Maigret als möblierter Herr von Georges Simenon

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1951 unter dem Titel Maigret en meublé, deutsche Ausgabe erstmals 1957 bei Kiepenheuer & Witsch.
Ort & Zeit der Handlung: Frankreich / Paris, 1950 - 1969.
Folge 37 der Maigret-Serie.

  • Paris: Presses de la Cité, 1951 unter dem Titel Maigret en meublé. 223 Seiten.
  • Köln; Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1957. Übersetzt von Jean Raimond. 188 Seiten.
  • München: Heyne, 1967. Übersetzt von Jean Raimond. 140 Seiten.
  • Zürich: Diogenes, 1979. Übersetzt von Wolfram Schäfer. 199 Seiten.
  • Zürich: Diogenes, 2009 3. Übersetzt von Wolfram Schäfer. Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden, Bd. 37. ISBN: 978-3-257-23837-2. 195 Seiten.

'Maigret als möblierter Herr' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Um einen Mordversuch an seinem getreuen Helfer, Inspektor Janvier, aufzuklären, mietet sich Maigret in der Pension der dicken, fröhlichen Mademoiselle Clement ein. Tatsächlich entdeckt er dort an einem höchst überraschenden Ort den Verdächtigen. Aber der Fall ist damit ganz und gar nicht abgeschlossen, denn im Haus gegenüber wohnt eine rätselhafte gelähmte Frau, die in die Sache verwickelt zu sein scheint …

Das meint Krimi-Couch.de:

Maigret, ein Kommissar in Paris, ist Strohwitwer. Seine Frau besucht ihre Schwester, die sich in einem Krankenhaus im Elsaß einer Operation unterziehen muss. Er weiß mit seiner Zeit nicht viel anzufangen, da erhält er einen Anruf, dass Inspektor Janvier, einer seiner liebsten Kollegen, angeschossen wurde.
Janvier tat Dienst in der kleinen pariser Pension der Mademoiselle Clément im Zusammenhang mit einem Raub in einem Nachtlokal.

Über den Hinweis einer Toilettenfrau konnte er den Aufenthaltsort eines der Täter in ebendieser Pension ausforschen und fand dort einen Teil des geraubten Geldes und einen Spielzeugrevolver, aber nicht der Täter. Die Polizei bewachte das Haus rund um die Uhr, bis eines Abends der diensthabende Janvier auf dem Bürgersteig vor der Pension durch einen Schuss in die Lunge lebensgefährlich verletzt wird. Er überlebt nach einer Notoperation.

Maigret schaltet sich in den Fall ein, nützt seine Situation als Strohwitwer und mietet sich ein Zimmer – als »möblierter Herr« – bei Mademoiselle Clément, um in unmittelbarer Tatortnähe seine Ermittlungen anzustellen. Er beobachtet und befragt andere Gäste im Haus und Nachbarn aus der Umgebung, wobei die Pensionswirtin eine zentrale Rolle spielt. Er blickt hinter die Fassade mancher Menschen und ihrer alltäglichen Handlungen, manche Abgründe tun sich auf, und plötzlich erhält die Geschichte eine entscheidende, unerwartete Wendung …

Bei Simenon darf man sich keine »Action«, hohes Tempo oder übersteigerte Brutalität erwarten. Er schreibt quasi mit allen Sinnen, auch Maigret ist auf seine Weise ein »sinnlicher« Mensch.

Bezeichnend dafür ist, auf welche Weise er dem Täter auf die Spur kommt: Er mietet ein Zimmer in der Pension am Tatort und nimmt, oft einfach am Fenster stehend, die optischen und akustischen Eindrücke der unmittelbaren Umgebung auf, die täglichen Handlungsabläufe der Menschen, in der Pension, im Haus gegenüber, auf der Straße, bis er ein vollständiges Bild gewonnen hat. Er sieht, registriert und analysiert die kleinsten Veränderungen, um Hinweise zu bekommen.

Dabei gelingen Simenon oft erstaunliche, eindrucksvolle Stimmungen wie etwa die Szene, in der Maigret in der Nacht, schlaflos am Fenster stehend, alle Geräusche und Farben der Umgebung in sich aufnimmt und daraus die Handlungen der Menschen ableitet. Manches erinnert dabei auch gelegentlich an die Tätigkeit eines Malers, oder an Filmszenen von Jaques Tati. Doch diese Dinge stehen nie im Vordergrund, sind nie Selbstzweck, die Sprache ist immer einfach, schlackenlos, und doch ausdrucksstark.

