Rostmond von Garry Disher

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel Blood Moon, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Unionsverlag.

  • Melbourne: Text Publishing, 2009 unter dem Titel Blood Moon. 314 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2010. Übersetzt von Peter Torberg. ISBN: 978-3293004207. 448 Seiten.

'Rostmond' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Scharen von Schulabgängern fallen zum Feiern ihres Abschlusses auf der Peninsula ein, und die Polizei von Waterloo hat alle Hände voll zu tun. Als wäre das nicht genug, halten zwei schwere Verbrechen Hal Challis und Ellen Destry in Atem: Der Inspector und seine Kollegin müssen den brutalen Überfall auf den Kaplan einer Privatschule und den Mord an einer jungen Frau untersuchen, die sich für den Erhalt eines Fischerhäuschens einsetzte. Zusätzlicher Druck wird von einem bekannten Politiker ausgeübt, der mit der Polizei noch eine Rechnung offen hat. Dass Hal und Ellen seit Neuestem ein Liebespaar sind, macht die Sache nicht gerade einfacher und verstößt obendrein gegen das Polizeireglement.

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Krimi-Rezension von Jochen König

Nicht nur der rostfarbene Vollmond macht Gary Dishers Polizeitruppe im normalerweise beschaulichen Waterloo zu schaffen. Eine komplette Mondfinsternis steht bevor. Eine »Extraportion Wahnsinn« befürchtet Detective Inspector Hal Challis, denn die »Schoolies«, die australischen Schulabgänger, sind los und feiern ihre Down-Under-Variante des amerikanischen Springbreak. Vom kompletten Vollrausch, über Diebstähle, sexuelle Belästigungen, Schlägereien und Vergewaltigungen reicht das Tableau an kleinen und größeren Verfehlungen und Straftaten.

Die unterbesetzte Polizei ist schwer im Stress. Und muss sich zudem noch um einen ins Koma geprügelten Schulkaplan und die Ermordung einer Mitarbeiterin des Amtes für Bauplanung, inklusive zwangsgestörtem und gewalttätigem Ehemann, kümmern.

Kein Wunder, dass Hal Challis die zweisamen Momente mit Kollegin – und dummerweise Untergebenen – Ellen Destry genießen möchte. Doch auch hier ziehen Schatten auf …

In den RoRoRo Taschenbüchern gab es früher ein Personenverzeichnis, das dem Text voran gestellt war. Die oft unfreiwillig komischen Kurzvorstellungen führten die Hauptfiguren auf, und verrieten gelegentlich bereits vor der ersten Zeile, wer welche Funktion – inklusive der Täterschaft – innehatte.

Solch eine Liste wünscht man sich bei Gary Dishers Roman fast herbei. Nicht nur, dass die Polizeibelegschaft – trotz chronischer Unterbesetzung – mit zahlreichen Beamten unterschiedlichster Couleur glänzt (d.h. genau das tun die Damen und Herren nicht: glänzen); auch Zivilisten finden sich überaus zahlreich ein.

Aber bereits hier zeigt sich zweierlei: Zum einen wird deutlich, dass der Autor sein Metier versteht. Der Leser verliert nie den Überblick; Disher gelingen plastische Zeichnungen, selbst nur kurz skizzierter Cameos. Dass die ein oder andere Figur fast zu durchkonstruiert wirkt, ist hinnehmbar.

Das auffällige Zweite ist, dass Rostmond kein gerade heraus erzählter Spannungsroman ist. Wie bereits in den Vorgängern greift Disher unterschiedliche Motive auf, umkreist sie, hebt hervor, aber lässt sie auch gerne wieder fallen. Das beginnt bei Hal Challis Kritik am unkritischen Internet, das selbst seinen asozialsten Teilnehmern erlaubt ihre unausgegorenen Hasstiraden in die Welt hinaus zu posaunen, geht über jugendliche Vergewaltiger, über religiöse Eiferer voller bigotter Moralvorstellungen bis hin zu Politikern, die selbst zu dämlich sind, Druck auszuüben. Dazwischen ein Trupp Polizisten, der so viel mit privaten Problemen und Defiziten zu kämpfen hat, dass man sich wundert, wie sie überhaupt einen Fall gelöst bekommen. Aber DI Challis, Sergeant Destry und ihre Kollegen haben zwar Macken, aber sie sind nicht blöd. Und somit sogar recht erfolgreich in dem, was sie tun. Wenn ihnen auch – wie sollte es anders ein – der Zufall gelegentlich und gut zu Hilfe kommt.

Wer jetzt denkt Rostmond sei ein geschwätzig herumirrender Roman, der irrt. Zwar neigt Disher gelegentlich zu überdeutlichen Erklärungsversuchen anstatt den Leser selbst mitdenken zu lassen; doch ein Thema stellt das Epizentrum des Buches da: männliche Gewalt in all ihren Ausformungen.

In der Ehe, auf politischer, bzw. religiöser Ebene, in der Gestaltung von Gemeinwesen und ihm höchstpersönlichen Bereich: sexuelle Obsessionen und Wunschvorstellungen, die auf einem Männlichkeitsideal beruhen, das bereits zum Höhepunkt seines Daseins völlig verlogen war.

Auf’s Treffendste personifiziert durch Josh Brownlee: eine zutiefst verzweifelte Seele, die sich kaum mehr anders äußern kann, als durch die Ausübung von Gewalt.
Die bei Disher auch gerne einhergeht mit größtmöglicher Dummheit. Wofür Dick Roe, der tumbe Rassist und Bruder des krankenhausreif geschlagenen Predigers, das prägnanteste Beispiel abgibt.

Als Gegenentwurf zu dieser Welt der unterdrückten Gefühle und aufgestauten Libido dienen Hal Challis und Ellen Destry. Deren berufliche Verbindung die private zwar unterminiert, die aber gegen äußere Widrigkeiten angehen. Weil sie scheinbare Kleinigkeiten beherzigen: sie respektieren sich und reden miteinander. So kann Liebe wachsen und wird nicht zu ihrem zerstörerischen Äquivalent umgekehrt. Über Destrys kleptomanische Ausfälle schauen wir beherzt hinweg. Andererseits sorgt diese lässliche Zwangsneurose für – ziemlich erzwungenes – Konfliktpotenzial im bürgerlichen Heim.

Noch eines zeichnet Rostmond aus: wer dachte, Australien sei das Land der Weite, in dem sich Nachbarn mit dem Flugzeug besuchen, der wird eines besseren, bzw. schlechteren belehrt. Gary Dishers trübgraue Version ist wahrhaftes Down Under: ein klaustrophobischer Pfuhl, aus dem es kein Entkommen gibt. Ein alptraumhaftes Kleinbürgerparadies, in dem sich niedere Instinkte und archaische Bedürfnisse ausmehren wie eine Krankheit. Und nur an wenigen Stellen sorgen rechtschaffene Menschen für Linderung. Noch sind die Cops in Waterloo keine Wambaughschen Chorknaben (und –mädchen). Aber sie sind auf dem besten Weg dorthin. Und allem Anschein nach bei Gary Disher in den richtigen Händen.

Jochen König, September 2010

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