18 Sekunden von George D. Shuman

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel 18 Seconds, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei Heyne.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Pittsburgh, Texhoma, Wildwood (New Jersey), Philadelphia, Glassboro, 1990 - 2009.
Folge 1 der Sherry-Moore-Serie.

  • New York: Simon & Schuster, 2006 unter dem Titel 18 Seconds. 400 Seiten.
  • München: Heyne, 2008. Übersetzt von Norbert Jakober. ISBN: 978-3-453-43278-9. 400 Seiten.

'18 Sekunden' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Sherry Moore ist blind, besitzt dafür aber eine besondere Gabe: Wenn sie die Hand einer Leiche berührt, ziehen die letzten 18 Sekunden im Leben des Toten an ihr vorbei. Als sich ein aus der Haft entlassener Mörder zu einem Rachefeldzug aufmacht, wird sie von Detective Kelly O’Shaugnessy zu den Ermittlungen hinzugezogen. Was sie nicht ahnen kann: Die Spuren führen direkt in die Abgründe ihrer eigenen Vergangenheit. Gnadenlos spannend – eine neue Thrillerserie der Extraklasse.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Buch der verpassten Gelegenheiten« 52°

Krimi-Rezension von Jochen König

18 Sekunden ist einer dieser unausgegorenen Romane, die sich viel vornehmen, dann auf halber Strecke im Ungefähren landen und schließlich im Nirwana des Vergessens enden.
Doch der Reihe nach …

18 Sekunden lang ist das Zeitfenster, durch das die blinde Sherry Moore in die jüngste Vergangenheit Verstorbener blicken kann, sobald sie deren Hand oder andere Körperteile berührt. Dank dieser Fähigkeit – für die Shuman sich im Text sogar eine pseudowissenschaftliche Erklärung einfallen lässt – ist es ihr möglich, diverse Todesfälle ihren jeweiligen externen Verursachern zuordnen zu können. So wird sie unter der Hand von unvereingenommenen Polizisten weiter empfohlen, erlangt dank ihrer Erfolge eine gewisse Popularität und genügend Geld, um ein halbwegs komfortables Leben zu führen. Wenn nur nicht die Alpträume wären, die der blinden Schönheit – ihr gutes Aussehen wird mehrfach im Buch betont, gerade so, als hätte das körperliche Gebrechen per se Einfluss auf die Physiognomie – immer mehr zu schaffen machen. Vor allem, als sich herausstellt, dass die letzten beiden – zusammen hängenden – Todesfälle, denen sie sich widmet, mit ihrer eigenen, traumatischen Biographie zu tun haben.

Das zumindest ist der grobe Rahmen des Romans, denn über weite Strecken wird Sherry schlicht ausgespart und macht Raum für die in ihrem Rang umstrittene Polizistin Lieutenant »Lieu« Kelly O’Shaughnessy und den psychopathischen Serienkiller Earl Sykes.

Womit wir bei den zwei Pluspunkten des Buches wären: Sykes ist endlich mal keiner dieser intellektuell überlegenen Schöngeister, die sich durch die Kriminalliteratur der letzten zwei Jahrzehnte mordeten, sondern ein von Krebs zerfressener Loser, der sich von seiner Umwelt durch seine pure, dreiste Bösartigkeit unterscheidet und abgrenzt. Diese Absenz jeglichen Gewissens ermöglichte es ihm, über Jahre unerkannt zu foltern, vergewaltigen und töten: Der Abgrund wird nicht erkannt, weil für die umgebende Menschheit überhaupt keine Tiefe wahrnehmbar ist, sondern etwas Dreckiges, dessen Existenz mit angewidert abgewandtem Gesicht nur allzu gerne verleugnet wird.

Der zweite Pluspunkt ist die Darstellung Kelly O´Shaughnessy’s als erfolgsorientierte Frau in einer Männerdomäne, in der sich Kampf um Anerkennung, politisches Kalkül und strunzdummer Chauvinismus mitunter wüste und arbeitsbehindernde Grabenkämpfe liefern. DA schaut dann tatsächlich der Ex-Polizist Shuman dem Schriftsteller über die Schulter und weist ihm den richtigen Weg. Doch leider glänzt der müde Bulle viel zu oft durch Abwesenheit, und der Autor Shuman ignoriert die meisten Hinweisschilder.

