krieges die Schlacht gegen eine Kundin gewinnt, die nicht anderes im Sinn hat, als seinen Laden zu betreten und seine Kuchen zu begrapschen, zeigen das erzählerische Vermögen des Autors. Der Rest der Geschichte zerfällt leider in Einzelteile und kann allenfalls als Thesenroman durchgehen. Bei der Verbrechen an der Menschheit begangen werden, wie sie der belgische König Leopold im Kongo verübt hat, um Kautschuk zu gewinnen, oder wenn Backöfen dazu errichtet werden, um Leichen zu verbrennen. Eine mit viel geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen aufgeblasene Geschichte, die sich mit Hilfe der Philosophen dem Thema des Verrats in Zeiten des Krieges nähert.
Donovan bedient sich Platons, Lockes, Descartes, um mit deren Hilfe Gericht zu halten. Deswegen ist der deutsche Titel irreführend. Im Original lautet er treffender: Schopenhauer’s Telescope.
Zwischenzeitlich öffnet sich das Gespräch zu einem Rollenspiel, um einem Kollaborateur in ein Schuldeingeständnis zu treiben. Das wirkt bemüht, konstruiert, unglaubwürdig und ist bar der fröstelnden, kargen Poesie, die Donovan in Winter in Maine auszeichnete. In seinen Gedanken zum Schluss beschreibt der Autor, wie er allmählich für sich zum Kern der Geschichte vorgedrungen ist:
Am Ende fand ich den Bäcker interessanter. Die Perspektive des Mannes, der bis zu diesem Tag die Kunst des Überlebens perfektioniert hat, zog mich an: Jemand, der alles tun wird, um am Leben zu bleiben, selbst wenn das für andere den Tod bedeutet.
Hätte er nur davon erzählt, statt dem philosophischen Diskurs eine Plattform zu bieten, es wäre eine spannende Geschichte geworden.
Wolfgang Franßen, Dezember 2010
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