Haut und Knochen von Gay Longworth

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel Unquiet Dead, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Knaur.
Ort & Zeit der Handlung: Großbritannien / England / London, 1990 - 2009.

  • London: HarperCollins, 2004 unter dem Titel Unquiet Dead. 339 Seiten.
  • München: Knaur, 2006. Übersetzt von Karl-Heinz Ebnet. ISBN: 978-3-426-63207-9. 461 Seiten.
  • Augsburg: Weltbild, 2008. Übersetzt von Karl-Heinz Ebnet. ISBN: 978-3898979856. 396 Seiten.

'Haut und Knochen' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Vor Jahren war die Badeanstalt im Herzen von Soho noch voller spielender Kinder – heute ist sie vollständig heruntergekommen. Als Detective Inspector Jessie Driver hier nach einem verschwundenen Mädchen sucht, findet sie in den düsteren Kellerräumen die mumifizierte Leiche eines Mannes. Jessies Ermittlungsergebnisse bringen sie zunächst nicht viel weiter: die Entführung eines kleinen Mädchens, der Tod eines Jungen durch Ertrinken, die seltsamen Prophezeiungen eines mysteriösen Geistlichen – wie passt das alles zusammen? Mit großer Zähigkeit und gegen den Willen ihrer Vorgesetzten macht sich Jessie daran, das Puzzle zusammenzusetzen …

Das meint Krimi-Couch.de: »Die Mumie im Grusel-Schwimmbad« 60°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Für Detective Inspector Jessie Driver ist dies eine Zeit persönlicher Krisen: Ihr alter Chef und Mentor wurde pensioniert, mit seiner Nachfolgerin zerstreitet sie sich schon am ersten Arbeitstag. Kollegen kritisieren oder mobben sie. Privat leidet Jessie unter ihrer schwierigen Beziehung zu einem flatterhaften Rocksänger.

Auch der aktuelle Kriminalfall sorgt für Ärger. Die Tochter einer publicitysüchtigen Schauspielerin ist verschwunden. Während ihre Vorgesetzte und die Mehrheit der Kollegen eine Entführung vermuten, denkt Jessie eher an ein für die Medien inszeniertes Verschwinden. Die Ermittlungen führen u. a. in die Marshall Street Baths, eine alte, längst geschlossene Schwimmhalle, in deren Ruine sich nun Junkies herumdrücken. Die Tochter findet sich dort nicht. Dafür entdeckt man in der Aschegrube eines uralten Heizungskessels die vollständig mumifizierte Leiche eines Mannes. Man hat ihn gefesselt in die Grube gestoßen, dort von Ratten anfressen und schließlich ertrinken lassen – ein Mord, dessen Brutalität von Rache kündet.

Jessie nimmt sich dieses neuen Falles an. Ihre Nachforschungen gestalten sich verständlicherweise schwierig, doch schließlich wird das Opfer identifiziert – ein Krimineller, der vor 14 Jahren spurlos verschwand, nachdem er wegen eines Verfahrensfehlers einer Verurteilung als Kidnapper im letzten Moment entkommen konnte. Entführt hatte der Mann Nancy Scott-Somers, Tochter einer prominenten und einflussreichen Familie, die sehr auf ihr Privatleben bedacht ist und keinesfalls dulden will, dass Jessie die alte Sache wieder aufleben lässt. Die Scott-Somers üben über Anwälte, hohe Beamte und Jessies Vorgesetzte Druck auf die Polizistin aus, die sich indes nicht abschrecken lässt, zumal sie auf ein sorgsam gehütetes Familiengeheimnis stößt, das die Scott-Somers als Dulder oder sogar Auftraggeber des besagten Rachemordes in Verdacht bringt. Daraufhin wird es eng für Jessie, die immer wieder in die Marshall Street Baths zurückkehren muss, wo mehr als ein Geist umgeht, der Vergeltung fordert und diese mit Gewalt einfordert …

Krimi-Klassik mit Horror-Einsprengseln

Würde diese Geschichte in Edinburgh spielen, hätte wahrscheinlich Ian Rankin sie erfunden: Ein vertracktes Rätsel wurzelt in einer Vergangenheit, die längst nicht so tot ist wie die Leichen, die sie produziert hat. In diesem Fall scheinen sie buchstäblich durch die gekachelten Hallen des alten Schwimmbads zu geistern; sogar ein leibhaftiger Exorzist erläutert der ermittelnden Polizistin, wie das Spuken funktioniert.