Denn neben den durchaus respektabel gezeichneten Schattenseiten des Polizeialltags, macht sich die »Slaughterisierung« des Genres breit, d.h. dienststellenübergreifende Liebeshändel werden über viele Seiten erörtert, dargestellt, plakativ ausgeführt und irgendwann mehr oder minder desinteressiert fallen gelassen. Gartenlaube goes serial killing. Das ist langweilig, unerheblich, verrät nichts über das Seelenleben der Protagonisten, außer wie schwer es ist, sich für den ein oder anderen Mann zu entscheiden. Dass dabei die Polizeiarbeit leidet, ergibt sich fast zwangsläufig, fällt aber irgendwie nicht allzu sehr ins Gewicht. Denn wenn Wildwoods wilde Polizeifraktion ihre Hausaufgaben gescheit gemacht hätte, wäre Sherrys Anwesenheit gar nicht nötig gewesen, um den gerade aus dem Gefängnis entlassenen todkranken Mörder zu überführen.

Was den ganz großen Schwachpunkt des Buches kennzeichnet: Sherry Moore ist eigentlich einem ganz anderen Roman entsprungen. Einem, der sich bewusst dafür entscheidet, die Grenzen zur Phantastik zu überschreiten und Spannung aus diesen Grenzgängen zu ziehen. Hier wirkt die titelgebende, seherische Fähigkeit Sherrys nur aufgesetzt, etwas das anscheinend Shuman selbst aufgestoßen ist, verbannt er Moore doch aus wesentlichen Teilen des Romans und schickt sie eher beiläufig ins Finale. Ein Einzug, den sie weniger ihrer einzigarteigen Fähigkeit, sondern einem dummen Zufall zu verdanken hat. In Nebenepisoden bekommen die 18 Sekunden entscheidenden Raum, doch für die eigentliche Story sind sie nahezu überflüssig. Der psychotische Killer sorgt ganz alleine dafür, dass er genügend Aufmerksamkeit bekommt. Drei Engel für Charlie sind nichts gegen eine Blinde, eine desorientierte Polizeibeamtin und Sykes letztes Entführungsopfer, eine geschundene Proletengattin mit Wut im Bauch. Die Hölle für misogyne Psycho-Killer.

Die Figur des hundsgemeinen Earl Sykes, die Ansätze zum sarkastisch-beobachtenden Cop-Roman reißen 18 Sekunden mit viel gutem Willen aus tiefsten Bewertungsrängen. Shumans Debüt ist ein Buch der verpassten Gelegenheiten; als phantastischer Thriller zu lahmarschig und spannungsarm, als harter Polizeiroman zu esoterisch und kolportierend. Eine Gratwanderung, die Abstürze in beide Richtungen produziert. Für den eigenwilligen Versuch, die halbwegs gelungenen Charakterzeichnungen und meine Fähigkeit das allzu Dämliche schnell zu überlesen, gibt´s sehr, sehr freundliche 52 Grad.

Jochen König, April 2008

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schaetzelein83 zu »George D. Shuman: 18 Sekunden« 30.07.2008
Wie man meinen anderen Bewertungen entnehmen kann, bin ich ein Freund vom "Mitgenommenwerden bei den Ermittlungen". Mir gefällt es nicht, wenn man von den Ermittlungen so wenig mitbekommt, dass man sie selbst nicht lückenlos nachvollziehen kann, sondern auf den letzten Seiten plötzlich allen alles klar ist. Dies ist zwar hier nicht immer der Fall, aber da der Mörder schon sehr früh sehr offensichtlich ist, wartet man einfach 200 Seiten ab, dass auch die Polizisten draufkommen, wer der Mörder ist. Weiter schließe ich mich meinem Vorbewerter an, dass es schade ist, dass die blinde Sherry Moore nicht eine der Hauptpersonen ist und man voh ihrer Fähigkeit kaum was erfährt. Man kann es im Urlaub schnell und gut lesen, wird sich aber mit Sicherheit nicht lange daran erinnern.
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Glenraven zu »George D. Shuman: 18 Sekunden« 23.06.2008
Zunächst: durchaus lesenswert, auch wenn mich ein paar Sachen gestört haben.
Es mag an der Übersetzung oder der Redaktion liegen, aber es sind einige falsche Bezüge und sonstige grammatikalische Fehler enthalten.
Durch den Titel und den Klappentext wird der Eindruck erweckt, dass die übersinnlich begabte blinde Sherry Moore die eigentliche Hauptperson des Buches ist und ihre Gabe der Mittelpunkt der Storyline. - Dem ist aber nicht so.
Sherry ist stellenweise fast eine Randfigur, und ihre Fähigkeit, die letzten 18 Sekunden im Leben eines Toten zu "sehen", wird meist nur in Rückblenden und/oder in Bezug auf andere Fälle erzählt.
Die ersten zwei Drittel des Buches sind sehr guter Durchschnitt, hätten aber auch durchaus besser sein können, wenn der Autor sich entschieden hätte, was für einen Roman er eigentlich schreiben will. - Weiter unten mehr dazu.
(Und die Gründe für den Rachefeldzug des aus der Haft entlassenen Psychopathen hätten plausibler begründet werden müssen.)
Wodurch das Buch sehr gewinnt, ist das sich spannungsmäßig kontinuierlich steigernde Drittel, das aber - leider - auch den eigentlichen Höhepunkt zu schnell abwickelt - inklusive Klärung der Erinnerungen Sherrys an ihre Kindheit als kostenlose Zugabe, nachdem diese im Buch einige Male erwähnt wurden (auch hier: leider nur ein paar lapidare Sätze).
Sehr gelungen fand ich die Charakterisierung einiger Hauptpersonen in Bezug auf den privaten Bereich und Erlebnisse in der Vergangenheit.
Wahrscheinlich konnte Shuman sich bei seinem ersten Roman (Fortsetzung wird bald erscheinen) einfach nicht entscheiden, ob er einen Thriller, eine Mystery-Story oder einen Mainstream-Roman erzählen wollte, und hat deshalb all die Zutaten hierfür in einen Topf geworfen und umgerührt. - Das soll nicht heißen, dass es ein schlechtes Buch geworden ist, sondern nur dass eine gewisse Zwiespältigkeit beim Lesen entsteht, die sich durchaus hätte vermeiden lassen.
Ich habe großzügige 77 Grad vergeben, weil die schwächeren Passagen meiner Meinung nach nie richtig "schwach" (im Sinne von "langweilig") waren und die "guten" Kapitel extrem spannend, wie es sich für einen packenden Thriller gehört.
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MSutchy zu »George D. Shuman: 18 Sekunden« 15.04.2008
Ich mag Krimis und ich mags ein bisschen mysteriös. Da war es keine Frage, dass dieses Buch auf meinem SUB landete.
Die Vorfreude war also groß. Die Entäuschung leider auch.
Ich habe sehr begeistert angefangen das Buch zu lesen, doch kaum angefangen habe ich mich gefragt, wo bleibt denn nun die Hauptprotagonistin...
Die war nämlich eigentlich Kelly O’Shaugnessy und nicht Sherry Moore. Zumindest hatte ich diesen Eindruck. Dabei sollten Sherrys besondere Fähigkeiten doch eigentlich der Anreiz für dieses Buch sein, oder?
Zudem ist der Klappentext auf der Rückseite auch nicht ganz stimmig.
Ich bin viel zu spät mit der Geschichte warm geworden, wegen o.g.. Die Handlung war zunächst langatmig, wurde zum Schluß aber spannender.
Trotzdem kann ich sagen, dass die Charaktere gut ausgearbeitet waren. Besonders der Bösewicht war wirklich gut gelungen. So richtig grausam, fies und eklig.
Jedoch ist die Verstrickung der Personen vorhersagbar. Selbst ein Blinder würde die Absichten des Autors erkennen. (Kleiner Insiderscherz!)
Außerdem wie klug muss man als Polizist sein, um seine Feinde zu erkennen und zu wissen, wo sie zu finden sind, besonders, wenns persönlich wird?
Das Ende fand ich auch nicht glücklich, aber andere Leser mögen anderer Meinung sein.
antoenchen123 zu »George D. Shuman: 18 Sekunden« 07.04.2008
Ich hatte mir von dem Buch mehr versprochen, vor allem nach den Kritiken die ich davon gelesen hatte. Das eigentliche Thema das die eigentliche Hauptfigur des Buches Sherry darstellen soll, nämlich die letzten 18 Sekunden eines Sterbenden nachzuempfinden, ist für mein Empfinden viel zu wenig behandelt worden, es war eher eine Randfigur. Zudem wurde dauernd zwischen Schauplätzen und Personen gesprungen, die es gerade am Anfang des Buches ziemlich schwierig machten der Handlung zu folgen, bzw. diese einzuordnen. Für mich war es nicht das gelbe vom Ei, schade ich hatte mir vom Rückentext her ein wahnsinnig tolles Buch vorgestellt.
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