Meine Krimis

von Garry Disher

Meine Kriminalliteratur besteht aus Romanen und Kurzgeschichtensammlungen sowohl für Erwachsene, als auch für Jugendliche. Elf Titel sind es für Erwachsene, davon sechs um einen Profi-Verbrecher namens Wyatt und vier um die Kommissare Hal Challis und Ellen Destry; sowie eine Geschichtensammlung mit dem Titel Straight, Bent and Barbara Vine.

Alle Bücher – Belletristik, Sachbücher, Dichtung – sind geprägt von einer oder zwei Fragen, ohne die es sonst keinen Antrieb gäbe, die Bücher zu lesen oder zu schreiben. Eine der verbreitesten Fragen in der Belletristik ist: »Kommen die sich liebenden am Ende zusammen?« Die zentrale Frage der meisten Kriminalromane ist »Wer war es?«, z.B. wer hat das Verbrechen begangen? (gewöhnlich einen Mord). Eine dazu passende Frage könnte auch sein: »Wieso wurde es getan?«

Die Frage hinter meinen Wyatt-Romanen ist »Wird er damit durchgekommen?«. Wyatt überfällt Banken und Geldtransporter. Er ist kühl und sorgfältig, muss sich aber oft auf andere Helfer verlassen und genau hier wird es kniffelig – womit sich eine zweite Frage stellt: Wer hat ihn hintergangen? Der Leser erfährt nie all zu viel über Wyatt, was gerade seinen Reiz ausmacht. Leser sagen mir oft »Ich heiße ihn nicht gut, aber ich will, dass er gewinnt.« Und das ist genau meine Absicht. Wyatt wird im Notfall seine Gegner zwar töten, aber er ist kein Schläger oder Killer. Er ist dazu altmodisch in dem Sinne, dass er Drogen nie anfassen würde. Er überfällt auch keine Banken, weil seine kleine Nichte eine Knochenmark-Transplantation braucht – ihm geht es ganz einfach ums Geld.

Es macht Spaß, die Bücher zu schreiben. Ich selbst kenne zwar keine Kriminellen, versuche mir aber vorzustellen, wie ich einen Geldtransporter überfallen würde und wie es wäre, Wyatt zu sein. Das ist mein Job als Schriftsteller. Die Bücher sind außerordentlich beliebt in Deutschland. Ich habe auch eine kleine, aber treue Leserschaft in Australien, allerdings sind die Bücher mittlerweile nicht mehr im Druck. Aber: Ich schreibe gerade einen siebten Wyatt …

Die Challis-und-Destry-Romane (Chain of Evidence heißt der vierte) sind Police Procedurals mit einer Prise Detektivgeschichte. Ich sehe sie als komplexe, vielschichtige Romane (aber einfach zu lesende, sollte ich anmerken). Ihre Hauptbestandteile sind:

  • der Schauplatz: keine anonyme Stadt wie jede andere, sondern eine ausgeprägte, markante Örtlichkeit, in diesem Fall die Mornington-Halbinsel.
  • die Charaktere: Ich verwende eine komplette Besetzung, die aus dem Hauptkommissar (Inspector Challis) zusammen mit anderen Kommissaren und seinem Team, den jungen uniformierten Polizisten, und weiteren besteht. Manchmal schlüpfe ich sogar in die Gedankenwelt der Kriminellen. Übrigens hießen meine Krimis nicht immer die »Challis-und-Destry-Romane«. Als die Reihe voranschritt, habe ich festgestellt, dass ich mich immer mehr für Sergeant Ellen Destry interessierte (sie war eigentlich nie eine Nebenfigur, dennoch waren es ganz klar Challis-Romane), die jetzt in Chain of Evidence die Hauptfigur ist. Dort leitet sie die Hauptermittlung, während Challis zwischen den Fronten steht und sich seinem sterbenden Vater zuwendet (und sich nebenbei mit einem Vermissten beschäftigt).
  • die Verbrechen: Es gibt in jedem Roman ein zentrales Verbrechen (eine Mordserie im erstem Roman, eine Kindesentführung im letzten zum Beispiel) und untergeordnete, sekundäre Verbrechen (z.B. wenn die jungen uniformierten Polizisten zu einem Einbruch gerufen werden)
  • öffentlich und privat: Ich achte nicht nur auf die einzelnen Abschnitte der Ermittlung, sondern auch auf Eheprobleme, aufmüpfige Töchter, Spannungen am Arbeitsplatz etc., etc.
  • Ich finde, dass es wichtig ist, dass Kriminalliteratur die Welt widergibt, in der wir leben. Wenn ich über die Mornington-Halbinsel schreibe, interessiere ich mich für mehr als die kleinen Küstenstädte, die Weinberge, etc., etc. Beim letzten Teil der Serie geht es um soziale Spannungen in den neuen Wohnsiedlungen (manche der Städte auf der Halbinsel haben sich größenmäßig verdoppelt, es fehlt aber an der Infrastruktur, die das Leben erträglich macht – z.B. Schulen, ein funktionierendes Wohlfahrtssystem, öffentlicher Nahverkehr -, weswegen Kriminalität als eine Option gesehen wird). Ich möchte den Leser in meinen Challis-und-Destry-Romanen nicht mit einer soziologischen Botschaft erschlagen – am wichtigsten ist die Gesichte, der Fall, die Spannung – aber eine ganze Dimension würde fehlen, ginge ich nicht auf die vorherrschenden Spannungen in dieser Gesellschaft ein.

Die Bücher sind Bestseller in Deutschland und werden in den USA von der Kritik hochgelobt. Langsam kommen auch die australischen Leser dazu.

Meine Ideen beziehe ich aus allen möglichen Quellen: Zeitungsartikel, Menschen, die ich treffe, wenn ich mich frage »Was wäre wenn...?«. Hin und wieder verwende ich auch meine eigenen Erfahrungen. Eines nachts wurde mein Briefkasten in Brand gesteckt (ich lebe an einer Schotterstraße). Natürlich war ich verärgert, machte dann aber das, was Schriftsteller tun: Ich fragte mich, wer und warum das getan haben könnte und stellte mir eine mögliche Erklärung vor. Ich hatte zwei junge Typen vor Augen, bösartig, gelangweilt nach einer durchzechten Nacht mit Drogen, wie sie durch die Straßen ziehen und Briefkästen anzünden. Aber einer der beiden ist ein Pyromane …Und so entstand ein wichtiger Sub-Plot des ersten Challis-und-Destry-Romans.

Ich plane ganz akribisch, verbringe Wochen damit. Zuerst steht das Verbrechen, wer es begangen haben könnte und warum (obwohl ich mich in Schnappschuss umentschied, wer es getan hat und das im allerletzten Moment, bevor das Buch in den Druck ging). Dann die sekundären Verbrechen und wie das öffentliche und private Leben meiner Figuren davon beeinflusst. Schließlich die Überlegung, wie ich immer einen Schritt dem Leser voraus bleiben kann (wie ich ihn in die Irre führen kann). Dabei überprüfe ich diesen Plan, in dem ich mich immer frage: Würde er/sie sich so verhalten als der Charakter, der er/sie ist? Ich versuche, die manchmal sich entgegenstehenden Ansprüche des Plots und der Charakterzüge auszubalancieren.

Wie Ernest Hemingway sagte: »Lange Zeiten des Denkens, kurze des Schreibens.«

Aus dem Englischen von Lars Schafft. Zuerst im Blog des »Great Victorian Summer Read«, 5. Dezember 2007, © Garry Disher. Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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