»Die unruhigen Toten« lautet der Originaltitel, der wie üblich dem Inhalt gerechter wird als die deutsche »Übersetzung«. (Gay Longworth soll offenbar ins Fahrwasser der gerade gut verkauften Seziersaal-Thriller gelotst werden; mit entsprechenden Wortspielen wird plump vor allem eine angebliche Nähe zur ungleich erfolgreicheren »Kollegin« Kathy Reichs suggeriert.) Unruhig sind sie, weil sie ihre Angelegenheiten im Leben nicht regeln konnten oder ihre Angehörigen sie nicht ruhen lassen. Das Ergebnis ist eine ungute Mischung beider Sphären, wobei sich in den Marshall Street Baths ein regelrechter Schnittpunkt zwischen der diesseitigen Welt und dem Jenseits gebildet hat.

Die behutsame Annäherung eines ansonsten lupenreinen Polizeithrillers der britisch soliden Art an einen Schauerroman stört erfreulicherweise selbst den Puristen nicht; auch hier haben Longworth-Vorgänger von John Dickson Carr bis Ian Rankin Maßstäbe gesetzt. Ob es nun wirklich spukt oder ob es die Zwangsvorstellungen verstörter Hirne sind, welche sich manifestieren, darf jede/r Leser/in selbst entscheiden. Longworth selbst wird jedenfalls nie müde zu beschreiben, dass jedes Kapitalverbrechen über die Folgen körperlicher Gewalt hinaus auch die Psyche nachhaltig beschädigt.

Der eigentliche Krimiplot ist stabil und wird logisch durchgespielt, ist aber alles andere als originell. Wenn man sehr kritisch urteilen möchte, ist das »Spannungshighlight von einer ´wahren Meisterin des Thriller’« (Werbegrollen auf der Umschlagrückseite) ein Patchwork-Krimi im Polizeimilieu, der mit kriminalistischen Sackgassen und Überraschungen (sowie weiteren Leichen) nicht geizt, mit den Versatzstücken seines Genres jongliert. Freilich rutschen sie der Verfasserin im Finale aus den Händen: Die Auflösung des Plots kann nur als missglückt bezeichnet werden und lässt die bisher angetanen Leser verärgert zurück. Dazu lässt sich Longworth von der modernen Unsitte des Doppel- oder gar Dreifach-Finales verleiten, viel zu viel literarisches Pulver zu verschießen. Das Ergebnis ist keine Steigerung von Höhepunkten, sondern ein gegenseitiges Außerkraftsetzen.

Abgeschmeckt wird die Handlung mit viel Herzschmerz (s. u.) und selbstverständlich Sozialkritik. Von ersterer gibt es zu viel, letztere wird nicht annähernd so überzeugend vermittelt wie vom bereits mehrfach genannten Ian Rankin. So ist es in erster Linie das handwerkliche Können der Autorin, welches die Leser fesselt. Dazu kommen echte Highlights wie die Szenen in den verrottenden Marshall Street Baths (die es übrigens tatsächlich gibt, wie die Verfasserin im Nachwort anmerkt). Hier kommt wie gesagt echte Schauerstimmung auf, die zusammen mit einem eigenartigen Faible der Autorin für skurrile und splatterige Einschübe für eine angenehme Abwechslung sorgt, wenn zwischendurch wieder etwas zu viele Hände gerungen und Herzen gebrochen werden.

Die allseits gepiesackte Polizeifrau

Jessie Driver – eine moderne Frau in einer Männerwelt. Das bedingt jene Mischung aus Krimi und Seifenoper, ohne die heute kein Kriminalroman mehr auszukommen glaubt. Positiv ist in diesem Zusammenhang die Schilderung des Polizeialltags hervorzuheben. In ihrem Revier findet Jessie wenig Solidarität. Das schließt ihre männlichen Kollegen ebenso ein wie die weiblichen. Die einen bilden auch im 21. Jahrhundert eine verschworene Gemeinschaft chauvinistisch gestimmter Kerle, die wenig oder gar nichts von Frauen als Gesetzeshüter halten und ihnen das heimlich oder offen mit sexistischen »Scherzen«, übler Nachrede oder offenes Mobbing zeigen. Da spielt viel Furcht vor der weiblichen »Konkurrenz« mit, die sich nicht an den ungeschriebenen »for the boys«-Kodex hält, mit dem die Männer seit jeher ihren Dienstalltag regeln und Karriereplanung betreiben.

Paradoxerweise halten sich auch Frauen an dessen Spielregeln. DCI Moore hat es weit gebracht in der Polizeiwelt. Trotzdem ist sie unsicher und stößt Jessie lieber vor den Kopf, als ihr, der Untergebenen, im unfairen Kampf mit den intriganten Kollegen beizustehen. Die daraus erwachsenden Spannungen werden realistisch geschildert und tragen zur Atmosphäre dieses Krimis bei, obwohl sie nur mittelbar mit dem Mordfall zu tun haben. Longworth orientiert sich hier an Vorbildern wie Nigel McCrery mit seiner »Silent Witness«-Reihe um die Gerichtsmedizinerin Samantha Ryan sowie besonders Lynda LaPlante mit ihrer beispielhaften »Prime Suspect«-Serie (dt. »Heißer Verdacht«) um die im kollegialen Dauerstress stehende Jane Tennison (im Film fulminant verkörpert von Helen Mirren).

Hätte es die Verfasserin bloß dabei belassen! Doch eine taffe weibliche Polizistin benötigt offenbar unbedingt ein publikumsattraktives Privatleben – ein möglichst desolates selbstverständlich. Also gibt es Longworth der armen Jessie knüppeldick: Ihr Lover ist ein nur bedingt treuer Rockstar, der außerdem unter Mordverdacht stand (vgl. »Dead Alone«, dt. »Bleiche Knochen«, Knaur-TB Nr. 62390); die Mutter starb, ohne der seither offensiv trauernden Tochter die Gelegenheit zu einer letzten Aussprache gewährt zu haben; Jessie hadert deshalb auch mit Gott, welcher so eine Schweinerei zuließ; der sonst fast aufdringlich patente Bruder Bill lässt sich mit einer schmierigen Sensationsreporterin ein, die prompt Jessies schmutzige Privatwäsche an die Öffentlichkeit zerrt …nein, es sind ein paar Nackenschläge zuviel, die der Heldin hier verabreicht werden. Sie sorgen für unnötige Längen in der Handlung und fallen in ihrer übertriebenen Dramatik eher lächerlich aus.

Hart an der Grenze zur Karikatur stehen die Scott-Somers, eine dieser schrecklich netten High-Society-Familien, die hinter einer einst glänzenden Fassade (wie die Marshall Street Baths) völlig verrottet sind und ein Pandämonium finsterer Übeltäter und Psychopathen verbergen. Man belügt und betrügt einander, wobei das reichlich vorhandene Geld hilft diese Exzesse bis ins Absurde zu steigern. Daneben  gibt es noch eine hysterisch alternde Schauspielerin, ihre rollige Tochter, einen psychisch maroden Hausmeister sowie einen kannibalistischen Witwer.

Bestsellerautorin im Larvenstadium?

Noch gibt es also eine Menge zu feilen, lädt Gay Longworth ihrer Handlung zu viel Ballast auf. Die Jessie-Driver-Serie möchte sie weiterführen, so dass abzuwarten gilt, ob sie dies in den Griff bekommt. Das Potenzial zum Bestseller hat diese Reihe zweifellos – und sei es nur deshalb, weil Longworth so geschickt zu liefern versteht, was die Mehrheit der Krimileser sich wünscht: einen maßvoll unkonventionellen Thriller, der es angenehm gruseln lässt aber weder irritiert noch an Seelensaiten rührt, die man nicht unbedingt zur feierabendlichen Lesestunde in Aufruhr gebracht sehen möchte.

Ihre Meinung zu »Gay Longworth: Haut und Knochen«

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Sandra.Ju zu »Gay Longworth: Haut und Knochen« 03.10.2009
Kann die Kritik an den Büchern nicht verstehen. Insbesondere das letzte ist - abgesehen von der dämlichen "Übersetzung" des Titels - rundum gelungen. Ansprechende Charaktere, glaubwürdige Story, bildhafte und ausgefeilte Sprache. Ein solider Krimi gespickt mit nachdenklichen Elementen, der einen in den Bann zieht und mehr zu bieten hat, als Haut und Knochen. Gelungen und bitte mehr davon!!!
Mariahsjack zu »Gay Longworth: Haut und Knochen« 15.08.2009
Ich fand dieses Buch deutlich besser als "Bleiche Knochen". Zwar wieder sehr Klischeehaft, aber irgendwie passt es schon dazu. Das Spirituelle/Religiöse hätte man auch durchaus weglassen können. Hatte für mich irgendwie den Eindruck das Buch würde dadurch zu sehr künstlich in die Länge gezogen!
Aber alles in allem ein gutes Lesbarer Krimi!!!
sabrina13582 zu »Gay Longworth: Haut und Knochen« 02.10.2008
Mir gefiel das Buch auch ganz gut... Allerdings hätte das mit den "Hellsehern" und der Religion nicht sein müssen... Fand es etwas verwirrend und überflüssig... Was mir gut gefiel, war die Darstellung der einzelnen Characktere Aber das ist nur meine persönliche Meinung... Bleiche Knochen gefiel mir persönlich besser
Krimi-Tina zu »Gay Longworth: Haut und Knochen« 08.06.2008
Noch schlechter als Bleiche Knochen. Hier kommt zu den anderen klischeehaften Gestalten auch noch die, natürlich stark geschminkte, natürlich hohe Absätze tragende, zickenhafte Chefin daher, die nichts anderes im Sinn hat, als der ach so bodenständigen und emanzipierten Jessie Driver das Leben schwer zu machen. Wie platt darf es denn sein, bitteschön? Hinzukommt eine restlos unlogische Story mit einem absolut hanebüchenen Ende. 40%
Sandy zu »Gay Longworth: Haut und Knochen« 16.09.2006
Dieses Buch ist sehr empfehlenswert! Spannend bis zur letzten Minute. Wie auch in ihrem ersten Buch "Bleiche Knochen". Aber wie bei dem anderen Buch: Bildet euch selbst ein Urteil. Ich kann euch dieses Buch nur empfehlen. Aber wie gesagt: Erst das andere Buch lesen, da es sozusagen der erste Teil ist.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
HelgaR zu »Gay Longworth: Haut und Knochen« 02.04.2006
Auch dieser 2.Fall hat mir wieder sehr gut gefallen. Eine interessante Geschichte, wobei es, lt.Nachwort der Autorin, das Gebäude der Marshall Street Baths, eine im Verfall befindliche öffentliche Badeanstalt in Soho, zu diesem Zeitpunkt noch gab und jetzt vermutlich in Apartments und Büros umgewandelt werden wird.

Die Geschichte ist sehr spannend, geht auch ein Stück in die Vergangenheit zurück und ist auf verschiedene Handlungsstränge aufgeteilt. Es werden immer wieder unterschiedliche Richtungen eingeschlagen und überall kleine Mosaikstückchen zusammengetragen, bis das komplette Bild fertig ist.

Jessie Driver ist eine sehr sympathische Protagonistin, die allerdings immer wieder Zoff mit ihren Kollegen und nun auch noch mit ihrer neuen Chefin hat. Das Buch ist sehr flüssig und mit vielen Details geschrieben, die aber eher ergänzend wirken, als dass sie stören.

Freue mich jedenfalls schon auf den nächsten Fall.
dj3306 zu »Gay Longworth: Haut und Knochen« 14.02.2006
Diese Buch hat mir noch besser gefallen als der erste Teil. Die düstere Stimmung in dem verlassenen und verrottenden Schwimmbad wird deutlich wiedergegeben. Die Beschreibung der Umgebung weckt Erinnerung an schlimme Träume. Die unterschiedlichen Glaubens- und Weltanschauungsansichten werden gut beschrieben, man kann sich in die betroffenen Personen hineinversetzen und mit ihnen mitfiebern und mitfürchten.
Dieses Buch hat den Titel Thriller des Montas wahrlich verdient.
Julchen zu »Gay Longworth: Haut und Knochen« 06.01.2006
Das Buch ist einfach fabelhaft. Es ist extrem Spannend und fesselnd. Vor allem gefiel mir das die Autorin bei manchen Situationen sehr ins Detaill ging, denn nur so konnte man sich in die gewissen Situationen richtig reinversetzen. Die dann auch oft sehr unter die Haut gingen was mir auch sehr gut gefallen hat. Ich denke wer da anderer Meinung ist, hat wahrscheinlich nicht die Urängste die da in einem geweckt werden, z.B der Brunnenschacht, dunkle gewässer, feuchtigkeit, Ratten.
Ich finde man muss es gelesen haben.
6 von 8 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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