Hier und da zeichneten sich im Schwarz der gegenüberliegenden Häuser mehr oder weniger hell erleuchtete Rechtecke ab, nicht viele, fünf oder sechs, und manchmal erlosch eines von ihnen; Schatten bewegten sich lautlos hinter Gardinen oder Vorhängen.
Genauso mußte es an jenem Abend gewesen sein, als der arme Janvier über den Bürgersteig patrouilliert war.
Er hörte Geräusche am unteren Ende der Straße, dann Stimmen, die zwischen den Häuserwänden eigenartig hallten, eine Männer- und eine Frauenstimme. Man konnte beinahe verstehen, was sie sagten. Sie hatten sich untergehakt. Sie blieben zwei Häuser weiter unten stehen. Eine Hand zog an einer Klingelschnur, bald darauf verschwand das Paar, und eine Tür fiel schwer ins Schloß.

Simenon liebt seine Figuren, keine ist ihm gleichgültig, jede hat ihr eigenes, oft berührendes Schicksal, und auch der Täter wird nicht als hassenswerter Mensch dargestellt, sondern fast bedauernswert in seinem verpfuschten Leben, verstrickt in eine unglückliche Liebe.

Dieses Buch habe ich zum 100. Geburtstag von George Simenon (geb.13.2.1903) gelesen, es war mein erster Maigret, und er hat mich nicht enttäuscht. Leichte, angenehme Lektüre, auch zum Schlafengehen geeignet, immer hohes sprachliches Niveau, oft feiner Humor, menschliche Zeichnung der Charaktere. Jedoch auch für Leser, die Simenons sprachliche Imaginationskraft zu schätzen wissen. Nichts aber für Ungeduldige mit hoher Reizschwelle.

Ihre Meinung zu »Georges Simenon: Maigret als möblierter Herr«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Fabian zu »Georges Simenon: Maigret als möblierter Herr« 08.01.2006
Der allerbeste Maigret, auch wenn "Maigret als möbilierter Herr "ein Maigret aus den 50ern ist und somit einer der späteren,die eigentlich schlechter als die aus den 30ern oder 40ern sind,zB "der gelbe Hund" oder"Maigret regt sich auf"."Als möbilierter Herr" war mein erster Maigret und mein erster Krimi überhaupt . Von Simenon gings dann zu Chandler, Macdonald und Hammett. Die simenon-Romane habe ich dann aber auch weitergelesen und lese sie auch weiterhin.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Torsten Janssen zu »Georges Simenon: Maigret als möblierter Herr« 28.11.2005
Habe vor kurzem mal wieder "Maigret bei den Flamen" gelesen, bestimmt zum 3. oder 4. mal. Das Buch liest sich wie aus einem Guß, einfach herrlich. Man fühlt sich richtig hineinversetzt in die Welt der flämischen Schiffersleute um 1930. Ewiger Dank an Georges Simenon. Grüße
Miaa zu »Georges Simenon: Maigret als möblierter Herr« 04.03.2005
Lieber Wolfgang,
würde mich darüber freuen, wenn sie mehr über Maigret schreiben würden, auch ich bin eine richtige Süchtige geworden mit der Zeit.
Die Zeit vergeht mit diesen Büchern verdamt schnell, der Winter ist schon fast vorbei, auch mien nächstzes Buch ist fast ausgelesen, wenn die Sonnenstrahlen zurückkehren, kommen neue Maigretas, until Mia
Wolfgang Reuter zu »Georges Simenon: Maigret als möblierter Herr« 18.01.2005
Lieber Torsten!

Sie sind ja offenbar ein großer Simenon - Liebhaber! Und das mit Recht! Er ist für mich einer der ganz großen in der Kriminalliteratur, und daher möchte ich regelmäßig in größeren Abständen, wie es meine Zeit erlaubt, seine Bücher rezensieren.

Herzliche Grüße
Wolfgang Reuter ("reu")
Torsten Janssen zu »Georges Simenon: Maigret als möblierter Herr« 15.03.2004
Wurde übrigens ebenfalls verfilmt und lief wohl Anfang der 80 er Jahre im ZDF. Als frz. TV Produktion wohl eingekauft.
Torsten Janssen zu »Georges Simenon: Maigret als möblierter Herr« 02.03.2004
Immer wieder herrlich, die Szene wo Mademoiselle Clement unfreiwillig, weil von Maigret ertappt, ein riesiges Croissant verdrückt, daß sie für einen heimlichen Untermieter geschmiert hat. Nachher isst sie nur noch langsam mit dicken Backen, und Maigret lässt sich seelenruhig seinen Tabak schmecken.
Torsten Janssen zu »Georges Simenon: Maigret als möblierter Herr« 23.01.2004
Ebenfalls sehr guter Maigret. In diesem Maigret geht es Simenon, glaube ich, um eine genaue Milieu Schilderung Pariser Mietshäuser, und nicht nur um eine spektakuläre Auflösung eines Verbrechens.
Ihr Kommentar zu Maigret als möblierter Herr

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: