Der Tod im Theater von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 1956
unter dem Titel Mort aux ténors,
deutsche Ausgabe erstmals 1958
bei Desch.
Ort & Zeit der Handlung: Frankreich / Paris, 1950 - 1969.
- Paris: Gallimard, 1956 unter dem Titel Mort aux ténors. 205 Seiten.
- München, Wien, Basel: Desch, 1958. Übersetzt von Maria Lampus. Die Mitternachtsbücher; Nr. 5. 205 Seiten.
- München: Moewig, 1969. Übersetzt von Maria Lampus. 157 Seiten.
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In Kürze:
In Paris gerät ein junger Sänger in eine Intrige, die mehrere ungleich erfolgreichere Konkurrenten auf spektakuläre Weise das Leben kostet. Von der Polizei als Informant gepresst, muss der Pechvogel sich in der bunten Künstlerszene der Seine-Metropole nach dem Täter umtun, bis er diesem unverhofft ein wenig zu nahe kommt ... – Tüchtig angestaubter französischer Krimi, der weniger von seinem Plot als von den sichtlichen Insiderkenntnissen des Verfassers profitiert. Die realistische Darstellung des gar nicht so fröhlichen Künstlerlebens wird indes entwertet durch eine (verklemmte) Frivolität suggerierende, allzu verschnörkelte Sprache, hinter der sich zudem unerfreuliche Vorurteile verbergen.
Das meint Krimi-Couch.de: »Kugel in der Kehle stoppt Kunstgenuss«
Krimi-Rezension von Michael Drewniok überspringen
Hart ist das angeblich so schöne Künstlerleben im Paris der 1950er Jahre, weil groß die Konkurrenz. Wenige Gewinner gibt es, die von den nicht so vom Glück Begünstigten beneidet und gehasst werden. Der junge Bariton Jo Barnais ist so ein Pechvogel, der sich mehr schlecht als recht von Auftritt zu Auftritt durchschlägt, obwohl er die Szene genau kennt.
Der Tenor Camille Manola steht hingegen auf dem Zenit seiner Karriere, wird ständig gebucht, ist reich und ein Idol der Massen. Nach zwei Jahren Abstinenz kehrt er unter großem Medienrummel auf die Bühne zurück. Ob seine Sangeskunst gelitten hat, kann nicht festgestellt werden, denn noch vor dem ersten Ton trifft ihn eine Kugel in die Kehle.
Unter den entsetzten Zuschauern ist auch Jo Barnais. Er wird direkt in die Ermittlungen einbezogen, denn sein 'Freund', der rücksichtslose Kommissar Lambert, bedient sich seiner als Laufbursche und Spitzel, der sich hinter den Kulissen der Pariser Bühnenwelt umschauen soll. Dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht ist klar, als es kurz darauf auch Manolas Nachfolger erwischt, der einem Sprengstoffanschlag zum Opfer fällt.
Verdächtige gibt es viele, denn niemand konnte die Verstorbenen leiden. Intrigen und verwickelte Liebschaften erschweren den Versuch ein Motiv und damit den Täter zu finden. Mögliche Spuren erweisen sich als Sackgassen, obwohl sich der Mörder inzwischen nicht mehr zurückhält und sogar anonyme Botschaften verschickt. Er weiß um die Ratlosigkeit der Polizei – und seine Mission ist noch nicht beendet, wie schon bald ein weiterer Tenor feststellen muss …
Rotlicht lässt Spießerherzen klopfen
Mord in der Pariser Theaterwelt – da bedeutet hier weniger das kriminalistische Spiel, die Suche nach Indizien, die Jagd nach dem Mörder, sondern die Reise in Spießers Wunderland: das Halbwelt- und Rotlicht-Milieu, welches mit der Boheme seit jeher gleichgesetzt wird. O-la-la-Anzüglichkeiten, die aufgrund des Erscheinungsdatums erwartungsgemäß ziemlich verdruckst ausfallen, sollen für einen frivolen Grundton sorgen, der allerdings heute eher ranzig wirkt.
Unterstützung sucht der Verfasser in einer höchst blumigen Sprache, die ebenfalls irritiert, aber dem Szene-Jargon der Zeit entsprochen haben mag. Heute möchte man den Ich-Erzähler ob seiner im Übermaß eingesetzten, neckisch-kindischen Verniedlichungen und barocken Blumigkeiten aber viel lieber ausgiebig beuteln.
Die Handlung selbst tritt besonders zwischen den Morden arg auf der Stelle. Nur locker scheint der Verfasser mit den Methoden der Polizeiarbeit vertraut. Statt dessen setzt er auf einen energischen Kommissar mit genialen Einfällen, die allerdings nur deshalb so wirken mögen, weil er sich die meiste Zeit mit Andeutungen begnügt oder gänzlich in geheimnisvolles Schweigen hüllt.
Unkonventionell und trotzdem eindimensional
Dem Leser fällt etwas Eigentümliches auf: Sämtliche Figuren dieses Romans wirken außerordentlich unsympathisch. Das kann vom Verfasser so nicht gewollt sein. Fragt sich also, was da geschehen ist.
Einfach ist die Ablehnung an der Figur des Kommissars Lambert festzumachen. Den will Barnais als harten, vom Job geprägten Bullen charakterisieren, den längst nichts mehr überraschen kann. Tatsächlich erleben wir einen selbstherrlichen und herablassend jovialen, das Gesetz nach Belieben brechenden Miniatur-Diktatoren, der mit den Bürgern, die er schützen soll, wie mit Leibeigenen umspringt. Auch der legendäre Maigret ist ein Patriarch, nach dessen Pfeife man zu tanzen hat, aber er ist keineswegs so ein Kotzbrocken wie Lambert. Man fragt sich, ob da nicht einschlägige und unerfreuliche Erfahrungen den Verfasser inspirierten. Belegt ist in der Tat, dass die Pariser Polizei nicht zimperlich war oder ist.
Dennoch nervt die Servilität des Sängers Jo Barnais, der sich ohne Widerstand von Kommissar Lambert in eine gar nicht ungefährliche Rolle zwingen lässt. Auch sonst ist er ein flatterhafter Zeitgenosse, der hinter einer Fassade aus Selbstbetrug und vorgespieltem Zynismus nicht halb so chic und unkonventionell wirkt wie das sein geistiger Vater wohl geplant hat.
Frauen sind in der Pariser Künstlerwelt hübsch, aber entweder falsch, weil lotterhaft und stets auf ihren Vorteil bedacht, oder naiv bis dumm, aber auf jeden Fall für den raschen Verbrauch geschaffen. Das gilt auch für die »hübschen Milchmädchen«, die »jungen Fleischwarenverkäuferinnen«, die »kleinen Modistinnen« (S. 80), die – da nicht zur eigenen Szene gehörend – Freiwild und Spottvieh sind. Deshalb muss Barnais auch kein schlechtes Gewissen plagen, wenn er sie nach Kräften belügt und ausnutzt. Ja, so ist er halt, der angeblich liebenswerte Pariser Künstler – die ganze Nacht auf den Beinen, bis zum Mittag im Bett (möglichst nicht allein), ansonsten im Cafè, um den neuesten Klatsch auszutauschen. So sahen ihn die zeitgenössischen Medien allzu gern, und der Verfasser sieht keinen Grund, solche Klischees nicht ausgiebig zu bedienen.
Hässlichkeiten verbreitet der Autor – natürlich, muss da wohl sagen – gegen homosexuelle Kollegen. Mordopfer Manola ist schwul und wird so dargestellt, dass er sein Schicksal als 'Strafe’ mehr oder weniger verdient hat. Üble Nachrede und ironische Anmerkungen von Kommissar Lambert gibt=s reichlich gratis dazu.
Ein Erfolg ist dieser Roman zumindest in Deutschland offenbar nicht gewesen, wo uns die übrigen Werke des Jo Barnais erspart blieben. In Frankreich wurde »Mort aux ténores« dagegen noch 1987 im Rahmen der TV-»Série noir« verfilmt; die Titelrolle spielte ein Schauspieler mit dem Namen »Lucky Blondo«, was bereits kein Meisterwerk des Kriminalfilms vermuten lässt …
Michael Drewniok, März 2008
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